Wir schreiben Tagebuch für die PR-Füchse und Wortakrobaten unserer Zeit. Denn nicht alles, was in Pressemeldungen steht, muss auch stimmen.

Liebes Tagebuch,

jetzt kamen die im Vorstand doch tatsächlich auf die Idee, „Liebe stirbt nie“ ins Hamburger Operettenhaus zu setzen. Da war selbst ich mal für einige Minuten sprachlos.

Was soll ich bitte in die Pressemitteilung schreiben? „Der Flop aus dem West End und Australien jetzt endlich auch in Deutschland?“ „Bei der englischen Presse durchgefallen… aber ihr werdet es lieben?“ Das glauben mir noch nicht mal die Heinis von der Bild.

Gut, erstmal mache ich es so wie sonst immer und schreibe auf die Plakate sowas wie „Musical-Hit“ oder „das Erfolgsmusical“. Muss ja niemand wissen, dass das nicht stimmt. Soll erstmal jemand widerlegen. Und den ganzen Nerds in den Musical-Foren hört doch eh niemand zu!
Natürlich werde ich auch noch Andrew Lloyd Webber überall ganz groß drauf packen. Den find ich zwar nicht gut, aber mich fragt ja auch niemand…

© Stage Entertainment

Oh… ich habe gerade einen Geistesblitz, liebes Tagebuch. Wie wäre es, wenn wir nur vom „Phantom der Oper Teil 2“ sprechen… vielleicht übersehen ja ein paar Leute das Teil 2 und denken, sie würden „Das Phantom der Oper“ anschauen. Und „Liebe stirbt nie“ packen wir da irgendwo untendrunter… oder drüber. Wahrscheinlich halten das sowieso ein paar Pappnasen für den Slogan.

Und als Logo nehmen wir natürlich wieder die Phantom-Maske. Nur den Hintergrund müssen wir wohl ein bisschen verändern. Da nehmen wir einfach ein Meer aus Rosen und betten die Maske drauf. Sieht zwar des Todes kitschig aus, aber Oma Hilde und Opa Heinz finden`s bestimmt gut!

Und in den Pressemitteilungen müssen wir erstmal klar machen, dass es keine Schnapsidee ist, von einem Musical nen zweiten Teil zu machen. Schließlich sind wir ja nicht bei „Harry Potter“ oder „Star Wars“! Da schreiben wir am besten sowas wie: Die lang ersehnte Fortsetzung! Oder: Darauf hat Musical-Deutschland gewartet. Stimmt zwar nicht und es hat bestimmt auch niemand drauf gewartet, aber auch hier: Beweist uns mal das Gegenteil!

© Stage Entertainment

Wir dürfen nur nirgendwo hinschreiben, worum es geht… sonst ist das Theater schon bei der Premiere leer. Ich meine: Das Phantom der Oper ist jetzt das Phantom von ´nem amerikanischen Vergnügungspark… Immer noch blind vor Liebe, lädt er Christine unter einem anderen Namen zu sich. Im Schlepptau hat sie nicht nur ihren Ehemann Raoul, sondern auch ihren Sohn, der (Trommelwirbel) eigentlich der Sohn des Phantoms ist.

Und hier beginne ich mich ein wenig zu wundern. Wo und wann und wie soll im ersten Teil dieser Sohn bitte zustande gekommen sein? Bin ich an irgendeiner wichtigen Stelle eingeschlafen? Sehr seltsam… Wäre unschön, diese Diskussion schon vor der Premiere führen zu müssen.

Vielleicht schreibe ich nur etwas von einem Wiedersehen nach Jahren, einer schicksalhaften Begegnung und einer verhängnisvollen Entscheidung. Schicksalhaft und verhängnisvoll klingen immer super…. Ach und „spannend“ baue ich auch noch in den Satz ein. Erstmal warten wir aber mit der Bekanntmachung noch ein paar Tage, damit wir präventive Schadensbegrenzung betreiben können.

Heute habe ich mir schon ´nen kleinen Spaß gemacht und mit der Mopo telefoniert. Denen habe ich gesagt, dass „Liebe stirbt nie“ in der engeren Auswahl steht, genauso wie aber auch über andere Musicals für das Operettenhaus nachgedacht wird. Und dann habe ich einfach ein paar Stücke aufgezählt, die mir so in den Kopf gekommen sind. Sowas wie „Kinky Boots“ und „Mary Poppins“. Die waren zwar nie im Gespräch, aber kommt immer gut, so zu tun, als würde man als Musical-Produzent auch noch gute Musicals kennen. Das reicht ja auch… produzieren sollen sie dann die anderen. Wir machen erstmal „Liebe stirbt nie“ und wenn das floppt, kommt bestimmt der nächste Geistesblitz. Wahrscheinlich bringen sie dann „Chicago“ oder wieder „Mamma Mia“.

Aber soweit muss es erstmal kommen… Nachher wird das tatsächlich ein Riesen-Erfolg. Wie bei Tarzan, da lachen uns die Amis ja heute noch für aus, dass dieser Disney-Flop vom Broadway bei uns so ein Hit geworden ist.
In einem Land, wo „Das Wunder von Bern“ schon als zu bedrückend gilt, würde es mich nicht wundern, wenn „Das Phantom der Oper- Teil 2“ ein Erfolg wird… also ein richtiger… nicht einer, den wir nur so bezeichnen.

(h.h.)

TEILEN
Vorheriger ArtikelDas Musical des Monats: Spring Awakening
Nächster ArtikelDas Musical des Monats: The last five years
Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.