Am 09. März 2016 feierte das Musical „Evita“ im Wiener Ronacher seine vielbeachtete Premiere, nachdem das Stück ja bereits 1981 in der österreichischen Hauptstadt seine deutschsprachige Erstaufführung erlebt hatte.
Mit der Inszenierung von Vincent Paterson ist den Vereinigten Bühnen Wien (VBW) wieder einmal ganz großes Musiktheater und eine Umsetzung gelungen, die international ihresgleichen sucht.

„Evita“ ist eines der erfolgreichsten Werke von Andrew Lloyd Webber und war das erste Stück britischen Ursprungs, das einen der begehrten Tony Awards gewinnen konnte.
1978 am West End uraufgeführt und ein Jahr später an den New Yorker Broadway transferiert, gab es mittlerweile unzählige preisgekrönte Produktionen dieses Musicals auf allen Kontinenten. Was vielen häufig nicht klar ist, da „Don`t cry for me Argentina“ beinahe synonym für das gesamte Musical steht und musikalisch eher klassisch anmutet: 1976, also zwei Jahre vor der Welturaufführung, wurde ein Album zu „Evita“ veröffentlicht, das man als „Rock Opera Concept Album“ bezeichnete. Sehr passend, denn tatsächlich mutet der Score auch heute, fast 40 Jahre später, noch sehr modern, rockig und frisch an – wenn er denn stark interpretiert wird.

Das Orchester ist der Star

Und fragt man im Musical-Bereich nach einem exzellenten Orchester, ist man in Wien schon seit Jahrzehnten genau an der richtigen Adresse. Ich habe die Musik von „Evita“ –  sowohl auf CDs als auch live in deutschen Stadttheater-Produktionen – noch nie so kraftvoll und voluminös erlebt, wie in dieser Wiener Inszenierung. Unter der musikalischen Leitung und dem Dirigat von Koen Schoots klingt Webbers fantastische und abwechslungsreiche Musik so zeitgemäß und beeindruckend wie wohl nur selten zuvor. Ich glaube von nun an bin ich verdorben für alle Produktionen, die in anderen Häusern folgen werden, da der Soundtrack mich noch nie so abholen konnte wie im Ronacher. Unterstützt von einem fabelhaften Sound, der endlich einmal laut genug ist und die Musik somit auch in der richtigen Intensität transportiert, ist das Orchester somit der eigentliche Star dieser Produktion und darf zurecht vor allem Weiteren genannt werden.

© VBW / Deen van Meer
© VBW / Deen van Meer

Was hiervon ausgehend aber für die Wiener „Evita“ im Allgemeinen gilt, ist, dass Paterson`s Inszenierung erfrischend modern, intelligent und spritzig daherkommt und wie ein Musical wirkt, das gut und gerne in diesem Jahrzehnt entwickelt sein könnte. Das Alter der Vorlage spürt man jedenfalls in keiner Sekunde. Dies hatte wohl auch zur Folge, dass ich das Gefühl hatte, dieses Musical zum ersten Mal richtig zu sehen, ja zu erleben – denn in diesem Maße berühren und beeindrucken konnte mich „Evita“ vorher nie. Und nun hat es mich beinahe sprachlos zurückgelassen.

Evita – Viel Schein, wenig Sein

Mein größtes Problem mit der Figur der Eva Perón war immer, dass ich sie unfassbar unsympathisch fand und finde. Ich konnte mich in keinem Moment mit ihr als Person und ihren Gefühlen identifizieren und so hat mich „Evita“ immer sehr kalt gelassen. In Wien wurde mir aber zum ersten Mal bewusst, dass Ziel des Musicals eben nicht die Vermenschlichung einer argentinischen Nationalheiligen ist, sondern deren Entmystifizierung. Eva Perón war eine sehr fokussierte, karrieregeile, skrupellose Frau – dabei aber nett anzuschauen, charmant und einnehmend. Das Wichtigste aber: Sie war keine First Lady aus dem Bürgertum, sondern – oh weh –  aus dem dritten Stand und gereichte damit zur Identifikationsfigur eines ganzen Volkes, dem sie Halt und Orientierung gab.

