Es ist mal wieder soweit. Eine neue Produktion von Stage Entertainment geht in den offiziellen Verkauf, zum ersten Mal sind die Saalpläne samt Preiskategorie-Einteilung einsehbar, die Preise bekannt und schon gehen Diskussionen los, die jeder Musical-Fan mittlerweile auswendig mitbeten kann.

„Ich will doch nur eine Karte und nicht das ganze Theater kaufen… viel zu teuer“ – „ Ist ja auch `ne teure Produktion…“ – „Ja, aber PK1 bis Reihe 22??? Damals bei Miss Saigon in Stuttgart ging PK1 nur bis Reihe 7!“ – „Das waren ja auch andere Zeiten, ist ja alles viel teurer geworden, hohe Fix- und laufende Kosten….“ – „Aber 160 Euro an einem Samstag-Abend? Davon kann ich ein Wochenende in London inklusive Flug und Übernachtung machen!“ – „Ja, aber in London und New York bezahlt man doch genauso viel in den Spitzenkategorien!“ – „Da kann ich aber auch bessere Rabatte bei TKTS oder über Day-Seat-Angebote bekommen!“ Und wenn dann gar kein Argument mehr greift, folgt häufig das absolute Totschlagargument „ Also wenn dir ein Musical so viel Geld nicht wert ist, dann brauchst du es auch nicht besuchen!“

Es ist immer wieder interessant zu beobachten, wie hier zwei Wahrnehmungen aufeinandertreffen. Um dies von Anfang an klarzustellen: Eine Musical-Produktion ist ein immenser finanzieller Kraftakt, denn nach den Installations- und Entwicklungskosten, fängt ein Musical erst richtig an Geld zu kosten. Dann, wenn eine Show jeden Abend in gleicher Qualität gespielt werden soll, Vorderhaus-, Hinterhaus-, und Verwaltungsmitarbeiter sowie Mieten bezahlt und ein Bühnenbild in Schuss gehalten werden möchte. Ein Musical-Besuch kann und darf niemals so viel wie ein Kino-Abend kosten und gerade für mich als Musical-Fan stellt sich gar nicht die Frage, wie viel mir eine Show wert ist. Die einzige Frage, die sich mir, als 24-jährigem Studenten stellt, ist: Kann ich mir das Ticket für eine deutsche Großproduktion leisten?

Und die Antwort hierauf lautet schon seit Jahren: Nein. Während ich also munter alle möglichen Shows im Londoner West End besuche und mir auch hier zu Lande gern das ein oder andere Stück ein- oder gar mehrmals anschauen möchte, komme ich immer wieder zu dem traurigen Schluss, dass ich einfach nicht das Geld für „Liebe stirbt nie“, „Tarzan“ oder „Rocky“ habe.
Man könnte argumentieren, dass ein Student ja auch nicht unbedingt zur Zielgruppe dieser Stücke gehört und sich jene eher an Familien und mittelalte bis ältere Personen mit solidem Finanzstatus richten.
Allerdings: Seit wann gehört ein Musical-Fan nicht zur Zielgruppe eines Musicals? Und wieso denkt man so wenig an die Zukunft einer Theaterform und verpasst die Chance, sich eine neue Zielgruppe zu erschließen?

Nun argumentiert die Stage Entertainment gerne, dass die Top-Preise ihrer Shows hierzulande längst nicht das Niveau nachfragestarker Broadway-Shows erreicht haben (Siehe hier einen sehr interessanten Artikel unserer Kollegen von Musical1.de). Dies wäre aber auch reichlich schlimm, schließlich liegen die Preise selbst in der zweitgrößten Musical-Metropole der Welt, dem Londoner West End, weit unter jenen der 42. Straße. Und richtig ist auch: Die Preise der besten Kategorien sind in Deutschland und London beinahe identisch.

Einziger Unterschied: In London liegt der Preis der niedrigsten Preiskategorie weit unter deutschem Niveau. Während ich mir im Sommer regulär einen Platz in der Mitte des zweiten Ranges für „Bend it like Beckham“ für 19 Pounds gekauft habe (ungefähr 25 Euro), müsste ich samstags abends für „Aladdin“ in der Neuen Flora fast 90 Euro für die letzte Reihe im Rang bezahlen. Und so gut die Sicht in den Stage Häusern selbst von den hinteren Plätzen ist: Wenn ich 90 Euro in die Hand nehme, möchte ich nicht 15 Meter über Bühnenniveau sitzen!

