Nachdem ich die Verfilmung von „Chicago“ mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones und Richard Gere schon in und auswendig kenne, durfte ich nun endlich die Bühnenversion sehen und war seit langem mal nicht enttäuscht von einer Stage Entertainment-Produktion. Nun muss man jedoch dazu sagen, dass „Chicago“ sich deutlich von den anderen Shows abhebt und alles, was in anderen Stücken große Kritikpunkte sind (kleines Orchester, Darsteller mit großen phonetischen Problemen, abgespecktes Bühnenbild), hier auf wundersame Weise in Pluspunkte umgewandelt wird.

Die Handlung spielt im Chicago der 1920er Jahre und erzählt die Geschichte der Tänzerin Roxie Hart, die ihren Liebhaber erschießt und im Frauengefängnis auf ihren Prozess wartet. Mit Hilfe des Star-Anwalts Billy Flynn und dessen geschickter Vermarktung in der Klatschpresse, wandelt sich die Verurteilte jedoch schnell zum neuen Star von Chicago, was vor allem bei Velma Kelly nicht auf Begeisterung stößt. Diese war zuvor die Star-Mandantin von Billy Flynn und hatte sich schon ihre große Karriere als Jazz-Tänzerin nach ihrem Freispruch ausgemalt.

And all that Jazz…

Von der Ausstattung her ist „Chicago“ äußerst minimalistisch und nicht gerade farbenfroh angelegt. Die Kulisse wird lediglich von einer Big Band gebildet, welche auf der Bühne sitzt und des Öfteren ins Geschehen mit eingebunden wird. Mein erster Gedanke war, dass diese Big Band größer ist als alle Orchester, die ich in den letzten 5 Jahren bei Stage Entertainment gesehen habe (danke, liebe Lizenzgeber!) und das hörte sich auch so an. Die Big Band spielt äußerst stark und mit offensichtlicher Freude, diese fantastischen Jazz-Kompositionen von John Kander, die „Chicago“ zu so einem einzigartigen Klassiker machen, interpretieren zu dürfen.

Die Handlung spielt sich vor der Big Band-Tribüne ab, weswegen ich vor allem bei „Zellen Block Tango“ ein wenig Sorge hatte, ob die Szene funktioniert, wenn optisch doch so wenig Raum zur Verfügung steht. Aber hier greift der große Pluspunkt von „Chicago“: die grandiosen Darsteller, von deren Leistung kein ausladendes Bühnenbild ablenkt und überhaupt ablenken sollte.

Man hat im Vorfeld oft die Kritik gelesen, dass die Cast schwer verständlich ist bzw. hauptsächlich aus dem Ausland kommt, sodass ich schon meine phonetischen Sorgen hatte. Diese haben sich jedoch schnell als unbegründet herausgestellt. Man merkt, dass viele der Darsteller keine deutschen Muttersprachler sind, jedoch halten sich die Verständlichkeitsprobleme in einem absolut annehmbaren Rahmen. Vor allem bei dem Männer-Ensemble ist der starke Akzent doch mehrmals aufgefallen, aber die haben im Stück im Gegensatz zu den Damen nun wirklich nicht viel zu sagen!

© eventpress / Stage
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Das Hauptaugenmerk liegt eindeutig auf der Choreographie und diese war bis zur letzten Szene eine Perfektion in Vollendung. Was hier getanzt, gesungen und geschauspielert wird, ist wirklich ein Akt, welcher Darstellern nicht mehr in vielen Musicals abverlangt wird – daher sind die tänzerischen Fähigkeiten der Cast bei der Besetzungsfrage wirklich nicht zu unterschätzen.
Dem Stück fehlt natürlich das ganz große Solo, also die Nummer, bei der sich die Hauptdarstellerin die Seele aus dem Leib singt und anschließend das Publikum sprachlos zurücklässt. Jedoch kommt „Chicago“ auch sehr gut ohne aus und entfaltet seine musikalische und inszenatorische Dynamik und Kraft vor allem in Ensemble-Nummern, die ungemein begeistern. Das Musical bleibt konstant auf einem sehr hohen Niveau und dem Zuschauer wird daher nie langweilig.

Hinzu kommt, dass „Chicago“ eine klassische Satire ist. Irgendwie amüsant und witzig, soll die Geschichte über Medien und Justiz doch irgendwie zum Nachdenken anregen. Ein wenig bloß, nicht zu viel! Weswegen das Publikum es auch einfach nicht ernst nehmen würde, wenn man da noch einen emotionalen Song à la „Ich gehör nur mir“ eingebaut hätte. Als Zuschauer verliert man auch schnell die eigentliche Ernsthaftigkeit der Thematik aus den Augen. Diese so unfassbar gutaussehenden und sympathischen Ladies sind schließlich immer noch Mörderinnen und machen auch keinen Hehl aus ihren Taten. Daher hat es mich doch ziemlich schnell und unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als doch eine von ihnen als schuldig verurteilt und hingerichtet wurde.

