„Wohin fährst du?“
„Tecklenburg!“
„ Tecklen… was? Wo ist das denn?“

Ungefähr so fiel die Reaktion all derer aus, denen ich freudig erzählte, dieses Jahr wieder nach Tecklenburg fahren zu wollen.
Ich kann  die Verwunderung verstehen… ehrlich gesagt, bin ich sogar ein Stück weit beruhigt, dass meine Freunde eine solche Information noch überrascht und eine Fahrt ins Tecklenburger Land selbst bei mir nicht für selbstverständlich genommen wird. Auch, wenn das Ziel bekanntlich alle Wege heiligt.
Und wie könnte es bei mir anders sein: das Ziel ist natürlich ein Musical. Genauer: das Musical „Zorro“!

„ Musical… in Tecklenburg???“
„ Die größten Musical-Freilichtspiele in Deutschland. Super renommiert.“
„ Ja, aber: in Tecklenburg???“

Große Musicals in einem kleinen Dorf

Ich könnte jetzt ein paar billige Witze auf die Provinz machen, aber das wäre wohl nur die Städter-Arroganz, die aus mir sprechen würde. Zumal in Tecklenburg seit Jahrzehnten Musiktheater vom Feinsten gezeigt wird.
Dieser kleine Kurort in der Osnabrücker Peripherie überzeugt Jahr für Jahr nicht nur mit interessanten, neuen und bekannten Stücken, sondern auch mit sehenswerten Inszenierungen auf höchstem Niveau und den größten Namen, die der deutschsprachige Darsteller-Raum zu bieten hat.
Wenn man also erstmal die Fahrt auf sich genommen hat, erwartet einen Musical in einer Qualität, mit der die Stage-Entertainment-Paläste in Hamburg oder Berlin nur schwerlich konkurrieren können.

©Ulrich Niedenzu
©Ulrich Niedenzu

Dieses Jahr stehen mit „Cats“ und „Zorro“ ein Klassiker, sowie eine deutschsprachige Erstaufführung auf dem Spielplan. Da ich in diesem Leben sicher nicht mehr der Vorsitzende im „Cats“-Fanclub werde, war klar, dass „Zorro“-mein Tecklenburg-Stück 2015 werden würde.

Musical und Gypsy Kings: Funktioniert das?

„Zorro“ ist eine interessante Wahl der Freilichtspiele. Das Musical wurde 2008 am Londoner West End uraufgeführt und sorgte damals für viel Aufsehen, auch über den englischsprachigen Raum hinaus.
Schließlich reizte dieses Mantel-Degen-Abenteuer alles aus, was technisch und darstellerisch auf einer Bühne wohl möglich war und ist. Hinzu kam die mitreißende und bekannte Musik der „Gypsy Kings“, die einen Musical-untypischen Klangteppich schufen. Dies war aber auch der Grund, warum ich diesem Musical bislang mit Skepsis begegnet bin.

Natürlich sind auch mir Lieder, wie „Bamboleo“, „Baila me“, oder „Djobi, Djoba“, bekannt.  Allerdings bin ich nicht der größte Fan von gefälligem Latino-Pop und spanischen Gypsy-Kings-Rhythmen. Irgendwie verbinde ich das immer mit Fußball-Weltmeisterschaft und Shakira.

Dass ein ganzes Musical von dieser Musik getragen werden kann, bezweifelte ich zwar, wollte dem Musical aber trotzdem eine Chance geben, weil ich auf die Geschichte und Umsetzung äußerst gespannt war.

Bruderneid und Freiheitskampf

©Ulrich Niedenzu
©Ulrich Niedenzu

„Zorro“ erzählt die Geschichte zweier Brüder, die gemeinsam im spanischen pueblo in Kalifornien aufwachsen. Ihr Vater ist der Alkade (Bürgermeister) des pueblos und verfügt schon früh, dass der junge Diego einmal sein Nachfolger werden und dessen Bruder Ramon eine militärische Laufbahn einschlagen soll.
Um Diego auf sein Amt vorzubereiten, schickt er seinen Sohn nach Spanien auf eine renommierte Akademie.
Jahre ziehen ins Land und Diego findet, je älter er wird, immer weniger Gefallen an seiner strengen Ausbildung und flüchtet sich in ein Leben als Zigeuner und Straßenkünstler.
Alles ist wunderbar, bis ihm eines Tages seine Jugendfreundin Luisa die Nachricht vom Tod seines Vaters und der Machtübernahme Ramons überbringt. Schweren Herzens bricht er mit ihr zusammen nach Kalifornien auf, um das pueblo von der grausamen Herrschaft seines Bruders zu befreien. Diegos Alter-Ego Zorro erwacht zum Leben.

