Klickt man sich durch die Spielpläne der deutschen Stadttheater, wird man mittlerweile nicht selten ein Musical auf dem Programm entdecken. Und zwar (noch) nicht die innovativen Off-Broadway und Broadway-Stücke der letzten 20 Jahre, sondern meist die immer gleichen und allseits bekannten Musical-Klassiker, mit denen oder deren Namen mittlerweile eigentlich jeder einmal in Berührung gekommen sein sollte.
Und auch wenn das elitäre Opernpublikum immer noch seine Nase über die Seichtheit des Dargebotenen rümpft, so werden all diese Musicals doch gern und meist überaus erfolgreich gezeigt. Allgemein scheint es momentan eine kleine Renaissance der Musical-Klassiker zu geben, schaut man sich die viel beachteten und ausverkauften Revivals von „Funny Girl“, „Guys and Dolls“, „Gypsy“ (alle am West End) sowie „The King and I“, „An American in Paris“ oder „Fiddler on the roof“ am Broadway an.

Genau der richtige Zeitpunkt also, diese Meisterwerke der Unterhaltungskunst würdig zu zelebrieren. Letzte Woche haben wir euch bereits die Plätze 10 bis 6 (siehe hier) vorgestellt.

Was unserer Meinung nach der größte Musical-Klassiker aller Zeiten ist, verraten wir euch heute.

Platz 5: “Funny Girl“

Das Musical, das Barbara Streisand zum Star machte. 1964 wurde das Musical mit der Musik von Jule Styne, Lyrics von Bob Merrill und einem Buch von Isobel Lennart am New Yorker Broadway uraufgeführt und erreichte bis Juli 1967 insgesamt 1.348 Vorstellungen.

„Funny Girl“ ist unter Musical-Fans legendär und ich muss gestehen, dass mich „Don`t rain on my parade“ so stark in Aktionismus und eine „Ich bin der Größte!“-Stimmung versetzt, wie wohl kein zweites Lied. Seine Popularität hat das Musical trotz dem etwas schwachen und dramaturgisch unausgereiften Buch, das von Broadway-Legende Harvey Fierstein schließlich überarbeitet wurde, vor allem den mitreißenden Melodien von Styne und der Interpretation jener von Barbara Streisand zu verdanken.

Was heute vielleicht etwas verwundert: „Funny Girl“ konnte trotz acht Nominierungen keinen einzigen Tony Award gewinnen und musste sich vor allem „Hello, Dolly“ geschlagen geben. Dafür gewann die Verfilmung aber einen Oscar für seine beste Hauptdarstellerin Streisand.

„Funny Girl“ erzählt die Lebensgeschichte der berühmten Fanny Brice, welche einst davon träumte, ein großer Star zu werden – obgleich sie laut ihrer Mutter vom lieben Gott nicht mit ausreichend Schönheit gesegnet worden sei. Trotz aller Widerstände geht sie ihren Weg, feierte große Erfolge, gerät leider aber an den falschen Mann, der aufgrund dubioser Aktiengeschäfte ins Gefängnis kommt.

Bekannte Songs sind „Don´t Rain on My Parade“, „Who Are You Now?“, „The Music That Makes Me Dance“ und der wohl größte Hit: “People”.

Platz 4: „Kiss me, Kate“

„Kiss Me Kate“ ist das bekannteste und erfolgreichste Musical von Cole Porter, der anfangs gar nicht begeistert von der Idee war, Shakespeare`s „Der Widerspentigen Zähmung“ in ein Musical zu überführen, weil er den Stoff zu anspruchsvoll für den damaligen Broadway wähnte. Gut, dass er sich von den Autoren Samuel und Bella Spewack schließlich doch überreden ließ, denn „Kiss me, Kate“ ist auch heute noch ein vielgespieltes, obgleich viel diskutiertes Stück, weil die Unterwerfung der Frau und die Darstellung der klassischen Rollen- und Geschlechterbilder nicht mehr ganz zeitgemäß und zumindest streitbar ist. Die Uraufführung fand am 30. Dezember 1948 im Century Theatre in New York statt und war Porter`s erstes Stück, in dem er auf die Verzahnung von Liedern, Lyrics und Handlung setzte. „Kiss me, Kate“ ist auch das allererste Musical, das jemals auf deutschen Bühnen aufgeführt wurde – im Jahr 1955 begann mit diesem Stück auch hier zu Lande etwas Neues für das Operetten-gewöhnte Publikum.

