Diese Nachricht hat Musical-Deutschland am Mittwochmorgen stark erschüttert: Das Theater am Potsdamer Platz stellt nach der Dernière von „Hinterm Horizont“ seinen Spielbetrieb ein, 150 Mitarbeiter verlieren ihren Job.

Somit wurden auch all die Spekulationen um den Nachfolger des Lindenberg-Musicals mit einem Schlag obsolet und die – wohl doch etwas träumerische – Hoffnung vieler Fans, „Wicked“ würde in den deutschsprachigen Raum zurückkehren, enttäuscht.

Wie es weitergeht mit dem Theater ist noch unklar, schließlich hat die Stage Entertainment erst vor Kurzem den Mietvertrag der Spielstätte verlängert. Ein ähnliches Konzept wie jenes, das schon seit Jahren beim Essener Colosseum Theater umgesetzt wird, scheint denkbar.

Es ist aber nicht nur die Meldung an sich, die bestürzt und nachdenklich stimmt, sondern auch die Art und Weise, wie die Stage Entertainment sie kommuniziert. Bislang wurde immer krampfhaft versucht, selbst Shows, die ordentlich bis schlecht liefen, als Erfolge zu verkaufen und Flops bestenfalls ganz totzuschweigen.

Dass der Unternehmenssprecher Stephan Jaekel nun nicht nur davon spricht, dass der Spielbetrieb am Potsdamer Platz nicht genug Gewinn abwirft, sondern die Produzenten darüber hinaus „keine einzige Show im Köcher haben, die die Gewinnerwartungen von CVC erfüllen würde“, stimmt bedenklich.

Laut Informationen der Berliner Zeitung wirft lediglich die ewige Cash-Cow „Der König der Löwen“ satte Gewinne ab und das ist doch alles andere als eine positive Nachricht für den Musical-Standort Deutschland. Nun könnte man einerseits fragen, woran das liegt. Werden etwa die falschen Stücke gespielt? Werden die richtigen Stücke an den falschen Standort oder in zu geringer Qualität gebracht? Hat die Preispolitik versagt, oder sollte das Marketing vielleicht nachlegen?

Will man nach Gründen für den Status Quo suchen, wird es wohl keine korrekte Antwort geben. Die momentane Situation setzt sich aus einer Vielzahl an Entwicklungen im Live-Entertainment-Bereich und den veränderten Kundenbedürfnissen zusammen, auf die entweder nicht oder nicht richtig reagiert wurde. Allerdings ist es mühsam, hier Vermutungen und Spekulationen anzustellen.

News: Aus für Theater am Potsdamer Platz
(c) Eventpress/Radke

Wichtig ist eher die Frage, wie es mit dem Musical in Deutschland weiter geht. Auch das ist rein spekulativ, aber Tendenzen sind zumindest erkennbar, beziehungsweise lassen sich nicht ganz so schwer konstruieren. Denn Jaekels nicht sehr schmeichelhafte Aussage, keine Show würde die Gewinnerwartungen des Investors CVC erfüllen, lässt dessen Erwartungen und Anspruchshaltung nicht unbedingt in einem erfreulichen Licht erscheinen.

Außerdem ist es nicht gerade verheißungsvoll, dass diese Gewinnerwartungen scheinbar so hoch sind, dass selbst das erfolgreichste Berlin-Musical aller Zeiten zu wenig Cash abwirft. Nun könnte man auch darüber diskutieren, wie hoch Gewinnerwartungen im Kulturbereich überhaupt sein dürfen und flammende Plädoyers gegen die Kommerzialisierung der Kunst halten.

Fakt ist: Das Musical in seiner Long-run-Form ist kommerziell und wird erlösorientiert produziert. Sobald aber die Gewinnmaximierung eine Grenze überschreitet, wird diese Kunstform ausgehöhlt und verliert ihre Substanz. Man muss als privatwirtschaftliches Unternehmen mit Musicals Gewinne machen dürfen, aber man darf im Kulturbereich – und in dem befinden wir uns ja immer noch, auch wenn alle immer nur von Live-Entertainment sprechen – nicht dieselben Rentabilitätskennziffern anwenden, wie in anderen Industriebereichen. Gewinnoptimierung oder –maximierung sind schwierige Themen, mit denen sorgsam umgegangen werden muss, da Kulturgüter immateriellen Charakter besitzen und Musicals letztlich Emotionen „verkaufen“.

Kurzfristig bedeutet diese Nachricht wohl vor allem, dass die Stage nicht unbedingt mehr wagen wird. Stücke, wie „Wicked“, „Book of Mormon“ oder gar – man darf ja noch träumen – „Hamilton“ werden jetzt erst recht nicht den Weg auf deutsche Ensuite-Bühnen finden, da der Erfolg hier mehr als ungewiss, wenn nicht sogar unwahrscheinlich ist.

Daher wird wohl auf Altbewährtes oder eben jene Stücke gesetzt, bei denen der Erfolg am ehesten kalkulierbar ist. Also anders ausgedrückt: Disney, Udo Jürgens und „Tanz der Vampire“. Auch weitere Einsparungen werden wohl ein Thema sein und insbesondere Orchester und Cast treffen. Kürzere Laufzeiten und im Zuge dessen mehr Tour-Produktionen und reduzierte Ausstattungen könnten weitere Mittel sein, um Musicals rentabler zu gestalten. Dies funktioniert schon bei „Chicago“ und „Ich war noch niemals in New York“ sehr gut und könnte Potential für weitere Produktionen bieten.

Ich persönlich blicke dieser Entwicklung sehr skeptisch entgegen, weil es ja nichts anderes bedeutet, als bei einer Strategie, die man schon seit Jahren fährt, noch mehr auf Vollgas zu drücken. Mehr Einsparungen, weniger Qualität, kein Mut bei Stückentscheidungen, höhere Preise – all das hat letztlich zu dem Punkt geführt, an dem sich die Stage Entertainment nun befindet.

Es bleibt spannend zu beobachten, ob die Stage Entertainment nun anders, vielleicht sogar mutiger agiert, oder lediglich weitere Theater schließt. Fakt ist: Musical ist die rentabelste aller Theaterformen. John Kenrick schrieb einmal, dass die besten Musicals über folgende drei Eigenschaften verfügen: Heart, Brain and Courage. Schaut man sich die Erfolge an Broadway und West End an, kann man diese Elemente bei den Mega-Sellern deutlich erkennen. Schaut man sich den aktuellen Spielpan der Stage Entertainment an, wird das schon etwas schwieriger.

Beitragsbild: KULTURPOEBEL/Lennart Schaffert

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.