Damals…

Ich will hier nun definitiv nicht anfangen mit „Früher war alles besser“, aber nachdem ich mehr und mehr feststelle, dass früher wirklich alles besser war, muss ich hier wohl leider doch wie eine verbitterte ältere Dame klingen, die ihren Enkeln von der guten alten Zeit berichtet. Vorweg will ich gleich mal den Rahmen „Früher“ etwas eingrenzen, denn so alt bin ich nun auch wieder nicht, als das ich sehr weit in die Vergangenheit gehen, geschweige denn Kinder oder Enkelkinder haben könnte. Mein „Früher“ liegt eigentlich nicht mal 10 Jahre zurück, genau genommen reicht es bis zu der Zeit, als „Wicked“ in Stuttgart angelaufen ist.

An dieser Produktion scheiden sich irgendwie die Geister. In jene, die es abgöttisch lieben und es gerne wieder in Deutschland haben wollen und in solche, die lieber nach London fliegen, weil man sich dort die deutsche Übersetzung nicht antun muss.
In meinen Augen unterscheiden sich die beiden Fraktionen aber nur durch ein einziges Merkmal: Die eine Gruppe hat die Inszenierung in Stuttgart damals gesehen, die andere nicht. Denn nur, wenn man das Stück live gesehen, oder besser gesagt, erlebt hat, kann man die Magie, die hinter dieser Produktion lag verstehen. Ich spreche nun absichtlich von dieser Produktion, weil „Wicked“ an sich schon mein absolutes Lieblings-Musical ist, die Inszenierung in Stuttgart aber einfach noch eine Schippe draufgelegt hat. Und dafür gibt es mehrere Gründe.

Es gibt keine kleinen Rollen

Die Charaktere waren ausnahmslos grandios besetzt. Selbst, wenn die Rolle noch so klein war, man hat bei jedem die Spielfreude und die Begeisterung für dieses Stück spüren können. Dadurch war die Leidenschaft nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Publikum fast greifbar. Ich habe selten so viel gelacht, geweint und mit den Charakteren mitgefühlt, wie in dieser Produktion. Noch dazu sind echte Stars aus ihr hervorgegangen: Willemijn Verkaik ist heute nicht nur im deutschsprachigen Raum ein absoluter Star der Musicalszene. Sie hat als einzige Darstellerin die Rolle der Elphaba in vier Ländern gespielt – darunter am Broadway und im Londoner West End. Ich fand sie 2007 in meiner ersten „Wicked“-Show in Stuttgart schon unfassbar gut und als ich sie vor zwei Jahren in London in der Rolle gesehen habe, hat sie mich regelrecht aus dem Sitz gerissen. Neben Willemijn Verkaik erlebten auch Lucy Scherer, Mark Seibert, Sabrina Weckerlin, Roberta Valentini und Valerie Link ihren Durchbruch in dieser Produktion. Viele von ihnen waren vorher schon keine unbekannten Darsteller, aber der Hype ging bei vielen erst mit „Wicked“ richtig los.

© Stage Entertainment
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Ich denke zwar auch, dass die Casting-Direktoren es nicht schwer hatten, bei der Vielzahl an Bewerbungen, die Besten auszuwählen und doch würde ich sie immer wieder gerne zu dieser unfassbar tollen Cast beglückwünschen. Auch die Tatsache, dass eine Sabrina Weckerlin, die damals schon einige Hauptrollen in ihrer Vita vorweisen konnte, „nur“ die alternierende Erstbesetzung nach einer unbekannten Willemijn Verkaik war, ist heute nicht mehr so wirklich denkbar.

Das Tüpfelchen auf dem i

Als ich „Wicked“ das erste Mal in London sah, war ich fast etwas enttäuscht, als ich den Theatersaal betrat. Natürlich sind die Produktionen weltweit identisch, nur wurde bei „Wicked“ in Stuttgart etwas gemacht, das sich die Stage Entertainment heute scheinbar nur noch selten traut: Es wurde Geld in die Hand genommen und Dinge umgesetzt, die nicht primär nötig waren. Das Bühnenbild hat sich nicht nur auf oder einen kleinen Bereich um die Bühne herum beschränkt, sondern reichte bis zur Mitte des Theatersaals, wodurch das sowieso schon bombastische Szenenbild noch eindrucksvoller wirkte und jeder erst einmal einen Wow-Effekt hatte, wenn er den Saal betrat. Die fliegenden Affen sind nicht nur auf der Bühne geflogen, sondern auch im Zuschauerraum (Ja, liebes „Tarzan“, „Wicked“ war zuerst da). Daran erkennt man, dass der Produzent dieses Stück geliebt hat und alles Mögliche dafür tun wollte, damit die Zuschauer es gleichfalls lieben.

