© 2014 Erika Borbely Hansen

Kurosch Abbasi ist wohl DER Newcomer der deutschsprachigen Musical-Szene. In München studierte er an der renommierten August-Everding Hochschule für Musik und Theater, ehe er als Mörder der Kaiserin Elisabeth im gleichnamigen Musical 2011 seinen Durchbruch erlebte.
Momentan steht er zeitgleich als Steve und Udo Lindenberg bei „Hinterm Horizont“ in Berlin und als Luigi Lucheni bei der Deutschland-Tournee von „Elisabeth“ auf der Bühne. Eine für Deutschland vollkommen neuartige und wohl einmalige Konstellation.
Wir trafen ihn im Deutschen Theater in München eine Stunde vor Vorstellungsbeginn von „Elisabeth“ zum Interview.

Kulturpoebel: Bist du eigentlich ein Workaholic?

Kurosch Abbasi: Es ist wirklich eine interessante Situation, denn ich glaube, das gab es noch nie. Es ist nicht so, dass ich es mir bewusst ausgesucht habe, bei zwei Ensuite-Produktionen gleichzeitig in drei Rollen zu spielen. Es gibt viele Kollegen, die in Stadttheatern fünf, sechs, Produktionen parallel machen, aber dann eben nur ein paar Tage. Ensuite-Produktionen spielen ja sieben bis acht Mal die Woche und da muss man schon eine ziemliche Kondition mitbringen. Der Vorteil ist, dass es auch unglaublich viel Spaß macht, denn man hat Abwechslung dabei. Elisabeth ist einfach so ein Herzens-Stück. Und der Lucheni ist für mich auch so eine Herzens-Rolle. Als ich dann kurzfristig erfahren habe, dass ich in Deutschland weitermache, habe ich mich sehr gefreut. Mit viel Organisation und Disziplin hat es dann auch gut geklappt.

Kulturpoebel: Du bist bald auch als Mercutio in „Romeo und Julia“ in Thun zu sehen. Dann kommen ja auch noch die Proben für dieses Stück dazu. Wirst du dann zwischen Linz, Berlin und Thun pendeln?

Kurosch Abbasi: Ich werde dann in Berlin eine Pause haben, denn das ist dann doch etwas zu viel. Dann pendle ich zwischen Linz und Thun.

Kulturpoebel: Und danach kommst du wieder zurück nach Berlin zu „Hinterm Horizont“?

Kurosch Abbasi: Das ist noch nicht ganz klar. Es liegen momentan weitere Angebote auf dem Tisch und man muss natürlich immer schauen, wie weit man die Sachen kombinieren kann. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Ich möchte immer gern Neues erfahren und neue Rollen locken eben.

Kulturpoebel: War dir während deiner Ausbildung schon bewusst, dass du danach ein solches Pendler-Leben führen würdest?

Kurosch Abbasi: Ich habe es bei den älteren Studenten und Abgängern schon gesehen, die ins Berufsleben eingestiegen sind. Ich hatte jetzt fairerweise immer das Glück, dass ich fast durchgehend bei Ensuite-Produktionen war. Das heißt, ich konnte auch eine sehr lange Zeit immer an einem Ort bleiben. Aber mich interessiert auch das Tour-Leben. Ich bin sehr dankbar, dass ich jetzt in Ländern wie Italien oder China spielen durfte, denn neben dem Beruf sieht man dann sehr viel von der Welt. Das sind natürlich Chancen, die man wahrnehmen muss.

Kulturpoebel: Wie kommst du mit Unsicherheiten, wie den wechselnden Spielorten, kurzen Vertragslaufzeiten oder der Entfernung von Familie und Freunden, die der Beruf des Musicaldarstellers mit sich bringt, zurecht?

Kurosch Abbasi: Also ich spüre es nicht wirklich. Ich hatte das große Glück, immer arbeiten zu dürfen und ich wünsche mir, dass das auch so weitergeht. Aber es bedarf auch einer guten Organisation, speziell mit Freunden und Familie. Ich versuche, mir immer blockweise Auszeiten zu nehmen, wenn es auch manchmal nur zwei, drei Tage sind und dann Freunde oder meine Familie wiederzusehen. Der Montag ist mein heiliger Tag. Das ist der freie Tag und da plane ich einfach nichts.

Kulturpoebel: Musst du dich um viele organisatorische Dinge auch selbst kümmern oder bekommst du dabei Unterstützung?

Kurosch Abbasi: Es ist eine Mischung. Gott sei Dank arbeite ich für tolle Unternehmen, die mir viel Arbeit und Last abnehmen. Es gibt Leute, die dann die Flüge und Hotels für mich buchen. Gleichzeitig organisiere ich aber auch gerne Einiges selbst.

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© VBW Brinkhoff Mögenburg

Kulturpoebel: Du hast hier in München deine Ausbildung gemacht. Wurdest du auf den Beruf und das Leben als Musicaldarsteller gut vorbereitet?

Kurosch Abbasi: Ja und nein. Es ist schon so, dass viele Dozenten dir sagen können, wie es sein wird. Aber du lernst es wirklich erst, wenn du im Beruf bist. Es gibt so viele Dinge, die man im Studium einfach nicht lernen kann. Zum Beispiel: acht Mal die Woche spielen, eine Kondition und Technik aufbauen. Ich bin glücklich, dass ich in München studieren durfte. Die Dozenten und das Umfeld sind fantastisch. Wir haben ein eigenes Theater, in dem wir große Produktionen, wie „Frühlingserwachen“, „Rent“, „Street Scene“ oder auch klassischere Stücke spielen durften. Ich habe in den vier Jahren so viele Produktionen im Prinzregententheater oder im Deutschen Theater gespielt, sodass ich wirklich eine gute Basis hatte.