Die Freilichtspiele Tecklenburg meistern die Herausforderung, diese actionreiche Handlung auf die Bühne zu übertragen, beeindruckend.
Natürlich ist eine Freilichtbühne sehr eingeschränkt, was ihre technischen Möglichkeiten betrifft. Verständlicherweise sind im Theater andere Bühnenbilder möglich und die Szenenwechsel laufen meist auch geschmeidiger ab.
Das kann, muss und soll aber gar nicht der Anspruch des Freilichttheaters sein. Es ist immer wieder schön zu sehen, wenn ein Musical eben aufgrund seiner Musik, einer interessanten Regie und tollen Darstellern überzeugt. Zumal die Burgruine samt ihren Lichtinstallationen eine sehr besondere Atmosphäre schafft.

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©Ulrich Niedenzu

Musical und Gypsy-Kings: Das passt!

Ich mag es ja gar nicht zugeben, aber gerade der Musik der Gypsy Kings ist es zu verdanken, dass sich der spanische Flair bis in die hintersten Ecken des Zuschauerraums ausbreitet und die Geschichte erst wirklich glaubhaft wird. Mit dem Vorurteil muss ich also aufräumen: Latino-Rhythmen können ein Musical tragen und wirken keinesfalls deplatziert. Im Gegenteil: es ist zwar ein etwas anderer Sound, der den Orchestergraben verlässt, aber ein nicht minder packender, der in den lauten Momenten mitreißt und in den leisen zu Tränen rührt.

Besonders die vielen Action- und Kampfszenen gewinnen durch die lateinamerikanischen Klänge an Dynamik und Spannung.

Die Cast ist der Star

Das Highlight in Tecklenburg ist seit jeher aber die Besetzung. Und auch dieses Jahr konnte eine durch und durch passende und extrem stimmstarke Cast verpflichtet werden, die auch noch die Kampfszenen realistisch darzustellen vermag.
Allen voran überzeugt Armin Kahl in der Titelrolle. Gesanglich eindrucksvoll und schauspielerisch äußerst facettenreich zieht er alle Register, um das Publikum von der ersten Sekunde an auf seine Seite zu bringen.
Den Freiheitskämpfer Zorro und die Trottel-Tunte Diego, als der er sich vor seinem Bruder ausgibt, um jeglichen Verdacht von sich zu lenken, gleichermaßen glaubhaft zu verkörpern, ist definitiv eine schmale Gratwanderung, die Kahl aber bravourös meistert. Ihm zuzuschauen macht einfach Spaß.
Seinen Gegenspieler und Bruder Ramon gibt Kasper Holmboe mit sehr starker und charakteristischer Singstimme. Sein Wahn, seine Eitelkeit, aber auch seine tiefe Verletztheit nimmt man ihm mit jedem Wort ab. Allein die beiden sind die Fahrt nach Tecklenburg schon wert!

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©Ulrich Niedenzu

Der (zu) leichte Witz

Lediglich die Dialoge haben mich ein bisschen enttäuscht. Es ist ja schön und gut, dass nicht jede Zeile Goethe vor Neid erblassen lässt, aber teilweise waren die Texte und Dialogwitze schon extrem flach. Beim dritten oder vielleicht auch vierten „Er kommt zu früh“ beziehungsweise „Er hat ´nen Kleinen“-Scherz bin ich ausgestiegen. Vielleicht bin ich aber auch einfach extrem unlustig, denn bei den Leuten um mich herum kam jeder noch so einfache Witz super an.
Und wenn das Genre Musical seit jeher den Anspruch besaß, publikumswirksam zu sein, so wird „Zorro“ diesem Motto zu jeder Sekunde gerecht.

Somit bietet Zorro beste Unterhaltung, eine lustige, aber auch aussagekräftige Geschichte, die von einer tollen Cast und untermalt von Gypsy-Kings-Ohrwürmern, auf die Tecklenburger Bühne gebracht wird.

Broadway: Warum denn nicht?

Radulf Beuleke, der Intendant der Freilichtspiele, zeigte sich in einem Interview mit der musicalzentrale äußerst bescheiden: Man sei ja schließlich nicht der Broadway!
Das mag wohl stimmen, was die Infrastruktur der Umgebung und die Quantität der Stücke betrifft. Was die Qualität der gezeigten Inszenierungen angeht, so muss Tecklenburg nicht den Vergleich mit den großen Musical-Metropolen dieser Welt scheuen. So weit hergeholt das nun klingen mag: Tolle Musicals (Klassiker und deutsche Erstaufführungen), phänomenale Besetzungen, interessante Regieansätze, sowie ein Bühnenbild, welches das Maximale aus den gegebenen Möglichkeiten schöpft – Was soll der Broadway, das Londoner West End oder die Stage-Tempel in Hamburg dem voraus haben?

Ab geht’s ins Tecklenburger Land!

(h.h.)

Premierendatum: 15.07.2008, London
Musik: Gypsy Kings
Regie: Ulrich Wiggers
Buch: Stephen Clark, Helen Edmundson
Erstbesetzung: Armin Kahl (Zorro/Diego), Kasper Holmboe (Ramon), Patricia Meeden (Inez), Maxine Kazis (Luisa), Benjamin Eberling (Garcia), Reinhard Brussmann (Alejandro), u.a.
CDs: Original London Cast 2008

Beitragsbild: Ulrich Niedenzu

 

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.