Lasst uns ein kleines Gedankenspielchen machen: Wir schreiben das Jahr 1979, du bist Andrew Lloyd Webber und hast nicht nur viel Kohle, sondern auch unfassbar viel Talent und möchtest ein neues Musical komponieren. Etwas intimes, etwas, das auch kleinere Bühnen spielen können. Erst einmal suchst du dir einen ähnlich talentierten Texter und denkst dir mit ihm zusammen eine Geschichte aus. Eine anspruchsvolle und trotzdem unterhaltsame, eine, die nachdenklich stimmt und bewegt.
Ihr entwickelt die Figur einer jungen Frau, einer Engländerin, die nach Amerika kommt und dort nicht nur ihr großes Glück, sondern auch eine Aufenthaltserlaubnis sucht. Ihr fühlt euch in sie hinein, lasst sie an die falschen Männer geraten, lasst sie hoffen, träumen, an ihren Niederlagen verzweifeln und am Ende doch wachsen. Deine Partitur ist nicht nur gefälliges Element, nein, du komponierst ihr Seelenleben, du gießt ihre Emotionen in Musik und überträgst sie hierdurch auf dein Publikum. Am Ende bist du stolz auf dein Werk, obgleich erschöpft, weil du in dieses Thema so viel investiert und dich in so vielen Details verloren hast. Mal wieder ist dir klar geworden, dass ein Musical eben nicht nur die Aneinanderreihung einigermaßen kurzweiliger und einfach-strukturierter Lieder, sondern vielmehr ein hochkomplexes musikalisches wie dramaturgisches Gebilde ist!

Und plötzlich ist alles anders

Jahrzehnte später hörst du, dass dein Stück nun im Deutschen Theater in München aufgeführt wurde. Erstmal freust du dich. Jedenfalls bis du hörst, dass der Regisseur die Handlung, welche ursprünglich in Amerika spielt, kurzerhand nach Bayern verlegt hat und deine Engländerin plötzlich eine Muslima ist. Außerdem wurden scheinbar eine Vielzahl der Texte einfach umgeschrieben und noch mehr Lieder gestrichen. Und trotzdem steht dein Name als Komponist unter dem Titel deines Musicals – mit dem einzigen Unterschied, dass diese Aufführung mit deinem Musical so gut wie gar nichts mehr zu tun hat.

© Mark Noormann
© Mark Noormann

Wie würdest du dich nun fühlen? Glücklich, dass jemand endlich mal was gutes aus deiner missratenen Vorlage gemacht hat? Oder wärst du wütend, weil jemand dein Werk genommen, in Stücke zerlegt, entfremdet und neu zusammengebastelt hat?
Oder denkst du: „Was ein Käse, so etwas passiert nicht!“?

Da muss ich dich leider enttäuschen. So etwas passiert sehr wohl. In diesem Fall handelt es sich um das Webber-Musical „Tell me on a sunday“, das Ende November im Silbersaal des Deutschen Theaters aufgeführt wurde. Jedenfalls das, was von dem Stück noch übrig geblieben ist. Im Rahmen der „Masterclass“ präsentieren dort Absolventinnen und Absolventen des „Master of Arts“-Studiengangs der Theaterakademie August Everding außergewöhnliche Musical-Projekte. Und um das vorwegzunehmen: Dieses Format ist unfassbar gut!
Es ist toll, dass eine Musical-Schule ihren Studenten ermöglicht, Praxiserfahrung zu sammeln. Es ist fantastisch, dass in diesem Rahmen selten gespielte, anspruchsvolle und intimere Musicals ihren Weg auf eine deutsche Bühne finden. Und es ist notwendig, dass hierzulande im Musical-Bereich viel mehr experimentiert wird. Aber diese Experimente sollten als solche kenntlich gemacht werden!

Romeo und Julia im Weltall

Die Diskussion um Werktreue wird im Theaterbereich schon seit Jahrzehnten geführt. Zum ersten Mal kam ich damit in Berührung, als meine Schwester vollkommen perplex aus einer Aufführung von „Romeo und Julia“ am Saarländischen Staatstheater kam und mir von Darstellern in Astronautenanzügen erzählte. Ich habe damals gelacht und konnte mir das so gar nicht vorstellen.
Ich meine: Shakespeares Meisterwerk spielt im italienischen Verona… nicht im Weltall.

Am schönsten wird es immer dann, wenn Regisseure oder Dramaturgen (oder am besten beide zusammen) eben nicht nur Kostüme und Bühnenbild modernisieren, sondern sich auch noch an Texten, Handlungsorten und – zeiten vergreifen. So kann sich ein Romeo ganz plötzlich auf dem Mars wiederfinden und statt Julia steht ihm ein Julian gegenüber, in den er sich natürlich verliebt. Und das Ende vom Lied ist eine Botschaft zur Homo-Ehe. Ich glaube, das nennt man Regietheater. Ich würde es in vielen Fällen eher eher als „Habt ihr noch alle Zweige an der Tanne?!“ bezeichnen.

