In meiner Kindheit (lang, lang ist`s her) waren es vor allem drei CDs, die ich rauf und runter gehört habe. Drei CDs, die mich und vor allem meinen Musikgeschmack nachhaltig geprägt haben und heute so überspielt und verkratzt sind, dass ich sie mir nicht einmal mehr anhören kann. Und trotzdem stehen sie nach wie vor in meinem CD-Regal und lösen bei ihrem Anblick immer ein Gefühl von Unbeschwertheit in mir aus, wie ich es sonst nur gespürt habe, als ich klein und die Welt noch nicht so furchtbar kompliziert war.

Wie sollte es bei mir auch anders sein: natürlich handelt es sich bei den CDs um Musical-Aufnahmen. Genauer: um die Highlight-CDs zu den Produktionen von „Elisabeth“ (1992), „Tanz der Vampire“ (1997) und „MOZART!“ (1999). Unfassbar eigentlich, wie die „Vereinigten Bühnen Wien“ (VBW), das österreichische Pendant zur Stage Entertainment, so viel Einfluss auf das ganze Musikleben eines jungen, etwas seltsamen Menschen haben konnte…

„Elisabeth“ und „Tanz der Vampire“ wurden zu großen Erfolgen und das nicht nur im deutschsprachigen Raum. Dagegen fiel „MOZART!“ leider etwas ab, was ich mir aber nie so recht erklären konnte. Zugegeben: ich kannte bis vor kurzem auch nur die CD. Diese dafür aber in- und auswendig.

Der Weg zurück nach Wien

©VBW / Deen van Meer 2015
©VBW / Deen van Meer 2015

„MOZART!“ ist ein Musical von dem „Elisabeth“-Team rund um Komponist Sylvester Levay und Autor Michael Kunze, das 1999 im Theater an der Wien uraufgeführt wurde. Dort lief es einigermaßen erfolgreich, ehe es 2001 in der Hamburger Neuen Flora seine Deutschlandpremiere erlebte. Dort floppte das Stück aber kolossal (wie jedes etwas anspruchsvollere Musical in der Hansestadt, das kein Disney-Logo trägt?) und wurde seitdem nur noch vereinzelt mal gespielt.
Ich dachte eigentlich schon, ich bekäme dieses Stück, das ein so wichtiger Teil meiner Kindheit und Jugend war, nie zu sehen.

Doch dann entschlossen sich die VBW, „MOZART!“ wieder an den Ort seiner Welturaufführung zu bringen und entwickelten mit dem damaligen Kreativteam rund um Regisseur Harry Kupfer und Bühnenbildner Hans Schavernoch eine Neuinszenierung, die vor gut zwei Wochen ihre Premiere am Wiener Raimund Theater feierte.

Ich muss gestehen, dass ich vor der Vorstellung etwas aufgeregt war. Denn schließlich kannte ich das Musical und irgendwie kannte ich es auch nicht. Und ich hatte tatsächlich die Bedenken, dass dieses Stück mir doch nicht so gefallen würde, wie ich es immer angenommen hatte.
Zumal das Musical in seiner Produktionsgeschichte sehr stark verändert wurde. Mal wurden Lieder gestrichen, mal welche hinzukomponiert, die dann aber in anderen Produktionen wieder weggestrichen wurden. Und so bestand auch bei dieser Neuinszenierung die Gefahr, dass zu viele Änderungen das Stück von seiner eigentlichen Aussage hätten entfremden können.

Getrieben vom großen Genie

Um das aber gleich vorwegzunehmen: „MOZART!“ funktioniert, die Inszenierung konzentriert sich absolut auf die Stärken der Vorlage und scheint endlich bei sich angekommen zu sein.

©VBW / Deen van Meer 2015
©Vereinigte Bühnen Wien

Wie die ganz Schlauen unter uns vielleicht schon erahnen konnten, erzählt das Musical die Lebensgeschichte des wohl größten Musik-Genies aller Zeiten: Wolfgang Amadeus Mozart. Hört sich im ersten Moment etwas nach einem Hybrid aus Geschichts- und Musikunterricht an. Dabei ist die Lebensgeschichte Mozarts äußerst dramatisch und lehrt einen wiedermal, hinter einen Mythos oder Kult zu schauen.
Mozart wird als lebenshungriger, etwas naiver und vorlauter junger Mann dargestellt, der nichts weiter möchte, als sich zu amüsieren. Hieran aber wird er von seinem Genie gehindert, welches von dem Wunderkind Amadé verkörpert wird, das er einst war.
Amadé verfolgt ihn, wohin er geht, möchte ihn von jeglichem Genuss abhalten und dazu bringen, den Lebemann in sich aufzugeben und sich ganz seiner Kunst zu widmen.
So wird Mozart nicht nur zum Getriebenen seines Umfeldes, das ihn schamlos ausnutzt, sondern auch seines eigenen Selbst. Er verliert nach und nach alle, die ihm wichtig waren und wird schließlich von seinem Genius umgebracht.
Die Botschaft dahinter ist etwas verstörend: Vor deinem Schicksal kannst du nicht fliehen. Der Preis, den Mozart für all seinen Ruhm bezahlen musste, war nicht weniger als sein Leben. Ein Happy End sieht anders aus!

