Okay, das dürftet ihr vielleicht schon mitbekommen haben: Ich mag Musicals. Mehr noch: Ich bin einer derer, die sich ruhigen Gewissens Musical-Fan nennen dürfen und das mittlerweile auch öffentlich tun.

Ich gehöre damit einer kulturellen Randgruppe an, die von vielen belächelt wird und sich eigentlich ständig für das rechtfertigen muss, was sie ausmacht: Die Liebe zu Musicals. Das erscheint den einen unmännlich, den anderen seicht und die ganz Toleranten halten uns wohl einfach nur für Freaks, die als Kinder zu häufig „My fair lady“ gesehen haben.

Als Jugendlicher hat mein „Ich mag Musical“-Outing zu so mancher „Nein, ich bin nicht schwul!“-Diskussion geführt und ich habe erst vor Kurzem herausgefunden, dass meine Schwester schon in der Grundschule Wetten auf mein Coming-Out abgeschlossen hat… Danke hierfür!
Aber auch heute untermauert meine kulturelle Orientierung nicht gerade den Anspruch auf Normalität. Denn wer kennt schon richtige Musical-Fans? Also so richtige… nicht solche, die einmal im Jahr in den „König der Löwen“ fahren, sondern diejenigen, die beim Namen Rasmus Borkowski sagen: „Japp, der hat mir als Mozart super gut gefallen und hätte bei den „3 Musketieren“ in Stuttgart damals locker die Erstbesetzung verdient gehabt… obwohl der Thomas Hohler zugegebenermaßen gesanglich etwas souveräner war.“

Ihr versteht nur Bahnhof? Perfekt, dann werdet ihr jetzt ganz viel Neues über eine kleine Gruppe von Menschen erfahren, die irgendwann mal in ihrem Leben einen ganz seltsamen Weg eingeschlagen haben, nämlich jenen ins Musical-Theater.

Wie tickt ein solcher Musical-Fan überhaupt? Wie verhält er sich und noch wichtiger: Wie wird man überhaupt zum richtigen Musical-Fan? Mit dieser Liste seid ihr für jede Diskussion gewappnet!

Ein richtiger Musical-Fan…

kritisiert die Stage Entertainment und schwärmt von den Vereinigten Bühnen Wien

Die ewigen Engelchen und Teufelchen unter den Musical-Produzenten. Die Stage Entertainment schickt ein „Mamma Mia“ oder „Ich war noch niemals in New York“ nach dem anderen durch die großen deutschen Theater und ist damit schon seit langer Zeit ein ernsthafter Bewerber um die Innovationsbremse des Jahres. Die unattraktiven Stücke, in Kombination mit viel (!!!) zu hohen Preisen und einer teils mittelmäßigen Besetzung sind wirklich eine Herausforderung für jedes Musical-Herzchen. Wie es anders geht, machen die Vereinigten Bühnen Wien vor. Die zugegebenermaßen staatlich-subventionierten Österreicher produzieren viele deutschsprachige Erst- oder sogar Welturaufführungen und warten immer (!!!) mit einem großartigen Orchester und einer hochkarätigen Besetzung auf. Und bezahlbar ist das Ganze auch noch! Trotzdem hat die Stage definitiv das hübschere Image-Filmchen:

mag keine Jukebox-Musicals

Lasst uns alle hoffen, dass alles, was nach „Mamma Mia“ folgte nur ein sehr kurzlebiger Trend war. Eine Zeit lang war es geradezu in, alle möglichen Pop- Rock- und Schlagersternchen in einem Musical zu recyclen. Da wurde dann einfach die Best of-Platte genommen und eine hirnrissige Geschichte drum herum konstruiert, die bitte nicht zu anspruchsvoll und ja nicht zu komplex sein durfte. Aus dieser Zeit stammen solche Perlen wie „Ich will Spaß“ (Musik der Neuen Deutschen Welle), „Hinterm Horizont“ (Udo Lindenberg) oder „Ich war noch niemals in New York“ (Udo Jürgens). Natürlich sprießen solche Compilation-Shows auch heute noch wie Unkraut aus dem Boden, aber lange nicht mehr in dem Ausmaß wie noch vor zehn Jahren. Und manchmal sind auch Stücke dabei, die wirklich sehenswert sind, wie neuerdings „Beautiful“ (Carole King) oder „Jersey Boys“ (Frankie Valli and the Four Seasons). Aber trotzdem gilt als Faustregel: Musical-Fans mögen sich zwar von manchen Jukebox-Musicals gut unterhalten fühlen, aber eigentlich steht man hierzu wie die Oper zur Operette!

