© VBW / O. Hadji

Musical ist mehr als seichte Unterhaltung und „Hoch das Bein“! Das möchte ich euch beweisen und stelle euch jeden Monat ein Musical vor, von dem ihr unbedingt gehört haben müsst.

Und wenn Onkel Herbert und Tante Erna euch ins Phantom der Oper schleppen wollen: Bleibt zuhause, stürzt euch auf Spotify und youtube und findet heraus, was Musical wirklich kann!
Und wetten, in ein paar Monaten habt ihr ein ganz anderes Bild von diesem Genre…

„Spring Awakening“ ist schon kein Insider-Tipp mehr, auch wenn das Musical vor allem in Deutschland längst nicht in der breiten Masse angekommen ist.

2006 wurde das Stück an den New Yorker Broadway transferiert und hat die amerikanische Musical-Welt damals ordentlich aufgemischt. Denn „Spring Awakening“ brach wie kein zweites Musical mit allem, was man von Musiktheater bislang kannte.

Alle tun es, aber niemand spricht darüber

Zum einen ist da die Handlung, die im Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts spielt und das Erwachsenwerden und Heranreifen in einer verknöcherten, biederen Gesellschaft thematisiert. Im Mittelpunkt von Frank Wedekinds Bühnenvorlage und des Musicals stehen Jugendliche, die mit ihrer Sexualität konfrontiert und von ihren Eltern, den Bewahrern von Zucht und Ordnung, mit all ihren Fragen im Stich gelassen werden. Es wird geschwiegen, vertuscht und verlogen moralisiert. Nur eben nicht aufgeklärt.

Die zentralen Figuren von Wedekinds damaligem Skandalstück sind Melchior, Moritz und Wendla. Melchior ist der Klassenbeste, Moritz der Klassenschlechteste. Und beide sind sie beste Freunde. Melchior wird von seiner Mutter sehr offen und ehrlich erzogen, was eine wahre Seltenheit zur damaligen Zeit ist.

Kurz nachdem er die junge Wendla kennen und lieben lernt, verbringen sie zusammen eine Nacht auf dem Heuboden und wie es eben kommen muss, wird Wendla schwanger. Ihre Mutter überredet sie zur Abtreibung bei einem Engelmacher (diese Bezeichnung verstört mich übrigens immer noch extrem), welche sie aber leider nicht überlebt. Schließlich scheitert sie also am gesellschaftlichen Moralkodex der Zeit und auch Moritz sieht am Ende keinen Ausweg mehr aus seinem schulischen Versagen und bringt sich um.

Zurück bleibt nur Melchior, der von seinen Eltern in eine Korrektionsanstalt gesteckt wird und sich am Ende trotz all der Bigotterie für das Leben entscheidet.

Das Publikum: Mittendrin, statt nur dabei

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Wie ihr euch vorstellen könnt, hätte es auch sehr gut sehr schief gehen können, diesen Stoff in die Neuzeit zu übertragen und in ein musikalisches Gewand zu gießen. Ist es aber nicht! Und das liegt zu großen Teilen an der unkonventionellen Machart des Musicals.

Die Zuschauer sitzen teilweise auf der Bühne und heben somit die räumliche Trennung zwischen Darstellern und Publikum auf. Das Orchester der Broadway-Inszenierung war ebenfalls auf der Bühne platziert, ebenso, wie die Schauspieler nie von der Bühne abgingen und sich bei ihren Off-Songs einfach unter die Zuschauer mischten. „Spring Awakening“ war somit schon inszenatorisch äußerst innovativ und setzte auf Intimität und Nähe.

Musik und Texte: Totally fucked!

Sehr eigen ist auch die Rolle, die Musik in diesem Musical einnimmt. Normalerweise treibt Musik die Handlung voran und fügt sich sehr harmonisch in ein Stück ein. Bei „Spring Awakening“ drückt die Musik von Duncan Sheik, die eine Mischung aus Rock, Pop- und Folkrock-Songs bietet, aber gerade das Heroische und den Freiheitsdrang der Jugendlichen aus.

