Manchmal reicht schon ein Plakat oder ein Logo und es entstehen gewisse Vorstellungen im Kopf. Auf die Vorstellungen folgen Bewertungen und auf die Bewertungen leider viel zu häufig Vorurteile.
Einen solchen Moment erlebte ich, als ich vor ein paar Jahren von einem Musical namens „Kinky Boots“ erfuhr. Eigentlich hätte mich der Name schon etwas vorwarnen können, aber ehrlich gesagt wusste ich in meiner jugendlichen Naivität gar nicht, was „Kinky“ überhaupt bedeutet. Und so klickte ich ganz unbedarft die Website der Broadway-Produktion an und fand mich plötzlich in einem roten Meer aus Glitzer, Pailletten und High Heels wieder. Ich glaube, meine Augen waren in der Folge ebenso ungläubig geweitet, wie seitdem wohl nur noch beim 7:1 im Halbfinale der WM 2014 gegen Brasilien.
Ich war zunächst sehr skeptisch und auch etwas vorschnell in meinem Urteil. Denn dass mich dieses Musical überzeugen könnte, bezweifelte ich schon alleine beim Betrachten des Plakates.

In meiner Pseudo-Offenheit fing ich trotzdem an, mich zaghaft durch die einzelnen Seiten zu klicken, schaute mir Bilder und Videos an, las mir die Story durch und bestellte mir letztendlich die CD nach Hause.
Die quietschbunte Glitzerfassade dieses Musicals hatte mich tatsächlich an der Substanz des Stückes zweifeln lassen. Und so wäre mir beinahe eines der besten Musicals, die der Broadway in den letzten Jahren hervorgebracht hat, einfach entgangen. Wie schon Frank`n`Furter sang: „Don`t judge a book by its cover!“

„Kinky Boots“ basiert auf dem gleichnamigen Miramax-Film von Regisseur Julian Jarrold aus dem Jahr 2005. Dieser wiederum wurde von einer wahren Begebenheit inspiriert, genauer von einer Schuhfabrik namens „WJ Brooks“, die als Lösung für ihre wirtschaftliche Talfahrt auf die Herstellung von Fetisch-Schuhen setzte. Neues Produkt, neuer Markt, großer Erfolg.

Let`s produce kinky boots!

© Matt Crocket
© Matt Crocket

In Film und Musical heißt diese Fabrik aber nicht „WJ Brooks“, sondern „Price and son“. Die Handlung spielt im englischen Northampton, das sich über mehrere Jahrhunderte den Ruf als Hochburg der Schuhproduktion erarbeiten konnte.
Hier wächst der junge Charlie Price auf und wird schon früh von seinem Vater, Price Senior, indoktriniert: Die Fabrik ist Familie, sie ist Tradition, Vermächtnis und Versprechen an kommende Generationen zugleich.
Charlie wächst zu einem jungen Mann heran, verliebt sich in eine recht anspruchsvolle und vereinnahmende junge Frau und hat so gar kein Interesse mehr, in den Familienbetrieb einzusteigen.
Erst als sein Vater überraschend stirbt, wird er mit seinem Erbe konfrontiert und erfährt, dass die Fabrik so gut wie bankrott ist. Statt das Unternehmen abzuwickeln, packt ihn letztlich aber der Familienstolz und er setzt alles daran, „Price and son“ in altem Glanz erstrahlen zu lassen.
Zur Not eben auch mit etwas unkonventionellen Maßnahmen…

In London trifft Charlie auf die Drag-Queen Lola, die eigentlich Simon heißt. Lola ist tough und selbstsicher, herzlich, aber auch direkt. Und sie ist Charlie`s eye-opener. Denn als sie ihm das Problem schildert, dass High-Heels einfach nicht für das Gewicht eines Mannes ausgelegt seien und ihr ständig die Absätze brechen würden, erkennt Charlie einen Markt, der ihm gar nicht bewusst war. Da produziert seine Familie über Generationen hinweg hochwertige Schuhe für Männer. Was wäre, wenn er diese Tradition nun etwas anders interpretieren und Schuhe für eine besondere Gruppe von Männern produzieren würde?

