Armin Kahl spielte in zahlreichen großen Musical-Produktionen im deutschsprachigen Raum und bewies dabei stets große Vielseitigkeit.
Er verkörperte unter anderem die Titelrolle in Disney`s Tarzan in Hamburg, war der Sky in Mamma Mia, Radames und Zoser in Aida, sowie der Alfred Ill in „Besuch der alten Dame“ an den Vereinigten Bühnen Wien. Bis vor Kurzem stand er als Zorro im gleichnamigen Musical (Rezension siehe hier) und als Munkustrap in „Cats“ auf der Tecklenburger Freilichtbühne.

Kulturpoebel: Du spielst momentan in zwei Produktionen gleichzeitig. Wie schaffst du das körperlich?

Armin Kahl: Ich kam schon sehr fit hierher, aber wurde durch „Zorro“ noch viel fitter. Es gab tatsächlich eine Zeit, nach der zweiten Woche, in der ich dachte: „Ich kann nicht mehr“. Die Fecht- Choreographien sind ja schon nicht ohne. In Tecklenburg sind es vor allem auch die Wege, die ich während der Show zurücklegen muss. Trotzdem ist es natürlich eine tolle Sache, „Zorro“ und „Cats“ gleichzeitig spielen zu dürfen. Zwischendurch haben wir auch mal frei und ohne parallele Proben ist es körperlich auch machbar.

Kulturpoebel: Du spielst sehr viele verschiedene Rollen und auch Rollentypen. Ist es Fluch oder Segen, so wandelbar zu sein?

A. Kahl: Ich sehe es als Segen an, denn dadurch war es immer leichter, an Jobs zu kommen. Der Fluch dabei ist: Je flexibler man ist, desto schwieriger lässt man sich in eine passende Kategorie einordnen. Das meine ich nicht nur rollentechnisch sondern auch bezüglich der Unterscheidung Rolle oder Ensemble! Es ist immer schwieriger, jemanden zu finden, der im Ensemble gut mittanzen UND eine Rolle als Zweitbesetzung abdecken kann. Produzenten und künstlerisch Verantwortliche müssen das finden und abdecken. Dass man da nicht immer als Rolle und Erstbesetzung gesehen wird, ist völlig normal. Ich habe durch flexibles Arbeiten sieben Jahre in Hamburg leben und arbeiten dürfen. Allerdings waren eben viele Jobs Zweitbesetzungen. Man muss für sich finden, was man möchte und das klar definieren. Prioritäten verändern sich im Leben. Mal geht der Job, mal z.B. Familie vor. Und was die verschiedenen Rollentypen anbelangt, ist es natürlich ein Segen so grundverschiedene Typen abdecken zu können. Den „Guten“ und den „Bösen“ abwechselnd spielen zu dürfen, ist schon ein kleines Privileg. Dafür bin ich wirklich dankbar!

Kulturpoebel: Was hälst du von Ensemble-Rollen im Allgemeinen?

A. Kahl: Ensemble-Rollen sind sehr wichtig und ich finde, dass man in diesen auch sehr glänzen kann. Man weiß natürlich, dass den meisten Leuten eher der Hauptdarsteller auffallen wird. Das Ensemble ist eben das „Beiwerk“, aber wenn ein Ensemble keine Lust hat oder nicht hinter dem Stück steht und es nicht ernst nimmt, kann eine Show ganz schnell sehr schlecht werden. Egal, wie der Hauptdarsteller ist. Ich kann Entscheidungen von Leuten verstehen, die aus der Schule kommen und nur Hauptrollen spielen möchten, das ist völlig okay. Allerdings lernt man sehr viel im Ensemble und wenn man flexibel ist, hat man es immer leichter im Job und das ist eben auch sehr wichtig.

©Tim David Hüning
©Tim David Hüning

Kulturpoebel: War es schwierig für dich, ein Stück weit zurückzutreten, nachdem du Erstbesetzungen gespielt hast und dann wieder ins Ensemble gekommen bist?

A. Kahl: Sicherlich, aber es war auch immer ein Ansporn, wieder gesehen zu werden. Wenn man sich einsetzt und viel machen möchte, wird es von den Regisseuren und Choreographen geschätzt. Zumindest hoffe ich das.

