„MOZART!“ hat mich überrascht und begeistert und von der ersten Minute an gepackt. Ich war unfassbar froh, dass ein solches Musical in einer solchen Inszenierung auch heutzutage noch auf einer großen Bühne existieren kann (siehe Review). Ich muss mich heute noch manchmal kneifen, um mich davon zu überzeugen, dass ich nicht geträumt habe.
Denn nach all den „Mamma Mias“ und „Sister Acts“ hätte man als gebeutelter Musicalfan mit allem gerechnet. Nur nicht mit einer solch mutigen Produktion.

Eigentlich hatte ich schon geplant, das Premierendatum von „MOZART!“ nun zum nationalen Musical-Feiertag zu deklarieren und eigenhändig eine Prozession samt Opferdarbietung in der Empfangshalle der „Vereinigten Bühnen Wien“ (österreichischer Musical-Produzent) abzuhalten (Dankesbanner und Fähnchen inklusive). Doch in all meiner Euphorie kam mir – wie es kommen musste – etwas dazwischen. Genauer: „Mary Poppins“ kam mir dazwischen.

Immer wieder Disney…

„Mary Poppins“ ist ein von Cameron Mackintosh und Disney co-produziertes Musical, das 2004 am Londoner West End uraufgeführt wurde und nur zwei Jahre später seinen Transfer an den New Yorker Broadway erlebte.
Cameron Mackintosh ist sowas wie der Godfather unter den Musical-Produzenten und hat der Nachwelt Meilensteine wie „Les Misérables“ und „Miss Saigon“ beschert. Dass Disney nun seit Jahrzehnten auch erfolgreich im Musical-Geschäft mitmischt, hat sich mittlerweile selbst bis zum letzten Hamburg-Touristen rumgesprochen.

© Deen van Meer
© Deen van Meer

Und so kann man getrost von einer Symbiose sprechen, die nicht nur Cash, sondern auch Theater-Feuerwerk auf höchstem Kitsch-Niveau geradezu personifiziert.
Mackintosh war bereits 1993 bei der „Mary Poppins“-Erfinderin und Schriftstellerin P.L. Travers vorstellig geworden, um sich die Rechte an einer Musical-Adaption zu sichern und bekam diese auch schließlich zugesprochen.
Sein Ansatz war jener, dass er aus der Buchverlage und dem Disney-Film von 1964 ein eigenständiges Werk kreieren wollte, das Elemente aus beiden Werken neu miteinander kombiniert. Vor allem hatte er es hierbei wohl auf die geniale Musik der Gebrüder Sherman abgesehen, deren Film-Soundtrack auch heute noch für so manch verzückte Kinder- und wohl noch viel verzücktere Eltern-Ohren sorgen dürfte.
Und tatsächlich kann man sich ein „Mary Poppins“-Musical ohne Lieder wie „Mit `nem Teelöffel Zucker“ oder „Chim Chim Cher-i“ und „Supercalifragilisticexpialigetisch“ nicht vorstellen.

Der fliegende Schirm und das Kindermädchen

© Deen van Meer
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Die Geschichte der fliegenden Nanny ist schnell erzählt: Kinder sind nicht brav, der Vater ein unnahbarer Zucht-und-Ordnung-Fanatiker und die Mutter ist ein Mauerblümchen, das von seiner Ehe not amused ist. Die Familie Banks hat dringend Hilfe nötig. Und die bekommt sie. „Super Nanny“- Mary Poppins erscheint als Retterin in der Not. Mit ihrem Freund Bert, der sich nicht recht für den einen Beruf entscheiden kann und deshalb einfach alles mal macht, bringt sie sowohl Disziplin, als auch den Spaß und ein bisschen Magie in das Leben ihrer Schutzbefohlenen.
Als der Vater seinen Job verliert, wird die ganze Familie vor eine harte Prüfung gestellt. Alle müssen nun an einem Strang ziehen und letztlich wieder Wege zueinander finden, die längst abgebrochen schienen. Vor allem der Vater durchlebt so im zweiten Akt die Wandlung vom emotionslosen Bestimmer hin zum mitfühlenden Zuhörer, der sein Umfeld und damit seine Kinder und Ehefrau endlich wieder wahrnimmt. Dass seine Suspendierung sich am Ende als Missverständnis herausstellt und er sogar noch eine Beförderung erhält, macht die Geschichte umso Disney-tauglicher.

