© Labelle Juliane Bischoff

Kein Kommen ohne Gehen, kein Leuchten ohne Nacht.
Ohne Enttäuschung kein Verstehen.
Schatten, die sich drehen durch unsichtbare Nacht.
Ewiges Werden und Vergehen.
Aber seit dem Augenblick seit dein Blick mich verstand,
ist in der Sehnsucht plötzlich Klarheit.
In dem einen Augenblick als dein Gefühl mich fand
wurde aus Ahnung plötzlich Wahrheit.

1992 feierte in Österreich ein Musical Premiere, das die Wiener Presse besonders stark bewegte. So stark jedenfalls, dass die Damen und Herren Journalisten das neue Stück nicht nur kritisch besprachen, sondern geradezu in der Luft zerrissen. „Munter geht die Sisi unter“ war noch eine der positiveren Schlagzeilen des damaligen Pressespiegels.
In seiner Biographie schrieb Uwe Kröger, der Hauptdarsteller der Welturaufführung: „Die Urteile der Kultur- und Musikkritiker glichen einer Hinrichtung des gesamten künstlerischen Teams, vom Autor des Stückes über den Komponisten, den Regisseur bis hin zu den Darstellern.“
Nun ist dies keine Seltenheit. Die Wiener Kritiker sind nicht gerade für ihre Musical-Hingabe bekannt. Bis heute nicht. Wer die Besprechungen zu „Natürlich Blond“ gelesen hat, wird seine wahre Freude gehabt haben. Leider, und das war in den 90ern wohl noch sehr viel verbreiteter, lassen Redaktionen gern Musicals durch ihre Opern-Kritiker rezensieren. Was dabei rauskommt, wenn der Anspruch an die eine Kunstform mit dem Selbstverständnis einer völlig anderen kollidiert, sieht man an den intellektuellen und sprachlichen Höchstleistungen der Wiener Journalisten, die sich Anfang der Neunziger in einen wahren Rausch schrieben, um nur eines auszudrücken: „Geht da niiiiieeeeeeeemals hin!!!!“
Und was tat das Wiener Publikum?
Es ging hin! Und alleine dafür, sollte man nie wieder schlecht über Wiener reden (Kulturredakteure ausgenommen).

 

© Labelle Juliane Bischoff

Das Musical, das in diesen Tagen so viel Aufmerksamkeit auf sich zog, heißt „Elisabeth“. Es ist das erste populäre Werk von Michael Kunze und Sylvester Levay und schildert das Leben der Kaiserin Elisabeth von Österreich. Jetzt werden wohl viele aufschreien, die genauso wie ich, an Weihnachten den Romy-Schneider-Sissi-Kitsch ertragen mussten (wieso zum Teufel macht man aus einem schlechten Film auch gleich drei?).
Noch schlimmer als diese cineastischen Exzesse wiegt aber, dass der ganze Sissi-Kult eine tragische Persönlichkeit auf perverse Art und Weise verklärt. Romy Schneiders Kaiserin hat mit der wahren Elisabeth sehr wenig gemein.
Die historische Elisabeth war depressiv, rastlos, magersüchtig und verspürte eine starke Sehnsucht nach dem Tod. Sie las Heinrich Heine, was damals ein absolut polarisierendes Statement war, und schrieb eigene Gedichte. In einer Zeit, die den Keim von Antisemitismus und Nationalismus in sich trug. Ihre Tochter starb sehr jung. Ihr Sohn, der Thronfolger, beging Selbstmord, wohl auch, weil seine Mutter nicht für ihn einstand. Das Wiener Hofleben und ihren Ehemann ließ sie irgendwann ganz hinter sich.
Am Genfer See wurde sie schließlich im Jahr 1898 von dem italienischen Anarchisten Luigi Lucheni mit einer Feile erstochen.

 

