Als die Schließung des Berliner Theaters am Potsdamer Platz vorigen Monat bekannt gegeben wurde, argumentierte der Pressesprecher der Stage Entertainment Deutschland, Stephan Jaekel, das Theater werfe trotz des erfolgreichsten Hauptstadt-Musicals aller Zeiten nicht genug Gewinn ab. Jedenfalls in der Vorstellung des neuen Anteilseigners CVC Capital Partners (einer Firma, die nicht wenige als Heuschrecke bezeichnen), welcher Erwartungen an die Wirtschaftlichkeit der Produktionen stelle, die fast kein Musical in Deutschland momentan erfüllen könne. Noch schlimmer: So habe man über neue Stücke für Berlin nachgedacht, aber letztlich keines „im Köcher“ gehabt, von dessen Erfolgsaussichten man überzeugt gewesen wäre.

War`s das mit Musicals in Deutschland?

Berliner Stage Theater am Potsdamer Platz © Eventpress/Radke
Berliner Stage Theater am Potsdamer Platz © Eventpress/Radke

Ich kann ehrlich gesagt nicht in Worte fassen, wie erschütternd diese Erkenntnis und Aussage ist, wenn man bedenkt, dass sie von dem Vertreter eines Unternehmens stammt, das in seinem Kerngeschäft Musicals produziert und den ganzen Tag doch eigentlich nichts anderes tun sollte, als den Markt zu sichten und Potentiale für Deutschland zu erkennen und zu entwickeln. Dieses Unternehmen schaut nun auf eine über hundertjährige Geschichte des Musicals zurück, in der tausende Stücke uraufgeführt wurden und findet nun wirklich keines, das nur ansatzweise erfolgversprechend für die deutsche Hauptstadt ist?

Wohl bemerkt: In einer Zeit, in der am Broadway und in London ein ungebrochen großer Run sowohl auf neue Stücke als auch auf Klassiker existiert und sich das Musical weiterhin als Wirtschaftsmacht und wohl erfolgreichste aller Theaterformen behaupten kann?
Wie kann es sein, dass es Amerikanern und Engländern monatlich gelingt, neue Stücke auf die Bühne zu bringen und ein großes Publikum anzusprechen, das begeistert in all die Long-Runs rennt, während hier in Deutschland außer dem „König der Löwen“ kein Musical wirtschaftlich überzeugen kann?

Was ist denn mit all den Stücken, die am Broadway und im West End so erfolgreich laufen? Sind diese wirklich so ungeeignet für den hiesigen Markt?

Um es kurz zu machen und jegliche Diplomatie außer Acht lassend, lautet die Antwort leider: Ja. So schlimm diese Erkenntnis im ersten Moment auch ist, aber schaut man sich an, was in den Musical-Metropolen momentan erfolgreich läuft, so kann man sich eben wirklich schlecht vorstellen, dass dortige Hits wie „Hamilton“, „Book of Mormon“, „Fun Home“, „In the heights“, „Beautiful“ oder „Matilda“ auch hierzulande die Theater füllen könnten.

Woran liegt das?

Will man nach Gründen suchen, warum Länder, die sich kulturell doch so ähnlich sind, gerade was das Musical betrifft so unterschiedlich funktionieren, so muss man in erster Linie die Entwicklung der Länder betrachten. Um die Suche nicht ganz so komplex zu gestalten, wollen wir uns hierbei vor allem auf den New Yorker Broadway und eben den deutschsprachigen Raum fokussieren.

Um das von Anfang an klar zu stellen: Man kann und konnte noch nie davon ausgehen, dass Erfolge am Broadway auch welche in Deutschland werden würden. „Wicked“ läuft mittlerweile seit fast 13 Jahren vor ausverkauften Rängen an der 42. Straße, während das Meisterwerk von Stephen Schwartz in Stuttgart und Oberhausen an der Kasse eher mäßig abgeschnitten hat. „Tarzan“ hingegen ist am Broadway unfassbar gefloppt und wurde daher gar nicht erst nach London transferiert. In Deutschland ist das Disney-Stück dann zum großen Hit avanciert.

Dass die beiden Musical-Regionen nun so unterschiedlich ticken, liegt erstmal an den strukturellen Faktoren und auch an der historischen Tradition des Genres.

Der Broadway als Wiege des Musicals

Amerika und all die Schreiberlinge der Tin Pann Alley haben diese Kunstform erst begründet und das Musical Anfang des 20. Jahrhunderts populär gemacht sowie mit nationalen und zeithistorischen Einflüssen angereichert. Der Broadway ist seit den Anfängen die Heimat dieses Genres und hat seinen Ruf als weltweiter Musical-Hotspot bis heute verteidigen können. Dabei spielt sich das „relevante“ Musical-Geschehen in Amerika, diesem riesigen Land, vor allem in dieser und den angrenzenden Straßen bis hin zum Off-Broadway ab, wo sich zentral die ganze Kraft dieser Theaterform bündelt.