© Deen van Meer
© Deen van Meer

Um das gleich vorwegzunehmen: Die Bewältigung dieses Musical-Abends im Wiener Ronacher lief bei mir in zwei Phasen ab. Denn ähnlich wie die Familie Banks musste auch ich wohl erstmal geläutert werden.

Phase eins: Die Fassungslosigkeit

Erstmal das Positive: Das Bühnenbild ist fantastisch! Unfassbar detailverliebt, komplex und wirklich magisch! In manchen Szenen bunt, in anderen düster und in den ganz starken Momenten sogar ein bisschen mystisch. Was da aus dem Schnürboden gefahren kommt, ist wirklich visuelle Überforderung par excellence. Welche großen Gegenstände Mary aus ihrer kleinen Handtasche zaubert, ließe Hermine Granger vor Neid erblassen. Und wie die Küche der Banks` erst in Trümmern gelegt wird und sich dann wie durch Zauberhand wieder aufbaut, ist nicht mehr und nicht weniger als pure Bühnenmagie!
Auch die geniale und Oscar-prämierte Musik transportiert in jedem Moment die Stimmung und den Sound des Disney-Filmes. George Stiles und Anthony Drewe erweiterten die Partitur der Shermans um ein paar neue Lieder sowie zusätzliche Lyrics und haben das Kunststück vollbracht, den Ton und das musikalische Niveau der Komponisten-Brüder, perfekt nachzuahmen. Die neuen Songs sind eine Bereicherung für die Partitur, welche klassischen Broadway-Sound in Vollendung bietet. Positiv fällt zudem auf, dass Wolfgang Adenberg eine wirklich phantasievolle Übersetzung abgeliefert hat, die hinter den englischen Original-Texten nicht abfällt. Und das ist doch wirklich mal eine Seltenheit!

Wie immer schaffen die VBW etwas, was der deutschen Stage Entertainment nur selten bis gar nicht gelingt: Das Ensemble ist bis in die kleinste Nebenrolle perfekt besetzt. Was Annemieke van Dam als strenge und doch herzensgute Mary Poppins und David Boyd als schwindelfreier Bert schauspielerisch und gesanglich abliefern, ist phänomenal. Beide sind Idealbesetzungen für ihre Rollen und stecken mit ihrer Spielfreude förmlich an. Dies gilt aber wirklich ausnahmslos für alle Darsteller.

Doch all der Bühnenbombast, all die tollen Songs und Sänger können trotzdem nicht verhindern, dass ich etwas ungläubig und fassungslos zurückbleibe.
Denn ich argumentiere nun seit Monaten, dass Musical mehr ist als leichte Unterhaltung und dann kommt „Mary Poppins“ um die Ecke und ist eben genau das. Vielleicht war ich zu euphorisiert von meinem „MOZART!“-Besuch nur einen Abend zuvor, zu anspruchsvoll bezüglich Dramaturgie und Inszenierung.
Jedenfalls war „Mary Poppins“ in allem wohl das genaue Gegenteil von dem Salzburger Musikgenie. Kitsch pur! Und in den Dialogen total realitätsfern und überzogen.
Teilweise ertappte ich mich dabei, wie ich das Bühnengeschehen von Minute zu Minute immer kritischer musterte. Vielleicht ist das auch ein Tick von mir, aber diese gekünstelt-super-fröhlichen Disneyfiguren nerven mich einfach in ihrem Gehabe und ihrer extremen Maximum-Happiness. Da wird gesteppt und gelacht und getanzt und alle springen um die Kiddies rum, als wäre Weihnachten (bis auf die Bösewichte natürlich, die sind nur böse). Zumal die Dialoge wirklich süßer sind als jeder American Cheesecake. Alles einfach äußerst kindgerecht. Was uns zu Phase zwei führt.