Freiheit der Kunst: Ja, aber…

Das Thema ist selbstverständlich kontrovers, denn es sollte im Geiste Ludwig Hevesis immer gelten: „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit!“ Aber dieser Wahlspruch ist sicherlich auch respektvoll zu hinterfragen, denn er sollte nicht gleichbedeutend mit „Schreib Shakespeare doch mal um und verkaufe es als Shakespeare!“ sein.

Hätte Shakespeare damals eine Aussage zur Homo-Ehe machen wollen, hätte er es getan. Wollte er aber nicht, das Thema war im 16. Jahrhundert eben nicht sein Thema.
Und die aktuelle Flüchtlingskrise in all ihrer Brisanz und vor allem in dieser Form und Tragweite war Ende der Siebziger eben auch nicht Webbers Thema. Auch wenn man gern Werke von gestern auf Probleme von heute anwendet und ich das auch als spannende wenn nicht sogar notwendige Aufgabe der Kunst ans sich ansehe, so habe ich in der Vergangenheit doch häufig erlebt, wie Stücke hierdurch zu sehr ausgehöhlt und von ihrem eigentlichen Kern entfremdet wurden – positiv wie negativ. Umso wichtiger ist es, Neuinterpretationen als solche kenntlich zu machen.

Dass man Jahre nach der Uraufführung mal Kostüme, Bühnenbild oder Kleinigkeiten an den szenischen Abläufen anpasst, ist vollkommen verständlich. Aber sobald man Texte umschreibt, Lieder umkomponiert, wegstreicht oder ergänzt und ganze Handlungen neu denkt, wird es kritisch, denn dann muss man sich als Zuschauer fragen, ob es sich noch um das Stück handelt, das man eigentlich sehen will.

© Mark Noormann
© Mark Noormann

Und in meinem Fall wollte ich einfach Andrew Lloyd Webbers „Tell me on a sunday“ sehen. Die Produktion, der ich im Deutschen Theater nun beiwohnte, war sehenswert, von der Master-Studentin Antonia Welke werden wir hoffentlich noch viel hören und die Inszenierung von Martin G. Berger war sehr intelligent und stimmte mich nachdenklich. Aber es war eben nicht „Tell me on a sunday“, auch wenn die Melodien und manche Texte aus Webbers Werk stammten. Deshalb war ich einerseits sehr angetan von einem anspruchsvollen Musical und andererseits enttäuscht, weil ich nicht das gesehen habe, was ich sehen wollte.

Um das klar zu sagen: Neu-Interpretationen von Werken sind eine künstlerische Leistung, die zu bewundern ist. Gerade dem Musical in Deutschland würden Experimente und Neuinterpretationen gut tun, weil sie auch neue Sichtweisen auf versteckte Botschaften ewig gleich inszenierter Werke offenlegen können – ganz fernab davon, ob ich persönlich nun jede Neuinterpretation für gelungen oder zu entfremdet von der Original-Vorlage halte. Es würde der Vielseitigkeit des Genres guttun. Aber es sollte eben klar kommuniziert werden!

Wenn ich „Tell me on a sunday“ von Andrew Lloyd Webber ankündige, dann sollte ich eben jenes so werktreu wie möglich inszenieren, auch wenn sich gerade dieses Stück in seiner Produktionsgeschichte von Aufführung zu Aufführung weiterentwickelt hat. Die eine, finale Version gibt es gar nicht von diesem Webber-Musical, aber immerhin waren Handlung und Umstände bei jeder Produktion ähnlich, ob jetzt der ein oder andere Song mal rausgelassen oder an eine andere Stelle gepackt wurde, fällt da erstmal nicht so stark ins Gewicht.
Nennt es Adaption oder Neu-Interpretation, aber bitte macht es kenntlich! Denn andernfalls baut man falsche Erwartungen auf.

Anstatt ein Musical zu nehmen, zu entkernen und lediglich die Fassade stehen zu lassen, könnte man alternativ auch einfach ein anderes auswählen, das besser zu einer Botschaft passt, die man los werden möchte. Bezugnehmend auf die Flüchtlingskrise zum Beispiel „Songs for a new world“ von Jason Robert Brown.

Freiheit der Kunst – ja! Aber bitte auch Respekt vor Werk und Urheber!
Man darf alles und man soll auch alles dürfen und wenn jemand im „Phantom der Oper“ eine Analogie zum NSU-Prozess sieht, soll er das Stück unbedingt adaptieren. Aber er soll es bitte als seine Version kommunizieren und nicht den Namen eines anderen darüber schreiben.

Lasst uns darüber diskutieren, lasst uns unterschiedlicher Meinung sein. Aber lasst uns eben auch Dinge hinterfragen. Und uns vielleicht auch in andere Menschen hineinversetzen. Beispielsweise in Andrew Lloyd Webber und was er zu SEINEM Musical wohl sagen würde.

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.