Musical ist mehr als seichte Unterhaltung und „Hoch das Bein“! Das möchte ich euch beweisen und stelle euch jeden Monat ein Musical vor, von dem ihr unbedingt gehört haben müsst.
Und wenn Onkel Herbert und Tante Erna euch ins Phantom der Oper schleppen wollen: Bleibt zuhause, stürzt euch auf Spotify und youtube und findet heraus, was Musical wirklich kann!
Und wetten, in ein paar Monaten habt ihr ein ganz anderes Bild von diesem Genre…

Der Geist der Vergangenheit

Das Shaftesbury Theatre ist wohl eines der schönsten und traditionsreichsten Theater, die der Londoner West End zu bieten hat. Hier fanden schon Klassiker wie „Hair“ oder die „West Side Story“ ihr London-Zuhause, ebenso wie die neueren Broadway-Musicals „Rent“ und „Hairspray“. Ganz zu schweigen von den berühmten Sänger/innen und Schauspieler/innen, die diese Bühne in den letzten hundert Jahren bevölkerten: Fred Astaire, Anthony Hopkins und John Malkovich sind da nur die Spitze des Eisberges.

Und dort saß ich nun in der ersten Reihe, zugegeben etwas am Rand, aber doch so nah am Geschehen, wie selten bei einem Musical zuvor. Und ich war wütend… und vielleicht etwas traurig. Denn ich hatte gerade eines der besten Musicals gesehen, die in den letzten fünfzehn Jahren wohl geschrieben wurden: „Memphis“.

Heute bin ich wieder besonders objektiv

©Johan Persson
©Johan Persson

Das mag im ersten Augenblick etwas seltsam erscheinen. Schließlich würde man bei solch einem genialen Musical vielmehr erwarten, dass ich (wie sonst) glückstrunken, über alle Maßen euphorisch und nervig-überdreht aus dem Theater taumeln müsste.

Aber an diesem August-Abend war alles etwas anders. Weil „Memphis“ mir eines bewusst machte: Was Musical kann und was Musical in Deutschland eben nicht kann.

Dabei ist „Memphis“ an sich ein sehr klassisches Musical. Weder hat es ein solch unkonventionelles Thema wie „Next to normal“ (bipolare Störung), noch eine solch innovative Erzählweise wie „Spring Awakening“ oder einen solch ungewöhnlichen Musik-Stil, wie der neueste Broadway-Hit „Hamilton“ (Hip Hop, R&B, Jazz).
„Memphis“ ist nicht neuartig, nein, dafür ist es aber beinahe perfektes Musiktheater (und hier merkt ihr schon, wie objektiv es mit diesem Artikel weitergehen wird).

Vom Broadway über London ins Kino

„Memphis“ wurde bereits 2003 in Massachusetts und Mountain View aufgeführt, ehe es 2009 an den New Yorker Broadway transferiert wurde. Dort lief das Musical erfolgreich über drei Jahre und konnte 2010 ganze vier Tony Awards gewinnen, darunter einen in der wichtigsten Kategorie „Best Musical“.
Seit 2014 läuft das Musical nun im Londoner Shaftesbury Theatre. Eine Verfilmung wurde bereits angekündigt.

©Johan Persson
©Johan Persson

Als der Texter Joe DiPietro das erste Skript zu einem Musical namens „Memphis“ im Jahr 2001 geschrieben hatte, war er sich unschlüssig, wer die Musik zu diesem Stück schreiben sollte. Er wusste nur eines, nämlich dass ein Musical über die Entstehung des Rock`n`Roll am besten von einem richtigen Rocker komponiert werden sollte.
Und diesen sollte er in David Bryan schließlich finden. Meine beiden Schwestern würden bei der Erwähnung dieses Namens wohl in Verzückung geraten (sollten die beiden Kulturbanausen denn jemals diesen Musical-Artikel lesen). Beide sind nämlich Fans von „Bon Jovi“ und David Bryan ist Gründungsmitglied und Keyboarder dieser Band. Zu „Bon Jovi“ mag man nun stehen, wie man will. Ich persönlich bin kein Mitglied im „Bon Jovi“-Fanclub.
Deshalb war ich auch anfangs sehr skeptisch, als ich 2009 von diesem neuen Broadway-Musical gehört hatte. Nach dem Hören der CD war ich beeindruckt. Und als ich das Stück dieses Jahr zum ersten Mal sah, war ich sprachlos.

