Die Takarazuka Revue ist eine Institution japanischer Musicals. Der Cast besteht komplett aus Frauen und führt in der Präfektur Hyōgo sowie einem kleinerem Theater in Tokio westliche Musicals wie „West Side Story“, „Guys and Dolls“, „Singing in the Rain“ und „Elisabeth“, aber auch die Adaptionen von Shoujo-Mangas wie „Die Rosen von Versailles“ und Filmen wie „Ocean’s 11“ und „Sabrina“ auf. Jene, die sich regelmäßig über die Deutsche Bahn ärgern, können vermutlich kaum glauben, dass die Takarazuka Revue 1913 von Kobayashi Ichizo, Gründer des Eisenbahnkonzerns Hankyū, ins Leben gerufen, welcher noch heute die Gagen bezahlt.

Die Takarasiennes (abgeleitet von „Parisennes“, bezeichnet die Frauen des Ensembles) besuchen zwei Jahre lang die Takarazuka Music School. Im zweiten Jahr entscheidet sich, ob sie sich auf Männer- oder Frauenrollen spezialisieren, danach wird nicht mehr getauscht. Dabei sind die Mädels zwischen 15 und 18, die Klassen nie größer als zwanzig Schülerinnen. Frühmorgens müssen die Schuhe geputzt werden – ohne Gesang, man muss schweigen. Nach ihrer Ausbildung werden sie in der Regel Backgroundtänzerinnen, bis sie alt genug für größere Rollen sind. Das Motto der Schule lautet „Reinheit, Wahrheit, Schönheit“ – wer hier zu den bislang 4.500 Frauen vor einem gehören will, welche die Schule abgeschlossen haben, muss hart trainieren.

Man führte aufgrund verschiedener Stilrichtungen Gruppierungen ein, die sich inzwischen eher durch große Topstars als Unterschiede in der Performance konstituieren: Hanagumi („Blumengruppe“), Tsukigumi („Mondgruppe“), Yukigumi („Schneegruppe“, verantwortlich für die erste „Elisabeth“-Aufführung), Hoshigumi („Sternengruppe“) und Soragumi („Kosmosgruppe“, die zuerst das „Phantom der Oper“ auf die Bühne brachten). Insgesamt sind das 400 Frauen. Der Salon de Takarazuka in Hyōgo stellt die aufwändigen Kostüme für Besucher aus.

Bereits in den Zwanzigern kam es zur Kontroverse, weil sich das vornehmlich weibliche Publikum in die Otokoyaku, also die Darstellerinnen, die Männerrollen übernehmen, verknallten und nicht nur fleißig Liebesbriefe schrieben, sondern es auch viele Hinweise auf lesbische Romanzen in den Stücken gab. Wer „Die Rosen von Versailles“ (1974) kennt, weiß, dass dies natürlich nicht aufhörte, als man den Schauspielerinnen den Kontakt zu ihren Fans untersagte – immerhin geht es in dem Stück um die mutige Oscar François de Jarjayes und ihre Schutzfunktion für Marie Antoinette. Mittlerweile ist es Fanclubs aber wieder erlaubt, vor der Backstagetür zu warten. Gleichfalls dürfen die Schauspielerinnen weder heiraten noch überhaupt jemanden daten – was nicht viel anders ist, als bei anderen J-Idols, wo viele junge MusikerInnen dementsprechende Verträge unterzeichnen.

Ein weiterer Grund für den Faible der Japanerinnen für ihr Takarazuka ist eindeutig, dass hier Frauen die Gelegenheit bekommen, die Macht eines Mannes zu übernehmen – immerhin gehört Japan zu den Industrieländern mit den wenigsten Frauen in Führungspositionen. Wer hier ein Baby bekommt, wird niemals mehr einen Vollzeitberuf antreten können. Kein Wunder, dass man also davon träumt, wie eine Otokoyaku sein zu können. Die weiblichen Rollen, die Musumeyaku, werden leider oftmals als sehr schwach und hilflos dargestellt, was ein großer Kritikpunkt vieler Fans ist. Zudem scheiden sich die Geister, ob die Otokoyaku als burschikose Frauen gesehen werden können oder als „richtige Männer“ – eine der bekanntesten Otokoyakus, Tomu Ranju, ließ sich direkt nach ihrem Rentenantritt mit 40 für ihre erste Solo-CD auch sofort eine Wallemähne wachsen, um ihre Feminintät zu unterstreichen

Die Takarazuka Revue inspirierte maßgeblich die Mangas „Princess Knight“ und „Ouran High School Host Club“. Naoko Takeuchi kreierte die Charaktere Haruka Tenoh und Michiru Kaioh in „Sailor Moon“ sogar ursprünglich als Schauspielerinnen der Truppe. Das Phänomen der Nur-Frauen-Casts wurde 2013 von den „Sailor Moon“-Musicals kopiert, welche aber bereits 2003 eine ehemalige Hauptdarstellerin – Yuuka Asami – in einer Nebenrolle als männlichen Bösewicht, Jadeite, besetzten. Wer jetzt neugierig geworden ist – im Sommer wird neben einem japanischen Rockmusical „Elisabeth“ erneut aufgenommen.

Das ganze Programm findet ihr hier.

Beitragsbild: Offizielle Homepage

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Simone Bauer
„She wanted Mary Poppins and I took her to King Lear“ – (The Wombats)

Lieblings-Musical(s): „Hairspray“, „Grease“, „Elisabeth“ (in der Takarazuka-Revue-Variante)
Lieblings-Komponist: Benny Andersson und Björn Ulvaeus
Lieblings-Texter: Nao Takagi (für ihre Rede in „Last Dracul Jokyoku“)
Musical-Fan seit: „Cats“ (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Wenn unzählige begabte TänzerInnen völlig synchron in atemberaubenden Kostümen eine beeindruckende Choreographie tanzen - da schlägt mein Joachim-Llambi-Herz höher!