„Kiss me, Kate“ handelt von einer Theatergruppe, die Shakespeare`s „Der Widerspenstigen Zähmung“ aufführt, sozusagen als ein Stück im Stück. Die beiden Hauptdarsteller Fred Graham und Lilli Vanessi waren früher miteinander liiert und aufgrund vieler Streitereien und Missverständnisse sowohl auf als auch hinter der Bühne, droht die Aufführung häufig ins Wasser zu fallen, was von Fred mit viel List und notfalls auch Waffengewalt verhindert wird.

Bekannte Songs aus dem Stück sind „So in Love“, „Too Darn Hot“, „Always True to You“ und „I Hate Men“.

Platz 3: „Gypsy“

„Gypsy“ wurde am 21. Mai 1959 erstmals am Broadway aufgeführt. Die deutsche Premiere fand 1979 in Münster statt. Die Liedtexte stammen von Stephen Sondheim, die Musik komponierte Jule Styne, das Buch verfasste Arthur Laurents nach der Autobiografie „Gypsy: A Memoir“ von Striptease-Tänzerin Gypsy Rose Lee.
Ursprünglich sollte Sondheim auch die Musik zu diesem Stück verfassen, was aber an dem Einspruch von Ethel Merman scheiterte, welche die Hauptrolle in der Welturaufführung spielte und an der Erfahrung und Eignung Sondheims zweifelte. Das Musical spielt in den 20er-Jahren. Rose versucht, ihre Töchter June und Louise in diversen Vaudeville-Shows zu Stars zu machen. Als die eine Tochter sich von ihrer Mutter abwendet, konzentriert sich Rose vermehrt auf Louise. Da die Zeit der Vaudeville-Shows jedoch vorbei ist, landen beide in einem heruntergekommenen Burlesque-Theater, wo Louise schließlich ihre Karriere als Stripperin Gypsy Rose Lee beginnt.

Von vielen amerikanischen Kritikern wie Ben Brantley und Frank Rich wird „Gypsy“ als das beste Musical aller Zeiten bezeichnet, weil es einer spannenden Zeit des Live-Entertainments, in der sich die Burlesque als beliebte Unterhaltungsform tatsächlich mehr und mehr in Richtung Striptease entwickelte und letztlich ganz verschwand (auch wenn man mittlerweile wieder von einer Neo-Burlesque spricht), ein Denkmal setzt. Spannend vor allem auch deshalb, weil das Musical seine Wurzeln auch in dieser Form des Entertainments hat.

Bekannte Songs sind „Let Me Entertain You“, „Everything`s coming up Roses”, “Rose`s turn” und “Together (Wherever we go)”.

Platz 2: „My fair Lady“

„My fair Lady“ wurde von Frederick Loewe (Musik) und Alan J. Lerner (Buch, Text) geschrieben und am 15. März 1956 im Mark Hellinger Theatre in New York uraufgeführt, wo es zur damaligen Zeit eine Rekord-Laufzeit von 2.717 Aufführungen erreichte und daraufhin seinen Siegeszug um die Welt antrat.

Das Musical basiert auf George Bernard Shaw`s „Pygmalion“ und konnte erst nach dem Tod Shaw`s realisiert werden, da dieser zu Lebzeiten verboten hatte, dass eines seiner Werke „vermusicalt“ werden dürfte, nachdem er mit einer Operetten-Adaption eines seiner Werke bereits schlechte Erfahrung gemacht hatte. Die deutschsprachige Erstaufführung fand am 25. Oktober 1961 im Theater des Westens in Berlin statt.