rennt vollkommen hysterisch auf den Besetzungsmonitor im Vorderhaus zu

Macht euch mal einen Spaß daraus und positioniert euch bei eurem nächsten Musical-Besuch in der Nähe des Bildschirms, auf dem die Besetzung der aktuellen Vorstellung angekündigt wird. Aber seid vorsichtig, denn ihr ahnt gar nicht, zu welchen akrobatischen Leistungen und Freudentaumeln Musical-Fans fähig sind, wenn sie ihre Wunschbesetzung geboten bekommen. Weit aufgerissene Augen, Schnappatmung und ekstatische „Oh mein Gott… er spielt“-Jubeleien sind tatsächlich keine Seltenheit. Und wenn ihr jetzt denkt: gibt es doch gar nicht, dann begleitet mich einfach bei meinem nächsten Musical-Besuch. Mindestens eines der drei Symptome werde ich euch bieten. Versprochen!

diskutiert gern über Uwe Kröger

Achja, unser Uwe. Man muss zugeben, dass Uwe Kröger in den 90ern und Anfang der 2000er wirklich einer der besten und charakteristischsten Musical-Darsteller im deutschsprachigen Raum war… wenn nicht sogar DER Beste! Man muss leider aber auch zugeben, dass er spätestens ab dem Essener Phantom der Oper viele Rollen gespielt hat, die ihm stimmlich nicht gut getan haben. Heute hört sich seine Stimme teilweise sehr gedrückt an und schauspielerisch neigt er schon seit jeher etwas zum Over-Acting. Entweder man liebt ihn oder man hasst ihn. Etwas dazwischen gibt es nicht. Meiner Meinung nach ist und bleibt er einer der beeindruckendsten Darsteller, die das Musical hierzulande wirklich geprägt haben. Den ein oder anderen Witz auf seine Kosten wird er sicherlich vertragen können.

liebt Pia Douwes

Pia ist zusammen mit Uwe Kröger berühmt geworden. Beide eint zudem eine tiefe Freundschaft. Im Gegensatz zu ihrem Bühnenpartner, hat sie über die letzten Jahre aber stimmlich nicht abgebaut, sondern sogar noch zugelegt. Was sie in jeder neuen Rolle auf die Bühne bringt, ist einfach nur: Wow. Wer über Jahrzehnte solche Leistung bringt, hat seinen Stern auf dem Musical-Walk-of-Fame (der sicher irgendwann irgendwo gebaut wird) jetzt schon sicher. Über sie gibt es unter Musical-Fans tatsächlich keine zwei Meinungen. Und das ist die eigentliche Leistung!

steht nach der „next to normal“-Vorstellung mit 200 anderen am Bühneneingang des Stadttheaters in Fürth

Was 2015 im bayerischen Fürth los war, ist einfach unbeschreiblich. Zugegeben: „next to normal“ ist wohl eines der besten Musicals, das in den letzten Jahren geschrieben wurde und man wird sehr weit fahren müssen, um einen Musical-Fan zu finden, der „next to normal“ nicht in den Himmel lobt. Nun stellte sich im Frühjahr die Situation ein, dass Hundertschaften an Musical-Fans ins beschauliche Fürth pilgerten, um dieser Produktion und im Anschluss an die Vorstellung auch den Darstellern ihre Ehre zu erweisen. Denn ein richtiger Musical-Fan schaut sich nicht nur ein Musical an, sondern wartet nach der Aufführung auch noch am Bühneneingang auf seine Stars, um ein nettes Pläuschchen zu halten oder ein Autogramm bzw. Selfie abzustauben (das danach natürlich sofort auf facebook als Profilbild landet). Dass bei „next to normal“ nun über 200 Fans auf die Darsteller warteten, wird selbst die „Elisabeth“-erprobten Wiener staunen lassen. Nenne es Menschenauflauf, nenne es Tumult, nenne es: den ganz normalen Wahnsinn.