Endlich mal wieder intelligentes Musiktheater!

Diese Story, dieses Musical hat mich stark mitgenommen, mich beeindruckt, fasziniert, aber auch nachdenklich und etwas ratlos gemacht. Und auch sehr glücklich!
Denn ich hatte nicht mehr so schnell erwartet, auf einer der größten Bühnen im deutschsprachigen Raum ein solch anspruchsvolles, vielschichtiges und intelligentes Musical zu sehen.
Mozarts Lebensgeschichte auf diese Art und Weise zu erzählen, ist nicht nur sehr künstlerisch, sondern auch extrem spannend und bietet den Raum für viele intensive und dramatische Szenen.
Etwa, wenn dem kleinen Amadé die Tinte ausgeht und er Wolfgang in den Arm sticht, um mit dessen Blut weiterzuschreiben. Man hätte wohl keine bessere Metapher dafür finden können, was es diesen genialen Menschen wohl gekostet hat, unsterblich zu werden.

©VBW / Deen van Meer 2015
©VBW / Deen van Meer 2015

Während im ersten Akt noch der ein oder andere Gute-Laune-Song die Stimmung etwas aufheitert, ist der zweite Akt äußerst düster. Dem Lebemann Mozart fehlt es zusehends an Energie, er überwirft sich mit dem Vater, verfällt in einen Zustand der geistigen Verwirrung und wird von seiner Arbeit immer weiter dem persönlichen Abgrund entgegengetrieben. Ich hätte ihn gern gepackt und irgendwas von wegen Work-Life-Balance erzählt, aber so breitete sich auch in mir selbst ein Gefühl von Hilflosigkeit aus.

Die Musik ist der Star

Und auch Zufriedenheit, weil sich hier ein Kreativteam endlich wieder auf die wahren Stärken des Musicals konzentriert hat. Die Macher entfernten sich von Bühnenbild-Bombast und irgendwelchen unnötigen Show-Einlagen und erzählen eine sehr spannende Geschichte auf intelligente Art und Weise mit toller Musik und aussagekräftigen Texten.

Überhaupt: endlich kann ich meinen Freunden mal wieder empfehlen, ein Musical zu besuchen, weil in erster Linie die Musik so besonders und phantastisch ist.
Natürlich erkennt man ein bisschen „Elisabeth“ in den Kompositionen von Sylvester Levay. Aber das ist ja nichts Schlechtes. Vielmehr kann es „MOZART!“ sehr wohl mit „Elisabeth“ aufnehmen, was die Hit-Dichte betrifft.
Mit Songs wie „Gold von den Sternen“ oder „Wie wird man seinen Schatten los“, hat Levay zwei der besten Lieder geschrieben, die das Musical-Genre überhaupt je hervorgebracht hat. Allgemein habe ich selten eine Musik gehört, die in der Verbindung aus klassischem Orchester und Band, so bühnenwirksam ist und so viel Kraft besitzt, wie die Kompositionen von Sylvester Levay.

Die neuen Lieder „Der einfache Weg“ oder „Wir zwei zusammen“ fügen sich passend in den Soundtrack ein, obwohl ich gestehen muss, dass ich die gekürzten „Jeder Abschied ist der Anfang einer Reise“ und „Der rote Rock“ schmerzlich vermisst habe.

Natürlich gibt es auch bei „MOZART!“ – gerade im ersten Akt – den ein oder anderen recht überflüssigen Song, hinter dem das ganz klare Ziel steht, etwas Schunkelatmosphäre in all der Dramatik zu erzeugen. Das passt aber nicht ganz zur Stimmung des Stückes und bremst die Dynamik des Musicals zeitweise leider etwas aus.

