Musical ist mehr als seichte Unterhaltung und „Hoch das Bein“! Das möchte ich euch beweisen und stelle euch jeden Monat ein Musical vor, von dem ihr unbedingt gehört haben müsst.
Und wenn Onkel Herbert und Tante Erna euch ins Phantom der Oper schleppen wollen: Bleibt zuhause, stürzt euch auf Spotify und youtube und findet heraus, was Musical wirklich kann!
Und wetten, in ein paar Monaten habt ihr ein ganz anderes Bild von diesem Genre…

Ich hatte in meinem Leben definitiv öfter Liebeskummer, als dass ich Beziehungen hatte. Es gibt wohl kein zweites Phänomen, bei dem Glück und Schmerz so nah beieinander liegen, wie in Liebesdingen.
Ich weiß noch nicht so recht, wie ich das finden soll, dieses Verletzbarmachen, das man auch Liebe nennt, aber ich glaube letztlich spricht da nur das verbitterte Singledasein aus mir.

Häufig juckt es in mir in den Fingern, all die Gerard-Butler-Katharine Heigl-Schmonzetten mal weiterzuschreiben, über das „Wir sind für alle Zeiten glücklich und gehen jetzt miteinander“ hinaus. Ob all die „Tatsächlich Liebe“-Paare nach drei Jahren wohl immer noch zusammen sind? Irgendwie bezweifle ich das, weil der Liebe einfach diese ambivalenten Gefühle innewohnen und zwischen pechschwarzen und rosaroten Momenten häufig nur ein schmaler Grat liegt.

Wie Jason Robert Brown seinen Trennungsschmerz überwand

 

Schön, dass Jason Robert Brown das genauso sah, wie ich und sich daran machte, seine Ehe inklusive Scheidung in einem Musical zu verarbeiten. Wie ihr euch vorstellen könnt, hat das seiner Ex-Frau nicht wirklich gefallen. Zumal sie sich in der Hauptprotagonistin scheinbar sehr gut wiedererkannte.

© Thomas Concordia
© Thomas Concordia

Das kreative Resultat seiner Trennungsphase nannte Brown „The last five years“ und schuf damit DAS Kammermusical schlechthin.
„The last five years“ braucht kein großes Ensemble, keine komplizierten Choreographien oder eine überladene Ausstattung.
Das Musical funktioniert ohne Weiteres auf einer leeren, schwarzen Bühne mit kleinem Orchester und lediglich zwei Darstellern und ist damit ein Beweis dafür, welche Wirkung eine emotionale Story samt intensiver Musik entfalten kann.

Uraufgeführt wurde das Stück 2001 in Chicago, bevor es dann an den New Yorker Off-Broadway transferiert und mit Norbert Leo Butz (Wicked) und Sherie Renee Scott (Rent, Aida) namhaft besetzt wurde.

Eine Geschichte, zwei Seiten

 

Die Geschichte ist nicht kompliziert und wir alle haben die Probleme, Ängste und Situationen, die das Musical schildert, wohl schonmal am eigenen Leib erfahren müssen.
Cathy ist eine aufstrebende Schauspielerin, Jamie ein aufstrebender Autor. Sie verlieben sich, sind voller Hoffnung, dass sie den Partner fürs Leben gefunden haben, heiraten und entfremden sich voneinader.  Cathy`s Karriere stagniert, Jamie wird zum gefeierten Autor. Sie neidet ihm den Erfolg und fühlt sich vernachlässigt von ihm. Er fühlt sich vernachlässigt von ihr und sucht Trost bei einer anderen Frau. Aus einer großen Liebe wird am Ende ein großes Missverständnis.

Das Besondere an dem Musical ist nicht die Handlung an sich, sondern die Art und Weise, wie sie erzählt wird. Jamie schildert die Beziehung von der ersten Begegnung an chronologisch, während Cathy mit dem Augenblick der Trennung beginnt und die Geschichte rückwärts erzählt.
Beide Erzählstränge treffen sich nur ein einziges Mal: bei ihrer Verlobung!
Dies unterstreicht nicht nur, dass eine Geschichte immer auf mindestens zwei Arten erzählt werden kann, sondern auch, wie flüchtig Gefühle sein können und wie nah Glück und Schmerz tatsächlich beieinander liegen. So folgt auf eine Szene, in der Cathy sich darauf freut, Jamie ihren Eltern vorzustellen (I can do better than that), der Moment, in dem eben dieser neben einer anderen Frau aufwacht und davon singt, wie er sein Treue-Versprechen ihr gegenüber gebrochen hat (Nobody needs to know).