Ein Musical über die Entstehung des Rock`n`Roll

„Memphis“ basiert lose auf dem Leben verschiedener Disc Jockeys der 1950er Jahre, die entscheidend daran beteiligt waren, dass sich der Rock`n`Roll in Mainstream-Radioprogrammen durchsetzte. Der Hauptcharakter Huey Calhoun ist somit keine real existierende Person, sondern vielmehr ein Mash Up aus jenen wegweisenden DJs der 50er.
Huey taumelt mehr zufällig mitten in eine Underground-Rock`n`Roll-Bar, was vor dem Hintergrund der Rassentrennung zur damaligen Zeit ein etwas gewagtes Unterfangen war. Schnell erkennen die schwarzen Besucher aber, dass Huey das Herz an der richtigen Stelle trägt und mit ihnen die Liebe für Rhythm`n`Blues teilt.

Als Huey dann im Radio das erste black Rock`n`Roll-Lied spielt, will sein Chef ihn beinahe kündigen, aber dann erreichen die Radiostation dutzende Anrufe des jüngeren Publikums, das mehr von dieser „neuen“ Musik hören möchte. Huey wird nicht gefeuert und bereitet der Black Music den Weg ins Radio.

All rock`n`roll is negro blues sped up!

Eine Liebesgeschichte darf natürlich nicht fehlen und so verliebt sich Huey in die schwarze Nachtclubsängerin Felicia, deren Songs er schließlich auch im Radio spielt.
Die Liebe der beiden darf eigentlich nicht sein und das machen ihnen ihre Familien auch deutlich. Aber dessen zum Trotz verloben sich Huey und Felicia sogar in dem Wissen, dass eine Heirat gesetzlich verboten ist.

Die Karriere der beiden nimmt ihren Lauf und als Felicia die Chance bekommt, ihre Musik aus Memphis und ihrer kleinen Welt hinauszutragen, zögert sie nicht lange.
Huey winkt derweil ebenfalls die große Fernsehkarriere. Jedoch unter der Bedingung, dass er auf seine schwarzen Tänzer/innen und Sänger/innen verzichtet. Huey folgt seinem Herzen und entsagt all dem Ruhm.

Feel-Good-Stimmung in Feel-Bad-Zeiten

Vor dem Hintergrund der Rassentrennung gibt es in „Memphis“ naturgemäß die Szenen, die einen verstören und nachdenklich stimmen. Aber alles in allem ist „Memphis“ ein absolutes Feel-Good-Musical, das sehr beschwingt und nur bedingt ernst daherkommt. Daran ist in erster Linie der leicht verschrobene, teilweise trottelig-lustige Charakter Hueys Schuld, der die ganze Geschichte durch seine ungläubig-naive Brille betrachtet und ihr damit sehr viel Spannung nimmt.

Das ist einerseits kurzweilig, andererseits aber der einzige kleine Schwachpunkt, den „Memphis“ meiner Meinung nach besitzt: Die Geschichte berührt nicht so, wie es möglich gewesen wäre. Die Autoren hätten viel stärker auf die Tränendrüse des Publikums drücken können. Ich als kleiner Gefühls-Masochist hätte das toll gefunden. So hat mich die Story zwar berührt, aber sie hat mich nicht zum Weinen gebracht. Vielleicht hätte das dem Musical aber auch viel seiner Stimmung und des Schwungs genommen.

Die Musik setzt Memphis ein Denkmal

Denn wenn „Memphis“ eines besitzt, dann Schwung! Und die vielleicht beste Musik, die seit sehr langer Zeit geschrieben wurde! In der Breite besitzt das Musical verschwenderisch viele Showstopper. Gerade im ersten Akt hat man eine gute Melodie gerade erst wirken lassen und schon stolpert man in die nächste.

©Johan Persson
©Johan Persson

Die Musik von „Memphis“ ließ sich hierbei von vielen Stilen beeinflussen, die alle im späteren Rock`n`Roll mündeten. Bei all dem Rhythm`n`Blues, Gospel und Rock, fiel es mir im Londoner Shaftesbury Theatre tatsächlich schwer, ruhig sitzenzubleiben. Es ist sicherlich „challenging“, einer Stadt, die als „Home of Blues“ und „Birthplace of Rock`n`Roll“ gilt, ein Musical zu widmen und dem Sound von Memphis gerecht zu werden. David Bryan hat diese Herausforderung angenommen und dieser Stadt wirklich ein Denkmal gesetzt. Songs wie „Someday“, „Underground“ oder „Radio“ sind absolut mitreißend und transportieren so viel Energie und Lebensfreude, während mich „Colored woman“ oder „Memphis lives in me“ in ihrer Verzweiflung stark berühren.