New Yorker Broadway 2011 © Andrey Bayda
New Yorker Broadway 2011 © Andrey Bayda

Darüber hinaus sehen sich die unterschiedlichen Stücke und Produzenten schon seit jeher mit vielen Wettbewerbern konfrontiert, die nur darauf warten, dass ein Theater nach einem Flop verfügbar wird. Das klingt kapitalistisch, absolut, das Kommerzielle wohnt dem „Blockbuster-Musical“ konstitutiv inne. Andererseits ist dieses Konkurrenzdenken eine enorme Antriebskraft für Innovationen und die ständige Entwicklung des Genres, welches sich dadurch immer neue Zielgruppen erschlossen hat. Ein New York-Trip ohne Musical-Besuch ist lahm, der Faktor Tourismus ist auch in dieser Metropole nicht zu unterschätzen, da Long-Runs immer dort richtig funktionieren, wo es für Reisende eben mehr zu sehen gibt, als nur ein schönes Theater.

Deutschland, der Wettbewerbsverweigerer

Und damit kommen wir schon zu Deutschland. Hier wird Hamburg in den letzten Jahren immer zum deutschen Broadway stilisiert und tatsächlich spielen hier immerhin vier Ensuite-Produktionen. Trotzdem ist das Musical aber ein dezentrales Gebilde, da neben Hamburg eben auch Theater in Berlin, Stuttgart, Oberhausen und neuerdings auch wieder in Köln bespielt werden. Und zwar (bis auf Köln) alle vom gleichen Unternehmen, der Stage Entertainment, die – nichts für ungut liebe Mehr! Entertainment – ein Monopol in Deutschland darstellt.
Wo es keine Konkurrenz gibt, fehlt die Antriebskraft für Innovationen und man gerät eben schnell auf einen Weg, der kurzfristig sinnig erscheint, langfristig aber eben das Genick brechen kann.

Um es ganz klar zu sagen: All die Broadway-Flops und erst Recht die Erfolge haben das Genre – jeder auf seine Weise – national und international nach vorne gebracht. Jedes Musical, das eine zu spezielle Zielgruppe angesprochen hat, erschloss diese im Endeffekt aber für das Musical als Ganzes.
So stellt sich das Musical-Publikum in den USA nun als äußerst heterogen dar und es strömen immer mehr junge Leute in die Theater, deren Leidenschaft durch Musicals wie „Wicked“, „Spring Awakening“ oder „In the heights“ entfacht wurde.
Diese Zielgruppe geht weit mehr als einmal jährlich ins Theater, setzt sich mit dem Genrre tiefergehend auseinander und kann nun durch Musicals wie „Hamilton“, „American Psycho“ oder „Finding Neverland“ erfolgreich angesprochen und die Theater eben gefüllt werden. Das Scheitern gehört am Broadway zum Alltag wie das Erfolghaben – das Wichtigste ist aber immer, dass Themen überhaupt ausprobiert werden.

Woher sollen sie denn wissen, dass ihnen Musicals gefallen?

In Deutschland wurde hingegen weit weniger riskiert und damit auch weniger Zielgruppen erschlossen, als bereits treue Musicalgänger mit den immer gleichen Stücken abzuholen. Natürlich wurden auch Flops produziert, aber sicherlich hatten diese nicht zur Ursache, dass die Stücke zu innovativ oder modern waren. Ein „Hinterm Horizont“ folgte auf ein „Ich war noch niemals in New York“ folgte auf ein „Mamma Mia“ und überall gab es den „Tanz der Vampire“ und zur Not funktioniert ja auch immer Disney. Bravo!

Das Ende vom Lied ist nun, dass die Stage Entertainment seit Jahren das gleiche Publikum bespaßt – nämlich mittelalte bis alte, meist weibliche Personen mit einem soliden Finanzstatus, die einmal im Jahr mit Gatten und Kindern so richtig unterhalten werden möchten – samt Piccolöchen in der Pause versteht sich. Das Musical ist ein teurer Spaß, Angebote wie Day Seats, TKTS oder Ähnliches existieren nicht und die super-tollen Young Tickets sind auch ziemlich frech, wenn man bedenkt, dass 40 Euro für Studenten eben wider Erwarten nicht gerade ein Schnäppchen sind!

