Eigentlich stehe ich Musicals in Stadttheatern immer etwas skeptisch gegenüber, da ich in der Vergangenheit des Öfteren schlechte Erfahrungen damit gemacht habe – nun wurde ich (mal wieder) eines Besseren belehrt. Vor 5 Jahren hätte mir keiner erzählen können, dass mir ein Klassiker von Cole Porter in einem Stadttheater viel, viel besser gefallen würde als manche Großproduktion von Stage Entertainment. Aber ich war schlichtweg begeistert und hatte einen wunderschönen Abend, was Stücke wie „Tarzan“ und Co. schon lange nicht mehr geschafft haben.

Früher bedeuteten Musicals in Stadttheater, dass man mal wieder ein paar Vorstellungen von „My fair Lady“ oder einem anderen verstaubten Musical-Klassiker spielte und die Hauptrollen dann mit dem bestehenden Opern-Ensemble besetzte. In den letzten Jahren hat sich das Musical mehr und mehr an den Stadttheatern etabliert und es wirkt nun nicht mehr wie ein Übel, das die Stadttheater zweimal im Jahr auf den Spielplan setzen, weil sie einen sicheren Hit produzieren wollen (oder müssen), obwohl sie eigentlich viel lieber noch eine Oper oder Operette spielen würden. Es sind zwar meist immer noch Klassiker, die gezeigt werden, aber diese werden nun mit viel Liebe zu Ausstattung und Kostümen inszeniert und immer mehr Theater verpflichten für ihre Musical-Produktionen namhafte Musicaldarsteller, wodurch die Produktionen auch für Fans der großen Long-Runs gleich viel spannender werden. Vor allem in letzter Zeit spielt sich das interessante Musicalgeschehen eher auf den kleinen Bühnen ab, wodurch die Auswahl und Vielfalt an Musicals in Deutschland viel größer geworden ist.

Premierenfieber

Christian Alexander Müller und Sophie Berner © Jutta Missbach
Christian Alexander Müller und Sophie Berner © Jutta Missbach

Die Ouvertüre von „Kiss me, Kate“ heißt „Premierenfieber“ und dieser Titel beschreibt sehr gut, warum ich, bevor sich der Vorhang überhaupt geöffnet hatte, vom Staatstheater in Nürnberg so angetan war. Ich hatte das Gefühl, dass sich jeder der anwesenden Gäste kennt. Jeder hat sich freudig begrüßt, es wurden Hände geschüttelt, man war aufgeregt, wieder im Theater zu sein. Die Damen haben sich schick gemacht, die Herren kamen im Anzug. Es herrschte ein richtiges „Premierenfieber“ und man freute sich darauf, dieses mit den anderen anwesenden Gästen zu teilen. Das ist überhaupt nicht vergleichbar mit der Anonymität, die in den großen Häusern teilweise herrscht. Da das Publikum an diesem Abend hauptsächlich einer höheren Altersklasse angehörte, bin ich schon etwas ängstlich, dass diese Theaterkultur ausstirbt, denn ich möchte auch mal mit meinem Mann im Theater sitzen und mich umschauend vergewissern, wer denn heute alles anwesend ist. Das klingt vielleicht etwas kitschig und scheint auch eine etwas veraltete Tradition zu sein, aber für mich ist es nun mal eine wertvolle Tradition und es hat mich immens gefreut, dass sie vom Nürnberger Publikum noch so gelebt wird.

Außerdem liebe ich historische Theater und bin gerne ein bisschen eher vor Ort, um mich ein bisschen umzuschauen und im Staatstheater Nürnberg bin ich voll auf meine Kosten gekommen. Angefangen mit diesem wunderschönen Foyer mit herrlichen Kronleuchtern bis hin zum Theatersaal, der zwar klein und intim wirkt jedoch gleichzeitig aufgrund der drei Ränge bis in den Himmel zu reichen scheint. Natürlich haben nicht alle Städte so schöne Theater und doch sollte man seiner Spielstätte vor Ort oder in unmittelbarer Nähe viel öfter eine Chance geben, wenn etwas Interessantes auf dem Spielplan steht. Bei den äußerst humanen Preisen ist auch nicht viel verloren, wenn es einem dann doch nicht gefällt.