Diese Idee sorgt für Aufbruchstimmung bei Charlie, obgleich seine Mitarbeiter wenig euphorisch auf den Plan ihres Chefs und die neue Designerin Lola reagieren – im Gegenteil, gerade seine männliche Belegschaft nimmt Lola als wandelnde Provokation wahr.
So beginnt nicht nur ein Kampf gegen den Firmenbankrott, sondern auch gegen Vorurteile und Intoleranz.

Die Handlung steckt voller Konfliktpotential und wirklich nachdenklichen Aussagen. Aber auch voller Witz und Ironie. Dass die Story trotz der Glitzerfassade nie ihre Glaubwürdigkeit verliert, liegt vor allem an der Mehrdimensionalität und Substanz ihrer Charaktere.

Lola beispielsweise ist nicht immer die souveräne und extrovertierte Drag-Queen, die jedem Vorurteil mit einem schlagfertigen Spruch begegnet. Sobald sie ihrer Maske entsteigt, bleibt nur Simon zurück, der unsichere, introvertierte junge Mann, dem all die Anfeindungen seines Umfeldes sehr nahe gehen. Der von seinem Vater nie als Drag-Queen akzeptiert wurde und sein Leben lang einem Typus gerecht werden musste, der ihn nicht abbildete. In solchen Momenten, wird einem klar, dass nicht Lola, sondern Simon die wahre Maske ist.

Look at me powerless and holding my breath,
trying hard to repress, what scared him to death.
It was never easy to be his type of man,
to breathe freely was not in his plan.
And the best part of me
is what he wouldn’t see

Lola, „Not my father`s son“

Solche Momente sind es, die „Kinky Boots“ zu einem starken – weil mehrebigem – Stück Musiktheater machen, das noch lange in einem nachhallt.

Gefeiert von Presse und Publikum

Nach den Tryouts in Chicago, die noch einige Änderungen an Buch und Musik zur Folge hatten, wurde „Kinky Boots“ 2013 an den New Yorker Broadway transferiert, wo es bis heute aufgeführt wird. Hieran liegt wohl nicht zuletzt der regelrechte Preisregen, der über das Musical hereinbrach. Neben einem Drama Desk Award, einem Drama League Award und mehreren Outer Critics Circle Awards, konnte „Kinky Boots“ ganze sechs Tony Awards – unter anderem in der wichtigen Kategorie „Bestes Musical“ – gewinnen. Mehr geht wirklich nicht!
Seit September spielt „Kinky Boots“ nun auch im Adelphi Theatre am Londoner West End und verspricht auch hier ein großer Erfolg zu werden, sodass man auf die Verleihung der Olivier Awards im nächsten Frühjahr schon gespannt sein darf.

Das Erfolgsrezept von „Kinky Boots“ liegt neben dem interessanten Plot wohl vor allem in der Musik von Cindy Lauper, die einen regelrecht hitverdächtigen Score geschrieben hat. Ihre Musik ist kraftvoll und dynamisch und obwohl die Mischung aus Pop, Disco-Pop und Elektro im Mainstream nicht mehr unfassbar innovativ anmutet, so klingen ihre Kompositionen auf das Musical angewandt sehr modern und ungewohnt, eben nicht austauschbar und schon tausendmal gehört. Die Up-Tempo- Nummern wie „Sex is in the heel“ oder „Everybody say yeah“ reißen mit, während Balladen, wie „Not my father`s son“ oder Lola`s große Nummer im zweiten Akt „Hold me in your heart“ für absolute Gänsehaut sorgen.

Traumbesetzung für London

Was wäre aber die interessanteste Rolle und beste Musik der Welt, wenn sie niemand interpretieren könnte?

Gerade die Rolle der Lola ist mehr als eine stimmliche oder tänzerische Herausforderung, sie ist etwas von Grund auf Performatives, das man wirklich leben muss.
In London konnte für diesen Part der „The Voice“-Finalist Matt Henry gewonnen werden. Und so skeptisch man auch sonst immer gegenüber Casting-Show-Teilnehmern in Musicals ist: Matt Henry stellt sich als Idealbesetzung der Drag-Queen heraus. Er verkörpert Lola glaubhaft, stimmlich extrem stark und von Grund auf sympathisch, während man ihn als Simon gern an die Hand nehmen und trösten möchte. Diesen krassen Bruch in seinem Charakter darzustellen, ist schwierig und wenn es ein Darsteller schafft, ist es einfach nur beeindruckend.