© Labelle Juliane Bischoff

Das klingt nicht ganz so feucht-fröhlich, wie die Marischka-Filme einen teilweise glauben lassen. Tatsächlich ist dies für ein Musical auch eine äußerst ernste und schwer erzählbare Geschichte. Gerade, wenn man an all die Mamma Mias und Tarzans denkt, die deutsche Musicaltheater momentan bevölkern.
Man könnte nun als Autor also versucht sein, die österreichische Kaiserin ähnlich weichzuspülen, wie das in den 50ern schon mal sehr gut funktioniert hat.
Dass Michael Kunze dies gerade nicht tat, nötigt Respekt ab. Und ist ein wahrer Glücksgriff, wenn nicht sogar DAS Erfolgsgeheimnis des Musicals.
Ihre Suizidgedanken werden durch die Person des Todes dargestellt. Dieser hat sich unsterblich in die junge Elisabeth verliebt und begleitet sie ihr ganzes Leben lang.
Erzählt wird ihre Geschichte aus dem Reich der Toten von ihrem Mörder Luigi Lucheni, der als Art Conférencier durch das Stück führt. Noch Jahre nach seinem Selbstmord wird er zu seiner Tat verhört und lässt das Kaiserreich von damals wieder auferstehen, um seine Geschichte zu bezeugen, nämlich dass er nur im Auftrag des Todes gehandelt hat.
Dies ist eine spannende Ausgangssituation und eröffnet die Möglichkeit, eben nicht nur die Person selbst, sondern auch die damalige Zeit, das hungernde Volk, politische Verschwörungen, antisemitistische Auswüchse, etc. zu thematisieren. Gerade der zweite Akt steckt voller zeithistorischer Anspielungen und baut eine sehr düstere Grundstimmung auf. Lieder wie „Hass“, in denen Nationalisten und Antisemiten das Recht des Stärkeren propagieren und mit Schnabelmasken den Hitler-Gruß üben, schockieren und führen einem schmerzlich vor Augen, dass die Geschichte Elisabeths eben nicht losgelöst von der damaligen Zeit betrachtet werden kann. Was in den ersten und zweiten Weltkrieg führte, erlebte Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Anfang. Und mittendrin eine gescheiterte, kranke, wenn nicht sogar verrückte Kaiserin, die sich in die Einsamkeit flüchtete.
Dies alles wird sehr ehrlich erzählt und Elisabeth ist, vor allem im zweiten Akt, nicht gerade ein Sympathieträger. Und trotzdem hat man Mitleid mit dieser Frau, die am Anfang des Stückes doch noch so jung und voller Tatendrang ist.
Dass das Musical aber nie zu düster daherkommt, ist wohl in besonderer Weise ein Verdienst Luchenis. Er ordnet die Geschehnisse nicht nur ein, sondern kommentiert Elisabeths Leben sehr zynisch und sorgt durch seine Interaktion mit dem Publikum für viele Lacher und Momente, in denen man auch mal aufatmen kann. Eigentlich ist er die heimliche Hauptfigur des Musicals und auch die Person, mit der man sich als Zuschauer wohl am meisten identifiziert. Lieder wie „Kitsch“ sind nicht nur musikalische Highlights, sondern geben Lucheni-Darstellern vielmehr die Möglichkeit, auch komödiantisch und darstellerisch zu glänzen. Schließlich nehmen sie in den drei Minuten den ganzen Sissi-Kult aufs Korn und halten dem Publikum den Spiegel vor.
Generell gibt es wohl kein zweites Musical, das so stark von seinen Darstellern geprägt wird, wie „Elisabeth“. Ich werde so oft gefragt, wie ich mir denn ein Musical zum zehnten Mal anschauen kann.
Bei „Mamma Mia“ verstehe ich den Einwand auch. Ist halt immer lustig. Kann ich mir auch auf DVD anschauen.

 

© Labelle Juliane Bischoff

„Elisabeth“ aber funktioniert anders und gibt den Darstellern die Möglichkeit, ihre Rollen sehr individuell auszugestalten. Ein Uwe Kröger hat den Tod völlig anders gespielt, als ein Mark Seibert. Und der hat die Rolle wiederum ganz anders angelegt, als ein Máté Kamarás. Androgyn trifft auf verführerisch trifft auf aggressiv. Sicherlich: Inszenierung, Musik und Texte bleiben meist gleich. Und trotzdem entdecke ich „Elisabeth“ bei jedem Besuch neu für mich und erlebe das Musical immer anders.
Ich habe das Musical zuletzt 2006 in Stuttgart gesehen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich zu Elisabeth selbst keinen Draht gefunden habe und ihren Freiheitskampf ziemlich überzeichnet fand. Kurzum: Elisabeth war mir einfach unsympathisch. Der Tod in der Interpretation von Olegg Vynnyk war sehr kalt, distanziert und emotionslos und ich konnte seine Gefühle für Elisabeth nicht wirklich nachvollziehen. Aufgrund seiner Zeitbezüge hat „Elisabeth“ dennoch sehr gut funktioniert und mich vor allem musikalisch und durch seine Rahmenhandlung (das Reich der Toten) gepackt.

