© Lennart Schaffert

Ich war 13 und ungefähr so cool, wie „Wetten, dass“ kurz vor der Absetzung. Auf meinem Gymnasium fuhren alle total auf Metallica und LinkinPark ab und trafen sich mittags zum Skaten. Die Prä-Hipster trugen Vans und Festival-Armbändchen und feierten sich auf jeden Schluck Bier, den sie die Kehle runterwürgten, ohne dabei das Gesicht zu verziehen. Wenn ich schreiben würde, dass es unbekümmerte Zeiten waren, würde ich mir vorkommen, wie mein Opa. Aber ganz ignorieren kann ich den Gedanken nicht.

Damals in der siebten Klasse ging es darum, sich zu profilieren und zu definieren. Diese Zeit gibt es wohl bei jedem, in der man sich entscheidet, was einem gefällt, welche Musik man hört, welche Filme und Serien man schaut, welche Witze man macht und wie man sich allgemein so gibt. Ich glaube das lag letztlich auch daran, dass wir alle langsam merkten, dass man mit Mädchen mehr anstellen konnte, als sie zu ärgern. Und so begann das muntere Gebalze und der Wettbewerb um den höchsten Coolness-Faktor, von dem ich aber irgendwie nichts mitbekommen hatte.

So definierte ich mich in dieser Zeit also als bekennender Musical-Fan, der in seiner Freizeit Bücher schrieb und sich bei jedem Skate-Versuch vom Feinsten auf den Asphalt packte. Während die anderen zu Rise Against-Konzerten strömten, fuhr ich mit meinen Großeltern in Das Phantom der Oper oder Mamma Mia und war Wochen vorher so aufgeregt wie ein Engländer vorm Elfmeter-Schießen. Womit wir bei meinem zweiten Hobby wären: Fußball!

Ja, das ist eine seltsame Kombination. Und an dieser Stelle muss ich wohl alle Schwarz-Weiß-Maler enttäuschen.
Samstags saß ich begeistert im Musicaltheater und sonntags stand ich genauso begeistert auf dem Spielfeld zwischen den Pfosten und gab mich in der Kabine manchmal etwas prolliger, als ich heute zugeben würde.
Ich will hier sicherlich nicht das Klischee des einfach gestrickten Fußball-Tölpels bedienen. Es gibt viele kluge, tolerante und differenzierende Fußballer. Irgendwo. Aber in der Kabine und gerade auf dem Platz wird eben eine sehr eigene Kultur gelebt, in der weniger SPIEGEL und mehr BILD-Zeitung zitiert wird. Konflikte werden hier häufiger ausgeprügelt, als ausdiskutiert und wenn ich irgendein Wortgefecht mit Feedback-Regeln austragen würde, könnte ich mir gleich ein rosa Tütü anziehen und man würde mich ähnlich ernst nehmen. Sicherlich habe ich schon anregende Gespräche mit meinen Mannschaftskameraden geführt, manche habe ich für ihre Art zu argumentieren bewundert, manche für ihre Sprüche und wiederum manche für ihre Fäuste. Aber mit Günther-Jauch hatte unser Talk meist wenig gemein.
Ich habe es ja selbst bei mir bemerkt: wie ich mittags in der Schule saß und Argumente für Frauenquote und Emanzipation referiert habe und abends im Verein Blondinenwitze erzählen konnte.
Es ist mir nicht schwer gefallen, mich einem gewissen Niveau anzupassen und mich in seinem Rahmen tatsächlich wohlzufühlen. Wie das möglich ist, sollten Psychologen vielleicht mal flächendeckend erforschen und soll auch nicht mein Thema sein.

