Bei meinem ersten Besuch im Big Apple durfte natürlich auch der Broadway nicht zu kurz kommen und da meine Begleitung zwar gerne ins Musical geht, aber ich ihn „nur“ zu zwei Besuchen überreden konnte, musste ich mich leider schweren Herzens entscheiden. Meine Wahl fiel zum einen auf „Aladdin“, weil es einfach mein liebster Disney-Film ist und ich unbedingt James Monroe Iglehart in der Rolle des Genies sehen wollte. Beim zweiten Musical fiel mir die Entscheidung aufgrund der nicht geraden kleinen Auswahl in New York schon deutlich schwerer. Nachdem ich jedoch die ersten Ausschnitte aus „Finding Neverland“ gehört hatte und da ich den Film äußerst gerne mag, fiel meine Wahl schnell auf dieses Stück.

Das Musical beruht auf dem Filmdrama „Wenn Träume fliegen lernen“ aus dem Jahr 2004 und beschreibt die Entstehungsgeschichte rund um „Peter Pan“. Johnny Depp spielt im Film den Theaterautor J.M. Barrie, der nur mäßigen Erfolg mit seinen Theaterstücken verbuchen kann und zu Beginn die Witwe Sylvia Llewelyn Davies (gespielt von Kate Winslet) und ihre Söhne kennenlernt. Er verbringt vor allem mit ihren vier Jungs sehr viel Zeit, die ihn während der Handlung zu seinem größten Erfolg „Peter Pan“ inspirieren.

Sind Film-Musicals die neuen Jukebox-Musicals?

Finding Neverland Film LogoEs scheint in letzter Zeit ein Trend geworden zu sein, aus Filmen im Nachhinein Musicals zu machen. Vor allem Produktionen wie „Bend it like Beckham“, „Big Fish“, „Ghost“, „Rocky“ oder „Das Wunder von Bern“ sind hierfür aktuelle Beispiele, wobei es sich eher um eine „Film-Vermusicalung“ handelt, als um wirkliche Musical-Filme. Hierbei werden Filme als Grundlage genommen, die nicht mal im Entferntesten etwas mit Musik oder Tanz zu tun haben und bei denen man häufig nicht mal im Traum daran gedacht hätte, daraus ein Musical machen zu können. Während sich Verfilmungen wie „Bodyguard“ oder „Sister Act“ als Musicalshow anbieten, finde ich Musicals wie „Bend it like Beckham“ alleine schon von der Idee her unfassbar unsinnig. Die Umsetzungen sind dann meist sehr unkreativ und funktionieren einfach nicht. Wirklich erfolgreich waren wenige und die meisten sind zu Recht sang- und klanglos wieder in Versenkung verschwinden.

Finding Neverland LogoNun hat der Film „Finding Neverland“ auch nicht viel mit Musik zu tun, jedoch konnte ich mir hier sofort vorstellen, dass man daraus ein gutes Musical machen könnte. Der Film ist schon so verträumt und melancholisch aufgebaut, dass es einfach passt, wenn noch etwas Musik diese Stimmung und Atmosphäre intensiviert. Da in der Handlung auch immer wieder Parallelen zu „Peter Pan“ aufgegriffen werden und wohl jeder „Peter Pan“ zuerst mit dem Disney-Film in Verbindung bringt, ist es eigentlich schon eine berechtigte Frage, warum man nicht gleich aus dem Film ein Musical gemacht hat.

Musik zum träumen

Da das eigentliche Cast-Album erst nach meinem New York Aufenthalt erschienen ist, hatte ich mir zuerst das Konzeptalbum von „Finding Neverland“ gekauft (u.a. mit Nick Jonas, Ellie Goulding, Rita Ora, Christina Aguliera, Jon Bon Jovi) und war da bereits hin und weg. Die Musik von Gary Barlow, bekannt als Mitglied von Take That, und Eliot Kennedy hat mich so begeistert, wie schon lange kein Album mehr und da ich nur erahnen konnte, wie toll diese Musik erst auf der Bühne wirkt, war sofort klar, dass ich dieses Musical unbedingt in New York sehen muss.

