Klickt man sich durch die Spielpläne der deutschen Stadttheater, wird man mittlerweile nicht selten ein Musical auf dem Programm entdecken. Und zwar (noch) nicht die innovativen Off-Broadway und Broadway-Stücke der letzten 20 Jahre, sondern meist die immer gleichen und allseits bekannten Musical-Klassiker, mit denen oder deren Namen mittlerweile eigentlich jeder einmal in Berührung gekommen sein sollte.
Und auch wenn das elitäre Opernpublikum immer noch seine Nase über die Seichtheit des Dargebotenen rümpft, so werden all diese Musicals doch gern und meist überaus erfolgreich gezeigt. Allgemein scheint es momentan eine kleine Renaissance der Musical-Klassiker zu geben, schaut man sich die viel beachteten und ausverkauften Revivals von „Funny Girl“, „Guys and Dolls“, „Gypsy“ (alle am West End) sowie „The King and I“, „An American in Paris“ oder „Fiddler on the roof“ am Broadway an.

Anlässlich der Premiere von Cole Porter`s „Kiss me, Kate“ am Nürnberger Staatstheater haben wir uns Gedanken um die schönsten Musical-Klassiker aller Zeiten gemacht. Bei einer fast 90-jährigen Geschichte des Musicals sicherlich keine leichte Aufgabe, da es mittlerweile extrem viele bekannte und gute Musicals gibt, die mittlerweile zu den Klassikern zählen – Da fällt es nicht gerade leicht, sich auf lediglich zehn Stücke zu einigen – zumal die Liste sowieso bei jedem anders aussehen würde, weil persönliches Gefallen eben nicht quantifizierbar ist.

Vor allem stießen wir auf das Problem, was überhaupt ein Klassiker sein soll. Selbst Stücke wie „Das Phantom der Oper“ oder „Cats“ werden mittlerweile als Klassiker bezeichnet, obwohl beide Werke den 1980ern entspringen und damit produktionshistorisch doch noch sehr nah an der heutigen Zeit sind. Mit den richtigen Google-Techniken und einer starken Eingrenzung, konnten wir immerhin für uns definieren, welche Kriterien ein solcher Musical-Klassiker für uns erfüllen muss.

In erster Linie handelt es sich hierbei um Stücke, die als besonders mustergültig angesehen und denen eine hohe Qualität zugestanden wird. Darüber hinaus zeichnet sich ein solcher Klassiker durch eine große überregionale Bekanntheit aus und hatte/hat einen großen Einfluss auf die Kultur der Länder in denen er gezeigt wurde/wird. Der wichtigste Aspekt ist aber, dass ein Werk einfach als bleibend angesehen wird und entweder thematisch oder aber musikalisch zeitlos ist. Ein Musical also, das immer noch gespielt wird und das Selbstverständnis und Außenbild des Musicals als Genre stark geprägt hat. Und das sind unserer Meinung nach in besonderem Maße jene Werke der Anfangsjahre des Musiktheaters amerikanischen Ursprungs. Stücke, die dem Bühnen- und Film-Musical eine Blütezeit beschert und eine Kriegs-gebeutelte Generation das Lachen gelehrt hat.
Somit bildet unsere Auswahl das „frühe Musical“ ab, so wie es von seinem Ursprung her funktioniert hat – in all seiner Stimmung, Heiterkeit und Machart.

Viel Spaß mit den Plätzen 10 bis 6. Wer schon gespannt auf das Treppchen ist, muss sich leider noch bis nächste Woche gedulden. Am Mittwoch, den 09.03.2016 folgt der zweite Teil mit den Platzierungen 5 bis 1.

Platz 10: „A Chorus Line“

Das Musical „A Chorus Line“ wurde ganze 6.137 mal im New Yorker Shubert Theatre aufgeführt und rangiert aktuell auf Platz sechs der Musical mit der längsten Broadway-Laufzeit aller Zeiten.

Am 25. Juli 1975 uraufgeführt, erzählt das Musical mit der Musik von Marvin Hamlisch, Texten von Edward Kleban und einem Buch von James Kirkwood, Jr. und Nicholas Dante von einem Casting zu einer neuen Musical-Produktion, in dessen Verlauf die Tänzer und Kreativen ihre persönlichen Geschichten erzählen und auf ein mögliches Engagement hinfiebern. Mit solch einem großen Erfolg bei Publikum und Kritikern hatte niemand gerechnet: „A Chorus Line“ gewann 9 Tony Awards und wurde sogar mit dem Pulitzer Prize for Drama ausgezeichnet, was Musicals äußerst selten gelingt.

