In dieser Ausgabe von „How to be a legend“ möchte ich jemanden vorstellen, den ich persönlich als meinen liebsten Musicalkomponisten betrachte. Stephen Schwartz ist vielen wahrscheinlich in erster Linie als Komponist des Erfolgs-Musicals „Wicked“ ein Begriff.

Stephen Lawrence Schwartz wurde am 6. März 1948 in New York City geboren. Während er noch die High School besuchte, studierte er bereits Klavier und Komposition an der renommierten Juilliard School, New York, und machte 1968 seinen Uni-Abschluss in Dramaturgie an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, Pennsylvania. Zuerst arbeitete er als Produzent bei RCA Records, entschied sich aber bald für den Broadway. Seine erster Erfolg war der Titelsong zu der Komödie „Butterflies are free“, die zuerst 1969 am Broadway aufgeführt und anschließend 1972 mit Goldie Hawn verfilmt wurde.

Zu seinen bekanntesten Musicals gehören definitiv „Godspell“ (1971), „Pippin“ (1972) und „Wicked“ (2003). Während „Wicked“ am Broadway und im Londoner West End immer noch erfolgreich läuft und einen Rekord nach dem anderen bricht, werden „Godspell“ und „Pippin“, über 40 Jahre nach ihrer Uraufführung, immer wieder aufgeführt. 1974, nur drei Jahre nachdem sein erstes Musical „Godspell“ uraufgeführt wurde, hatte Schwartz mit diesem, „Pippin“ und „The Magic Show“ drei Shows, die am Broadway gleichzeitig erfolgreich zu sehen waren. Damals war er gerade einmal 26 Jahre alt. Neben seinen zahlreichen Tony und Grammy-Awards gehört Stephen Schwartz auch zu den beiden einzigen Komponisten, die es geschafft haben, dass drei Shows von ihnen mit jeweils mehr als 1.500 Vorstellungen am Broadway liefen. Diese drei Shows sind „Pippin“, „The Magic Show“ und „Wicked“. Der andere Komponist heißt Jerry Herman, dem wir Musicals wie „Hello, Dolly“ und „La Cage aux Folles“ verdanken.

In den 1990er Jahren steuerte er zu den Disneyfilmen „Pocahontas“ und „Der Glöckner von Notre Dame“ die Lyrics zur Musik von Alan Menken bei. Die beiden arbeiteten auch 2007 wieder für den Film „Verwünscht“ zusammen. Für den Film „Der Prinz von Ägypten“ schrieb er Musik und Lyrics und wurde dafür, wie schon für die Filmmusik von „Pocahontas“, mit einem Oscar ausgezeichnet.

Meine ganz persönliche Nummer eins

Stephen Schwartz hat es in meinen Augen definitiv verdient, zu unseren „Legenden“ zu zählen. Sehr viel macht hierbei natürlich „Wicked“ aus, da dieses Stück nicht nur für mich persönlich das Großartigste ist, was jemals geschrieben wurde und ich mich an der Musik niemals satt hören könnte. Ich verdanke es daher wohl auch ihm, dass mein Interesse am Musical zur Leidenschaft wurde, weil mir „Wicked“ eine ganz neue Dimension von Musiktheater eröffnet hat. Vor allem „Defying Gravity“ ist für mich – sowohl musikalisch als auch inhaltlich – einer der bedeutendsten Musicalsongs überhaupt.

Auch die Musik zum Musical „Pippin“ bereitet mir alleine beim Hören der CD unheimliche Freude, was andere Musicals nur schaffen, wenn ich sie im Theater mit großem Orchester und fantastischen Darstellern sehe. Seine Musik klingt, selbst wenn sie wie bei „Pippin“ oder „Godspell“ den 1970er Jahren entstammt, unfassbar zeitlos und modern. Vor allem bei der Revival-Produktion von „Pippin“ im Jahr 2013 war ich begeistert, wie wenig man bei der Musik heraushört, dass sie bereits über 40 Jahre auf dem Buckel hat. Unwissentlich begleitet er mich auch schon seit meiner Kindheit, da ich mit der Musik von „Pocahontas“, „Der Glöckner von Notre Dame“ und „Der Prinz von Ägypten“ aufgewachsen bin.

Neben seinem großartigen Musical-Vermächtnis erscheint Stephen Schwartz in Interviews äußerst sympathisch und verkörpert für mich den bodenständigen und bescheidenen Amerikaner von nebenan. Anders als viele seiner erfolgreichen Komponisten-Kollegen hält er sich sehr stark im Hintergrund, weswegen sein Name der breiten Masse wohl eher kein Begriff ist. Dieser werte Herr steht daher auch ganz weit oben auf meiner Liste der interessanten Persönlichkeiten, mit denen ich gerne mal einen Kaffee trinken würde.

„Schikaneder“

© VBW/Rolf Bock
© VBW/Rolf Bock

Momentan arbeitet Stephen Schwartz für die Vereinigten Bühnen Wien an dem Musical „Schikaneder“, welches im September 2016 im Raimund Theater Premiere feiern wird. Für mich ist an dem Tag, als diese Zusammenarbeit verkündet wurde, schlicht Ostern und Weihnachten auf einen Tag gefallen. Zum einen hatte diese Zusammenarbeit wohl niemand auf dem Schirm, da Musicals über bekannte historische Persönlichkeiten eigentlich immer den Wiener Haus- und Hofkomponisten Michael Kunze und Sylvester Levay vorbehalten waren. Zum anderen ist Stephen Schwartz ein hochangesehener und erfolgreicher Broadway-Komponist und der deutschsprachige Raum holt sich doch eher die erfolgreichen ,schon fertigen Musicals vom Broadway rüber und nicht die erfolgreichen Komponisten, um mit ihnen von Grund auf etwas komplett Neues zu erschaffen. Hier zeigt sich jedoch mal wieder, dass die Vereinigten Bühnen Wien in Sachen Eigenproduktionen sehr viel mehr Mut und auch Fantasie haben als vergleichbare Produzenten in Deutschland. Wenn ich da an interessante Persönlichkeiten in den Produktionsteams von neuen Musicals denke, fällt mir nur Sylvester Stallone ein. Wenn man das jetzt mal zusammenhanglos betrachtet, wundert einen eigentlich nichts mehr.

Äußerst schade finde ich daher, dass diese Zusammenarbeit bisher so wenig Beachtung fand, da ich wie bereits erwähnt, absolut begeistert von dieser Kooperation bin. Vor allem nach der Verkündung war der Hype selbst in Musical-Kreisen äußerst verhalten und auch ein halbes Jahr vor der Premiere gibt es außer dem Premierentermin noch nicht viel zu berichten. Einzig die Verkündung, dass Mark Seibert, der auch schon in der Deutschlandpremiere von „Wicked“ mit Stephen Schwartz zusammengearbeitet hat, die Titelrolle übernimmt, hat dem ganzen etwas Fahrtwind gegeben. Bis auf Produktionsteam (Musik und Lyrics: Stephen Schwartz, Buch: Christian Struppeck, Übersetzung: Michael Kunze und Regie: Trevor Nunn) wissen wir daher noch nicht viel über dieses neue Musical, aber als großer Fan der Musik von Stephen Schwartz bin ich äußerst guter Dinge, dass sich da etwas Fantastisches anbahnt.

Beitragsbild: ©Andy Kropa/Invision/AP

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.