Ich sitze bewaffnet mit einer kleinen Wasserpistole in der Staatsoper Hannover. Neben mir ein perfekt herausgeputztes Paar, welches sich verwirrt umblickt und skeptisch die Frauen und Männer in Corsage und Strapse mustert, die nach und nach auf ihren Sitzen platznehmen. Verunsichert fragt mich der Herr, was ihn denn nun erwarten würde. Ich sage: „Wenn es im Stück regnet, muss es doch auch hier regnen. Und um nicht nass zu werden, setzen wir einen Hut aus Zeitungspapier auf.“ Leichte Panik macht sich in seinem Gesicht breit, seine Frau betastet vorsichtig ihre Seidenbluse.

At the late night, double feature, picture show

Ich beginne zu glauben, dass die beiden wohl keine Ahnung haben, dass sie sich bei der Premiere des bekanntesten Sex-/Trash-/Horror-/Rock-Musicals überhaupt befinden. Und, dass man hierher eben nicht in Anzug und Seidenbluse kommt, sondern in Unterwäsche und mit einer Federboa bewaffnet Klopapier, Spielkarten und Konfetti in die Menge wirft, mit Wasser um sich spritzt, Leuchtstäbchen schwingt und so laut es geht „Boring!“ oder diverse andere Schlagwörter und -sätze brüllt.

Bevor ich ihm alles erklären kann, geht es auch schon los. Die Projektionen von alten Horror-Streifen verschwinden und das erste Lied beginnt. „Science Fiction, Double Feature“ ist der Opener der „Rocky Horror Show“. Maria Franzén betritt die Bühne und verschafft mir mit ihrem intensiven Gesang ab der ersten Sekunde eine Gänsehaut – im positiven Sinne. Passend zum Stück eben.

There´s a light over at the Frankenstein place

Für alle, die nicht wissen, worum es geht: Brad und Janet sind gerade frisch verlobt und bleiben auf dem Weg zu ihrem alten Freund und Lektor Dr. Scott während eines Unwetters mit dem Auto auf einer Landstraße liegen. Sie suchen Hilfe in einem nahe gelegenen Schloss und geraten in eine der berüchtigten Partys des exzentrischen Dr. Frank´n´Furter. Er hat, mithilfe seiner schrägen Diener Riff Raff und Magenta, eine Formel entwickelt, um sich den perfekten Mann zu erschaffen. Brad und Janet erwartet eine Reise in die Abgründe der seltsamen Schlossbewohner… und in ihre eigenen.

Die Neuinterpretation des 1973 in London uraufgeführten Stückes von Richard O´Brien ist ein Abenteuer für sich. Bunt, schrill, laut, witzig, irgendwie sexy und sogar ein bisschen traurig. Production Designer David Farley erfindet das Thema Bühnenbild sicherlich nicht neu, was er aber auch nicht muss. Die eingeschobenen Kulissenteile sind liebevoll gestaltet und reichen aus, um das Publikum in das verrückte Schloss von Dr. Frank´n´Furter zu versetzen. Die Arbeit mit Lichteffekten und unterschiedlichen Vorhang-Varianten erweckt gerade bei der „Floor Show“ den Eindruck einer aufwändigen Burlesque-Produktion.

© Jens Hauer
© Jens Hauer

Touch-A, touch-A, touch-A, touch me

Das Wichtigste in diesem Musical sind sowieso die Figuren und deren Kostüme. Diese sind an die Originale angelehnt, wurden jedoch modernisiert und an das aktuelle Jahrtausend angepasst. Sex ist ein zentrales Thema des Musicals und das merkt man natürlich auch an den Outfits der Darsteller, die verrucht, aber gleichzeitig auch edel und hochwertig wirken.

Ich kann es einfach nicht anders sagen: Die Rollen wurden mit den perfekten Darstellern besetzt. Die meisten haben wohl Tim Curry als „Sweet Transvestite“ im Kopf und müssen sich eventuell an die blonden Haare von Frank´n´Furter gewöhnen. Dabei sind diese aus der Original-Inszenierung übernommen, die es bereits vor dem Film gab. Fun Fact: Die schwarzen Locken zieren die Hauptfigur ausschließlich in der Verfilmung. Im Musical wird darauf angespielt, indem Frank´n´Furter bei seinem ersten Auftritt noch eine schwarze Perücke trägt, seine blonden Haare jedoch nach wenigen Sekunden entblößt.

Don´t dream it, be it

Rob Fowler spielt den Außerirdischen in einer Mischung aus sinnlichem Verführer, selbstbewusstem Macho, exzentrischem Wissenschaftler und verletzlichem Kind. Auf der einen Seite kommt er sexy und rücksichtslos daher, auf der anderen Seite empfindet man, gerade zum Ende der Vorstellung, tiefe Sympathie und Mitgefühl für seinen Frank´n´Furter. Gesanglich brauchen wir nicht darüber diskutieren, dass er es einfach drauf hat.