Ich war gespannt, wie ich „Elisabeth“ nun in München wahrnehmen würde.
Seit März diesen Jahres tourt das Musical durch den deutschsprachigen Raum und gastiert momentan für über zwei Monate im Deutschen Theater. Die Inszenierung ist sehr stark an die Wiener Originalinszenierung von 1992 angelehnt und unterscheidet sich enorm von der Stage Entertainment-Fassung der frühen 2000-er Jahre. Das Welturaufführungs-Kreativteam rund um Regisseur Harry Kupfer und Bühnenbildner Hans Schavernoch bringt eine entkitschte und schnörkellose Produktion auf die Bühne, die voller Verweise und Anspielungen auf die K.u.k.-Monarchie steckt. Das Bühnenbild ist sehr einfach und zweckdienlich gehalten und besteht lediglich aus einer Rückwand, die mit Projektionen bespielt wird, einer Feile, auf der sich Lucheni und der Tod bewegen, und einer Drehbühne, über die weitere Gegenstände und Requisiten ein- und ausgefahren werden können. Es wird kein großes Tam-Tam gemacht und der Fokus liegt tatsächlich auf den Darstellern, der Geschichte und der Musik. Und das tut dem Musical auch sehr gut. In einer Zeit, in der Bühnenfeuerwerke häufig über die schwache Substanz von vielen Produktionen hinweg täuschen müssen, tut es mal wieder gut ein Musical zu sehen, das musikalisch und textlich so stark ist, dass keine Ablenkungsmanöver benötigt werden. Außerdem wird die Drehbühne sehr effektvoll eingesetzt und es entstehen in Zusammenspiel mit den Projektionen immer wieder beeindruckende Bilder.
Das Orchester spielt die Partitur von Sylvester Levay stark und kraftvoll. Die Musik stellt eine Mischung aus Rock-Pop und klassischem (Streich-) Orchester dar und hat nichts von ihrem Zauber verloren. Elisabeth ist und war immer auch ein Musical, das sich musikalisch weiterentwickelt hat. Lieder wie „Wenn ich tanzen will“, „Nichts, nichts, gar nichts“ und „Kein Kommen ohne gehen“ sind erst im Laufe der verschiedenen Produktionsstandorte zum Soundtrack hinzugefügt worden und machen die Handlung immer besser nachvollziehbar.
In München spielt nun also die Version, die alle Änderungen der letzten Jahre aufgreift und somit den Status Quo dieses Musicals abbildet.

Darstellerisch wird im Deutschen Theater aus dem Vollen geschöpft und Elisabeth ist bis in die kleinste Nebenrolle namhaft besetzt. In den Hauptrollen agieren mit Mark Seibert als der Tod und Kurosch Abbasi als Luigi Lucheni zwei Routiniers. Beide haben ihre Rollen schon bei der Deutschland-Tournee 2011 und der Jubiläumsinszenierung in Wien gespielt und sind absolute Idealbesetzungen. Vor allem Kurosch Abbasi merkt man seinen Spaß an der Interaktion mit dem Publikum an. Wer in der ersten Reihe sitzt, wird an „Kitsch“ seine Freude haben. In der Vorstellung, die wir besuchen durften, spielte Christoph Apfelbeck den Tod und tat dies stimmlich stark und mit großer Bühnenpräsenz.
Auf der aktuellen Deutschland-Tournee verkörpert Roberta Valentini die Elisabeth. Und mit ihrer Darstellung geschah etwas, was ich bislang für unmöglich hielt: ich fing an, Sympathien für Elisabeth zu hegen. Valentini spielt die Elisabeth sehr vielschichtig und jetzt gelang es selbst mir nicht mehr, die österreichische Kaiserin, als herzlose Egoistin zu verurteilen. Die Wandlung von der unerfahrenen, verzweifelten Jung-Kaiserin bis zur verbitterten Alt-Monarchin gelingt ihr so glaubhaft, wie ich es bislang noch nicht erlebt habe. Zum ersten Mal begriff ich diese Entwicklung und empfand sie im zweiten Akt nur noch halb so verrückt wie zuvor.
Wieder erlebte ich „Elisabeth“ also anders. Wohl gerade, da sich die Tournee-Produktion in ihrer Reduziertheit sehr stark auf die Darsteller konzentriert, kommen die Stärken dieses Musicals nun besser zur Geltung und die Schauspieler bekommen größere Räume, ihre Rollen zu entwickeln. „Elisabeth“ berührt, ist dramatisch, an manchen Stellen lustig und regt zum Nachdenken an.
Es ist kein Stück, nach dem man schunkelnd und lachend das Theater verlässt. Es ist ein Stück, das noch sehr lange in einem nachklingt, und ein Stück, das man mehr als einmal besuchen sollte, um es immer wieder neu für sich zu entdecken.
„Elisabeth“ ist heute das erfolgreichste deutschsprachige Musical aller Zeiten und ein absoluter Exportschlager der Vereinigten Bühnen Wien. Wer hätte 1992 schon mit einem solchen Erfolg rechnen können? Jedenfalls nicht die Journalie Wiens. Aber was wissen schon Kulturkritiker…

(h.h.)