Zu den bekanntesten Songs zählen „I hope I get it“, „I can do that“ und ohne Frage: „One“. Eine Melodie, die wohl jeder Musical-Fan mitsingen kann.

Platz 9: „Singin` in the rain“

In einer Zeit, in der Hollywood erkannte, welches Potential all den Broadway-Musicals für die Film-Industrie innewohnt, wurden viele berühmte Komponisten der Tin-Pan-Alley abgeworben, die erfolgreichsten Stücke verfilmt und schließlich auch ganze Musicals erst für die großen Filmstudios geschrieben, ehe sie im Theater uraufgeführt wurden. Einer der bedeutendsten und wohl bekanntesten Musical-Filme ist sicherlich „Singin` in the rain“ von Nacio Herb Brown (Musik), Arthur Freed (Lyrics) und Betty Comden samt Adolph Green (Buch). Die Szene, in der Hauptdarsteller Gene Kelly beschirmt durch den Regen tanzt, von Pfütze zu Pfütze springt und fröhlich das Titellied trällert, kann wohl als die bekannteste Sequenz des gesamten Musical-Genres bezeichnet werden und nicht wenige sehen in dem Werk aus dem Jahr 1952 den Höhepunkt der amerikanischen Musical-Film-Kunst.

„Singin` in the rain“ erzählt die Geschichte der Stummfilm-Stars Don Lockwood und Linda Lamont, welche offiziell als Traumpaar Hollywoods gelten, auch wenn Lindas Zuneigung ihrem (Film-)Partner gegenüber leider nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Als die Erfindung des Tonfilms auch Don und Linda dazu zwingt, nicht nur Blicke, sondern auch Worte miteinander vor der Kamera auszutauschen, werden die beiden vor ein Problem gestellt, denn Linda hat leider eine furchtbar quäkende Stimme.

Zwar schon in den fünfziger Jahren in den Kinos erschienen, premierte „Singin` in the rain“ erst 1983 im London Palladium und wurde im Jahr 1985 an den Broadway transferiert.

Zu den bekanntesten Liedern des Musicals zählen neben dem Titellied „Make `Em Laugh“, „Broadway Rhythm“, „Good Morning“ und „You`re My Lucky Star“.

Platz 8: „The Sound of Music“

Das letzte gemeinsame Werk der Musical-Legenden Richard Rodgers (Musik) und Oscar Hammerstein II. (Texte), welcher nur neun Monate später an Krebs starb, wurde am 16. November 1959 im Lunt-Fontanne Theater am Broadway uraufgeführt und erreichte dort 1.443 Aufführungen. Nach erfolgreichen Spielzeiten in New York und London wurde das mit 5 Tony Awards ausgezeichnete Musical im Jahr 1965 mit Julie Andrews und Christopher Plummer verfilmt.

Das Buch von Howard Lindsay und Russel Crousse hat die Lebensgeschichte der Maria Augusta Trapp zur Vorlage. Diese ist eigentlich Novizin im Kloster Nonnberg und wird zum verwitweten Baron von Trapp geschickt, auf dessen sieben Kinder sie aufpassen soll. Es kommt wie es kommen muss: Maria und der Baron verlieben sich ineinander und heiraten schließlich. Das Leben der Familie ist fortan stark von Musik geprägt und der von Maria gegründete Familienchor kann sogar einen Volksmusikwettbewerb in Salzburg gewinnen. Alles scheint perfekt, doch der Anschluss Österreichs an das dritte Reich zwingt die Familie schließlich dazu, in die USA zu emigrieren, wo sie als „Trapp Family Singers“ berühmt werden.

Bekannte Lieder sind „The sound of music“, „Edelweiss“, „Do-Re-Mi“ und „My favorite things“.

Platz 7: „Hair“

The American Tribal Love-Rock-Musical löste bei seiner Broadway-Premiere am 29. April 1968 ein mittelschweres Erdbeben an der 42. Straße aus. Ein Musical, welches das Hippietum samt freier Liebe, Drogenkonsum und „Fuck the establishment“-Botschaft zelebriert, zudem Darsteller, die sich splitterfasernackt auf der Bühne austobten – eine gehörige Provokation der ganzen damaligen amerikanischen Gesellschaft.

