Mark Weigel ist den deutschen Musical-Fans wohl spätestens seit der Welturaufführung von „Das Wunder von Bern“ ein Begriff, wo er die Rolle des Fritz Walter kreierte und darüber hinaus als Richard Lubanski auf der Bühne stand.
Auch wenn Mark in den letzten Jahren immer häufiger im Musiktheater anzutreffen ist und in gefeierten Produktionen wie „Jesus Christ Superstar“ in Dortmund oder den „Comedian Harmonists“ in Essen mitwirkte, so reichen seine Wurzeln ursprünglich in den Schauspielbereich zurück.
Momentan steht er in der Weihnachtskomödie „Der Messias“ von Patrick Barlowe im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier auf der Bühne.

Kulturpoebel: Du kommst ja eigentlich aus dem Schauspiel-Bereich. Was hat dich zum Musical geführt?

Mark Weigel: In den Ensembles, in denen ich gespielt habe, wurde ich häufig in musikalischen Produktionen eingesetzt, da ich eben singen kann. Meine erste Rolle hatte ich mit Mitte 20 in einer Operette von Paul Abraham, „Die Blume von Hawaii“. Dort durfte ich den Prinzen Lilo-Taro singen und das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich war dann eigentlich in jeder Spielzeit Teil einer musikalischen Produktion. So richtig los ging es dann vor acht Jahren. Ich hatte mich in Essen als Schauspieler beworben und nach eineinhalb Jahren bekam ich einen Anruf von der dramaturgischen Leitung, dass dort ein Schauspieler mit guter Singstimme gesucht würde. Eigentlich wurde für die Produktion ein Bass benötigt, ich bin jedoch Tenor. Ich durfte trotzdem vorsingen und habe dann die Tenor-Rolle in „Comedian Harmonists“ bekommen. Das Stück war ein großer Erfolg und danach wurde ich immer wieder engagiert, auch an Opernhäusern. Vorwiegend zwar als Schauspieler, der singen kann, aber irgendwann wurde es immer mehr und nun bin ich Musical-Darsteller.

Kulturpoebel: Hast du denn Gesangsunterricht genommen?

Mark Weigel: Nicht wirklich, ich habe jetzt erst in Hamburg parallel zur Arbeit Unterricht genommen.

Kulturpoebel: Das Genre „Musical“ wird oft als seichte Unterhaltung abgetan. Was ist dein Eindruck vom heutigen Musiktheater?

Mark Weigel: Von dem Klischee kann ich auch ein Lied singen. Viele meiner ehemaligen Schauspielkollegen haben tatsächlich ein wenig die Nase gerümpft, als sie hörten, dass ich in einem großen Musical-Unternehmen tätig bin. Bei den meisten Leuten hat das Musical auch noch immer diesen Ruf. Ich finde, dass wir gerade mit dem „Wunder von Bern“ eine Tür aufgestoßen haben, die in die Richtung einer komplexeren Geschichte geht. Die Charaktere haben mehr Tiefe und tragen auch mehr Brüche in sich und das ist für Schauspieler natürlich sehr interessant. Herkömmliche Schauspieler urteilen oft über Musicals und bezeichenen diese als oberflächlich. „Das Wunder von Bern“ passt nicht in dieses Klischee und ich wollte sofort mit wehenden Fahnen in dem Stück mitspielen. Der Charakter des Richard hat mich besonders interessiert. Ich kenne in der gesamten Theaterliteratur keine Rolle, die mit einer solch schlimmen persönlichen Tragödie in ein Stück einsteigt, mit einem solchen Trauma, das er am Ende mit Hilfe seiner Familie und besonders seines jüngsten Sohnes verarbeitet. Das fand ich dermaßen anrührend, dass ich diese Rolle unbedingt spielen wollte. Egal, ob in dem Stück Musik vorkommt oder nicht.

© Brinkhoff/Mögenburg
© Brinkhoff/Mögenburg

Kulturpoebel: Hattest du, bevor du mit dem Genre in Berührung kamst, auch diese Vorurteile?

Mark Weigel: Tatsächlich gibt es viele Musicals, in denen der Unterhaltungsfaktor deutlich im Vordergrund steht. Berührungsängste habe ich jedoch mit keinem Genre, da man – meiner Meinung nach – alles gut oder schlecht machen kann. So ging es mir während meiner ganzen Karriere. Man muss Dinge ausprobieren und sie zu einer möglichst großen Perfektion bringen. Es gibt nur gutes oder schlechtes Theater. Ob es Unterhaltung ist oder nicht, ist mir erstmal egal.

Kulturpoebel: Denkst du, dass Long-runs ähnlich innovativ sein können wie Stadttheater-Produktionen?