© Matt Crocket
© Matt Crocket

Charlie Price wird in London von Killian Donnelly verkörpert, der sich solangsam zu den bekanntesten West-End-Stars vorarbeitet. Nach Hauptrollen in Les Misérable, „Phantom der Oper“ und seiner „Olivier Award“- Nominierung für die Verkörperung des Huey in „Memphis“ ist er mittlerweile sicherlich kein Insider-Tipp mehr und kann mit seiner klaren und starken Stimme in jedem Moment überzeugen. Die Rolle des Charlie Price ist nicht einfach zu singen. Mit welcher Leichtigkeit Donnelly aber selbst die schwierigen Töne meistert, ist faszinierend. Sein intensives „Soul of a man“ wird so zu einem der Höhepunkte des Abends.

Und auch sonst gilt, wie für die meisten West-End-Shows: Die Cast ist bis in die kleinste Rolle stark besetzt und macht „Kinky Boots“ zu einem maximal unterhaltsamen Musical-Abend.

Wollte man etwas kritisieren, so wäre der etwas schwächere zweite Akt zu nennen, der sowohl musikalisch als auch dramaturgisch etwas hinter dem ersten zurückbleibt. Somit kommt das Finale „Raise you up/ Just be“ gefühlt etwas zu früh und auch die Konflikte, die sich entwickelt haben, vor allem jener zwischen Charlie und Lola, werden viel zu früh und einfach aufgelöst. Das kann man bemängeln, man kann es aber auch einfach stehenlassen und sich über zweieinhalb Stunden beste Unterhaltung freuen.

The best way to fit in, is to stand out

© Matt Crocket
© Matt Crocket

Zwar ist die Hauptaussage „Sei derjenige, der du bist!“ nicht gerade neu und auch nicht unbedingt subtil verpackt, aber es ist wichtig, dass sie getroffen und vielleicht auch so direkt angesprochen wird. Es ist auch eine Botschaft, die mich nach meinem Theater-Besuch noch lange beschäftigt hat. Denn zu oft mache auch ich mich abhängig von dem, was andere von mir denken, versuche nicht großartig und schon gar nicht negativ aufzufallen und mache Dinge häufig, weil man sie eben macht und es gesellschaftlich gewünscht ist. Das kann man Harmoniebedürnis nennen oder „kein Arsch in der Hose“. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Ich jedenfalls habe den allergrößten Respekt vor Lola. Denn schließlich sind wir alle anders und nach außen hin auch häufig sehr gleich. Dass jemand aufgrund seines Äußeren aber für all die Schwachmaten so angreifbar und die ständige Zielscheibe von Vorurteilen ist, das ist auf der einen Seite schrecklich und auf der anderen Seite beeindruckend, weil Lola gerade in diesem Äußeren ihre wahre Stärke findet.

Wir nicken alle und sagen ganz selbstverständlich „Ja klar, be who you wanna be!“. Aber wenn es darum ginge, selbst Highheels und ein rotes Pailettenkleid anzuziehen und durch die Innenstadt zu spazieren, wird einem wohl erst bewusst, wie schwierig es sein kann, diese Botschaft umzusetzen.

So schäme ich mich jetzt ein wenig für all meine Vorurteile, die ich hegte, als ich das Kinky Boots-Plakat zum ersten Mal gesehen habe und muss wohl einsehen, dass auch ich manchmal erst hinter die Fassade schauen muss, um mir eine Meinung erlauben zu dürfen. Letztlich hat Lola wohl auch mir ein wenig die Augen geöffnet. Schade, dass das überhaupt notwendig war.

Kinky Boots (Original West End Cast Recording)

Price: EUR 16,99

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Premierendatum: 04.04.2013 Broadway-Premiere, 15.09.2015 London-Premiere
Besuchte Vorstellung: 22.08.2015
Musik und Texte: Cindy Lauper
Buch: Harvey Fierstein
Besetzungen: Original Broadway Cast: Stark Sands (Charlie Price), Billy Porter (Lola/ Simon), Annaleigh Ashford (Lauren) ; Original London-Cast: Killian Donnelly (Charlie Price), Matt Henry (Lola/ Simon), Amy Lennox (Lauren)
Cast-Aufnahme: Broadway 2013, London 2016 (beides auch verfügbar auf Spotify)

Beitragsbild: Matt Crocket

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.