„The last five years“ ist für den Zuschauer ähnlich wie für die Protagonisten eine Achterbahn der Gefühle. Nach jeder Szene stellt man sich erneut die Frage „Wie konnte es so weit kommen?“, ehe sich dann am Ende das Puzzle zusammensetzt und die unbequeme Antwort bereit hält: Es sind die kleinen Dinge, die eine Beziehung zerstören.

Liebe auf den zweiten Blick

 

Jason Robert Brown hat eine sehr komplexe Musik komponiert, die zu jeder Zeit in jeder Situation die passende Atmosphäre schafft. Ich muss ehrlich zugeben, dass mich „The last five years“ beim ersten Hören nicht so gepackt hat, wie andere Musicals zuvor. Dafür hat mich aber noch nie ein Musical beim zweiten Hören so sehr in seinen Bann gezogen.
Die Musik verbindet verschiedene Stile miteinander. Von Jazz über Pop und Rock bis Folk ist alles vertreten. Das Orchester besteht aus nur sechs Instrumenten, darunter Bass, Violine, Klavier, Gitarre und zwei Cellos. Die Kombination der Instrumente ist sehr ungewohnt für mich, unterstreicht aber die Intimität der Story und Inszenierung perfekt.
Das Schöne daran, dass die Musik häufig das klassische Strophe-Refrain-Strophe-Schema außer Acht lässt, ist, dass „The last five years“ bei jedem Hören immer besser und nie langweilig wird.

Hollywood erkannte vor Kurzem das Potential des Stückes und verfilmte „The last five years“ mit Anna Kendrick und Jeremy Jordan in den Hauptrollen. Die Musik wurde etwas aufgemischt und poppiger orchestriert, was für diesen Zweck sicherlich publikumswirksam ist.
Trotzdem gefällt mir die kleinere Orchester-Variante des Off-Broadway-Cast-Albums immer noch am besten.

Auf einer großen Bühne kann man sich „The last five years“ sicherlich nicht vorstellen. Dafür ist das Musical einfach nicht konzipiert und es würde auch nicht den Geschmack der breiten Masse treffen.
Es ist ein kleines Juwel, dem man eine Chance geben muss. Genauso wie Beziehungen. So schwierig sie manchmal auch sein mögen.

(h.h.)

Premierendatum: 03.03.2002, Off-Broadway ; 18.06.2005, Wuppertal (Deutschland-Premiere)
Musik: Jason Robert Brown
Texte: Jason Robert Brown
Buch: Jason Robert Brown
Besetzungen: Off-Broadway-Premiere: Norbert Leo Butz, Sherie Renee Scott
Deutschland-Premiere: Patrick Stanke, Charlotte Heinke
Cast-Aufnahmen: Deutsche Erstaufführung Wuppertal, Original Off-Broadway-Cast

Songs:
Ich steh weinend da (Still Hurting) (Cathy)
Meine Göttin (Shiksa Goddess) (Jamie)
Schau, ich lächle (See I’m Smiling) (Cathy)
Es geht ein bisschen zu schnell (Moving Too Fast) (Jamie)
Ich bin Teil davon (Part of That) (Cathy)
Das Lied von Schmuel (The Schmuel Song) (Jamie)
Ein Sommer in Ohio (A Summer in Ohio) (Cathy)
Die nächste Stunde (The Next Ten Minutes) (Jamie & Cathy)
Wär die Welt perfekt (A Miracle Would Happen) (Jamie/Cathy)
Ich komme voran (Climbing Uphill) (Cathy)
Wär ich nicht überzeugt von dir (If I Didn’t Believe in You) (Jamie)
Mir wird’s mal besser ergehn (I Can Do Better Than That) (Cathy)
Keiner muss das erfahr’n (Nobody Needs to Know) (Jamie)
Mach’s gut bis morgen/Ich konnte nie dein Retter sein (Goodbye Until Tomorrow/I Could Never Rescue You) (Cathy/Jamie)

Beitragsbild: © Thomas Concordia

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.