Choreos, die mitreißen

Was an „Memphis“ aber ebenso fasziniert, wie die grandiose Musik, sind die Choreographien von Sergio Trujillo. Ich muss zugeben, dass es Musicals gibt, bei denen ich die Tänze absolut entbehrlich finde. Häufig stoppen diese Szenen eher die Handlung, als dass sie diese weitertreiben.
Was die Darsteller bei „Memphis“ auf der Bühne veranstalten ist aber einfach nur: Wow! Die Choreographien sind unfassbar anspruchsvoll und schwer und ich habe selten erlebt, dass die Tänze mit der Dynamik der eigentlichen Musik mithalten können. Besonders deutlich macht dies die Szene „Radio“, die nicht nur spektakulär anzusehen, sondern auch noch wichtig für die Handlung ist, indem sie zeigt, wie sich Schwarze und Weiße über die Musik und den Tanz einander nähern. Wichtige Erkenntnis für mich: Richtig gute Choreos bremsen nicht, sie bereichern eine Show.

Die Wut tut nicht gut

Warum war ich also wütend und sogar ein bisschen traurig, als die letzten Töne von „Steal your rock`n`roll“ verklungen waren? Ich hatte ein beinahe perfektes Musical gesehen. Eines mit einer sehr tiefgründigen Story, genialer Musik, aussagekräftigen Texten, einem dezenten, aber stimmigen Bühnenbild und fantastischen Darstellern. Und selbst die Choreos hatten mich nicht genervt, sondern begeistert. Wieso also wütend und nicht aus dem Häuschen vor Glück?

Weil ich ein so rundes Musical in Deutschland leider schon lange nicht mehr gesehen habe! Weil hier einfach alles passte, was in Deutschland, gerade bei der „Stage Entertainment“, häufig nicht zusammenfindet. Weil bei „Memphis“ kein Bühnenfeuerwerk abgebrannt wird, das über die schwache Musik oder Dulli-Texte hinwegtäuschen muss. „Musical sollte alles sein, was es sein möchte“, hat mal der berühmte Broadway-Texter Oscar Hammerstein II gesagt. „Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben. Es gibt nur ein Element, das ein Musical unbedingt haben muss – Musik!“

Und eben hieran hapert es hierzulande so oft: In Deutschland ist Show und Bühnenbild-Orgie häufig wichtiger als musikalische Qualität. Und die besitzt „Memphis“. Und trotzdem wird dieses Musical wohl nie den Weg nach Deutschland finden, weil es eben kein Bühnenfeuerwerk abbrennt und wohl auch zu amerikanisch ist für die Theater dieses Landes. Das macht mich irgendwie wütend.

©Johan Persson
©Johan Persson

Und eben auch ein Stück weit traurig. Ich würde meinen Freunden und meiner Familie gern zeigen, was ein Musical zu einem guten Musical macht und was in Wahrheit nur Ablenkungsmanöver ist. Ich würde gern meinen ganzen Freundeskreis mit nach London schleppen und ihnen eines der besten Musicals zeigen, die wohl je geschrieben wurden.

Aber wenn „Memphis“ im Oktober diesen Jahres Platz macht für „Motown- das Musical“, wird David Bryans Musik vorerst nirgendwo mehr gespielt. Dann kann ich niemandem mehr zeigen, wie sich ein richtig, richtig gutes Musical anhört.

Und dann merke  ich, wie dumm es ist, über sowas wütend zu sein… und traurig. Und ich denke wohl auch ein bisschen an Huey, der eben nicht nur davon sprach, wie Veränderungen aussehen können, sondern sie herbeiführte.
In diesem Moment reift in mir ein ganz neuer Berufswunsch. Mama, ich glaube, ich werde Musical-Produzent!

Memphis - The Broadway Hit Musical (2011)

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3.3 von 5 Sternen (2 customer reviews)

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Premierendatum: 19.10.2009 Broadway-Premiere, 23.10.2014 London-Premiere
Musik: David Bryan
Texte: David Bryan, Joe DiPietro
Buch: Joe DiPietro
Basierend auf einem Konzept von: George W. George
Besetzungen: Broadway: Chad Kimball (Huey), Montego Glover (Felicia), J. Bernard Calloway (Delray), aktuelle London-Cast: Matt Cardle (Huey), Beverley Knight (Felicia), Rolan Bell (Delray)
Cast-Aufnahmen: Broadway 2009, West End 2014 (auch verfügbar auf Spotify)
DVD-Live-Mitschnitt der Broadway-Produktion erhältlich auf amazon.de

Beitragsbild: Johan Perrson

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.