Ich schätze mal, wenn man als Kind im deutschsprachigen Raum aufgewachsen ist, dann kann man grundsätzlich das Standard-Repertoire von Udo Jürgens textsicher mitsingen. Ich kann mir zwar nicht erklären, woher das kommt, da weder meine Eltern auch nur eine einzige CD von ihm besitzen, noch meine Großeltern mich dazu gezwungen haben, mit ihnen die bekannten Schlagershows zu schauen.

Udo Jürgens wird in meinem Umfeld auch nur zu später Stunde auf irgendwelchen Partys angestimmt, wenn der Alkoholpegel den Höchststand und das Niveau den dementsprechenden Tiefpunkt erreicht hat. Ich glaube, das ist dieses Dschungelcamp-Phänomen: Keiner schaut es, aber man wird so unterschwellig überall mit Infos konfrontiert, dass am Ende doch jeder weiß, wer gestern Abend das Krokodilauge essen musste. Und wenn jeder mitredet, macht es ja auch irgendwie Spaß.

Nun will ich nicht sagen, dass ich das Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“ in den letzten Jahren bewusst gemieden habe – es hat mich schlicht und einfach nicht interessiert. Bei jedem neuen großen Musical, das in Deutschland aufgeführt wird, verfolge ich mal mehr, mal weniger den Produktionsprozess. Vor allem bei den Eigenproduktionen von Stage Entertainment und der Vereinigten Bühnen Wien. Letztere zaubern meist Großartiges aus dem Hut und ich freue mich immer darüber, wenn etwas Neues in Wien produziert wird. Bei Stage Entertainment ist es immer ein Wechselbad der Gefühle. Musicals wie „Hinterm Horizont“ und „Rocky“ haben mich am Ende wirklich überrascht, „Ich will Spaß“ fand ich grottenschlecht und die neueste Produktion „Das Wunder von Bern“ sagt mir, obwohl ich Fußballfan bin, einfach nicht zu.

(c) Stage Entertainment
(c) Stage Entertainment

Und bei „Ich war noch niemals in New York“ hat meine Mutter es vor ein paar Jahren, als wir in Wien waren, ganz treffend formuliert: „Extra herfahren würde ich dafür nicht, aber wenn wir schon mal da sind, sonst nichts vorhaben und die uns die Karten für 5€ hinterher schmeißen, können wir doch reingehen, oder?“. Naja, wir sind nicht reingegangen. Und da es nun in München direkt vor meiner Haustür spielt und mich die Karten aufgrund eines glücklichen Zufalls nichts gekostet haben, habe ich doch mal einen Blick gewagt. Und ich muss sagen, es wäre mir lieber gewesen, wenn das Stück mich trotz geschenkter Karten einfach weiterhin nicht interessiert hätte.

 

Wenn die Alten ausbüchsen…

Die Handlung ist schnell erzählt. Eine Dame und ein Herr aus dem Altersheim verlieben sich ineinander und wollen in New York unter der Freiheitsstatue heiraten. Da die beiden ihren Platz im Altersheim verlieren, wenn sie nicht rechtzeitig zurückkehren, werden diese nun von ihren jeweils erwachsenen Kindern, einer erfolgreichen Fernsehmoderatorin und einem freiheitssuchenden Wildtierfotografen inklusive ihrem Make-Up-Team (weiß der Geier warum) und seinem Sohn gejagt. Im Laufe der Handlung werden diverse Familienprobleme gelöst, einige Liebesdramen inszeniert und viel, viel Champagner vernichtet. Da die Herrschaften mit dem Schiff nach New York wollen, spielt sich der Großteil der Handlung auf einem Kreuzfahrtschiff ab.

Die Story ist sehr vorhersehbar und unfassbar seicht. Noch dazu werden minutenlang nicht vorhandene Probleme besungen, wodurch die ganze Handlung sehr holprig und auch langatmig wirkt. Dazu konnte ich den Entwicklungen oft nicht folgen, da sich in der einen Szene noch gestritten wurde und in der nächsten alles wieder in Ordnung ist – ohne, dass es ein klärendes Gespräch gab. Man merkt einfach, dass versucht wurde, um die Songs eine einigermaßen sinnige Handlung zu zimmern und man hier vor allem schnell von einem Song zum nächsten kommen wollte. Allgemein kann man sagen, dass die Show schlicht und einfach von der Musik von Udo Jürgens` lebt und das Musical auf dessen Fans abzielt, die keiner komplexen Handlung folgen, sondern sich einfach an der Musik erfreuen möchten.