Kulturpoebel: Oft gibt es Kritik an den Besetzungsentscheidungen einiger Musical-Produktionen. Kannst du nachvollziehen, dass viele Musical-Fans der Meinung sind, die Zweitbesetzungen würden häufig viel besser in den Rollen agieren, als die Erstbesetzungen, bei denen manchmal mehr der große Name, als die Leistung überzeugt?

A. Kahl: Große Namen verkaufen natürlich Tickets und das Musical ist immer noch ein „Business“ und das bleibt es auch, zumindest in den Großproduktionen (egal ob West End, Broadway oder Deutschland). Es wird wirtschaftlich gedacht und manchmal eben weniger zugunsten der künstlerischen Seite. Wenn ein Unternehmen heutzutage überleben will, dann muss es eben so denken. Damit muss man als Darsteller auch leider lernen umzugehen. Ob das nun richtig ist oder nicht sei dahin gestellt! Oft ist es auch ein optischer Faktor, der bei Besetzungsentscheidungen ausschlaggebend ist und nicht die eigene Qualität. Da ist es im Musical-Business genauso wie zum Beispiel im Fernsehen. Beim Regisseur oder der Produktionsleitung manifestiert sich manchmal ein bestimmter Typus, der die Rolle spielen soll und das muss man akzeptieren. Genauso freut man sich dann auch umso mehr, wenn jemand die Rolle bekommt, von dem oder der man es nicht erwartet hätte. Und es wird immer geschmackliche Unterschiede geben. Dem einen gefällt die eine Stimme und dem anderen wieder eine andere.

©Stephan Drewianka, www.musical-world.de

Kulturpoebel: Du hast damals in Wien bei „Natürlich blond“ gespielt, was kommerziell gefloppt ist. Wie ist es für euch als Darsteller, wenn ihr seht, dass ein Stück bei der breiten Masse leider nicht ankommt?

A. Kahl: Das ist natürlich sehr schade. Das Stück wurde von der Presse über alle Maßen schlecht gemacht. Das haben wir uns alle sehr zu Herzen genommen, denn jeder, der bei der Produktion dabei war, liebt das Genre Musical. „Natürlich blond“ ist ein wahnsinnig amerikanisches Stück und ich kann mir gut vorstellen, dass jemand, der gar nichts mit dem Thema Musical zu tun hat und sich ein solches Stück ansieht, bei dem in der ersten Szene zehn Frauen in quietsch-pinken Outfits auf der Bühne „Oh mein Gott, wie heiß!“ schreien, ein wenig schockiert ist (lacht). Ich habe oft in Kritiken gelesen, dass es musikalisch sehr flach sei. Ich glaube, da haben die Kritiker nicht in die Tiefe des Stückes geblickt und sich von der pinken Wucht blenden lassen. „Natürlich blond“ wurde sehr liebevoll und mit vielen Tricks und Finessen komponiert. Darin stecken viele komödiantische musikalische Elemente und es gibt viele Musicals, die durchaus flacher sind. Vielleicht war das Stück auch zu neumodisch. Es hat natürlich eine Zielgruppe, die sich nicht primär Musical-Tickets leistet. „Natürlich blond“ ist ein Stück, das sich Schulklassen ansehen oder Personen bis ca. 35, die den Film noch kennen. Das sind eben nicht genug, um das Haus ständig füllen zu können. Ich glaube, den Leuten, die es gesehen haben, hat es gefallen. Es ist eben auch immer Geschmackssache. Es war sehr riskant, dieses Stück nach Wien zu bringen und ich fand es sehr mutig von der VBW, das zu machen. Vielleicht würde es auch als Sommer- oder Stadttheaterproduktion gut laufen. Ich finde es toll, dass sich unser kulturelles Angebot immer breiter fächert und sich auch Stadttheater mittlerweile mehr trauen und experimenteller arbeiten.

Kulturpoebel: Wenn du eine neue Rolle annehmen möchtest, wie sehr achtest du darauf, dass dir das Stück auch persönlich gefällt?

A. Kahl: Sehr stark. Man muss ja auch immer viel von sich selbst in ein Stück einbringen und wenn einem das Stück nicht gefällt, dann quält man sich nur.

Kulturpoebel: Wo werden wir dich in Zukunft sehen können?

A. Kahl: Es wird eine Wiederaufnahme von „Gefährliche Liebschaften“ in München geben. Alles andere ist noch in Verhandlung. Aber meine fränkische Heimat wird mich wohl wiedersehen.

(h.h.)

Beitragsbild: © Ulrich Niedenzu

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.