Ein immer wieder auftretendes Phänomen in der hiesigen Musical-Szene ist, dass manche Werke in Sachen Rollen und deren Besetzung einen größeren Diskussionsstatus erreichen als die Stücke selbst. Sei es nun die gegenwärtige Hysterie bezüglich der Besetzung des Grafen von Krolock in „Tanz der Vampire“ oder vergangene Spekulationen rund um die Titelrollen in „Mozart!“, „Das Phantom der Oper“ oder „Evita“: Ein echter Musical-Fan muss eine Meinung bzw. einen Lieblingsdarsteller für diese Rollen nennen können. Wobei es relativ unwichtig ist, ob man diesen Darsteller tatsächlich live auf der Bühne gesehen hat. Ein „Hab ich nicht gesehen, kann ich nicht beurteilen“ gibt es auf den deutschen Musical-Diskussionsplattformen nicht. Wenn man sich nicht auskennt, muss man sich eben informieren und bei der Auswal natürlich eine gute Begründung parat haben, wieso dieser Darsteller die beste Besetzung für diese Rolle ist. Denn keine plausible Begründung zu nennen, ist noch viel schlimmer als überhaupt keine Meinung zu haben und man sollte dann froh sein, dass das Internet so anonym ist. In der realen Welt wäre die Meute nämlich schon mit Heugabeln und Fackeln auf einen losgegangen.

Auch der Tod in „Elisabeth“ ist eine solche Rolle, deren Besetzung meist noch heißer diskutiert wird, als die Titelrolle der Kaiserin selbst. Hinzu kommt, dass dieses Stück seit seiner Uraufführung so oft in verschiedenen Inszenierungen gezeigt wurde und vor allem diese Rolle immer wieder neu ausgelegt worden ist, dass man hier nicht nur vom „besten“ Darsteller spricht, sondern auch davon, welche Interpretation der Rolle einem am meisten zusagt. Ich habe mir mal ein paar Gedanken zu dieser Rolle gemacht und möchte euch meine Top 4 der Tod-Darsteller natürlich nicht vorenthalten. Vielleicht hilft es ja auch dem ein oder anderen Musical-Frischling, sich in der bunten Elisabeth-Welt zurechtzufinden, denn man muss ja schließlich nicht alles wissen, sondern nur, wo man es nachschlagen kann.

4. Platz: Olegg Vynnyk – Der Coole (Stuttgart 2005)

Der Tod in der Interpretation von Olegg Vynnyk ist kalt, distanziert und emotionslos, also genau so, wie man sich den klassischen Sensenmann vorstellt, weswegen mir persönlich dazu leider nur ein Wort einfällt: Langweilig! Die Produktionen in Essen und Stuttgart fand ich immer am schrecklichsten (an dieser Stelle würde mir Rasmus nun widersprechen), da sie in meinen Augen unnötig verkitscht und die Charaktere zu langweiligen Stereotypen gemacht worden sind, was einem Stück wie „Elisabeth“ die ursprüngliche Genialität schlicht wegnimmt. Man merkt auch, dass die Rolleninterpretation Vynnyks eher eine Brücke zu viel ausgereifteren Darstellungen war, weil das Kalte und Distanzierte des Todes in keiner Szene aufgebrochen und die Zuneigung zu Elisabeth und umgekehrt einfach nicht nachvollziehbar wurde. Trotzdem hat Vynnyk die Rolle so stark gesungen, wie wenige andere und den Tod zum ersten Mal in Richtung des „Coolen“, „Beherrschten“ geführt, wodurch dem ganzen Rollenbild wichtige Impulse gegeben wurden, die von anderen schließlich auch aufgenommen wurden.

3. Platz: Máté Kamarás – Der Aggressive (Wien 2004, Tour 2015/2016)

© Wonge Bergmann
Máté Kamarás in der Tournee von Elisabeth 2015/2016 © Wonge Bergmann

Bezüglich Máté Kamarás, der die Rolle 2004 bei der Wiederaufnahme in Wien übernommen hat, scheiden sich die Geister. Entweder man liebt ihn abgöttisch oder man hasst seine Interpretation des Tods. Ich persönlich muss sagen, dass ich mich eher zu der ersteren Gruppe zähle, da die Rolle bei ihm sehr authentisch wirkt. Er spielt den Tod äußerst aggressiv und leidenschaftlich und wirkt fast ein wenig menschlich, wodurch er nicht mehr diese unnahbare Kunstfigur ist, wie Uwe Kröger den Tod in der Uraufführung verkörpert hat. Die Kostüme und Kulissen waren 2004 immer noch die gleichen wie in der Produktion von 1992, jedoch wurde das Stück damals schon auf eine modernere und auch rockigere Ebene gesetzt, was vor allem an den Interpretationen von Máté Kamarás als Tod und Serkan Kaya als Luigi Lucheni lag. Zudem hat Kamarás auch nicht unbedingt eine Allerwelts-Stimme, wie man sie in jedem Theater hören kann. Und gerade weil seine Stimmfärbung teilweise so ungewohnt klingt, kann er das „Übernatürliche“ und „Unmenschliche“ des Todes wie kein Zweiter transportieren.