Phase zwei: Die Erkenntnis

© Deen van Meer
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Und diese Phase war mein großer Durchbruch. Ich glaube, Mitte des ersten Aktes mischte sich zu den Falten auf meiner Stirn auch ein Lächeln in mein Gesicht. Und das war etwas seltsam. Denn damit hatte ich nicht gerechnet. Es traf mich ohne jegliche Vorwarnung. Doch plötzlich hatte ich irgendwie Gefallen an diesem absurden und völlig überkandidelten Treiben gefunden. Ich fing plötzlich an, über die infantilen Witze zu lachen und fand es einfach nur schön zuzuschauen. Ohne alles kritisch zu hinterfragen, ohne jeden Satz zu analysieren. Ich fühlte mich einfach gut und kurzweilig unterhalten. Als ich diesen Stimmungswechsel einer Freundin später versucht habe zu erklären, schaute diese mich nur skeptisch an, nahm einmal tief Luft und meinte dann: „Rasmus, du warst in einem DISNEY-Musical!!! Natürlich ist das überzogen und kitschig. Was hast du denn erwartet?“
Und damit hatte sie vollkommen recht. Disney steht nicht für das anspruchsvollste Musiktheater. Aber wenn Disney eines schafft, dann wirklich gut zu unterhalten. Und „Mary Poppins“ hat mich nach anfänglicher Skepsis gut unterhalten. Und ich habe es genossen, diesem Bühnenspektakel zuzuschauen. Und ich habe sicherlich bei manchen Dialogen auch weggehört. Aber am Ende muss ich auch eines zugeben: Ich hatte Tränen in den Augen. Und war spätestens an der Stelle gerührt, als Mary zum finalen Flug über die Köpfe der Zuschauer abhob.

Nichtsdestotrotz muss ich auch zugeben, dass „Mary Poppins“ lange nicht so sehr in mir nachgewirkt hat, wie beispielsweise „MOZART!“. Aber das muss auch nicht jedes Musical. Es gibt sie, die intelligenten und anspruchsvollen Stücke. Und es gibt die kurzweilig Unterhaltenden. Beide haben ihre Daseinsberechtigung.Welche man besser findet, muss jeder für sich entscheiden.
Für alle, die nicht mehr als ein bisschen Zerstreuung und den visuellen Wow-Effekt von ihrem jährlichen Musicalbesuch erwarten, ist „Mary Poppins“ wohl die perfekte Wahl. Alle anderen gehen bitte in „MOZART!“ Dort werden sie im Zweifelsfall auch mich eher antreffen. Und wenn die „Vereinigten Bühne Wien“ mich irgendwann mit beiden Musicals, die sie in der österreichischen Hauptstadt spielen, zu Tränen rühren, begeistern und nachhaltig bewegen, dann kriegen sie auch ihren Feiertag samt feierlichem Umzug. Versprochen!

Premierendatum: 01.10.2014 (deutschsprachige Erstaufführung)
Besuchte Vorstellung: 26.09.2015, Abendvorstellung, Ronacher, Wien
Originalmusik und Liedtexte: Richard M. Sherman & Robert B. Sherman
Neue Lieder, zusätzliche Liedtexte und Musik: George Stiles & Anthony Drewe
Buch: Julian Fellowes
Deutsche Liedtexte: Wolfgang Adenberg
Deutsches Buch: Ruth Deny
Regie: Richard Eyre
Bühnen- und Kostümbild: Bob Crowley
Choreographie und Co-Regie: Matthew Bourne
Besetzung: Annemieke van Dam (Mary Poppins), David Boyd (Bert), Reinwald Kranner (George Banks), Milica Jovanovic (Winifred Banks)
Cast-Aufnahmen: Original London Cast Recording (2005), Original Australian Cast Recording (2011), Original Wien Cast Recording (2015)

Beitragsbild: Deen van Meer

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.