Ich saß in der letzten Reihe des Queen`s Theatre in London und war sprachlos. Gerade war der Schlusston von „On my own“ verklungen und um mich herum erhoben sich die Menschen. Sie applaudierten, jubelten, rasteten völlig aus. Ich tat es ihnen schüchtern nach. Diese Huldigung war mir ehrlich gesagt etwas fremd.
In Deutschland ist das Musicalpublikum für gewöhnlich etwas zurückhaltender und Standing Ovations während einer Vorstellung hatte ich bis dato noch nie erlebt.
Nun sah ich nicht irgendein Musical, sondern das West End Heiligtum „Les Misérables“. Dieses Musical wird seit 1988 im Londoner Theater-Distrikt gespielt und hat erst vor kurzem durch die Hollywood-Verfilmung mit Hugh Jackman und einem gesanglich maximal überforderten Russell Crowe für viel Aufsehen gesorgt.
„Les Misérables“ ist ein Phänomen, ein Meilenstein der Musical-Geschichte. Zwar ist das Stück in seinen schlechten Momenten der Inbegriff des Kitsches, aber musikalisch wurde in den letzten dreißig Jahren wohl nichts komponiert, was annähernd so viele gute Melodien und wirkliche Hits beinhaltet.
Seit diesem Augustabend im West End verstehe ich wohl erst so wirklich, warum man die besten Lieder eines Musicals, die besonders publikumswirksam sind,  „Showstopper“ nennt. Die Show stoppte nämlich tatsächlich für ca. eine Minute und konnte erst fortgesetzt werden, als die tobende Masse und ich uns wieder beruhigt hatten.

Einfach gut komponiert und inszeniert

Ein gutes Musical hat viele gute Lieder, aber nicht unbedingt viele Showstopper. Diese können sowohl Liebeslied, als auch Ensemblenummer oder Finale eines Aktes sein (in letztem Fall stoppt die Show dann sprichwörtlich!). Sie alle haben aber eines gemeinsam: Sie kommen beim Publikum besonders gut an und sind einfach extrem gut komponiert und inszeniert!

Dies kann wiederum mehrere Gründe haben. Bei „Kims Alptraum“ etwa aus dem Musical „Miss Saigon“ ist das beeindruckende Element wohl der Hubschrauber, der in dieser Szene von der Bühne abhebt. Bei „Manderley in Flammen“ aus „Rebecca“ wird die halbe Bühne in Flammen gesetzt und die Hauptdarstellerin läuft brennend von links nach rechts über die Bühne. Diese Showstopper beinhalten neben einer tollen musikalischen Untermalung den visuellen Wow-Moment.
Diese Bühnenbild-Ekstase ist aber nicht notwendig, um das Publikum zu lang anhaltendem Beifall zu verleiten. Bei „On my own“ aus „Les Misérables“ genügte die unfassbar geniale Melodie von Claude-Michel Schönberg samt der unfassbar intensiven Interpretation der Darstellerin, um die Vorstellung kurz zu unterbrechen. Bühnenbild war in dieser Szene kaum vorhanden.

Motiviert von diesem Erlebnis habe ich mir mal meine Lieblings-Musicals angeschaut und aus jedem ein Lied herausgesucht, das – meiner Erfahrung nach – auf besonders viel Begeisterung beim Publikum stößt und einen gewissen „Wow“-Moment kreiert. Von lustig bis dramatisch ist tatsächlich alles dabei, ebenso von Bühnenbildorgie bis emotional ergreifend. Was wohl euer Lieblings-Showstopper wird?

(h.h.)

Beitragsbild: Stage Entertainment

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.