© VBW / Deen van Meer
© VBW / Deen van Meer

Ihr Leben war sehr viel Schein und sehr wenig Sein und genau darum geht es in dem Musical: Das Publikum soll nicht zum Mitfühlen, sondern zum kritischen Nachdenken bewegt werden. Und dafür sorgt die eigentliche Hauptfigur des Musicals: Che, welcher als Art Luigi Lucheni-Vorläufer durch die Handlung führt, Fragen aufwirft und Evas umjubelte Handlungen sowie die politischen Entwicklungen Argentiniens immer wieder sehr ironisch kommentiert. Diese Fokussierung und Ausrichtung innerhalb dieser intelligenten Erzählweise wird in Wien auch darstellerisch deutlich und wahrscheinlich liegt gerade hierin begründet, dass ich „Evita“ nun so wahrnahm, wie es der Autor und Texter Tim Rice von Anfang an intendiert hatte.

Dieser schildert Evas Männer-reichen Aufstieg, ihren Kampf gegen das Bürgertum bis hin zur finalen Erschöpfung und Krankheit in einem beinahe Revue-artigen Tempo. Damit das Stück funktioniert, braucht es hierbei vor allem drei starke Hauptdarsteller. Und die hat man in Wien gefunden.

Großartiges Darsteller-Trio

© VBW / Deen van Meer
© VBW / Deen van Meer

Thomas Borchert passt vom Typ her schon ideal in die Rolle des bestimmten, wenn es sein muss auch kalten, Juan Domingo Perón, der für seine Präsidentschaft über Leichen geht. Trotzdem erkennt man in jedem Moment seine Liebe und Zuneigung Eva gegenüber und vor allem im zweiten Akt kann Borchert schauspielerisch glänzen, wenn Eva immer kranker wird und er seiner harten Schale zunehmend weichere Züge verleiht.

Medial musste im Zuge der Premierenberichterstattung vor allem Katharine Mehrling einstecken, welche im Ronacher die Titelrolle verkörpert. Zu schrill, zu klein, schauspielerisch schwach – Mehrling schien ein bisschen wie das gefundene Opfer einer Wiener Presse, die mit Musicals sowieso nicht viel anfangen kann und bei einer tadellosen Inszenierung das Haar in der Suppe finden musste und wollte. Um es ganz klar zu sagen: Katharine Mehrling hat eine sehr charakteristische Stimme und wirkt auch anfangs nicht unbedingt wie eine Fünfzehnjährige. Und sicherlich gab es auch schon stärkere Evita-Darstellerinnen. Aber dennoch macht sie ihre Sache in jeder Minute überzeugend und ist zurecht die Leading-Lady dieser Produktion. Vor allem im zweiten Teil kann sie als erschöpfte Eva schauspielerische Akzente setzen und berührt. Leider sind ihre Texte an manchen Stellen nur schwer verständlich, was aber weniger an ihrer Aussprache, als vielmehr an Tim Rice liegt, der sehr häufig auf sehr wenige Noten sehr viele Silben getextet hat.

© VBW / Deen van Meer
© VBW / Deen van Meer

Als Che konnte Drew Sarich gewonnen werden – ein absoluter Glücksgriff der VBW. Denn Sarich brilliert in der Rolle des ironischen Erzählers und hebt mit seiner Darstellung auch die gesamte Produktion auf ein höheres Niveau. Nach seinen drei Jahren als Rocky in Hamburg, kann er nun auch wieder viel stärker seine gesanglichen Qualitäten unter Beweis stellen und spielt so sympathisch, dass ihm das Publikum ziemlich schnell zu Füßen liegt. Apropos: Dadurch, dass der Saal mitbespielt wird und Sarich samt Kollegen auch mit den Zuschauern interagiert, wird man von dieser Inszenierung nochmal stärker involviert und gepackt. Vielleicht liegt es auch an den starken Nummern, die Sarich interpretieren darf, aber viele seiner Szenen kreieren die sonst so seltenen „Wow-Effekte“ und reißen mit. Eine absolut geniale Performance, die alleine ein Besuch im Wiener Ronacher schon wert ist!

