Vorsicht: Ab hier beginnt die Satirezone!

Silvesterfeuerwerke haben meist nicht nur visuellen, sondern auch symbolischen Wert. Das alte Jahr mit all seinen schönen und schlechten Momenten weicht etwas Neuem, das in seiner Ungewissheit verspricht, besser zu werden als alles Dagewesene. Somit ist Silvester auch immer eine Art Reset-Taste für das eigene Leben, welches mit lauter tollen Vorsätzen angereichert wird. Meist dauert es nicht lange, bis man merkt, wie schön gemütlich aber die Gewohnheit ist und all die hehren Ziele verpuffen ähnlich schnell wie die letzten Raketen am Himmel.

Nicht so aber die Vorsätze der deutschen Musical-Produzenten. Auch diese haben aus dem alten Jahr gelernt und sich ein paar hübsche Dinge ausgedacht, wie sie uns Musical-Fans das Leben noch „schöner“ machen können. Ein paar der interessantesten Einfälle konnten wir samt Erläuterungen in bester SPIEGEL-Manier leaken. Viel Spaß damit!

Adieu, ihr seltsamen Preiskategorien

Warum gibt es eigentlich so viele Preiskategorien? Das ist doch viel zu umständlich und gar nicht kundenfreundlich. Kunden mögen es einfach (nicht günstig, das ist ein Märchen!). Daher schlage ich vor, wir streichen Preiskategorie 2 bis 4 einfach, weiten die Preiskategorie 1 bis Reihe 31 aus und führen die „PK Super Premium“ ein, welche bis Reihe 20 reicht. Natürlich bleibt PK 1 preisgleich und „PK Super Premium“ kostet dann einfach 200 Euro. Und all die Studenten sollen sich mal nicht beschweren, wenn Musicals plötzlich so „teuer“ werden, schließlich gibt es ja 10 Prozent Studentenrabatt… also bei manchen Vorstellungen. Spottbillig ist das!
Und wenn Onkel Herbert wiedermal von Tante Erna ins „Phantom der Oper“ geschleppt wird, bieten wir großzügig die PK „Gar kein Bock auf Musical“ an mit Liegemöglichkeit, Bettdecke und Ohrstöpseln. Sekt in der Pause ist natürlich inklusive, sonst wäre Tante Erna nachher ja noch sauer.

Mehr Gebühren braucht das Land!

Versand- Service und Vorverkaufsgebühren sind ja mittlerweile olle Kamellen. Da müssen wir wieder dringend kreativ werden, damit es für unsere Besucher nicht langweilig wird. Daher schlage ich die „Opa-Helmut-Gebühr“ vor. Weiß keiner, was sich dahinter verbirgt, kann sich auch keiner beschweren. Und wer will schon was gegen Opa Helmut sagen?

Neue Sportarten musicalfähig machen

Mit dem „Wunder von Bern“ gibt es ein Fußball-Musical und mit „Rocky“ ein Box-Musical – Auch wenn wir im Marketing immer was anderes erzählen und von Liebesgeschichte oder Vater-Sohn-Zusammenführung sprechen. Nachdem das so gut geklappt hat, sollten wir mehr Sportarten auf die Musicalbühne bringen. Wie wäre es mit „Ping Pong – das Tischtennis-Musical“ oder „Plitsch Platsch – das Ruder-Musical“? Und wenn ein Musical über Schach erfolgreich sein kann, warum dann nicht auch eins über Dart oder Hallenhalma?

Orchester verkleinern

Unsere Orchester sind viel zu groß! Will uns „Generation Spotify“ wirklich erzählen, dass sie den Unterschied zwischen Bandeinspielung und Live-Orchester hört? Also bitte… Es gibt doch mittlerweile so viele hübsche Softwares, die man problemlos verwenden kann. Statt einem Dirigenten stellen wir dann einen Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung in den leeren Orchestergraben, der mit seinem MacBook dann ein bisschen Musik machen darf. Wenn man das „Phantom der Oper“ mit 14 Orchestermusikern spielen kann, dann sind uns keine Grenzen gesetzt. Tschakka!

Ensemble verkleinern

Es turnen viel zu viele Darsteller auf unseren Bühnen rum. Die Zeiten von „42nd Street“ sind vorbei! Ich bin mir sicher, man kann ein „Tanz der Vampire“ auch mit 10 Leuten spielen, schließlich ist der Graf von Krolock doch sowieso die halbe Zeit nicht auf der Bühne. Der kann dann noch ein Nightmare Solo übernehmen und vielleicht Magda spielen. Merkt doch eh niemand. Und Chagall übernimmt noch den Herbert und die Rolle des Alfred wird ganz gestrichen. Die Liebesgeschichte funktioniert bestimmt auch mit dem Professor. Wird er halt ein bisschen verjüngt.
Nur die Tanzsaal-Szene wird dann etwas schwierig… Aber da stellen wir einfach wie in der phantomschen Maskenball-Sequenz ein paar hübsch gekleidete Puppen hin und fertig ist das modifizierte „Tanz der Vampire“. Die Leute werden`s lieben!

Mehr limitierte Laufzeiten

Hach, das macht immer einen Spaß, wenn wir „Nur für kurze Zeit“ auf die Plakate drucken und dann ganz spontan wegen großer Nachfrage verlängern, obwohl die Nachfrage gar nicht mal so groß ist und schon von Vornherein mit einer viel längeren Laufzeit kalkuliert wurde. Wir Teufelskerle…

Noch mehr Tour-Produktionen

Die Musical-Rotation Hamburg-Stuttgart-Oberhausen macht viel mehr Spaß, wenn die Ausstattung tourneefähig ist. Das bedeutet: abgespecktes Bühnenbild, reduziertes Orchester, kleineres Ensemble, aber gleicher Eintrittspreis. Yippie! Funktioniert ja momentan im Produktions-Ping-Pong zwischen Deutschem Theater München und Theater des Westens Berlin schon super und sollte auf alle Standorte ausgeweitet werden.

 

Beitragsbild: © Rob Bye

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.