Zumal die Kategorieneinteilung der Theater mittlerweile wirklich mehr als fragwürdig ist. Ich habe mal bei „Elisabeth“ im Stuttgarter Apollo Theater in der Mitte der 16. Reihe auf einem PK-2-Platz gesessen. Bei „Mary Poppins“ kann man froh sein, dass diese Reihe nicht schon zur PK-Premium gehört. Man MUSS ja beinahe schon mindestens einen PK1-Platz wählen, um einigermaßen nahe am Bühnengeschehen zu sein. Vielleicht ist dies eine Taktik, die Besucher eben zum Kauf der besseren PK zu bewegen. Für mich ist es ein Grund, dem Stück gänzlich fernzubleiben!

Darüber hinaus ist die gesamte Rabatt-Politik wirklich sehr ünglücklich. Selbst wenn Schülern und Studenten an manchen Vorstellungstagen 10 Prozent Rabatt gewährt wird, müsste ich für die Premium-Kategorie an einem Samstag-Abend immer noch um die 140 Euro in die Hand nehmen. An meinem Empfinden hat sich daher recht wenig geändert: Die Karten waren zu teuer und bleiben zu teuer (zumal Samstage häufig gar nicht zu den „Rabatt-Tagen“ gehören).
Natürlich gibt es mal „2 zum Preis von 1“ oder Musical-Sommer-Aktionen. Aber das sind nunmal Ausnahmen, die recht selten angeboten werden.

Wieso tut man deutschen Musical-Fans nicht mal etwas Gutes und bietet Day-Seats nach London-Vorbild an? Das macht die Fans glücklich, fördert Mehrfach-Besuche, Mund-zu-Mund-Werbung und füllt leere Plätze auf. Flankiert von TKTS-Angeboten (mit RICHTIGEN Rabatten, nicht solchen 10 Prozent-Pseudo-Ermäßigungen) ist das West End so auch für junge Menschen zu einem attraktiven und erschwinglichen Entertainment-Hotspot geworden und das Musical kann sich neue Zielgruppen erschließen. Und mit neuen Zielgruppen entstehen neue Stücke und neue Impulse für das gesamte Genre. Impulse, die in Deutschland ungehört verhallen, weil nunmal seit Jahren die ein und selbe Zielgruppe mit den immer gleichen Stücken bespielt wird. Eine Zielgruppe, die Musical als Event-Entertainment empfindet und genau einmal im Jahr in ein Stück fährt, bei dem sie weiß, was sie erwartet. Denn ein Risiko geht man bei solchen Preisen eben nicht ein.

Zugegeben: Gerade für mich als Student gibt es bei vielen Stage-Shows Angebote wie Young-Tickets bei denen ich dann inklusive aller Gebühren zwischen 40 und 50 Euro bezahle. Ein interessantes Angebot, das ich mir leisten kann und will. Allerdings scheiter ich immer wieder daran, meine Kommilitonen zu einem Musical-Besuch für 50 Euro zu bewegen, wenn diese ein Stück nicht unbedingt sehen möchten und lieber für das gleiche Geld in zwei Konzerte ihrer Lieblings-Band gehen. Da kann ich noch so euphorisch davon erzählen, wie toll „Das Wunder von Bern“ ist: Die wenigsten nehmen so viel Geld in die Hand, um sich von einem Musical zu überzeugen, dem sie sowieso schon skeptisch gegenüber stehen. Und wenn die Preise Besucher verhindern, dann verhindern sie letztlich auch Innovationen. Dann bleibt Musical in Deutschland ewig so wie es heute ist.

Und bei der aktuell angespannten Situation der Großproduktionen, die stark mit ihren Gewinnerwartungen zu kämpfen haben, stellt sich die Frage, warum nicht endlich umgedacht wird. Ist die Nachfrage groß, wird ein Produkt teurer, sinkt die Nachfrage, sinkt der Verkaufspreis. Warum bitte ist das bei Musicals in Deutschland gerade anders herum und alles wird nur teurer?

Vor Kurzem habe ich in München viele meiner Freunde erst in „Hair“ und dann in „Singin` in the rain“ geschleppt. Die Karten für Studenten haben nur 8 Euro gekostet, dementsprechend war die Hemmschwelle selbst für jene niedrig, die sich gar nicht so sehr für das Stück interessiert haben. Das Ende vom Lied war nicht nur, dass ausnahmslos alle begeistert von den beiden Inszenierungen des Gärtnerplatztheaters waren, sondern auch begeistert festgestellt haben: „ Also sowas könnte ich mir häufiger anschauen.“

Und genau das sollte Musical meiner Meinung sein: Eine Theaterform, die mich öfter als einmal im Jahr beeindruckt und begeistert. Bei diesen Preisen wird das aber leider ein frommer Wunsch bleiben.

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.