Das Alter ist unwichtig, es sei denn, du bist ein Käse – Helen Hayn

Der Oktober im Jahre 2006 war nicht unbedingt der schönste seit Beginn der Wetteraufzeichnung im Saarland. Es regnete, es war kalt und mein Island-brauner Teint ließ mich wahrscheinlich nur wenig gesünder aussehen, als Jahre später während meiner ersten Klausurenphase im Wintersemester. Von meinen Klamotten ganz zu schweigen, die wohl schon vor zehn Jahren nicht unbedingt der neueste Schrei waren.

Warum ich das so gut rekonstruieren kann? Weil meine zwei besten Freunde und ich im Oktober 2006 zum ersten Mal alleine und ohne Eltern zusammen an den Bostalsee gefahren sind. Was waren wir erwachsen damals! Und im Nachhinein so unfassbar pubertär! Unsere nächtlichen Gespräche (inklusive unserer großen Teenie-Sorgen und -Ängste) sollten wahrlich legendär werden (und vielleicht auch zur besten Unterhaltung unserer Nachbarn).
Und noch etwas brachte der Urlaub von Steven, Arne und mir im nordsaarländischen Bosen hervor: unsere große Filmleidenschaft, die wohl eine Initialzündung aus ganz viel Regen, Langeweile und einem noch nicht erfundenen Netflix benötigte.
Wir machten aus der Not eine Tugend und fingen an, mit unserer Digi-Cam kleine Clips zu drehen, die wir unfassbar lustig fanden. Inhaltlich kann (und will) ich diese ehrlich gesagt nicht mehr wiedergeben, ich glaube es war ganz viel von unserem speziellen Humor in Kombination mit unserem super-speziellen Humor.

Filmemacher aus Langeweile

Aber der Startschuss war gefallen für unsere jugendliche Leidenschaft Nummer eins. Denn tatsächlich wurden mit der Zeit aus einzelnen Clips ganze Filme, aus ganzen Filmen wurden bedingt vorzeigbare Filme und schließlich produzierten wir sogar einen richtig guten Film (der das musikalische Urheberrecht allerdings nicht so ernst nahm).

© Leeroy
© Leeroy

Und auch thematisch kann man in unseren Projekten einen zarten Reifeprozess erkennen. Waren unsere Filme anfangs nicht mehr als reine Parodien unserer Lehrer und Mitschüler (besonders des gesprächigen Marius), so schlugen wir in unserem letzten Projekt eine Art „Scrubs“-Weg ein, bei dem wir Humor mit (Pseudo-)Tiefgang verknüpften.
Ungefähr in der Phase, in welcher wir Lehrer-Parodien produzierten, die man sogar vorzeigen konnte, hatte ich eine Idee, die ich ganz toll fand. Und das, wie sich herausstellte, als einziger.
Ich hatte mir nämlich in den Kopf gesetzt, ein Musical zu schreiben. Eine Art „Mamma Mia“ – nur ohne dieses unsägliche „ABBA“ und Griechenland.
Meine zwei besten Freunde ließen mich einfach machen, wobei ich Stevens Aussage „Joa, schreib mal, wir schauen dann, ob wir es umsetzen können.“, irgendwie als „Super cool! Schreib das Musical, wir setzen es dann auf jeden Fall um!“ interpretierte.

Können wir denn überhaupt singen?

Und so schrieb ich wochenlang an meiner wohl allergrößten Jugendsünde, derer ich eigentlich unfassbar viele vorzuweisen habe. Würde ich all die filmischen und musikalischen Verirrungen meiner Pubertät aufzählen wollen, so könnte ich die Themenwoche #jugendsuenden zu einem ganzen Themenmonat umbauen.

Um es kurz zu machen: Ich habe wochenlang dieses Musical geschrieben, dann haben wir festgestellt, dass wir nicht singen können (Überraschung des Jahrzehnts) und das Projekt eingestampft. Übrig blieben mehr als fünfzig Seiten Lied- und Sprechtexte sowie ein wütendes 15-jähriges Ich, das diese Entscheidung nicht so locker-leicht aufnahm, wie Steven und Arne sich das vielleicht erhofft hatten.
Im Nachhinein hätte ich wohl Luftsprünge machen müssen, denn mit diesem Entschluss bewahrten die beiden mich davor, dass dieses Musical einem größeren Publikum bekannt wurde und das Publikum bewahrten sie vor diesem Musical.

Je älter sie werden, desto besser waren sie, als sie noch jünger waren! – Jim Bouton

Wobei ich mich in allererster Linie ziemlich unglaubwürdig gemacht hätte – als ausgesprochener Gegner aller Jukebox-Musicals hatte ich nämlich ein eben solches geschrieben. Ich weiß schon: die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche. Und tatsächlich gab es wohl eine Zeit, in der ich auf all die Popsicals ziemlich abfuhr – bitte nicht weitersagen, das bleibt unter uns, genauso wie mein gemeinsamer Ausflug mit Steven zu „Ich will Spaß“ nach Essen oder meine beiden „Mamma Mia“-Besuche in Stuttgart – offiziell nie passiert.