„Hair“ mutet auch heute, knapp 50 Jahre nach seiner Welturaufführung, noch immer sehr experimentell an und ist eigentlich mehr Happening und Revue, als wirkliches „Book-Musical“. Das wirklich beeindruckende ist, dass die Musik von Galt MacDermot dem Lebensgefühl einer ganzen Generation gerecht wurde und in seiner Einfachheit geradezu hymnisch wirkt. Zudem setzte er zum ersten Mal wirklich auf Rock-Musik und brach so mit jeglicher Tradition des Musical-Genres bis dahin.

Den ersten Score schrieb MacDermot in gerade einmal drei Wochen mit all dem Text-Material, das ihm James Rado und Gerome Ragni zur Verfügung gestellt hatten. Heraus kam ein Meisterwerk, das in vollkommen unterschiedlichen Inszenierungen oder Interpretationen auch heute noch sehr häufig gespielt wird und immer mal wieder ein Revival in New York oder London erlebt.

„Hair“ wird immer wieder als „Musical ohne Libretto“ bezeichnet, da die Gestaltung und Zusammensetzung der einzelnen Nummern jeder Produktion selbst überlassen ist. Ganz grob geht es um einen Hippie-Stamm rund um deren Anführer Berger und ihr neuestes Mitglied Claude. Letzterer ist hin- und hergerissen zwischen den Idealen der Hippies und der harten Realität. Als ihn der Einberufungsbefehl erreicht, der ihn in den Krieg nach Vietnam schickt, muss er sich entscheiden, was ihm wichtiger ist.

1979 wurde „Hair“ verfilmt, allerdings waren die Autoren Rado und Ragni alles andere als glücklich mit der Film-Adaption, die ihrer Meinung nach den Spirit der Bühnenversion verloren habe.

An sich bricht „Hair“ also mit der klassischen Machart und Gestaltung all der anderen Musical-Klassiker dieser Aufzählung, allerdings war „Hair“ sehr bedeutsam für die Entwicklung des Genres und ist auch heute noch zeitlos und aktueller denn je, weshalb „Hair“ als Art Übergang von den Klassikern zum modernen Musiktheater verstanden werden kann.

Bekannte Lieder sind „Aquarius“, „Let the sunshine in“, „Hair“, „Good morning starshine“ und „Where do I go?“

Platz 6: „West Side Story“

Das wohl bekannteste Musical von Komponist Leonard Bernstein und Texter Stephen Sondheim, der mit diesem Musical sein Broadway-Debüt feierte, ist eine modern Interpretation von Shakespeare`s „Romeo und Julia“ mit einem Buch von Arthur Laurents.

„West Side Story“ war wegweisend, wenn nicht sogar ein Wendepunkt für das amerikanische Musiktheater, da all die Skeptiker dieser Theaterform, die immer den fehlenden Anspruch und die Seichtheit des Musicals konstatierten, nun ein Werk geboten bekamen, das nicht nur musikalisch komplex und facettenreich daherkam, sondern auch sozialkritische Elemente besaß und aufgrund seiner intelligenten Dramaturgie und tragischen Handlung definitiv nicht als leichte Kost bezeichnet werden kann – im Gegenteil: „West Side Story“ kommt äußerst düster daher.

Ein Musical mit Anspruch und Botschaft also, das am 26. September 1957 im New Yorker Winter Garden Theatre uraufgeführt wurde und auf 732 Vorstellungen kam, ehe es 1958 nach London transferiert und schließlich sogar verfilmt wurde (1961).

In der Upper West Side in New York City bekriegen sich zwei jugendlichen Straßen Gangs – die puerto-ricanischen Sharks und die weißen Jets. Der Fehde zum Trotz verlieben sich Maria, ein Mitglied der Sharks und Tony, ein Jet, ineinander. Wie man sich vorstellen kann: Der Startpunkt für viele Konflikte.

Den Tony Award als bestes Musical gewann „West Side Story“ im Jahr seiner Uraufführung allerdings nicht und musste sich in dieser Kategorie „The Music Man“ geschlagen geben – eine interessante Entscheidung.

Zu den bekanntesten Liedern zählen „Maria“, „America“, „Cool“, „Somewhere“, „Tonight“ und „Somethings`s coming“ – um nur einige wenige zu nennen.

Was ist wohl der größte Musical-Klassiker aller Zeiten? Die Antwort hierauf gibt es am Mittwoch, den 09.03.2016. Eines können wir schon verraten: Es wird wohl den ein oder anderen überraschen!

Beitragsbild: © Marie-Laure Briane