„My fair Lady“ beschreibt den Versuch des angesehenen Philologen und Phonetikers Professor Higgins, aus der eher vulgären und nicht unbedingt lady-liken Blumenverkäuferin Eliza Doolittle eine Dame mit Manieren zu machen, welche durch die richtige Anwendung der englischen Sprache ihren Stand verbessern könne.

Bekannte Songs aus dem Stück sind „Why Can´t the English?“, „Just You Wait“, „The Rain in Spain“ und „I Could Have Danced All Night“.

In der Verfilmung von Regisseur George Cukor aus dem Jahr 1964 übernahm Audrey Hepburn die Rolle der Eliza, was damals aber sehr kontrovers diskutiert wurde, weil Publikum und Autor Lerner lieber Julie Andrews, die Eliza der Broadway-Uraufführung, in der Hauptrolle gesehen hätten. Nichtsdestotrotz wurde natürlich auch der Film ein voller Erfolg und mit acht Oscars ausgezeichnet.

„My fair Lady“ wird von nicht wenigen als „perfektes Musical“ bezeichnet und wird dem Genre Musical assoziiert wie wohl kein zweites Werk.

Platz 1: „Showboat“

Eine auf den ersten Blick etwas mutige Wahl, das Musical von Jerome Kern (Musik) und Oscar Hammerstein II. (Lyrics, Buch) als größten Musical-Klassiker aller Zeiten zu ehren – zumal die Konkurrenz um „My fair Lady“ und „Kiss me, Kate“ doch viel prominenter klingt und auch häufiger auf den Spielplänen der Stadttheater steht.

Und doch kann man gar nicht in Worte fassen, wie stark „Showboat“ das Musical-Genre geprägt und selbst Komponisten wie Gershwin, Porter und Sondheim beeinflusst hat. „Showboat“ war so etwas wie der Ur-Knall des modernen Musicals und beschwor eine radikale Wandlung im Vergleich zu all den Musical-Comedies, die bis zum Zeitpunkt der Welturaufführung im Jahr 1927 die Theater an der 42. Straße bevölkerten und noch sehr stark an Revuen erinnerten, weil die Songs nur sehr lose mit der Handlung in Verbindung standen.

Oscar Hammerstein II. legte mit „Showboat“ nun ein Werk vor, in dem Story, Musik und Texte zum ersten Mal eine richtige Einheit bildeten und die Handlung durch die Lieder weitergetrieben wurde – statt Musical-Comedy nun also ein Musical-Play oder wie man es auch nennt: „Book-Musical“. Das Musical dieser Art erzählt eine durchgehende Handlung, in die Lieder, Dialog (optional) und Tanz integriert sind.

Im Fall von „Showboat“ wird das Leben auf einem Theaterschiff in einem Zeitraum von 40 Jahren Ende des 19. Und Anfang des 20. Jahrhunderts geschildert. Entlang des Mississippi und in Chicago werden zwischenmenschliche und ethnische Konflikte ausgetragen und verschiedene Personen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in das Zentrum der Handlung gestellt.

„Showboat“ erlebte nicht nur zahlreiche Revivals an Broadway und West End, sondern wurde bislang auch bereits dreimal verfilmt. Einen Tony Award gewann die Ursprungs-Produktion freilich nicht, denn in den 1920er Jahren existierte dieser Theaterpreis noch gar nicht. Revivals konnten die größten Musik-Theaterpreise Tony Award (1995) und Olivier Award (1991) aber immerhin gewinnen.

Absolute Anspieltipps der mitreißenden Partitur Kerns samt den intelligenten Texten von Hammerstein II. sind „Make Believe“, „Ol`Man River“ und „Can`t help lovin` that man“.

Auch wenn sich die Musical-Historiker nicht einig sein, was tatsächlich das erste Musical aller Zeiten war, so kann man eines mit Sicherheit sagen: Ohne „Showboat“ hätte das Musical in Amerika eine andere Entwicklung genommen und die Show kann als Meilenstein, wenn nicht sogar als konstitutives Element des modernen Musiktheaters gesehen werden. Somit wirklich: Der größte Musical-Klassiker aller Zeiten!

Beitragsbild: © Joan Marcus

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.