Vorweg muss ich gestehen, dass ich mit „Hair“ immer so meine Schwierigkeiten hatte. Songs wie „Aquarius“, „I got life“ oder „Let the Sunshine in“ sind absolute Ohrwürmer und nicht nur unter Musical-Fans bekannte Hits. Jedoch hat dieses Musical ebenso viele Lieder, die ich als absoluten Wirrwarr empfinde und für die ich niemals Speicherplatz auf meinem Player verschwenden würde. Als ich „Hair“ dann vor Jahren zum ersten Mal sah, hatte ich ziemliche Probleme mit der Thematik des Stückes. Für mich ging es um irgendwelche Hippies, die sich mit Drogen vor ihrer eigentlichen Verantwortung drücken und in seltsamen Klamotten mit Nichtstun und Drogenkonsum versuchen, den Tag rumzukriegen. Noch dazu war ich heillos überfordert mit dem Durcheinander in der Handlung, sodass mir das Musical einfach ewig lang vorkam und ich selbst die großartigsten Lieder dann einfach nicht mehr genießen konnte. Und die eigentliche Tiefgründigkeit bezüglich des Vietnamkriegs ging dann auch noch unter, weswegen ich „Hair“ für mich eigentlich schon abgeschrieben hatte und es in die Kiste der 60er-Jahre-Musicals stecken wollte, bei denen mein Vater immer sagt, dass ich dafür zu jung bin und vorher hätte etwas kiffen müssen.

© Christian POGO Zach
© Christian POGO Zach

Nun wollte ich dem Stück noch einmal eine Chance geben (natürlich ohne vorher was zu kiffen) und die Inszenierung vom Münchner Gärtnerplatztheater hat mir gezeigt, welchen Unterschied eine gute Inszenierung und geniale Regie-Einfälle vor allem bei einem Musical wie „Hair“ machen können.

No-Libretto

„Hair“ wird seit seiner Uraufführung 1967 immer wieder als „Musical ohne Libretto“ bezeichnet, da die Gestaltung und Zusammensetzung der einzelnen Nummern jeder Produktion selbst überlassen ist und das Werk eigentlich mehr ein Happening sein soll als ein wirkliches Musical. Dass oft der rote Faden in der Handlung fehlt, ist daher durchaus gewollt und war auch der Grundgedanke der Autoren Gerome Ragni und James Rado, die sich mit ihrem Musical von der damaligen Theaterform deutlich sowie provokant abheben und der der amerikanischen Hippie-Bewegung ein Denkmal setzen wollten. Dass dadurch komplett unterschiedliche Inszenierungen entstehen, ist zum einen nicht nur verständlich, sondern erklärt auch, wie ein und dasselbe Musical in unterschiedlichen Produktionen so verschieden in seiner Wirkung ausfallen kann.

Die Handlung ist eigentlich schnell erzählt: Es geht um einen Hippie-Stamm rund um deren Anführer Berger und ihr neuestes Mitglied Claude. Letzterer ist hin- und hergerissen zwischen den Idealen der Hippies und der harten Realität. Als ihn der Einberufungsbefehl erreicht, der ihn in den Krieg nach Vietnam schickt, muss er sich entscheiden, was ihm wichtiger ist.

© Christian POGO Zach
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Der erste Akt in der Münchner Reithalle, die das Gärtnerplatztheater interimsmäßig während seiner Umbauphase bespielt, war noch sehr ähnlich zu meiner ersten Produktion von „Hair“. Es wird irgendwie von einem Song zum nächsten gesprungen, ohne dass man wirklich eine Struktur in der Handlung erkennt, bzw. von einer Geschichte gefesselt wird. Es wird eben das Lebensgefühl der Hippies zelebriert. Und das sehr eindrucksvoll! Der erste Akt überzeugte mit dynamischen Choreographien und einem stimmgewaltigen Ensemble, sodass man es eine Stunde schon „durchhalten“ konnte. Vor allem Nummern wie „Hair“ oder „Aquarius“ lassen das Handlungschaos dann schnell für ein paar Minuten vergessen.

Generell ist der starke Soundtrack wohl das wahre Erfolgsgeheimnis diese Musicals, weil Komponist Galt MacDermot – ein ehemaliger Organist und Kirchenmusiker – einfache, dadurch aber umso eingängigere Melodien geschaffen hat, die mal leise, sehr oft laut, aber immer eindringlich und intensiv sind. Und Ohrwürmer, die man tagelang nicht mehr los wird.

Letztlich hat „Hair“ bei seiner Welturaufführung auch nicht nur aufgrund seiner Thematik ein mittelschweres Erdbeben am Broadway verursacht – Dass ein Musical konsequent auf Rock-Musik setzt, war damals das eigentliche Innovative und hat das ganze Genre in den Folgejahren so stark geprägt, wie seither vielleicht nur noch „Rent“ und eventuell „next to normal“.

