Jeder, der schon einmal ein Musical besucht hat, kennt die Ansage kurz bevor die Show beginnt: „Jegliche Ton- und Bildaufnahmen während der Vorstellung sind untersagt. Bitte schalten Sie Ihre Mobiltelefone aus.“

Jeder, der schon einmal ein Musical besucht hat (und einen gesunden Menschenverstand besitzt), weiß: das macht auch durchaus Sinn.

Und jeder, der schon einmal ein Musical besucht hat, weiß: Es gibt immer ein paar Gäste, die diese Ansage einfach nicht verstehen können. Oder wollen.

Jene Gäste also, die während der Vorstellung mit ihrem Smartphone fleißig Fotos oder Videos machen und Mama per Whatsapp mitteilen, dass sie sich gerade „Der König der Löwen“ ansehen und damit sowohl Publikum als auch Darsteller erheblich stören.

Einfach: nein

Warum können diese Besucher nicht einfach mal drei Stunden die Finger von ihrem Handy lassen? Ist es wirklich so wichtig, während des Prologs von „Elisabeth“ der besten Freundin zu ihrem neuen Profilbild auf Facebook zu gratulieren? Sehen sie sich ernsthaft die verschwommenen Bilder und übersteuerten Videoaufnahmen von dem Endkampf bei „Rocky“ zu Hause an und denken: „Ach, war das schön“?

Die Antwort: Nein. Die beste Freundin kann auch mal ein paar Stunden auf ihr Kompliment warten, die Bilder gehen in der Mediathek des Smartphones im Laufe der Zeit ohnehin unter und das Handy ist sicherlich auch nicht beleidigt, wenn es während der Vorstellung mal nicht betatscht wird. Und die fünf Kommentare auf YouTube, die sie für den kompletten Mitschnitt von der „Rocky Horror Show“, bekommen, werden das Selbstwertgefühl auch nicht ins Unermessliche steigern können.

Die YouTube-Experten sollten vermutlich eher froh sein, wenn sie nicht von der Produktionsfirma verklagt werden. Schließlich gibt es ja so etwas wie Urheberrecht. Guess what: Es hat einen Grund, warum es offizielle Pressefotos einer Produktion gibt oder Trailer auf YouTube und Promo-Auftritte im Fernsehen. Aber so weit denken diese Gäste leider meist nicht.

Was tun?

Was macht man also mit diesen Smartphone-affinen Besuchern? Bei den meisten Produktionen ist es üblich, dass die Saalwache während der Vorstellung das Publikum im Auge behält und, sobald ein Handy gezückt wird, den betreffenden Gast anspricht und ihn bittet, das Smartphone wegzulegen. Ja genau, big brother is watching you.

Ich selbst habe bei einer großen Musical-Produktionsfirma in Deutschland eine Zeit lang gearbeitet und kann daher aus Erfahrung sprechen: Es ist nicht lustig, sich während der Vorstellung in die Mitte der 20. Reihe vorzuarbeiten, auf dem Weg zum fröhlich fotografierenden Gast von 37 Besuchern angemeckert zu werden, dass man im Weg sei (ach was) und dann einer schlagartig schlecht gelaunten Person mitzuteilen, dass das Foto vor meinen Augen gelöscht und das Handy sofort beiseitegelegt werden muss.

Die einzige Genugtuung für mich war in solchen Situationen, dass es den Gästen, zu Recht, in der Regel unglaublich peinlich war, mitten in der Vorstellung so vorgeführt und von den Sitznachbarn mit bösen Blicken bestraft zu werden. Trotzdem hätte ich meist lieber weiter passiv im Saal gestanden und auf die bergsteigerartigen Kletteraktionen durchs Publikum verzichtet.

„Laser shaming“

Die „New York Times“ veröffentlichte gestern einen Bericht, in dem genau dieses Problem aufgegriffen wird. In China ist es demnach üblich, die Smartphone-User während der Vorstellung mit einem Laserpointer auf ihren Fauxpas aufmerksam zu machen und sie so dazu zu bringen, ihr Handy zur Seite zu legen.

Wang Chen, Mitarbeiter des Shanghai Grand Theater, sagte der NYT: „Sie können nicht anders. Also versuchen wir ihnen einen freundlichen Hinweis zu geben.“ Asiatische Höflichkeit eben. Das Publikum scheint die zunächst kurios anmutende Idee zu begrüßen. Xu Chun, ein Besucher im National Center for the Performing Arts in Peking sagt: „Natürlich lenkt es ab. Aber die beleuchteten Bildschirme (der Handys, Anmerkung d. Redaktion) lenken noch mehr ab.“

Auch die Darsteller freuen sich über die Verwendung der Laserpointer: „Es ist sehr schlau, sehr schnell und sehr effektiv“, sagt Guiseppina Puinti, Darstellerin in „Carmen“. „Sie sollten die Laserpointer überall auf der Welt benutzen. Ich kann die Laser von der Bühne aus sehen, aber sie lenken mich nicht so sehr ab wie die Kameras und die Saalwachen, die durchs Publikum laufen.“

Ist der Laser gefährlich für das Auge?

Samuel M. Goldwasser, Laserexperte und Professor für Elektrotechnik an der University of Pennsylvania, sagte der NYT in einem Interview, dass Laserpointer nur riskant seien, wenn sie direkt in das Auge der Person gerichtet werden. Daher werden in China die Saalwachen angewiesen, die Gäste nur von hinten anzuleuchten. Und es scheint zu funktionieren.

Um der Darsteller, der Gäste und der Saalwachen Willen, könnten Laserpointer in Zukunft eine ernstzunehmende Alternative darstellen. Die Frage lautet: Dürfen sie in Deutschland für diesen Zweck überhaupt benutzt werden? Und: Werden sich die großen Musical-Produktionsfirmen im deutschsprachigen Raum überhaupt mit dem Thema beschäftigen? Ich hoffe, ja.

Wer den New York Times-Artikel nachlesen möchte: http://www.nytimes.com/2016/03/15/arts/international/a-new-weapon-for-battling-cellphones-in-theaters-laser-beams.html?smid=tw-nytimes&smtyp=cur&_r=0

Beitragsbild: © Kulturpoebel

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Marina Pundt
"After silence, that which comes nearest to expressing the inexpressible is music." - (Aldous Huxley)

Lieblings-Musical(s): "Hedwig and the Angry Inch", "Next to Normal", "American Idiot", “Once”
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Lieblings-Texter: Stephen Trask
Musical-Fan seit: … ich entdeckt habe, dass es Musicals mit Tiefgang und Rock-Musik gibt.
An Musicals fasziniert mich: … wie Energie und Emotionen durch Musik, Schauspiel und Tanz von der Bühne in den Publikumsraum übertragen werden.