Genauso, wie die anderen Darsteller: Maria Franzén und Stuart Matthew Price sind als Magenta und Riff Raff herrlich schräg und deuten schon während der Show ihre bösen Absichten unterschwellig an. Harriet Bunton und David Ribi geben das prüde und unschuldige Paar Janet und Brad durchaus überzeugend und machen eine interessante Entwicklung während des Stückes durch. Die Schauspieler der „Rocky Horror Show“ liefern zusammen mit der großartigen Band eine Vorstellung, die fast schon einem Rock-Konzert gleicht.

And I realise… I´m going home

Die Stimmung bei der Vorstellung war phänomenal. Wenn auch nicht ausverkauft, war die Geräuschkulisse aus dem Zuschauerraum ohrenbetäubend. Und das nicht nur beim „Time Warp“, schon der erste Auftritt von Rob Fowler als Dr. Frank´n´Furter beim Song „Sweet Transvestite“ reichte aus, um das Publikum ausflippen zu lassen. Doch auch die anderen Darsteller, sowie Erzähler Sky du Mont, wurden gebührend gefeiert. Nach der Vorstellung gab es minutenlange Standing-Ovations, die die Hannoveraner Staatsoper zum Beben brachten.

Zwischendurch blicke im immer wieder zu meinem Sitznachbarn hinüber. Seine weibliche Begleitung taute während der Vorstellung sichtlich auf und traute sich, am Ende sogar mitzuklatschen. Der feine Herr hingegen schien „not amused“ zu sein. Seine Miene verdunkelte sich zunehmend und zu Beginn des großen Finales rutschte ihm doch glatt ein „um Gottes Willen“ heraus. Ich glaube, er war froh, als der Abend vorbei war. Schade, aber vielleicht ist die „Rocky Horror Show“ wohl doch nicht etwas für jeden. Zumindest nicht für die langweiligen und prüden Individuen unserer Gesellschaft. Ich wünschte ihm insgeheim, dass er auf dem Rückweg mit seinem Auto liegenbleibt und ein echter Frank´n´Furter ihm dabei hilft, seinen unterdrückten Gefühlen freien Lauf zu lassen.

(v.p.)

Beitragsbild: © Thommy Mardo

Premierendatum: 16.06.1973, London
Musik: Richard O´Brien
Texte: Richard O´Brien
Regie: Richard O´Brien (Original), Sam Buntrock (aktuell)
Buch: Richard O´Brien, Jim Sharman
Aktuelle Erstbesetzung: Rob Fowler (Frank´n´Furter), Stuart Matthew Price (Riff Raff), Maria Franzén (Magenta), Harriet Bunton (Janet), David Ribi (Brad), Sky du Mont (Erzähler) u.a.
Produktionen: 1973 West End, 1974 Los Angeles, 1975 Broadway, 1979 UK Tour, 1980 US Tour, 1984 UK Tour, 1990 West End Revival, 1991 UK Tour, 1994 UK Tour, 1998 UK Tour, 2000 Broadway Revival, 2002 UK Tour, 2006 UK Tour, 2009 UK Tour, 2013 UK Tour, 2016 UK Tour, diverse weltweite Produktionen
Cast-Aufnahmen: Unfassbar viele
Songs:

1. Akt:

Science Fiction Double Feature
Dammit, Janet!
There’s a Light
The Time Warp
Sweet Transvestite
The Sword of Damocles
I Can Make You a Man
Hot Patootie – Bless My Soul
I Can Make You a Man (Reprise)

2. Akt:
Touch-a, Touch-a, Touch-a, Touch Me
Once in a While
Eddie’s Teddy
Planet Schmanet Janet
Rose Tint My World
Fanfare
Don’t Dream It, Be It
Wild and Untamed Thing
I’m Going Home
Superheroes
Science Fiction Double Feature (Reprise)
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Marina Pundt
"After silence, that which comes nearest to expressing the inexpressible is music." - (Aldous Huxley)

Lieblings-Musical(s): "Hedwig and the Angry Inch", "Next to Normal", "American Idiot", “Once”
Lieblings-Komponist: Jeder, der es schafft, mich mit seiner Musik zum Tanzen oder zum Weinen zu bringen. Oder beides gleichzeitig.
Lieblings-Texter: Stephen Trask
Musical-Fan seit: … ich entdeckt habe, dass es Musicals mit Tiefgang und Rock-Musik gibt.
An Musicals fasziniert mich: … wie Energie und Emotionen durch Musik, Schauspiel und Tanz von der Bühne in den Publikumsraum übertragen werden.