Im zweiten Akt hat die Handlung dann ordentlich angezogen. Es wurde mehr auf die Figuren eingegangen und deren Hintergründe präsentiert. Auch dass nicht alles so wirklich glatt läuft in der heilen Hippie-Welt, sondern die jungen Alternativen auch nur Menschen mit normalen Problemen sind, vor denen sie eigentlich davon laufen, hat mir die Handlung und deren Protagonisten gleich viel näher gebracht. Da bereits im ersten Akt viele meiner ungeliebten „Hair“-Songs abgearbeitet worden sind, konnte ich mich im zweiten Akt hauptsächlich auf gute Lieder freuen, die auch die Handlung vorangetrieben haben. Besonders begeistert hat mich die Inszenierung von „Let the sunshine in“ als äußerst mitreißendes und emotionales Finale, welches mir die Dramatik, die dieses Stück eigentlich verdient hat, zum ersten Mal näher gebracht und mir wirklich die Tränen in die Augen getrieben hat.

© Christian POGO Zach
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Das Stück wurde zudem in vielerlei Hinsicht entstaubt. Die bekannte Nacktszene, die bei seiner Broadway-Uraufführung in den 60er Jahren für einen ordentlichen Skandal gesorgt hat, kommt natürlich auch hier zum Einsatz. Jedoch ist diese Sequenz nicht bloß reiner Selbstzweck, um einfach nur zu provozieren (was es im Jahr 2016 auch lange nicht mehr tut), sondern in Gil Mehmerts Inszenierung tatsächlich sinnhaft und intelligent eingebunden, weil die Friedensbewegung somit ein effektives Protestmittel zum Einsatz bringt. Da bei „Hair“ inzwischen jeder mit dieser Szene rechnet, war es mir wichtig, dass diese Szene einen neuen Touch bekommt und dadurch wieder interessanter wird – dies hat das Kreativteam eindrücklich vollbracht.

Von Dealern, Gärtnern und Spießern

Der Schlüssel zu einer gelungenen Produktion ist natürlich immer die Besetzung. Vor allem David Jakobs in der Rolle des Claude hat mich gesanglich und schauspielerisch begeistert und ich würde sehr gerne in nächster Zeit mehr von ihm hören. Seine innere Zerrissenheit zwischen der Lust auf das Leben als Hippie und seinem Einberufungsbefehl und dem damit verbundenen möglichen Tod in Vietnam, ist jederzeit spürbar.

Dominik Hees (Berger) und Bettina Mönch (Sheila) sind wohl die beiden bekanntesten Namen in der dieser Münchner Produktion und halten in jeder Minute, was sie versprechen. Bettina Mönch sticht grundsätzlich aus der Masse an Hippies hervor und auch Dominik Hees entfaltet eine unfassbare Spielfreude und kann in seinen wenigen Soli mit seiner charakteristischen Stimme überzeugen.

© Christian POGO Zach
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Auch das restliche Ensemble rund um Christina Patten (Jeanie) und Victor Hugo Barreto (Hud) liefern eine sehr gute Show ab, auch wenn ich mir bei dem ein oder anderen versemmelten Ton gewünscht hätte, dass sich mehr auf das Singen als auf das fröhliche Getanze konzentriert worden wäre.

Leider ist die Akustik in der Reithalle oft nicht optimal und in vielen Ensemble-Nummern ging der genaue Text des Öfteren unter. Außerdem ist diese Ausweichspielstätte des Gärtnerplatztheaters, egal ob Winter oder Sommer, immer zu warm. Das begeisterte Publikum hat das alles nicht gestört und spätestens beim Finale ließ sich vor allem die Flower-Power-Generation nicht zweimal bitten, die Bühne zu stürmen und mit der Cast dieses Stück und irgendwie auch das Leben zu feiern. Alles in allem war es eine fantastische Produktion, die mich hat tanzen und weinen lassen – und mir gezeigt hat, wie zeitlos, da immer noch aktuell dieses Musical auch heute noch ist.

Hair

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4.0 von 5 Sternen (127 customer reviews)

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Broadway-Premiere: 29.04.1968 Biltmore Theatre, New York (Broadway)
Deutschlandpremiere: 24.10.1968, Theater in der Briennerstraße, München (heutiges Volkstheater)
Besuchte Vorstellung: 28.02.2016, Gärtnerplatztheater/Ausweichspielstätte Reithalle
Buch und Texte: Gerome Ragni und James Rado
Musik: Galt MacDermot
Musikalische Leitung: Jeff Frohner
Regie: Gil Mehmert
Choreografie: Melissa King
Bühne: Jens Kilian
Kostüme: Dagmar Morell
Besetzungen: David Jakobs (Claude), Dominik Hees (Berger), Bettina Mönch (Sheila), Christina Patten (Jeanie), Dionne Wudu (Dionne), Victor Hugo Barreto (Hud), Lars Schmidt (Woof)

Tickets für „Hair“ in München können hier erworben werden.
Vorstellungen: 25.02. bis zum 17.03.2016

Beitragsbild: © Christian POGO Zach

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.