Mark Weigel: Ich denke, das ist ein Prozess. Der Anspruch an ein Long-run-Musical ist, dass man damit Geld verdienen möchte. Aus diesem Grund hat man den Auftrag, eine Art Blockbuster zu produzieren. Das ist der Unterschied zum Stadttheater, welches einen Bildungsauftrag hat und Neues ausprobieren kann und soll. Dass das erstmal weniger Leute anzieht, ist völlig klar. Beim Long-run will man Geld verdienen und das bedeutet auch, dass man sich eher dem Massengeschmack annähern muss. Diese Erfahrungen habe ich auch gemacht, möchte sie jedoch nicht bewerten, denn ich verstehe durchaus den wirtschaftlichen Aspekt des Unternehmens. Irgendwo muss das Geld ja herkommen, wenn man nicht subventioniert wird. Es wird ein langer Prozess, innovative und tiefsinnigere Stücke, wie zum Beispiel „Next to Normal“ oder „Fun Home“ in Deutschland an die breite Masse zu bringen. Wenn wir das geschafft haben, dann haben wir schon sehr viel erreicht.

Kulturpoebel: Wie hast du die Umstände erlebt, die ein Long-run-Stück mit sich bringt? Acht Shows die Woche, drei Rollen, Proben…

Mark Weigel: Ich arbeite schon immer gerne viel und das ist, wenn man an einem mittelgroßen Stadttheater mit fünf oder sechs Produktionen, Lesungen und Gastspielen arbeitet, auch nicht weniger Arbeitsaufwand, als in einer Longrun-Produktion. Im Stadttheater ist aber die Abwechslung größer. Die Herausforderung im Longrun ist, dass man die Rolle jeden Abend auf einer hohen Qualtität halten muss.

Kulturpoebel: Wie hast du es geschafft, die Rolle nach so vielen Vorstellungen immernoch so zu spielen, als wäre es das erste Mal?

Mark Weigel: Ich würde es mit einer langjährigen Liebesbeziehung vergleichen. Da passieren auch immer noch Dinge, die man nicht erwartet hat und es öffnen sich Räume, die das Ganze noch tiefer und noch schöner machen. Mit einer solchen Rolle ist es ähnlich. Das gelingt nicht jeden Abend, aber manchmal findet man einen Aspekt an einer Figur, die einen wirklich überrascht.

Kulturpoebel: Habt ihr die Möglichkeit, eure Rolle von Vorstellung zu Vorstellung ein wenig zu variieren?

Mark Weigel: Nicht wirklich. Das finde ich aber richtig so, denn bei vielen Shows ist die Gefahr zu groß, dass die Dinge allmählich verrutschen und man das gar nicht so richtig merkt. Daher muss man sich an das gegebene Korsett halten. Dafür sind wir jedoch in der Entwicklung sehr frei.

Kulturpoebel: Du warst beim „Wunder von Bern“ ja auch schon in den Workshops dabei. Konntet ihr damals sehr großen Einfluss auf die Rollenentwicklung nehmen?

Mark Weigel: Ich finde: ja. Unser Regisseur hat sich oft auf uns als Darsteller und unsere Interpretation verlassen, was einen guten Regisseur auch ausmacht. Er sollte in der Lage sein, die Phantasie des Darstellers zu nutzen.

Kulturpoebel: Viele Darsteller sagen, dass man gerade beim Long-run nur für die Produktion lebt und die Freizeit und das Privatleben oft zu kurz kommen. Wie erlebst du das?

Mark Weigel: Ich erlebe das auch so. Daher ist für mich auch klar, dass ich nach diesem Jahr wieder zurück ans Stadttheater gehe, weil das ein ganz anderer Rhythmus ist und dort ein viel größerer Raum für eine andere Art von Kreativität ist. Aber ich will das letzte Jahr auch nicht missen und kann mir gut vorstellen, wieder in eine Longrun-Produktion – vielleicht auch wieder ins „Wunder von Bern“- zurückzukehren. Nach diesem Jahr bin ich jedoch auch sehr ausgelaugt und hätte gerne wieder neuen Input und ein wenig mehr Freiraum, um andere künstlerische Projekte anzugehen. Ich kann mir auch gut vorstellen, Musicals und Theater im Bereich der Stadttheater weiter zu spielen, wo die Abwechslung ein bisschen größer ist.

Kulturpoebel: Was sind deine nächsten Projekte, nachdem du beim „Wunder von Bern“ aufgehört hast?

Mark Weigel: Momentan bin ich bei der Wiederaufnahme von dem komödiantischen Schauspiel „Der Messias“ von Patrick Barlow in Gelsenkirchen dabei. Dort spiele ich verschiedene Rollen und ich glaube, es wird sehr lustig. Des Weiteren bereite ich ein Projekt für Kinder vor, dass in Bonn laufen wird. Wir setzen uns dafür im März das erste Mal zusammen. Ab September 2016 stehe ich dann als Peron in der „Evita“-Produktion der Bonner Oper auf der Bühne.

Beitragsbild: Simmerer

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.