Kulturpoebel: Würdest du angehenden Musicaldarstellern empfehlen, dass sie von Anfang an schon an Auditions teilnehmen sollen?

Kurosch Abbasi: Die Verlockung ist im Studium sehr groß, gleich zu Auditions zu gehen und man denkt sehr schnell, dass man alles schon kann. Rückwirkend weiß ich, wie wertvoll diese Zeit war. In München gibt es eine Regel: Im ersten Jahr gibt es ein absolutes Audition-Verbot und man darf auch nichts anderes spielen. Man muss sich voll auf das Studium konzentrieren. Ab dem dritten Jahr werden die StudentInnen ein bisschen flügge und wollen dann raus.

Kulturpoebel: Gerade bei Auditions: wie hoch ist das Konkurrenzdenken bei euch Darstellern?

Kurosch Abbasi: Es gibt solche und solche Fälle. Bei einer Audition oder einer Finalrunde bin ich für meinen Teil immer sehr bei mir und versuche, in dem Moment die Leistung zu geben, die ich geben kann. Ich rede dann weniger mit anderen Kollegen oder Freunden und bin dann sehr, sehr fokussiert und versuche, mein Ding zu machen. Danach schaue ich einfach, was dabei herauskommt.

Kulturpoebel: Du hast 2011 die Rolle des Lucheni als Newcomer übernommen. Die Rolle wurde schon von vielen verschiedenen Darstellern gespielt. Hattest du die Chance, den Lucheni weiterzuentwickeln?

Kurosch Abbasi: Mein erster Probentag war in Köln. Der war gleich mit Harry Kupfer (Regisseur von „Elisabeth“) und das ganze Kreativteam war dabei. Das war ein sehr besonderer Moment, weil ich mit der Vorstellung herangegangen bin: Es ist das erfolgreichste deutschsprachige Musical. Was soll man da überhaupt noch ändern? Es ist ein Korsett, das gegeben ist, und das wird dann immer so angepasst. Harry Kupfer hat mir gleich zu Anfang eine Frage gestellt, die dann alles beantwortet hat: „Was erwartest du dir von dieser Produktion?“ Dann habe ich ihm gesagt, dass ich mir wünsche, dass ich mich mit einbringen darf. Und er sagte: „Dann mach“. Ich durfte die Rolle für mich wirklich neu entdecken. Mit meinem Wissen, mit den Büchern, die ich über Lucheni gelesen habe. Und das hat mich zu dem Lucheni gemacht, der ich jetzt heute bin. Das war 2011 und ich habe die Rolle über die vier Jahre natürlich auch weiterentwickelt.

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© Herbert Schulze

Kulturpoebel: Du hast den Lucheni ja schon hunderte Male gespielt. Wie schaffst du es, noch immer jeden Abend die gleiche Leistung abzurufen und ihn so zu spielen, als wäre es das erste Mal?

Kurosch Abbasi: Ich denke, dass ich den ganz großen Vorteil habe, dass ich mit dem Publikum interagieren kann. Das Publikum ist jeden Abend und in jeder Vorstellung anders. Das ist etwas ganz Besonderes und Außergewöhnliches. Ich freue mich auch immer, wenn ein Cover spielt, weil es einen anderen Input gibt. Die Mischung aus Routine und Spontanität ist das, was mich so lange frisch hält an der Rolle.

Kulturpoebel: Würdest du eigentlich auch in einem Musical mitspielen, von dem du nicht überzeugt bist?

Kurosch Abbasi: Eigentlich nein. Ich suche mir gezielt Stücke aus, die interessant sind und in denen ich mich sehe.
Bei Uraufführungen geht man natürlich ein Abenteuer ein, man kann sich gleichzeitig aber auch unglaublich viel in den Stoff einbringen und mitkreieren.

Kulturpoebel: Du bist Musicaldarsteller, aber bist du auch Musical-Fan? Hörst du dir auch in deiner Freizeit Musicals an?

Kurosch Abbasi: Nicht wirklich. Nicht, weil ich es nicht mag, ich besuche auch sehr gerne Musical-Produktionen. Gleichzeitig bin ich auch der Oper oder dem Schauspiel gegenüber sehr offen. Ich schaue mir sehr viel an, wenn es die Zeit zulässt.

Kulturpoebel: Außer „Elisabeth“ und „Hinterm Horizont“: gibt es momentan eine Produktion, von der du Fan bist?

Kurosch Abbasi: Ich mag „next to normal“ sehr gern. Die Produktion in Fürth ist fantastisch. Eine klasse Inszenierung von Titus Hoffmann mit phänomenalen Darstellern. Eine rundum wirklich Broadway-reife Produktion.

Kulturpoebel: Viele Musical-Darsteller gehen irgendwann auf Solo-Tournee. Kannst du dir vorstellen auch einmal für so etwas auf der Bühne zu stehen?

Kurosch Abbasi: Ich kann es mir durchaus vorstellen, aber es muss der richtige Zeitpunkt und das richtige Konzept sein. Ich würde sehr gerne viele Freunde und auch das Publikum in das Konzert einbauen – so etwas wie „Kurosch & Friends“.

(v.p. & h.h.)

Beitragsbild: © Erika Borbély Hansen

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.