2. Platz: Mark Seibert – Der Verführerische (Produktionen 2011-2015)

Mark Seibert in der Wiener Produktion 2012 © VBW/Brinkhoff/Mögenburg
Mark Seibert in der Wiener Produktion 2012 © VBW/Brinkhoff/Mögenburg

Er ist zwar „nur“ auf Platz 2, da in Sachen „Elisabeth“ niemand Uwe Kröger vom Thron stößt, aber er ist mein persönlicher Lieblings-Tod. Mark Seibert hat die Rolle von 2011 bis 2015 sowohl in der dritten Spielzeit von „Elisabeth“ in Wien als auch bei den Deutschland-Tourneen verkörpert. Stimmlich hat mir Mark Seibert schon immer gefallen und da der Tod ja doch in erster Linie ein Verführer sein soll, hat er für mich einfach auch optisch genau in die Rolle gepasst. Ich würde ein äußerst langes Leben führen, wenn mir der Tod als laufender Meter mit langem, blonden Haar, das den Verdacht erweckt, dass er länger zum Haareföhnen braucht als ich, erscheinen würde. Seiberts Tod hat die ursprüngliche androgyne Erscheinung endgültig abgelegt, tritt im Ledermantel und Boots auf und geht auch gesanglich endgültig in eine rockige Richtung. Wobei der Tod von Mark Seibert gleichzeitig doch der kühle und beherrschte Typ ist, der die ganze Handlung eigentlich ruhig beobachtet, zeigt er in manchen Szenen dann doch seine verletzliche Seite, was seine Darstellung so facettenreich und spannend macht.

1. Platz: Uwe Kröger – Der Androgyne (Uraufführung 1992, Essen 2001, Berlin 2008)

Uwe Kröger in der Wiener Produktion von 1992 © Vereinigte Bühnen Wien
Uwe Kröger in der Wiener Produktion von 1992 © Vereinigte Bühnen Wien

Man kann von Uwe Kröger und seiner aktuellen stimmlichen Verfassung halten, was man will, aber er hat diese Rolle einfach geprägt wie keiner seiner vielen Kollegen, die nach ihm den Part übernommen haben. Er hat den Tod nicht nur in der Uraufführung 1992 in Wien kreiert, sondern hat mit dieser Rolle eine beispiellose Karriere hingelegt, die ihm im deutschsprachigen Musical-Bereich bisher keiner nachgemacht hat. Die Rolle war Anfang der 90er Jahre sehr androgyn angelegt und Uwe Kröger fand in seiner Darstellung– auch dank seiner Statur und blonden Föhnwelle – die perfekte Mischung aus zarter Weiblichkeit und männlichem Rockstartum. Vor allem David Bowie hat dem Kreativteam Michael Kunze und Silvester Levay hierbei als Vorbild gedient, welchem Kröger perfekt entsprochen hat. Er hat die Rolle später noch in Essen (2001) und in Berlin (2008) verkörpert, wo der Tod jeweils wieder, sowohl optisch als auch darstellerisch, anders interpretiert worden ist. Dabei sieht man sehr gut, dass der Tod eine Rolle ist, die sich mit der Zeit verändert und immer wieder dem aktuellen männlichen Schönheitsideal anpasst.

Ganz egal welcher Tod euch am ehesten zusagt, eines haben die Erstbesetzungen doch alle gemein, weswegen man sich fragt, ob das in irgendeiner internen Casting-Ausschreibung vermerkt ist: Gesundes und glänzendes blondes Haar. Wer also nicht auf Blondinen steht, ist bei „Elisabeth“ sowieso raus.

Wer „Elisabeth“ nochmal sehen möchte, hat bis zum 28. März 2016 Gelegenheit dazu. Die aktuelle Tournee-Produktion spielt derzeit im Hamburger Mehr! Theater am Grossmarkt, was die vorerst letzte Station sein wird. Tickets gibt es hier.

Beitragsbild: © VBW/Brinkhoff/Mögenburg