Und noch ein Klassiker, den ich von meiner Musical-Liste streichen kann und der mir wieder einmal gezeigt hat, dass manche Stücke nicht grundlos seit über 30 Jahren erfolgreich laufen. Dieses Mal handelt es sich um „La Cage aux Folles – Ein Käfig voller Narren“ von Harvey Fierstein und Jerry Herman. Uraufgeführt 1983 in New York wurde es schnell – vor allem für Homosexuelle – zum Kultmusical und hat leider auch heute noch eine aktuelle und vor allem brisante Botschaft.

© Jochen Quast
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Das Musical handelt von Georges und Albin, einem schwulen Pärchen, das zusammen den Nachtclub „La Cage aux Folles“ in St. Tropez führt, wobei George als Manager und Besitzer agiert und Albin allabendlich als gefeierter Star Zaza auftritt. Als Jean-Michel, George`s Sohn, zu Besuch kommt und ankündigt, dass er heiraten will und die Eltern seiner Zukünftigen Anne das Paar kennenlernen wollen, bahnt sich ein äußerst amüsantes Verwirrspiel an. Der Vater von Anne ist nämlich Politiker einer äußerst erzkonservativen Partei und würde gerne alle Transvestie-Clubs der Stadt schließen lassen, ganz zu schweigen davon, dass er seine Tochter natürlich niemals in eine weniger traditionelle Familie einheiraten ließe. Es muss also das Bild eines perfekten Familienhaushalts vorgespielt werden, worunter vor allem Albin leidet, da er zwar für Jean-Michel immer wie eine Mutter war, aber nun ersetzt werden muss.

Liebe und Respekt

Die Botschaft, die dieses Stück von Anfang bis Ende predigt ist: Sei du selbst und schäme dich nicht dafür. Vor 30 Jahren war das Thema Homosexualität natürlich noch ein wenig schärfer diskutiert als heute, jedoch sind auch heute leider längst nicht alle homophoben Stimmen verklungen. Adrian Becker als Albin bzw. Zaza hält hierzu eine unfassbar inspirierende Rede. Zuerst tänzelt und singt er noch in diesem wunderschönen roten Kleid über die Bühne und tratscht mit dem Publikum über Gott und die Welt, sodass dem Publikum nichts anderes übrig bleibt, als wie Wachs in seinen Händen zu schmelzen. Doch dann wird er ruhiger und stimmt ernstere Töne an. Über Akzeptanz gegenüber Menschen, die anders sind, sei es nun Schwule, Lesben oder Flüchtlinge. Eigentlich wollen und brauche wir doch nur eins und zwar Liebe und Respekt. Das war es schon und das Publikum liegt ihm zu Recht zu Füßen.

© Jochen Quast
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Mit jenem Adrian Becker ist dem Theater Regensburg ein wahrer Glücksgriff gelungen. Egal, ob er die eifersüchtige Diva raushängen lässt, die verletzte Mutter, wenn sein Sohn verkündet, dass er sich als Kind oft für ihn geschämt hat oder einfach nur als Gute-Laune-Diskokugel Zaza auf der Bühne – er verkörpert jede Facette seines Charakters mit solcher Bravour, dass das Publikum ihn zu Recht vergöttert und mit Sympathie überhäuft. Auch das Zusammenspiel mit seinem Bühnenpartner Ansgar Schäfer als Georges ist so herzerwärmend und harmonisch, dass selbst der letzte homophobe Schwachmat vergessen könnte, dass es sich um eine Beziehung zwischen zwei Männern handelt. Vor allem die Szenen „Song am Strand“ und „Schau mal dorthin“, in der Georges eindrucksvoll gegenüber Jean-Michel für seinen Albin eintritt, gehören zu den eher ruhigeren und gefühlvolleren Momenten der Show und verfehlen ihre Wirkung beim Publikum absolut nicht.

