Vorsicht: Ab hier beginnt die Satirezone! Wir schreiben Tagebuch für die PR-Füchse und Wortakrobaten unserer Zeit. Denn nicht alles, was in Pressemeldungen steht, muss auch stimmen.

Liebes Tagebuch,

heute war wieder einer dieser Tage, die mich einerseits glücklich machen und andererseits verstören. Letzteres wohl, weil sich mein Gewissen immer wieder ans Tageslicht kämpft und mir so perverse Dinge einflüstert, wie: „Erzähl keine Lügen!“, oder „Hör auf, die Leute an der Nase herumzuführen!“. Seltsames Gewissen…
Gut, dass solche Phasen nie lange anhalten und ich mich dann wieder darüber freuen kann, wie leicht es doch ist, die Menschen zu manipulieren. Den Beweis habe ich erst vor ein paar Stunden wieder erbracht.
Seit über einem Jahr versuchen wir ja schon krampfhaft, die Leute ins „Wunder von Bern“ zu locken – und trotzdem bleibt die Hütte leerer, als es uns allen lieb wäre.
Dabei ist das Musical wirklich gut und hat wenigstens im Ansatz so etwas wie Anspruch und Tiefgang. Dazu noch eine gute Musik und tolles Bühnenbild.
Das Problem ist eben nur: Da können wir uns noch so sehr bemühen, von einer „Vater-Sohn-Zusammenführung-im-Nachkriegsdeutschland-Geschichte“ zu sprechen: „Das Wunder von Bern“ ist und bleibt ein Musical, in dem Fußball eine wichtige Rolle spielt. Und das will Tante Heidemarie einfach nicht sehen. Zudem nicht für 150 Ocken pro Karte, wenn sie nicht einmal weiß, was sie erwartet. Und die Hamburg-Touris lassen sich auch lieber von Disney-Savannen-Gelb, als von Ruhrpott-Nachkriegs-Grau berieseln.

Als dann vor Kurzem die Meldung aus dem Vertrieb kam, dass wir erst 500.000 Tickets verkauft haben, bin ich fast vom Stuhl gefallen. Ich meine: lass uns mal ein wenig rechnen zusammen, liebes Tagebuch: „Das Wunder von Bern“ läuft seit Mitte November 2014, also ein Jahr lang. Ein Jahr hat 52 Wochen, in denen jeweils 8 Vorstellungen gespielt werden. Ins Theater an der Elbe passen 1.850 Zuschauer. Wenn ich dann die 500.000 Tickets durch die Anzahl der Vorstellungen teile, komme ich auf eine Auslastung von ca. 65 Prozent. Ohje…
Ich muss zugeben, dass sich kurzzeitig eine kleine Panikattacke bei mir anbahnte. Schließlich hat der Struppeck von den „Vereinigten Bühnen Wien“ erst vor Kurzem von einer 94-prozentigen Auslastung bei „Mary Poppins“ gesprochen… wenn wir jetzt mit etwas um die sechzig Prozent ankommen, dann aber gute Nacht!

Ich hatte wirklich schon überlegt, einfach nach Hause zu gehen und nie wieder zurückzukommen, aber plötzlich wurde ich meiner selbst bewusst. Und das hört sich nur halb so spirituell an, wie dieser erhabene Moment tatsächlich war. Schließlich bin ich nicht irgendjemand. Nein, ich bin PR-Manager! Ich spreche viel und sage wenig. Ich rede von Erfolg und meine Flop. Ich mache aus Mettwurst Marzipan.

Wie Barney Stinson sagen würde. Challenge accepted!
Und was soll ich sagen: Ich habe die Pressemitteilung meines Lebens geschrieben.
Erstmal habe ich die Auslastung vollkommen rausgelassen und nur von 500.000 verkauften Tickets gesprochen. Das hört sich imposant an und welcher Freak macht sich schon die Mühe, das auf die einzelnen Vorstellungen runterzurechnen?
Dann habe ich noch geschrieben, dass es nie zuvor eine bessere Resonanz auf ein Musical in Deutschland bei Presse und Publikum gab.
Diese Aussage ist zwar mehr als gewagt, denn schließlich kann Resonanz vieles bedeuten und das gleiche haben wir so ähnlich auch schon bei „Rocky“ geschrieben, aber beweist uns mal das Gegenteil, liebe Miesmacher! Resonanz bei Meinungen… als ob das messbar wäre…haha!

Noch ein Zitat der Geschäftsführung reingebracht von wegen erfolgreicher Markterweiterung, mutiger Schritt, unglaublich stolz… das übliche Programm eben. Und fertig ist die Erfolgsmeldung.
Mein Gewissen meldete sich, ich ignorierte es. Ein ganz gewöhnlicher Tag eben. Und irgendwie auch nicht. Denn dass das „Hamburger Abendblatt“ diese Meldung ohne jegliches kritisches Hinterfragen bereitwillig abdruckte, hätte selbst ich nicht für möglich gehalten. Es lebe die PR!

Hier die Pressemitteilung zum Nachlesen:

http://www.stage-entertainment.de/unternehmen/presse/das-wunder-von-bern-hamburg/2015/23031.html

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.