Vladimir Korneev als Magaldi und Taryn Nelson als Peróns Geliebte holen aus ihren kleinen Rollen das Maximale heraus und vor allem Korneev bleibt durch seine stimmstarke Interpretation nachhaltig im Gedächtnis, was in dieser Rolle durchaus nicht jedem gelingt!

Das Ensemble ist allgemein sehr stark besetzt und ihre volle Wucht und Dynamik entfalten die Darsteller auch zusammen in der wohl beeindruckendsten Szene des Musicals, dem Finale des ersten Aktes („Wach auf, Argentinien!“), das sehr stark und absolut mitreißend gelingt.

Hier in Wien…

Zur Wirkung dieser Szene trägt auch das Bühnenbild von Stephan Prattes bei, welches sehr abwechslungsreich, dynamisch und imposant daherkommt. Somit ist die Wiener „Evita“ nicht nur ein Fest fürs Ohr, sondern auch für das Auge.

© VBW / Deen van Meer
© VBW / Deen van Meer

Der einzige Schwachpunkt – und dafür kann die VBM nichtmal etwas – liegt aber in dem Stück selbst begründet, denn die letzten 20 Minuten von „Evita“ sind leider die schwächsten.
Von Anfang an fährt das Musical ein sehr hohes Tempo und ist unte rhaltsam, ja begeisternd. Nach dem „Walzer für Evita und Che“ – und mit der einsetzenden Erschöpfung der Präsidentengattin – fehlen ein wenig die Höhepunkte. Das Leiden Evitas wird zu langatmig erzählt, man wird aus dem Drive des vorher Gesehenen zu abrupt herausgerissen und leider wirkt dieser Teil auch musikalisch etwas uninspiriert.
Aber nochmal: Hierfür können höchstens Webber und Rice etwas, Paterson macht samt seinem Team  auch aus diesem Teil noch das Beste.

Schade, dass diese Produktion in den Medien bislang eher verhalten besprochen wurde und das österreichische Feuilleton mal wieder souverän beweisen wollte, dass es dem Musical gegenüber eher eine skeptische Haltung pflegt. Wer sich ob dieser Tatsache an den Song „Hier in Wien“ aus dem Kunze/Levay Musical „Mozart!“ erinnert fühlt, wird zu dem Schluss kommen, dass leider auch weiterhin Produktionen der VBW eher mäßig aufgenommen werden, was aus Musical-Fan-Sicht häufig und im Falle von „Evita“ definitiv ungerecht ist, auch wenn hieraus natürlich meine subjektive Erfahrung spricht.

Wer eines der stärksten Webber-Musicals in einer ganz starken Inszenierung mit einem der weltweit besten Orchester, einer tollen Cast und vor allem einem brillanten Drew Sarich erleben möchte, sollte dieses Jahr unbedingt nach Wien fahren. Ich persönlich bezweifle jedenfalls, dass man „Evita“ in nächster Zeit auch international nochmal in solch einer Qualität sehen kann.

Evita

Price: EUR 7,46

4.1 von 5 Sternen (5 customer reviews)

32 used & new available from EUR 3,09

London-Premiere: 21.06.1978 (Prince Edward Theatre)
Premiere Wien: 09.03.2016 (Ronacher)
Besuchte Vorstellung: 12.03.2016
Text: Tim Rice
Musik: Andrew Lloyd Webber
Deutsche Übersetzung: Michael Kunze
Musikalische Leitung: Koen Schoots
Regie und Choreographie: Vincent Paterson
Bühne: Stephan Prattes
Kostüme: Robert Schwaighofer
Sounddesign: Thomas Strebel
Lichtdesign: Andrew Voller
Besetzung: Katharine Mehrling (Eva Perón), Drew Sarich (Che), Thomas Borchert (Perón), Vladimir Korneev (Magaldi), Taryn Nelson (Ensemble/ Peróns Geliebte)

Vorstellungen im Wiener Ronacher: 09.März bis Dezember 2016
Tickets gibt es hier.

Beitragsbild: © VBW / Deen van Meer