Jetzt, da ich beide Alben zuhause habe, bevorzuge ich eher das richtige Cast-Album als das „Star-Album“. Vor allem Songs wie „Stronger“, „Neverland“ oder „When your feet don’t touch the ground“ sind wunderschöne Ohrwürmer, die viel stimmiger und gefühlvoller klingen, wenn sie im Zusammenhang mit dem Musical gesungen werden und nicht in leicht abgewandelter Radio-Version etwas nüchtern von Pop-Stars interpretiert werden. Außerdem hat jeder Star dem jeweiligen Song seinen persönlichen musikalischen Stempel aufgedrückt, wodurch jedes Lied eher individuell klingt und nicht wie der Bestandteil eines Musicals.

Einzig „We own the night“ fand ich auf der Bühne fast ein wenig enttäuschend und ich musste zweimal hinhören, um sicherzugehen, dass es sich um den gleichen Song handelt, da es auf dem Konzept-Album eher ein düsteres, kraftvolles Solo und auf der Bühne auf einmal eine Gute-Laune-Ensemble-Nummer ist. Auch dass es „Anywhere but here“ – gesungen von Christina Aquilera – nicht in die Broadway-Fassung geschafft hat, ist sehr schade.

Andere Länder, andere Sitten

Im Vorfeld meiner New York Reise habe ich mir die TKTS-App auf mein Handy geladen, womit ich jeden Tag informiert wurde, für welche Shows es gewöhnlich Last-Minute-Rabatte gibt. Fazit war, dass ich für „Aladdin“ absolut keine Chance hatte, günstiger an Tickets ranzukommen, während für „Finding Neverland“ jeden Tag rabattierte Karten im Angebot waren, was wahrscheinlich auch an der nicht vorhandenen Tony-Nominierung lag. Im Endeffekt haben wir für beide Shows gleich viel gezahlt, nur saßen wir bei „Aladdin“ so weit oben, dass ich eine leichte Höhenangst entwickelt habe und bei „Finding Neverland“ im Parkett auf super Plätzen, wo ich die Show absolut genießen konnte. Trotz den unterschiedlichen Vorverkäufen der beiden Musicals waren beide Vorstellungen gut besucht.

Bei den Amerikanern merkt man auch eine ganz andere Begeisterung als in europäischen Theatern. Bei beiden Shows ging gleich zu Beginn ein begeisterter Applaus los, was ich in deutschen Theatern grundsätzlich erst beim Schlussapplaus erlebe (wenn überhaupt). In Deutschland bin ich auch immer etwas peinlich berührt, wenn das Publikum zum Mitmachen animiert wird, weil es grundsätzlich nach hinten losgeht und das Publikum sich vielleicht höchstens zum Klatschen hinreißen lässt. In New York hingegen hat man regelrecht die Freude und Motivation im Publikum gespürt, weswegen das Erlebnis, Teil des Publikums zu sein alleine schon ein Grund ist, ein Musical in New York zu besuchen.

Back to the roots

„Finding Neverland“ hat mir absolut nicht zu viel versprochen, weswegen mein Unverständnis, dass diese Show nicht mal eine Nominierung für die Tonys bekommen hat, noch größer wurde. Die Musik ist, wie schon erwähnt, eine Wohltat für müde Musicalohren und unterstreicht die Handlung einfach perfekt. Zur Film-Story wurden noch ein paar Kleinigkeiten dazugedichtet, wie die Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptcharakteren, wodurch die Handlung im Musical wohl noch weniger dem entspricht, wie es historisch wirklich abgelaufen ist. Aber um es mit den Worten Luigi Luchenis zu sagen „Die Wahrheit gibt’s geschenkt, aber keiner will sie haben, weil sie doch nur deprimiert“.

Was mir besonders gefallen hat, war, dass auf die gute alte „Theatermagie“ gesetzt wurde und ich dadurch nicht von irgendwelche „Special Effects“ von der Handlung abgelenkt war. Bei „Aladdin“ habe ich fast komplett „A whole new world“ verpasst, weil ich wissen wollte, wie der Teppich fliegt. Bei „Finding Neverland“ passiert auch viel „Magisches“ auf der Bühne, aber man kann sich denken wie es bewerkstelligt wird und doch ist es nicht weniger magisch, wenn auf einmal die ganze Bühne in einem Glitzerregen versinkt oder Tinkerbell über die Bühne flattert. Da bei vielen Musicals heutzutage stark versucht wird, mit Technik von der eigentlich schwachen Handlung abzulenken, war es schön mal wieder ein Stück zu sehen, dass sich vermehrt auf die Handlung konzentriert und diese Ablenkungsmanöver nicht nötig hat.