Kann man ihnen wirklich böse sein…

Vor allem Carien Keizer in der Rolle der Roxie begeistert von der ersten bis zur letzten Szene. So unfassbar naiv und sich gleichzeitig immer genau darüber im Klaren, wie sie die Fäden ziehen muss, war mir seit Luigi Lucheni kein Mörder mehr so sympathisch. Dazu singt und tanzt sie mit einer Souveränität, die beeindruckt. Eine starke Leading-Lady.
Ihr Akzent war zwar hörbar, aber sie war dennoch gut verständlich.

Chicago-Roxie
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Caroline Frank als Velma Kelly war das perfekte Gegenstück zu Roxie. Sie ist sich auch genau im Klaren, wo sie hinwill, allerdings zu sehr Profi, um in der Presse und beim Publikum als naives Kindchen durchzugehen. Wie in einer viel zu kitschigen Seifenoper, wollte ich eigentlich die ganz Zeit nur, dass die zwei sich endlich „kriegen“ und zusammen tanzen und singen. Schauspielerisch und gesanglich stark, passt Caroline Frank auch vom Typ her perfekt in die Rolle der durchtriebenen Velma.

Isabel Dörfler als Mamma Morton war gleich bei ihrer ersten Nummer “Bist du gut zu Mama” mein Liebling der Show, obwohl sie als einzige Lady nicht viel zu tanzen hatte. Jedoch spielte sie ihre Auftritte mit so viel Coolness und Selbstvertrauen, dass jeder im Publikum wohl gut zu Mamma sein wollte.

Livio Cecini als Anwalt Billy Flynn, Volker Metzger als Amos Hart, Martin Schäffner als Mary Sunshine waren ebenfalls fantastisch besetzt. Vor allem Volker Metzger als schusseliger Ehemann, der alles für seine Frau tut und am Ende immer verliert, hat sich mit seinem Solo “Mr. Zellophan” in mein Herz gesungen und wurde zu meinem heimlichen Helden.

Wie bereits erwähnt, fand ich das gesamte Damen-Ensemble absolut grandios. Sowohl vom Gesang als auch vom Tanz und der Ausstrahlung her wird einem hier das komplette Gesamtpaket eines Musicaldarstellers geboten. Auch bei den Herren wird tänzerisch natürlich viel aufgefahren, auch wenn diese einfach ein wenig untergehen in diesem Meer von starken Frauen. Aussage des Stückes ist ja irgendwie, dass Männer nur gut zum Erschießen sind oder um Anwalt zu werden.

Das Hauptproblem, das ich bei „Chicago“ von Anfang an gesehen habe, nachdem Stage Entertainment im Jahr 2014 überraschend verkündet hatte, dass sie die Show im Stage Palladium Theater in Stuttgart aufführen, war die Tatsache, dass ich für so eine Show nicht die gewohnt hohen Preise zahle. Dafür bietet die Show dann einfach zu wenig und verliert sich in diesem großen Theater, in dem normalerweise Ausstattungsgiganten wie „Wicked“ oder „Tanz der Vampire“ laufen.
„Chicago“ auf Tour zu schicken und vor allem nach München ins Deutsche Theater, wo die Preise noch mehr als human sind, erweist sich hingegen als kluger Schachzug.

Wer also eine moderne und intelligente Inszenierung eines Musical-Klassikers sehen möchte, der musikalisch mitreißt, tänzerisch beeindruckt und darstellerisch überzeugt, sollte sich „Chicago“ in München und den folgenden Tournee-Stationen, die leider noch nicht bekannt gegeben wurden, auf keinen Fall entgehen lassen!

Chicago: Das Musical - Live-Aufnahme aus dem Stage Palladium Theater Stuttgart

Price: EUR 16,99

3.7 von 5 Sternen (6 customer reviews)

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Broadway-Premiere: 03.06.1975 (46th Street Theatre, New York)
Premiere München: 06.03.2016 (Deutsches Theater München)
Besuchte Vorstellung: 10.03.2016
Buch: Fred Ebb und Bob Fosse
Text: Fred Ebb
Musik: John Kander
Musikalische Leitung: Marcos Padotzke
Original Regie: Walter Bobbie
Regie Berlin, München: Tania Nardini
Original-Choreographie: Ann Reinking
Choreografie Berlin, München: Gregory Butler
Bühne: John Lee Beatty
Kostüme: William Ivery Long
Besetzung: Caroline Frank (Velma Kelly), Carien Keizer (Roxie Hart), Isabel Dörfler (Mamma Morton), Livio Ceccini (Billy Flynn), Volker Metzger (Amos Hart), Martin Schäffner (Mary Sunshine)

Vorstellungen im Deutschen Theater München: 05.03.2016 bis 10.04.2016
Tickets gibt es hier.

Beitragsbild: © eventpress /Stage