Wollte man nun „Hamilton“ nach Deutschland bringen, so hätte sich an der Zielgruppe des Stückes nichts geändert. Ein Hip-Hop/RnB- Musical spricht nunmal eben nicht Oma Erna und Opa Helmut an, sondern eher deren Enkel. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn das Musical jetzt in Hamburg gezeigt würde. Einziges Problem: Wie sollen denn die ganzen jungen Menschen, die einmal jährlich in den „König der Löwen“ mitgeschleppt werden und das auch ganz gut finden, nun wissen, dass „Hamilton“ ein Musical ist, das in ihrer Sprache geschrieben und in jener Musik komponiert ist, mit der sie sich identifizieren können? Ein Stück eben, das sie beeindruckt und berührt und ihnen vor Augen führt, dass Musical weit mehr vermag, als bloß zu unterhalten? Da kann eine Marketing-Abteilung noch so gut sein: das Stück würde wahrscheinlich floppen. Denn die Zielgruppe von „Hamilton“ ist für das Musical als Genre eben in Deutschland nicht erschlossen.

© Joan Marcus / PR
„Hamilton“, das Broadway-Musical der Stunde und Denkmal für Komponist/Texter/Hauptdarsteller Lin-Manuel Miranda (Zweite Person von links) © Joan Marcus / PR

Riesige Paläste, leere Ränge

Ein weiterer Grund, warum es die Broadway-Hits in Deutschland sicherlich schwer hätten, ist, dass die Theater in Deutschland einfach viel zu groß sind. All die Stage Entertainment-Premium-Paläste sind ausgelegt auf Blockbuster, die es aber eben immer weniger gibt. Für ein 1.000-Plätze-Theater würden mir auf Anhieb zehn Stücke einfallen, die ich auch in Deutschland für aussichtsreich hielte. Gerade wenn man sich vor Augen führt, dass die meisten Broadway-Theater eben auch „nur“ um die 1.300 Plätze fassen. So aber ist und bleibt es unmöglich, auch mal intimere Stücke oder Themen zu spielen, die sich in der Schwimmhallen-Atmosphäre mancher großer Häuser verlieren würden.

Darüber hinaus ist es eine anspruchsvolle Aufgabe, in Städten wie Oberhausen und Stuttgart ähnlich vom Tourismus zu profitieren wie in Hamburg oder Berlin. Dass Städtereisende ein wichtiger Bestandteil in dem Plan sind, 2.000 Plätze bei acht Shows in der Woche zu füllen, erscheint nur logisch. Und dass es nicht gelungen ist, in touristisch weniger interessanten Städten wie Duisburg, Essen oder Niedernhausen erfolgreich ein großes Musical-Theater zu führen, beweisen die dortigen Schließungen der letzten fast 20 Jahre.
Je weniger touristisch eine Stadt erschlossen ist, desto schwieriger wird es, dort auch mal mutiger zu agieren, weil man es sowieso schon schwer hat. Da hat Hamburg, geschweige denn New York, tatsächlich einen nicht zu unterschätzenden Standortvorteil.

Also Kopf in den Sand stecken?

Nein! Es sollten aber die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden. Den Weg der letzten Jahre einfach fortzusetzen, würde bedeuten, weiter die immer gleiche Zielgruppe mit den immer gleichen Stücken in stetig sinkender Qualität zu bespielen. Und das hat letztlich dahin geführt, wo man nun steht. Nämlich an einen Punkt, wo es unfassbar gute Stücke gibt, die eine große Zielgruppe ansprechen, welche aber leider nichts von ihrem Glück weiß, dass ihr Musicals gefallen könnten.

An der Größe der Theater und der Tatsache, dass sie über ganz Deutschland verteilt sind, kann man schwerlich etwas ändern. Aber man sollte neue Publika erschließen, eben Mut zeigen, zur Not auch mal Flops oder die nicht ganz großen Hits zu produzieren. Und dann bekommt man irgendwann auch wieder 2000 Plätze am Abend gefüllt.
Dann vielleicht auch mal mit Stücken, die viele für „zu amerikanisch“ oder „nicht deutsch genug“ halten. Hauptsache es wird mehr experimentiert!

Mit einer Freundin habe ich mich vor kurzem unterhalten, warum sie so ein glühender Musical-Fan ist. Sie meinte, sie wäre von ihren Eltern oft mitgeschleift worden und fand Musicals schon immer gut. Die große Leidenschaft bei ihr hat aber „Wicked“ in Stuttgart entfacht. Ein Musical, das mit der Vorgeschichte zum Zauberer von Oz nicht unbedingt ein deutsches Thema darstellt. Und auch wenn „Wicked“ nicht zur großen Cash Cow wurde, so hat es immerhin dazu geführt, dass sie seitdem nicht wenige tausend Euro in die Stage-Kassen gespült hat. So viel zu kurzfristig und langfristig!
Also: „Hamilton“ und „Fun Home“ für Hamburg und „Book of Mormon“ nach Stuttgart. Wer macht mit beim Crowdfunding?

Beitragsbild:© Kulturpoebel.de