Fakt ist aber: meine Jahre im Fußballverein haben mir nicht nur den Blick auf eine etwas andere Weltsicht vermittelt, sondern auch meinen 13-jährigen Schöngeist etwas abgehärtet. Ich musste mich durchsetzen und beweisen, lernte mit Kritik und dummen Sprüchen umzugehen und Diskussionen ohne Argumente für mich zu entscheiden. Ich, der mit Les Miserables und Miss Saigon aufgewachsen war, eignete mir in den ersten Vereinsjahren tatsächlich eine sehr viel pragmatischere, ruhigere Art und vor allem normalere Sprechweise an. Ich will nicht so weit gehen, zu sagen, der Fußball hätte mich sozialisiert. Er hat mich aber sicherlich allgemein verträglicher gemacht und dazu geführt, dass ich nicht wie bei Sound of Music irgendwann anfing mit einem Blumenkorb über die Felder zu springen.
Obwohl das ja auch schon wieder ein Klischee ist. Aber eines, das gut zu mir passt. Ich war immer noch Welten davon entfernt, cool zu sein, aber ich war immerhin kein Außenseiter. Im Gegenteil. Ich hatte eben ein seltsames Hobby, das auf andere häufig einfach nur befremdlich wirkte.

Das Musical hat einen großen Wandel durchgemacht und ist heute sehr vielseitig und offen für alle Musikstile und Erzählweisen. Das war mir in der siebten Klasse aber noch nicht ganz so klar und bis dahin war ich eher mit den Klassikern in Berührung gekommen.
Und auch wenn ich hierfür jetzt den Verallgemeinerungspreis des Jahres gewinne: Die Klassiker leben von ganz viel Kitsch und überbordendem Gefühl. Garniert mit „hoch das Bein war“ das Musical eher emotionale Utopie, als ein vernünftiges Abbild der Realität. Das hat sich in Teilen geändert, aber das Bild der Glitzeroutfits in Kombination mit 40er Jahre Big-Band-Sound und schmalzigen Texten hat sich bei den Meisten tief ins Bewusstsein gegraben.
Und so auch bei meinen Schulfreunden.

Das mag sich jetzt widersprüchlich anhören, aber auf der einen Seite verurteile ich heute das Bild, das die Menschen von diesem Genre hatten und haben, andererseits muss ich aber zugeben, dass mir dieses Bild in meiner Jugend äußerst gefiel. Ich mochte den Kitsch und mit 13 Jahren gefiel mir auch „hoch das Bein“ immer besser. Vor allem aber gefiel mir die Musik. Und das verstand ausnahmslos niemand. Vor dem Fußball lebte Ich in meiner kleinen Musicalwelt, hatte mir Manierismen angeeignet und kam gegenüber meinen Freunden wohl daher, wie Florian Silbereisen auf der Wacken-Bühne.
Wenn ich in Freundschaftsbüchern zu der Kategorie „Mein Lieblingssänger“ kam, wurde es immer heikel für mich. In schwachen Momenten schrieb ich den Namen irgendeines Sängers hin, den ich irgendwo aufgeschnappt hatte. In den besseren verwirrte ich die anderen mit den Namen zahlloser Musicaldarsteller. Ich schätze, dass meine Freunde irgendwann begannen Wetten auf den Zeitpunkt meines Coming-Outs abzuschließen. Aber dass sie mich nie in die Schwuchtel-Ecke gestellt haben, daran ist neben meinen wirklich tollen Freunden, eben auch der Fußball Schuld gewesen.

Wenn ich eine Erfahrung gemacht habe, dann diese: zwei so gegensätzliche Dinge sind sehr wohl miteinander vereinbar.
Hobbies beeinflussen die Art eines Menschen und wie man ihn von außen sieht. Noch mehr beeinflusst das Bild, das Menschen von einem haben, aber, ob man selbst zu den ungewöhnlichsten Hobbies steht. Das ist mir gerade als Jugendlicher nicht immer gelungen. Und selbst wenn ich bei Dates stolz verkündet habe, dass ich auf Musicals stehe, hat das nicht gerade meinen Coolnessfaktor gesteigert. Aber ich war ehrlich. Und das ist ja auch nicht gerade eine unwichtige Eigenschaft.
Heute reagieren die meisten sogar sehr interessiert auf das Thema Musicals. Es ist etwas, was mich von anderen abhebt.
Normaler macht mich das Ganze nicht. Aber was ist schon normal…

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.