Ihr Ticket für Wicked unter…

Ja, „Wicked“ war damals schon nicht günstig, aber im Vergleich zu den heutigen Ticketpreisen war es erschwinglich, ich wage sogar zu behaupten, dass dieses Stück ein Schnäppchen war, bedenkt man die ganzen laufenden Kosten, die jeden Abend angefallen sind und was dieses Stück an Kostümen und Bühnenbild aufgefahren hat. Außerdem hatte ich damals das Glück, unter 25 zu sein, daher konnte ich dank den Young Tickets das Stück ziemlich häufig sehen. Mit allem Drum und Dran saß ich für ca. 35 € auf super Plätzen und die Young Tickets konnte ich auch schon weit im Voraus kaufen und nicht wie heute erst 5 Tage vorher mit großem Risiko, keine mehr zu bekommen. Auch hier hatte ich das Gefühl, dass man es den Leuten ermöglichen wollte, sich das Stück für wenig Geld anschauen zu können. Die Zielgruppe von „Wicked“ sind für mich auch hauptsächlich Mädchen in jüngeren Jahren, also unter 30 und dafür waren die Young Tickets absolut perfekt und zielgruppengerecht. Bei den heutigen Produktionen würde ich mir oft wünschen, dass mehr darauf geachtet werden würde, welche Zielgruppe man erreichen will und darauf vielleicht auch wieder die Ticketangebote und -preise ausrichtet.

© Stage Entertainment
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Schwarze Schafe gibt’s in jeder Familie,…

…aber viele der „Wicked“-Fans in Stuttgart waren einfach total nette Leute, die sich gefreut haben, andere neue Leute kennen zu lernen und die Leidenschaft für dieses Musical zu teilen. Und noch dazu waren wir wirklich nicht wenige, die sich im Theater oder online national und international getummelt haben. Dann gab es natürlich noch die vielen Leute in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, die das Stück gesehen haben und aus dem Schwärmen nicht mehr herausgekommen sind. Viele von ihnen waren sogar öfter in Stuttgart, was ich bei keinem anderen Musical bisher erlebt habe.

Allerdings muss ich auch sagen, dass zu dieser Zeit nicht nur „Wicked“ eine toll produzierte Show war. Damals konnte ich mich gar nicht entscheiden, welches Stück von Stage Entertainment ich am liebsten sehen würde. Im Zweifelsfall war es natürlich immer „Wicked“, weil Stuttgart nicht ganz so weit entfernt war wie Hamburg oder Berlin. Aber die Shows damals waren alle ihren Preis wert. Daher finde ich es so schade, dass in den letzten knapp 10 Jahren ein schleichender Prozess stattgefunden hat, weswegen ich überhaupt keinen Anreiz mehr habe, mir eine Show von Stage Entertainment anzusehen.

Das liegt aber nicht nur an den Eintrittspreisen, für mich ist auch irgendwie der Zauber verloren gegangen. Die Stücke sind nicht mehr von Fans für Fans produziert, sondern es geht nur noch darum, den größten Gewinn zu erreichen (wofür die Theater wohl nicht mal mehr voll sein müssen) und dafür nur das Allernötigste auszugeben. Die Orchester werden immer kleiner, wodurch mich nicht mal mehr ein Stück wie „Phantom der Oper“ reizt, bei dem ich einfach erwarte, dass mich ein imposantes Orchester in den Sitz drückt. Die Bühnenausstattungen werden auf eine minimale Tour-Produktion reduziert und für die Darsteller interessiert sich keiner mehr, weil die großen Namen sowieso alle nicht mehr in den großen Produktionen mitspielen, ganz zu schweigen davon, dass man inzwischen sowieso nur mit viel Glück eine Erstbesetzung zu sehen bekommt.

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Wer bin ich, darüber zu urteilen

Ich habe keinerlei Einblick in irgendwelche Zahlen von Stage Entertainment und würde mir nie anmaßen, ein Urteil darüber zu bilden, wie so eine international agierende Firma zu arbeiten hat. Allerdings kann ich sagen – und dafür muss ich kein Experte sein – dass mir die unsagbare Freude fehlt, die damals geherrscht hat, wenn ich Karten für eine Show von Stage Entertainment gekauft habe. Es kann natürlich sein, dass „Wicked“ ein finanzieller Flop war, weil eben zu viel riskiert wurde, aber an der Begeisterung der Zuschauer gemessen, war es in meinen Augen ein voller Erfolg. Ich wäre natürlich naiv, wenn ich davon ausgehe, dass die Fan-Euphorie einen finanziellen Misserfolg ausgleicht, da Stage Entertainment ja auch eine privatwirtschaftliche Firma ist, die Geld verdienen will und muss. Hinzu kommt, dass sich vielleicht wirklich die Interessen des Publikums geändert haben und die Leute nur noch in Stücke rennen, bei denen Disney, Andrew Lloyd Weber oder ein bekannter Sänger drüber steht. Vielleicht sind die Leute damit schon zufrieden. Wieso soll dann noch viel Geld für irgendwelche „Extras“ ausgegeben werden, die dann nur die eingesessenen Musical-Fans freuen würden, die sowieso erst dann reingehen, wenn es ein günstiges Angebot zulässt?

Ich freue mich einfach darüber, dass ich die Zeit damals in Stuttgart so gut es ging ausgekostet habe und erinnere mich gerne an sie zurück. Und „Wicked“ kann ich ja zum Glück immer noch in London sehen, wenn ich mein Lieblingsstück mal wieder vermissen sollte. Vielleicht nicht mit der grandiosen Besetzung und auch nicht mit den Affen, die über mich hinwegfliegen, aber zumindest muss ich mir dann nicht diese „grauenvolle deutsche Übersetzung“ anhören.

Beitragsbild: © Stage Entertainment