Das Stück im Stück

„Kiss me, Kate“ handelt von einer Theatergruppe, die Shakespeare`s „Der Widerspenstigen Zähmung“ aufführt, sozusagen als ein Stück im Stück. Die beiden Hauptdarsteller Fred Graham (Christian Alexander Müller) und Lilli Vanessi (Sophie Berner) waren früher miteinander liiert und aufgrund vieler Streitereien und Missverständnisse sowohl auf als auch hinter der Bühne, droht die Aufführung häufig ins Wasser zu fallen, was von Fred mit viel List und notfalls auch Waffengewalt verhindert wird. Ich muss gestehen, dass ich nicht nur einmal verwirrt war, ob nun gerade „unser“ Stück läuft oder das Stück im Stück, jedoch war es so unfassbar amüsant, dass es mir nach einer Weile auch egal war und ich hatte auch das Gefühl, dass diese Verwirrung ein wenig gewollt ist. Des Weiteren bin ich bei dem Shakespeare-Teil auch nur mitgekommen, weil ich in meiner Jugendzeit unfassbar oft den Film „10 Dinge, die ich an dir hasse“ gesehen habe, der ja wiederum auch auf „Der Widerspenstigen Zähmung“ basiert.

© Jutta Missbach
© Jutta Missbach

„Kiss me, Kate“ wurde im Jahr 1948 in New York uraufgeführt, weswegen es für mich eindeutig zu den Musical-Klassikern zählt und ich schon etwas Sorge hatte, dass das Ganze eine etwas langatmige Veranstaltung werden könnte. Jedoch lässt sich die Handlung nicht so wirklich in einen bestimmten zeitlichen Rahmen stecken, daher erscheint es dem Zuschauer auch nicht albern oder unnötig modernisiert, wenn die Hauptdarsteller mit Handys telefonieren, den Selfie-Stick aus der Tasche zaubern oder Witze über Ebay machen. Von der Musik her ist mir kein Titel so richtig im Ohr hängengeblieben, allerdings ist alles sehr beschwingt-jazzig und mit tollen Choreographien und Kostümen untermalt, dass man die jeweiligen Songs einfach nur genießt und somit einen kurzweiligen und amüsanten Abend verlebt. Hinzu kommt, dass die Staatsphilharmonie Nürnberg unter der musikalischen Leitung von Volker Hiemeyer brillant aufspielt und einen satten Klang erzeugt, der so beeindruckend ist, dass jede Diskussion um Orchester-Größen im Musiktheater entschieden wirkt: Man hört selbstverständlich einen Unterschied zu den kleinen Long-Run-Bands, die in den meisten Stage-Häusern aufspielen. So muss eine Partitur klingen, so wird ein Klangkörper selbst Cole Porter gerecht!

Was auch klar ist: Die meisten „alten Klassiker“ wollen dem Publikum eben keine tiefgründigen Botschaften à la „Fun Home“, „next to normal“ oder „Rent“ liefern, sondern einfach nur unterhalten und das Publikum für wenige Stunden seine Sorgen vergessen lassen – und das hat „Kiss me, Kate“ auf jeden Fall geschafft.

Bei der anschließenden Premierenfeier haben wir jedoch viel Kritik gegenüber der Handlung vernommen, da diese doch sehr frauenfeindlich aufgefasst worden ist. In diesem Falle merkt man dann doch, dass die Message des Stückes (die Frau braucht eine harte Hand, die ihr notfalls auch mal die Nahrung verwehrt – samt finaler Unterwerfung) nicht ganz zeitgemäß ist, man jedoch ein Musical, das Cole Porter vor über 50 Jahren geschrieben hat, nicht einfach grundlegend umschreiben kann. Also man könnte schon, aber da wären wir wieder bei dem Problem mit der Werktreue.

Es gibt keine kleinen Rollen

© Jutta Missbach
Christian Alexander Müller und Sophie Berner © Jutta Missbach

Mit Christian Alexander Müller und Sophie Berner hat man in Nürnberg zwei große Namen der Musicalszene verpflichtet. Beide füllen ihre Rollen sowohl gesanglich als auch schauspielerisch absolut perfekt aus und es macht sehr viel Spaß den beiden zuzusehen wie sie auf der Bühne miteinander harmonieren oder – wie es sich für ein Ex-Ehepaar nun mal gehört – eben nicht so wirklich harmonieren. Da ich Christian Alexander Müller nur aus ernsteren Rollen kenne, hat es mich sehr gefreut, zu sehen, dass er in Komödien genauso brillieren kann wie in Dramen.