Die Texte von Steven Sater sind sehr modern und absolut nicht zeitgemäß für das 19. Jahrhundert, teilweise sogar sehr drastisch. Bei der Tony Award- Verleihung durften Textzeilen teilweise nicht vollständig ausgesungen werden (was aber nicht weiter verwunderlich ist, wenn man sich vor Augen führt, dass Amerika heute teilweise biederer ist als ein CSU-Parteitag) und die Lieder tragen Namen wie „Totally Fucked“ (Deutsche Übersetzung: “Völlig im Arsch“) oder „The bitch of living“ (Deutsche Übersetzung: „ So`n verficktes Leben“).

Und vor allem sind die Lieder eines: nämlich verdammt gut komponiert! Die Songs wollen gar nicht die Story weiterbringen, sondern fungieren vielmehr als Art Monolog der Hauptfiguren, die kurz innehalten und ihre Gefühlswelt nach außen kehren. Hierdurch entstehen viele intensive und emotionale Momente.

Zugegeben: ich bin ein absolutes Heullieschen. Wenn irgendwo etwas nur ansatzweise traurig ist und eine Szenerie dann noch mit wirklich guter Musik unterlegt wird, bin ich für die nächsten Minuten erstmal raus. So geschehen bei „Spring Awakening“.

Dabei trägt die Musik nie zu dick auf und spiegelt die Gefühlswelt der Protagonisten meiner Meinung nach auf den Punkt wieder. Songs wie „Totally Fucked“ sind einfach nur mitreißend, während andere Lieder, wie „And then there were none“ oder „Those you`ve known“ sehr drastisch in ihrem Aussagegehalt sind und der „Song of purple summer“ am Ende einen Funken Hoffnung schenkt.

Ist das Thema überhaupt noch aktuell?

Mich hat das Stück und die Cast CD in meiner eigenen Jugend sehr geprägt, weil es mit Sexualität und Schulversagen zwei Themen beleuchtet hat, die mich als 14-Jährigen ziemlich beschäftigt haben. Ich hatte das Glück, mit meinen Eltern und meinen Freunden über alles offen reden zu können, aber es helfen keine Worte der Welt, wenn man sich einfach unsicher und überfordert damit fühlt, wie man fühlt.

Dass es auch schon vor über hundert Jahren Jugendliche gab, die vor den gleichen Herausforderungen standen, wie ich, hat mich gleichermaßen beruhigt, wie nachdenklich gestimmt. Denn nur, weil wir heute alle offener und aufgeklärter sind, bedeutet das nicht, dass Sexualität auch heutzutage vollständig enttabuisiert ist. Auch heute wird häufig der Schein nach außen gewahrt und munter moralisiert oder Homosexuelle für ihre Orientierung gebrandmarkt. Manche halten das aus.

Dass Menschen an Heuchelei und Verschlossenheit aber auch scheitern können, führt einem „Spring Awakening“ auf sehr intensive Art und Weise vor Augen und ist damit aktueller denn je.

 

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Was bleibt, ist die CD

Leider wird diese Produktion momentan weder am Broadway, noch am Londoner West End gespielt und auch in Deutschland sieht man nur vereinzelte Neuinszenierungen.

Was bleibt, sind eine amerikanische und eine deutsche Cast-Aufnahme, die die Besonderheit der Musik und des Themas sehr gut transportieren.

Die Cast der amerikanischen CD ist mit Jonathan Groff und Lea Michele natürlich ein absoluter Traum und ich würde euch diese auch eher empfehlen, als die deutsche, weil einfach viel mehr Songs darauf vorhanden sind.
Trotzdem ist der Live-Charakter der deutschen CD nicht zu verachten und ihr solltet euch mal ein bisschen durch Youtube klicken (Suchbegriff: Frühlingserwachen Musical Wien).

Also Mucke auf die Ohren und in eine Welt abtauchen, die ziemlich fern scheint und doch ziemlich nah geht.

(h.h.)

 

Der Auftritt bei den Tony Awards

 

Spotify-Anspiel-Tipps:
The bitch of living
My Junk
Touch me
The dark I know well
And then there were none
The guilty ones
Totally fucked
The song of purple summer

Youtube-Links zur Wiener Uraufführung:
Völlig im Arsch/Totally Fucked: https://www.youtube.com/watch?v=IPzCVYo6Im8
Lied vom Wind des Sommers/ Song of purple summer: https://www.youtube.com/watch?v=LtncQcTMUrE
Spür mich/ Touch me: https://www.youtube.com/watch?v=CskOiU7Q2Ko

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.