Wer sich erstmals in den Dschungel japanischer Musicals wagt, hat viel zu tun: Zum Beispiel anständige Fanübersetzungen finden, wenn man dem Japanischen nicht mächtig ist oder herausfinden, wie der NicoNico-Douga-Stream funktioniert. Doch es locken Kostüme, nach denen man sich die Finger leckt, und mitreißende Songs – es ist also den Kampf wert! Um den Einstieg zu erleichtern, beantworten wir die wichtigsten Fragen aus der Welt des japanischen Musicals.

Deutschland hat Hamburg, die USA den Broadway und England das West End: gibt es auch in Japan ein Musical-Ballungszentrum?

Tokyo bietet definitiv die größte Dichte an Theatern. Es gibt einen Ableger der Takarazuka Revue, zudem die Shiki Theatre Group. Diese hat sich auf „König der Löwen“, „Wicked“ und Co. spezialisiert.

Kennt man Long- runs und Short-runs in dieser Form auch in Japan? Ist das Musical in Japan eher eine Serie als abgeschlossenes Einzelstück?

Es kommt ganz drauf an, wie das Publikum reagiert. Wittert man den Erfolg, kann ein Musical mit unter ewig fortgesetzt werden, wie „Sailor Moon“ oder „Prince of Tennis“. Manche Stücke starten im Sommer und bekommen in der darauffolgenden kalten Jahreszeit ein Make-Over mit teilweise stark veränderter Geschichten. Eine Takarazuka-Revue-Show wird hingegen acht Monate am Stück gespielt.

Was sind denn beliebte Vorlagen für Musicals?

Animes und Mangas! Vom blutrünstigen „Danganronpa“ (mit der zauberhaften Yu Takahashi), „Black Butler“ und „Saint Seiya“ bis hin zu „Bleach“ und „Pokémon Live!“ (übrigens aufgeführt in Amerika, Portugal und Belgien) ist für jeden etwas dabei.

Ist das Musical in Japan anspruchsvoller, tiefgründiger als in Europa/ USA oder überwiegend „leichtes“ Entertainment?

Wenn man sich näher mit den Lyrics beschäftigt, ist es durchaus anspruchsvoller. Mit der Story sowieso, da geht es immer irgendwie ums Ende der Welt. Nehmen wir zum Beispiel „Chikyuu iro wa Salad Time“, geschrieben von Junya Saiki für „Shin Kaguya Shima Densetsu“ (Sera Myu 2004). Dies beschreibt mit „Salad Time“ zum Beispiel die „Salad Days“, einen Begriff, den Shakespeare verwendet. Ohne diesen Hintergrund ist der Song einfach nur banaler Pop, mit diesem Wissen macht der Text aber endlich Sinn: „die Erde erscheint jung und spaßig“. Besser als: „die Erde ist … ZEIT FÜR SALAT!“

Welche Musikstile finden Eingang in die Partituren japanischer Musicals?

Extrem viel Jazz. Zudem wird bunt gemischt, was gerade passt: Spanische Klänge, Eurodance, Hardrock. Die meisten Songs sind allerdings stampfende Poprocklieder.

Wie beliebt ist das Genre Musical in Japan?

Yuzuki Reon sagte während der Takarazuka-Revue-Taiwan-Tour: „Die Japaner gehen leider nicht so oft ins Musical wie ins Kino.“ Was allerdings auch an dem billigsten Ticket liegen könnte, das bereits bei umgerechnet 40 Euro liegt.

Wer sind die großen Musical-Stars?

Die größten Otokoyakus sind definitiv Yuga Yamato, Rei Makoto, Tomu Ranju und Yuzuki Reon. Das definiert sich dadurch, ob sie Engagements im Film und Fernsehen oder als Musikidol finden.

Wer sind die berühmtesten Musical-Komponisten?

Takarazuka-Koryphäe seit 1963, Keiji Okada. Zu den fünfundzwanzig einflussreichsten Frauen im Komponistengeschäft zählt Joy Son.

Wer produziert Musicals überhaupt in Japan?

Animes wie „Saint Seiya“ und „Sailor Moon“ werden zum Beispiel von Bandai produziert. Shiki startete 1964 mit der „West Side Story“, welche die Takarazuka Revue 1998 auf die Beine stellte. Shiki hat ebenfalls eine eigene Schule für Schauspieler, die dann zum Beispiel ihr „Cats“ aufführen, und eigene Komponisten.

"Elisabeth" (Tokyo, 2012) © Toho Co. Ltd.
„Elisabeth“ (Tokyo, 2012) © Toho Co. Ltd.

Ist der Sissi-Monarchie-Kitsch wirklich so beliebt in Asien, wie wir immer denken?

Ja. Siehe auch „Marie Antoinette“. Oder eine Strömung der Lolita-Mode, in der auf Reifröcke und Spitze nicht verzichtet werden möchte. Sweet Lolitas können nicht ohne Schleifen und Schnickschnack! Dieser Trend begann in den Neunzigern und basiert auf Roccoco und dem viktorianischem Zeitalter – vermutlich, weil diese Kleidung exotisch für Japaner aussieht.

Warum haben die Charaktere so seltsame Frisuren?

Das hat natürlich alles seine Bedeutung. Man wird zum Beispiel in Animes viele Jungs mit extrem „spitzen“ Haaren sehen. Das spricht dafür, dass sie in der Regel keine Hauptfigur werden, sondern Randfiguren, denen man kein individuelles Haardesign gönnt. Die Haarfarben haben noch tiefere Bedeutungen: Schwarze Haare haben zum Beispiel ernste Charaktere, pinke Strähnen findet man auf den Köpfen von kindlichen, hilfsbereiten Figuren, grüne Lockenpracht steht für extreme Loyalität, Einzelgänger und Willensstärke.

Sind die Kostüme aus Fachingsstoff?

Nein, ey! Der Stoff ist extrem hochwertig. Er muss nur wahnsinnig auffallen, damit noch die letzte Reihe die kleinsten Details erkennt. Es geht aber auch unauffällig, nur für die erste Reihe – zum Beispiel trugen die weiblichen Hauptrollen von „Kaguya Kaiteiban“ kleine Silberringe, um ihre Einheit zu demonstrieren. Hinter den „Sailor Moon“-Musicalkostümen stand beispielsweise durchgehend Miyako Kishiku, die viele J-Popstars und TV-Serien ausgestattet hat.

Was ist das für ein Englisch?

Ein sehr japanisches Englisch! Japanisch ist eine Sprache ohne komplizierte Fälle und mit einer völlig anderen Aussprache. Im Zweifel kann man immer beim Vergessen einer Vokabel das englische Wort benutzen, solange es japanisch ausgesprochen wird. Die Japaner finden zudem Gefallen daran, neben einzelnen englischen Wörtern auch deutsche oder französische einzustreuen, weil ihnen der Klang gefällt.

Beitragsbild: © Toho Co. Ltd.

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Simone Bauer
„She wanted Mary Poppins and I took her to King Lear“ – (The Wombats)

Lieblings-Musical(s): „Hairspray“, „Grease“, „Elisabeth“ (in der Takarazuka-Revue-Variante)
Lieblings-Komponist: Benny Andersson und Björn Ulvaeus
Lieblings-Texter: Nao Takagi (für ihre Rede in „Last Dracul Jokyoku“)
Musical-Fan seit: „Cats“ (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Wenn unzählige begabte TänzerInnen völlig synchron in atemberaubenden Kostümen eine beeindruckende Choreographie tanzen - da schlägt mein Joachim-Llambi-Herz höher!