Denn die Inszenierung ist nunmal düster und auch bedrückend und ansonsten einfach rund im Zusammenspiel von Handlung, Musik und Bühnenbild.
Wie schon erwähnt, verzichtet Set Designer Hans Schavernoch auf jegliches Bühnenspektakel und große Ausstattungen. Und doch ist sein Ansatz sehr wirkungsvoll, weil mit den großen Projektionen im Hintergrund, der Drehbühne und dem ausgefeilten Lichtdesign immer wieder ergreifende Atmosphären geschaffen werden. Lediglich ein Klavier ist allzeit präsent auf der Bühne sowie ein paar wenige Stühle.
Alles andere hätte aber auch einfach nicht gepasst. Denn so liegt der Fokus der Inszenierung sehr stark auf der Musik und den fabelhaften Darstellern, die hier großen Raum bekommen, ihre Charaktere zu entfalten.

©VBW / Deen van Meer 2015
©VBW / Deen van Meer 2015

Immer die gleichen…

Allen voran Oedo Kuipers in der Rolle des Wolfgang Mozart. Kuipers ist die absolute Neuentdeckung dieser „MOZART!“-Produktion. Und zwar nicht, weil er Mozart besser spielt oder singt, als seine Vorgänger Gasoy-Romdal oder Borkowski, sondern weil er die Rolle einfach anders verkörpert, als man es bislang gewohnt war. Kuipers spielt den Mozart immer noch als Strahlemann, wirkt aber etwas seriöser und kann vor allem im zweiten Akt überzeugen, wenn Mozart immer schwächer wird und in tiefe Verwirrung stürzt. Gesanglich meistert er die anspruchsvolle Rolle tadellos.

Den VBW wird ja gern vorgeworfen, immer dieselben Darsteller für ihre Produktionen zu casten. Und auch bei „Mozart!“ findet man viele Wien-erprobte Darsteller auf der Besetzungsliste wieder. Ein Thomas Borchert, eine Ana Milva Gomes oder ein Mark Seibert sind nicht gerade neue Gesichter im Raimund Theater. Aber ehrlich: das „MOZART!“-Ensemble ist bis in die kleinste Nebenrolle perfekt besetzt. Warum sollte man also nicht bekannte Namen engagieren, wenn diese immer wieder aufs Neue in ihren Rollen gesanglich und schauspielerisch überzeugen?

Vor deinem Schicksal kannst du nicht fliehen

Es wurde scheinbar lange nach DER „MOZART!“-Produktion gesucht, wenn man sich anschaut, wie stark das Stück immer wieder verändert wurde. Ginge es nach mir, dürfte jene in Wien die endgültige sein. Auch wenn ich bezweifle, dass „MOZART!“ äußerst massentauglich ist. Eben weil es dramatisches und intelligentes Musiktheater ohne viel Show-Bombast und keine leichte Unterhaltung für zwischendurch ist.

Umso mehr sollte man den VBW dankbar sein, dass sie sich an dieses Musical und diese Inszenierung gewagt haben. Ich würde mir wirklich wünschen, dass irgendwann wieder mehr solcher Musicals den Weg auf die große Bühne und zu einem großen Publikum finden.

Erstmal bin ich aber erleichtert. Denn meine Kindheitserinnerung bleib von diesem Besuch unbeschadet. Mehr noch: Hätte ich diese Inszenierung als Kind gesehen, hätten mich wohl viele der Regieansätze verwundert zurückgelassen. So wurden meine Erwartungen sogar noch übertroffen und ich habe wohl zum ersten Mal in meinem Leben darüber nachgedacht, was es mit diesem Schicksal überhaupt auf sich hat, vor dem Mozart nie fliehen konnte. Ich weiß nicht, ob wir nicht alle von etwas getrieben werden, von unserem ganz persönlichen Schatten. Ich weiß nur, dass man das Leben genießen sollte. Wenn man es kann.
Denn wie Mozart so schön sagt: „Was soll mir die Unsterblichkeit? Vor dem Sterben will ich leben!“

Premierendatum: 02.10.1999 (Welturaufführung), 24.09.2015 (Neuinszenierung am Wiener Raimund Theater)
Besuchte Vorstellung: 27.09.2015, Abendvorstellung, Raimund Theater, Wien
Musik und Orchestrierung: Sylvester Levay
Texte: Michael Kunze
Buch: Michael Kunze
Inszenierung: Harry Kupfer
Bühnenbild: Hans Schavernoch
Choreographie und Co-Regie: Dennis Callahan
Besetzung: Oedo Kuipers (Wolfgang Mozart), Thomas Borchert (Leopold Mozart), Mark Seibert (Colloredo), Franziska Schuster (Constanze Weber/ Nissen), Ana Milva Gomes (Baronin von Waldstätten), Barbara Obermeier (Nannerl Mozart), Brigitte Oelke (Cäcilia Weber)
Cast-Aufnahme: Wien-Cast 1999

Beitragsbild: VBW/Deen van Meer 2015