Ihr wollt mal einen Eindruck davon, wie sowas aussieht? Dann schaut euch auch mal an, was bei der letzten Performance von „Tanz der Vampire“ in Berlin los war:

ist in allen „Live-Cast-Gruppen“, die facebook zu bieten hat

In den letzten Jahren haben tatsächlich auch die Musical-Fans dieses facebook für sich entdeckt. Eine wahre Revolution für den Austausch untereinander, der bis dato eher im kleinen Rahmen oder in Foren stattgefunden hatte. Nun gibt es zu jeder Produktion mindestens eine offizielle Seite, sowie eine (oder sogar mehrere) Fan- und Live-Cast-Gruppen. Der perfekte Nährboden für so manches halbseidene Gerücht und die ein oder andere wilde Diskussion. Paradiesische Zustände also, weil nun wirklich alle!, die alles! wissen wollen, auch alles! erfahren.
Wer hier Mitglied ist, verpasst wirklich keine einzige Darsteller-Erkältung mehr!

ist regelmäßiger Gast im musicalzentrale-Forum

Das musicalzentrale-Forum ist so etwas wie die Spielwiese der wirklich Fanatischen unter den fanatischen Musical-Fans. Wer noch vor den Darstellern wissen möchte, an welcher Produktion sie beteiligt sein werden, ist hier genau richtig. Und wer mal richtig auf die Stage Entertainment schimpfen möchte ebenso! Hier wird diskutiert und vom Thema abgekommen, was das Zeug hält. Persönliche Angriffe, Zickereien und abenteuerliche Argumentationen inklusive. Eigentlich ist dieses Forum auch für jeden Soziologen oder Kommunikationswissenschaftler das perfekte Forschungsobjekt. Die ganz Mutigen unter uns lesen nicht nur mit, sondern schreiben selbst, was aber definitiv ein gewagtes Unterfangen sein kann. Denn gegen manche Diskussionen ist jeder Günther Jauch-Talk der reinste Kindergarten. Die größte Frage in diesem Forum: Steckt hinter dem Pseudonym „Maxim“ wirklich der Praktikant der Stage Entertainment-PR-Abteilung? Das werden wir wohl leider nie erfahren

muss mindestens drei Musicals im Petto haben, von denen garantiert noch nie jemand in Deutschland gehört hat.

„Phantom der Oper“ und „Cats“ kennt ja jeder! Als richtiger Musical-Fan muss man aber auch mit richtigen Insidern auftrumpfen können, die garantiert kein Normal-Sterblicher kennt. Meine aktuelle Top 3: „Fun Home“, „Hamilton“ und „Finding Neverland“.

sammelt!

Und zwar alles, was einem an Musical-Merchandising in die Finger kommt. Jeder hat dabei seinen ganz eigenen kleinen Tick. Ich zum Beispiel verlasse kein Musical-Theater, ohne mir das Programm-Heft zu kaufen. Andere haben ein Faible für Tassen oder Pins entwickelt und wiederum andere haben den ganzen Kleiderschrank voller „Wicked“- oder „Tanz der Vampire“-T-Shirts. Der Kreativität sind hier wirklich keine Grenzen gesetzt. Da Problem ist nur: Ist einmal die Sammelleidenschaft entfacht, kann ein Musical-Besuch richtig teuer werden.

weiß, was mit Abkürzungen, wie PdO, DWvB, DBdaD, DSudB und MP gemeint ist.

Ihr versteht nur Bahnhof? Dann dürfte für euch der erste Besuch in Musical-Foren zu einem spannenden Abenteuer werden. Tatsächlich muss man wirklich sehr up-to-date sein, um durch sämtliche Abkürzungen von Produktionstiteln zu steigen. Oder hättet ihr unter der Bezeichnung „DSudB“ das Disney-Musical „Die Schöne und das Biest“ erkannt? Oder etwa hinter „PdO“ das „Phantom der Oper“ vermutet?
Wer die Stilblüte „DBdaD“ enträtselt, bekommt ein Bienchen ins Aufgabenbuch.