Der perfekte Radio-Soundtrack

Ich nannte mein Meisterwerk „Tanz der Alkoholiker“ – ein Brüllername für einen Teenie, der bis dato mit Alkohol genauso viele Berührungspunkte hatte, wie Alexander Klaws mit Coolness.
Inhaltlich bediente ich mich – wie der Titel schon verrät – großzügig bei Roman Polanskis „Tanz der Vampire“, dessen Story und Charaktere ich einfach auf das Kollegium unseres Gymnasiums übertrug.
Alles, was ich jetzt noch brauchte, war ein hitverdächtiger Soundtrack! Und an dieser Stelle wird es kritisch…

Ich würde gern behaupten, dass ich mir meine Song-Auswahl nicht erklären kann und völlig schockiert war, als mir die Trackliste wieder in die Hände gefallen ist. Um ehrlich zu sein – und das ist vielleicht besonders bitter – überrascht mich meine Zusammenstellung nicht im Geringsten.
Ich habe tatsächlich in bester Radio-Manier einfach das Abgenudeltste aus den 80ern und 90ern und das Nervigste der 2000er ausgesucht. Wer einen guten DJ für eine Ü30-Party braucht, kann sich gern bei mir melden. Ich muss mir ein Lachen verkneifen, wenn ich mir all die Lieder vor Augen führe, die ich damals gern hörte. Ich war wirklich der Mainstreamer unter den Mainstreamern. So unfassbar normal, dass es schon unnormal war.
Katy Perry, „Katrina and the waves“, Bryan Adams, Elton John, „Foreigner“, „Ich und Ich“ – gemeinsam schufen sie eine musikalische Symbiose, die so trashig ist, dass man schon fast wieder Gefallen an ihr finden kann.

15 Songs umfasst die Inkarnation meines jugendlichen Musikgeschmackes. 15 Songs, die mich heute ausnahmslos zum Ausschalten des Radios bewegen würden. 15 Songs, bei denen ich heute sagen würde: „Boah, wer hört denn so einen Sch…!“. 15 Songs, die ich früher gern gehört habe. 15 Songs, bei denen ich ohne zu zögern von einer Jugendsünde sprechen würde.

Jugendsünde?

Ehrlich gesagt macht mich das auch ein Stück weit nachdenklich. Denn was bedeutet es überhaupt, wenn ich von einer „Jugendsünde“ spreche? Schon klar, ich habe in der Jugend etwas gemacht oder gemocht, was ich heute nicht mehr mache oder mag. Aber schäme ich mich dafür? Ist es mir peinlich, wenn ich heute zugebe, dass ich Elton John`s Comeback-Lied „ I am still standing“ richtig toll fand? Wo wir heute so ehrlich sind: vielleicht ein bisschen. Jedenfalls im ersten Augenblick.

Und das ist zutiefst falsch! Es ist vollkommen in Ordnung, dass sich unser Geschmack verändert. Denn wir verändern uns ja auch. Wir geraten in neue Umfelder, lernen neue Menschen kennen und mit all den Veränderungen entwickeln wir uns weiter und immer auch ein bisschen weg von demjenigen, der wir waren.

Für Jugendsünden ist man nie zu alt – Klaus Klages

Wenn man von einer Jugendsünde spricht, ist es vielleicht nur ein seltsames Gefühl, das man zum Ausdruck bringt, wenn man merkt, dass man eigene Handlungen und Geschmäcker nicht mehr nachvollziehen kann. Wenn man an eine Jugendsünde denkt, dann denkt man immer auch an die Zeit, in der sie begangen wurde. Wenn ich an „Tanz der Alkoholiker“ denke und über meine Musikauswahl ganz arrogant den Kopf schüttle, dann denke ich immer auch an die damalige Zeit zurück, als ich verdammt viel Spaß dabei hatte, ein Musical zu schreiben. Als ich noch zuhause gewohnt habe und mich mein Vater immer zu Steven gefahren hat, wo wir alle unsere Filme drehten. In solchen Momenten fühle ich mich immer ein Stück weit angekommen. Solche Momente sind Heimat für mich.

Vielleicht also sollte ich also aufhören, von einer Jugendsünde zu sprechen und gleichzeitig etwas zu meinen, was mich früher so glücklich gemacht hat. Vielleicht sollte ich ein wenig mehr dazu stehen, wer ich war und wer ich bin. Letztlich gibt es keine Jugendsünden. Es gibt nur Beweise dafür, dass wir uns weiterentwickelt haben.

Wenn ich so recht darüber nachdenke, gibt es tatsächlich zwei Menschen, bei denen ich mich nicht dafür schäme, was ich mal gehört habe. Und zwar weil sie es wissen. Weil sie mich kennen.

Der Oktober 2006 war vielleicht kein sonniger Monat. Aber er war entscheidend für meine ganze Jugend. Und die von Arne und Steven. Wir haben gemeinsam so unfassbar viele Jugendsünden begangen. Und irgendwie bin ich auch ziemlich stolz darauf! Und auf „Tanz der Alkoholiker“, das wohl schlechteste Musical aller Zeiten.

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.