Auch Tamás Mester als Jacob/Butler/Zofe – oder wie auch immer er genannt werden möchte – war eine Wucht auf High Heels. Matthias Laferi als Jean-Michel und Martina Fender als seine Verlobte Anne Dindon machen ihre Sache gut, bleiben jedoch eher blass im Gegensatz zu den anderen Rollen, was vielleicht auch an den “normalen” Kostümen im Gegensatz zu den Bühnenoutfits der Cagelles und Trümmertransen liegt. Gesanglich zeigt vor allem Matthias Laferi in “Mit Anne im Arm” seine warme Tenorstimme und heimst gleich ein paar Pluspunkte ein, die er jedoch gleich wieder verspielt als er verkündet, dass er Albin als Mutter nicht vorzeigbar empfindet. Was mich auch die meiste Zeit zum fieberhaften Grübeln gebracht hat, war die riesige Armtätowierung der Anne, die wohl eindeutig weder Zufall noch unbeabsichtigt war, sonder eine klare Regie-Anweisung. Da Anne aus einer sehr erzkonservativen Familie stammt und sich das ganze Stück nur darum dreht, dass man dem Geschmack dieser Familie entsprechen will, hatte ich mir Anne immer als braves Töchterchen vorgestellt. Daher verstand ich nicht, warum Anne dann doch so rebellisch dargestellt wurde und es ihr augenscheinlich egal ist, ob ihre Familie mit der Hochzeit einverstanden ist. Dass ihr Politiker-Vater, der so fest an traditionellen Werten festhält, eine riesige Tätowierung gut heißt, aber sie nicht den Mann heiraten lässt, den sie liebt, fand ich nicht ganz schlüssig.

Das Beste rausgeholt

© Jochen Quast
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Das Stück wurde im Velodrom aufgeführt, eine Spielstätte, die leider über keine Drehbühne verfügt und doch hat das Theater Regensburg alles rausgeholt, was möglich war – was zwar viel Kulissenschieberei bedeutete, aber trotzdem seinen Zweck erfüllte und ich daher an Bühnenbild absolut gar nichts vermisst habe. Vor allem die vielen kleinen Details nachdem die Wohnung von Georges und Albin von Jean-Michel für Annes Eltern umdekoriert wurde, haben mir des Öfteren ein Lächeln auf die Lippen gezaubert. Auch an Kostümen wurde einiges aufgefahren, weswegen ich wohl in Zukunft bei jedem Ausverkauf des Kostümfundus in Regensburg dabei sein werde – in der Hoffnung den ein oder anderen Tüllrock oder Glitzerfummel von dieser Produktion abzustauben.

Eines der wenigen Mankos war die Akkustik. Es war einfach zu leise, was mich vor allem bei den Ensemble-Nummern gestört hat, da es zum einen schlecht verständlich war und zum anderen sehr schade um die wunderschönen Broadway-Melodien und das fabelhafte Orchester unter der Leitung von Alistair Lilley ist. Auch der Hit der Show „Ich bin, was ich bin“, der absolut fantastisch von Adrian Becker gesungen und geschauspielert wurde, verfehlte leider etwas seine Wirkung, da ein leiser Ton immer gebremst wirkt und einfach nicht packt.

Ansonsten aber eine absolut überzeugende Inszenierung eines Stückes, dessen Thematik heute leider immer noch aktueller ist, als ich mir wünschen würde.

Broadway-Premiere: 21.08.1983 (Palace Theatre, New York)
Deutschland-Premiere: 23.10.1985 (Theater des Westens, Berlin)
Besuchte Vorstellung: 12.03.2016 (Theater Regensburg)
Buch: Harvey Fierstein
Musik und Gesangstext: Jerry Herman
Übersetzung: Erika Gesell, Christian Severin
Musikalische Leitung: Alistair Lilley
Regie: Christina Schmidt
Choreografie: Yuki Mori
Bühne: Frank Fellmann
Kostüme: Frank Lichtenberg
Besetzung: Adrian Becker (Albin/Zaza), Ansgar Schäfer (Georges), Tamás Mester (Jacob), Matthias Laferi (Jean-Michel), Martina Fender (Anne Dindon)

Vorstellungen im Theater Regensburg: 12.03.2016 bis 22.06.2016
Tickets gibt es hier.

Beitragsbild: © Jochen Quast

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Nadine Jobst
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An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.