Manuel Dengler und Antonia Welke © Jutta Missbach
Manuel Dengler und Antonia Welke © Jutta Missbach

Antonia Welke und Manuel Dengler, die im Rahmen der Zusammenarbeit des Staatstheaters Nürnberg mit der Bayerischen Theaterakademie August Everding die Rollen der Lois Lane und des Bill Calhoun übernehmen, überzeugten ebenfalls auf ganzer Linie und konnten beweisen, dass es uns in Deutschland auf keinem Fall an talentierten Nachwuchsdarstellern mangelt. Vor allem bei Manuel Dengler hätte ich mir gewünscht, dass er mehr zu singen gehabt hätte, da er seine wenigen Liedzeilen voll ausgekostet und mit seiner Intonation wirklich begeistert hat. Ich hoffe daher sehr, die beiden in Zukunft noch öfter auf der Bühne sehen zu können.

Kaum hatten Martin Rassau und Volker Heißmann als witziges Gangster-Dou die Bühne betreten, so ging ein leises Raunen durch die Menge. Hieran konnte man gut merken, dass die beiden mittlerweile schon einen Status als Publikumslieblinge hier in Nürnberg genießen, was wohl an ihren zahlreichen Auftritten in der fränkischen Komödien-Welt liegen dürfte. Die beiden spielen zwei Ganoven, die auf sehr witzige Art und Weise die Show „retten“ wollen, da es in ihrem eigenen, nicht ganz uneigennützigen Interesse liegt, dass möglichst viel Geld eingespielt wird. Ich bin eigentlich kein Freund von solchen Rollen, die offensichtlich nur in ein Stück eingebaut worden sind, um die Leute zum Lachen zu bringen, jedoch hat man bei den beiden gemerkt, dass sie einfach vom Fach sind und ich fand sie einfach unfassbar unterhaltsam.

Martin Rassau und Volker Heißmann als Gangster © Jutta Missbach
Martin Rassau und Volker Heißmann als Gangster © Jutta Missbach

Bei der bereits erwähnten Eröffnungsnummer „Premierenfieber“ war ich im ersten Moment etwas überfordert, weil auf der Bühne so viel passiert ist, dass ich gar nicht wusste, worauf ich mich zuerst konzentrieren soll. Jedoch hat sich das schnell wieder gelegt und Rasmus, der mich begleitete, meinte in der Pause auch, dass es vielleicht daran liegen könnte, dass man es teilweise nicht mehr gewöhnt ist, so viele Darsteller auf der Bühne zu sehen.
Das Ensemble agierte hierbei vollkommen homogen auf extrem hohen Niveau und tanzte die anspruchsvollen und sehenswerten Choreographien von Kati Farkas beeindruckend – obgleich nicht immer in völliger Synchronität.

Mit „Kiss me, Kate“ in Nürnberg habe ich somit endlich mal wieder einen rundum gelungenen Musicalabend erlebt und ich möchte nochmal jedem ans Herz legen, doch öfter mal einen Blick auf die Internetseiten der Stadttheater zu werfen, weil wirklich immer mehr Produktionen nicht nur mit den großen Entertainment-Shows mithalten können, sondern diese zuweilen sogar qualitativ übertreffen.

Hier noch ein Beitrag des Bayerischen Rundfunks:

Kiss Me Kate

Price: EUR 18,97

2.8 von 5 Sternen (7 customer reviews)

7 used & new available from EUR 18,97

Uraufführung: 30. Dezember 1948, Century Theatre, New York
Premierendatum und besuchte Vorstellung: 13. Februar 2016, Staatstheater Nürnberg
Musik: Cole Porter
Buch: Samuel und Bella Spewack
Original Liedtexte:
Cole Porter
Deutsche Übersetzung: Günter Neumann
Inszenierung: Thomas Enzinger
Bühne und Kostüme: Toto
Choreographie: Kati Farkas
Besetzung: Christian Alexander Müller (Fred Graham / Petrucchio), Sophie Berner (Lilli Vanessi / Katharina ), Manuel Dengler (Bill Calhoun / Lucentio), Antonia Welke (Lois Lane / Bianca), Richard Kindley (Harrison Howell), Martin Rassau (1. Gangster), Volker Heißmann (2. Gangster)

Beitragsbild: © Jutta Missbach

TEILEN
Vorheriger ArtikelI love, we love Takarazuka
Nächster ArtikelNews: Doppelter Erfolg für „Hamilton“ bei den GRAMMY®s!
Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.