Das Problem mit der Erstbesetzung

Ich bin eigentlich niemand, der sich über Zweitbesetzungen aufregt, vor allem, wenn niemand in der Cast ist, über den ich mich besonders freuen würde. Aber dass an einem Sonntagabend fast nur Zweitbesetzungen auf der Bühne stehen, empfinde ich doch als Qualitätsmangel. Die Zweitbesetzungen haben ausnahmslos einen guten, wenn nicht sogar fantastischen Job gemacht und doch erkenne ich einen negativen Abwärtstrend bei Stage Entertainment, der von Musical-Fans durchgehend bei allen Produktionen beklagt wird. Besonders bei Wochenendshows sollte doch darauf geachtet werden, dass zumindest ein Großteil der Erstbesetzung auf der Bühne steht. Viele kommen doch tatsächlich auch wegen der Darsteller und wenn dann beide Hauptrollen von einem Cover gespielt werden, ist die Enttäuschung häufig groß.

(c) Stage Entertainment
(c) Stage Entertainment

Nichtsdestotrotz möchte ich nochmal betonen, dass mir Karin Seyfried als Lisa Wartberg und Nico Schweers als Axel Staudach an diesem Abend sehr gut gefallen und die Rollen sowohl schauspielerisch als auch gesanglich großartig interpretiert haben! Vielleicht wandelt sich der Abwärtstrend ja noch zu einem Aufwärtstrend, wenn die Zweitbesetzungen weiterhin so gut sind wie die Erstbesetzungen.

Das Ensemble war ebenfalls gut aufgelegt, allerdings tanzten die Darsteller das ganze Stück über mit einer solch übertriebenen guten Laune inklusive Dauergrinsen über die Bühne, dass es mich schon nach kurzer Zeit einfach nur genervt hat. Klar, das Stück ist ein Feel-Good-Musical und es gibt bestimmt die Regieanweisung so viel gute Laune wie möglich zu verbreiten, aber bei diesem Stück war es mir einfach zu viel.

Schluss mit lustig

Ein weiteres großes Manko bei dieser Show war, dass der ganze riesige Spaß, den die da oben auf der Bühne anscheinend hatten, bei mir absolut nicht angekommen ist. Bei jedem anderen Jukebox-Musical wie „Mamma Mia“ oder „We will rock you“ wurde ich irgendwann einfach mitgerissen, entweder von dem Geschehen auf der Bühne oder von den Leuten um mich herum. Bei „Ich war noch niemals in New York“ saß ich aber nur teilnahmslos im Publikum und konnte mich einfach nicht dazu überwinden, mitzuklatschen oder „mitzuschunkeln“. Ich habe mich fast ein bisschen gefreut, dass es am Schluss keine Standing Ovations gab und ich daher nicht gezwungen war, noch einmal aufzustehen und so zu tun als hätte ich Spaß.

Mir war von Anfang an klar, dass sich dieses Stück nicht in meine Liste der Lieblingsmusicals einreiht, aber dass es so vernichtend bei mir durchfällt, hätte ich nicht gedacht. Ich kann noch nicht einmal sagen, ob die seichte Handlung, die übertriebene gute Laune oder das sinnlos rappende Kind daran Schuld waren. Vielleicht war es auch eine Kombination aus allem gemischt mit einem schlechten Tag, aber wenn mich mal wieder jemand fragt, ob ich „Ich war noch niemals in New York“ sehen will, kann ich getrost sagen, dass es mich noch immer nicht interessiert.

Premierendatum: 02.12.2007 (Uraufführung, TUI-Operettenhaus, Hamburg)
Besuchte Vorstellung: 15.11.2015, Abendvorstellung, Deutsches Theater München
Musik: Udo Jürgens
Buch: Gabriel Barylli, Christian Struppeck
Regie: Carline Brouwer
Bühnenbild: David Gallo
Kostüm-Design: Yan Tax
Choreographie:
Kim Duddy
Besetzung: Karin Seyfried (Lisa), Nico Schweers (Axel), Andreas Bieber (Fred), Gianni Meurer (Costa), Regina Venus (Maria),