Die können’s einfach…

Neben der Handlung, der Musik und der Technik dürfen natürlich auch die Darsteller nicht zu kurz kommen. Allen voran hat mir Matthew Morrison als J.M. Barrie gefallen. Den gestellten schottischen Akzent fand ich furchtbar, aber da er allein schon wegen seiner Rolle als Mr. Schuester aus „Glee“ bei mir sämtliche Pluspunkte abgeräumt hat und er singt wie ein junger Gott, verzeihe ich ihm das mal. Außerdem ist er selbst mit Bart einfach unfassbar nett anzusehen und spätestens nach „Stronger“ hatte er das gesamte Publikum auf seiner Seite.

Auch Laura Michelle Kelley hat mich in der Rolle der Sylvia Llewelyn Davies sowohl schauspielerisch als auch gesanglich äußerst beeindruckt. Bei ihr klingt alles so glockenklar und gleichzeitig so kraftvoll, dass selbst die schwierigsten Töne wirken, als wären sie das Einfachste der Welt. Bei „All that matters“ habe ich gehofft, dass das Lied nie zu Ende geht. Noch dazu, hatte sie so eine sympathische, mütterliche Ausstrahlung, dass es gleich noch viel trauriger und emotionaler war, als sie „nach Nimmerland“ gegangen ist.

Wen ich auch unbedingt hervorheben möchte – und ich hätte nie gedacht, dass mir das mal passieren würde – waren die Kinderdarsteller. Für gewöhnlich suche ich ganz schnell das Weite, wenn Kinder im Musical zum Einsatz kommen. Aber bei „Finding Neverland“ war ich absolut begeistert von den Jungs. Vor allem der Darsteller des Peter hat mich mehr als einmal an den Rand der Tränen getrieben. Dabei will ich gar nicht so sehr den Gesang hervorheben, sondern, dass die Kinder einfach Spaß auf der Bühne hatten und ihr Schauspiel dadurch so authentisch wirkte.

Auch das Ensemble hat eine solche Spielfreude an den Tag gelegt, dass ich vor allem bei der Ensemble-Nummer „Play“ am liebsten aufgesprungen wäre und mitgetanzt hätte. Wahrscheinlich hätten die ganzen Amis auch noch mitgemacht, wenn nur einer angefangen hätte.

Fazit

Endlich mal wieder ein Musical mit toller Handlung, fabelhafter Musik, grandiosen Darstellern und viel Liebe in Kulissen und Kostümen. Ich möchte mich bei der gegenwärtigen Musicallage in Deutschland nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber „Finding Neverland“ könnte in meinen Augen durchaus auch in Deutschland funktionieren, obgleich man noch keine Gerüchte dahingehend vernehmen kann.

Trailer zur Broadway-Produktion (Cast 2015/2016)

Finding Neverland

Price: EUR 22,38

5.0 von 5 Sternen (5 customer reviews)

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Premiere: 22. September 2012, Curve Theatre, Leicester-Produktion
15. April 2015, Lunt-Fontanne Theatre, Broadway, New York
Besuchte Vorstellung: 10. Juli 2015, Lunt-Fontanne Theatre, Broadway, New York
Musik: Gary Barlow, Eliot Kennedy
Buch: James Graham
Regie: Diane Paulus
Choreographie: Mia Michaels
Besetzung: Matthew Morrison (J.M. Barrie), Laura Michelle Kelley (Sylvia Llewelyn Davies), Anthony Warlow (Charles Frohman/James Hook), Teal Wicks (Mary Barrie), Carolee Carmeloo (Mrs. du Maurier), Peter Llewelyn Davies (Aidan Gemme), George Llewelyn Davies (Sawyer Nunes), Jack Llewelyn Davies (Christopher Paul Richards), Michael Llewelyn Davies (Alex Dreier)
Cast-Aufnahme: OBC 2015 (verfügbar auf Spotify)

Beitragsbild: © Carol Rosegg

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.