Es gibt im deutschsprachigen Raum und auch international wohl nur wenige Musicals, die von den Fans des Genres so gefeiert und geliebt werden, wie „Next to normal“.
Als das Musical von Komponist Tom Kitt und Autor/Texter Brian Yorkey 2009 am New Yorker Broadway uraufgeführt wurde, sprachen nicht wenige von einem neuen „Rent“, welches das Licht der Theater-Welt hier erblickt hätte: Ein Musical eben, das den Nerv der Zeit trifft, sowohl inszenatorisch, als auch musikalisch und thematisch. Innovativ in vielerlei Hinsicht. Denn eine bipolare Störung und die Auswirkung, die jene psychische Krankheit auf die Angehörigen der Patienten hat, zur Grundlage eines Musicals zu machen und ein solches in einem großen Theater an der 42. Straße spielen zu lassen, zeugt von viel Mut – und dem Glauben der Produzenten an dieses Stück.

Als ich 2009 zum ersten Mal den Broadway-Soundtrack hörte, war es wie eine kleine Offenbarung für mich. Denn „Next to normal“ berührte mich wie noch kein Musical zuvor und weckte Emotionen, die mir zum ersten Mal vor Augen führten, warum ich eine solche Leidenschaft für das Musiktheater hege: Weil die Musik das begreifbar macht, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Und „Next to normal“ schafft dies in einer Intensität und Perfektion wie bislang kein mir bekanntes Werk. Diese Erkenntnis, das bewies nicht zuletzt die Premiere des Musicals im Dortmunder Opernhaus, gilt auch heute – fast sieben Jahre nach seiner Uraufführung – noch.

© Björn Hickmann / Stage Picture
© Björn Hickmann / Stage Picture

Nach Produktionen des Musicals in Fürth, Linz, Hildesheim und Lüneburg, spielt das Musical nun auch in einer Inszenierung von Stefan Huber am Theater Dortmund, das sich in der Szene durch vergangene Inszenierungen wie „Jesus Christ Superstar“ einen exzellenten Ruf erworben hat. Und diesen – das sei vorweg genommen – kann das Theater auch mit „Next to normal“ mehr als verteidigen.

Eine ganz normale Familie…

Die Handlung des Musicals beschrieb meine Begleitung mit „Das könnte genauso auch im Haus nebenan passiert sein“. Und tatsächlich ist die Realitätsnähe das, was „Next to normal“ so glaubhaft und ergreifend macht – letztlich eben zu dem viel zitierten „Feel-everything-Musical“ (New York Times).

Die amerikanische Familie Goodman samt Mutter Diana, Vater Dan, Tochter Nathalie und Sohn Gabe scheint ein recht normales, wenn nicht sogar stink-langweiliges Vorort-Leben zu führen. Diesen Eindruck hat man jedenfalls bis Diana anfängt, wie im Rausch Pausenbrote auf dem Fußboden zu schmieren.

„Next to normal“, Dortmund Cast: „Wer spinnt hier?“

 

Schnell wird klar: Diana leidet an einer bipolaren Störung, einer manischen Depression also, die das Leben ihrer gesamten Familie beeinflusst und beeinträchtigt. Während ihr Ehemann Dan versucht, die zerrissene Familie zusammenzuhalten und Herr der Lage zu bleiben, leidet vor allem Tochter Nathalie unter den wechselhaften Stimmungen und dem Verhalten ihrer Mutter. Zumal der schulische Leistungsdruck nicht unerheblich auf sie einwirkt und sie sich auch zu dem jungen Henry immer stärker hingezogen fühlt und ihre liebe Not mit dieser ersten großen Liebe hat.
Als Diana dann auch noch ihre Gefühls-neutralisierenden Tabletten absetzt, um endlich wieder Schmerz und Glück spüren zu können, kommt es zum Wendepunkt der Story und man erfährt, wie schlimm es um die Familie wirklich steht.

„Next to normal“, Dortmund Cast: „Mir fehl`n die Berge“

 

„Next to normal“ steckt voller kleiner Wahrheiten und berührender Momente – nicht umsonst hat dieses Stück einen „Pulitzer Prize for Drama“ erhalten. Die Geschichte ist dramatisch und erschreckend, aber – und das ist die eigentliche Meisterleistung- auch voller Hoffnung und glücklicher Momente. Die Art und Weise, wie die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verwoben werden und so oft tiefgründige Aussagen kreieren, ist beeindruckend – und stimmt nachdenklich. Man kann sich nicht recht entscheiden, worauf Yorkey in seinem Buch den Schwerpunkt gelegt hat: Die Krankheit Dianas, jene Kritik an der Behandlung psychischer Störungen oder doch die Auswirkungen einer manischen Depression auf nahestehende Dritte – insbesondere Ehemann Dan und Tochter Nathalie. Vielleicht ist das auch der Grund, warum „Next to normal“ so gut funktioniert: Jeder kann sich auf den Aspekt fokussieren, mit dem man sich am meisten identifizieren kann. Und wahrscheinlich ist „Next to normal“ DAS populärkulturelle Werk, das dieser komplexen Krankheit in seiner Realitätsnähe und facettenreichen Darstellung am ehesten gerecht wird.

© Björn Hickmann / Stage Picture
© Björn Hickmann / Stage Picture

Jeder Stimmung die richtige Musik

Zudem ist die Musik von Tom Kitt, welche auch mit einem Tony Award ausgezeichnet wurde, ein Phänomen. Sie schafft es nämlich, jeder einzelnen Situation genau die richtige Stimmung zu verleihen und erzeugt so intensive und bewegende Momente. Dabei prägen die Instrumente einen Stil, der zwischen Rock, Folk und Pop schwankt und für den Musical-Bereich modern und spannend klingt. Das Faszinierende ist, dass die Songs nie reiner Selbstzweck sind, sondern sich der Handlung immer unterordnen und diese temporeich vorantreiben. Lieder wie „Lied vom Vergessen“ oder „Warum? / Ein Versprechen“ bescheren mir im Theater jedes Mal eine Gänsehaut, obgleich sie mir im Gegensatz zu Hits wie „Ich bin da“ oder „Kein Mensch“ nicht im Ohr bleiben. Somit entfaltet sich die volle Schönheit der Partitur vielen wohl auch erst beim zweiten Hören.

„Next to normal“, Dortmund Cast: „Warum? / Ein Versprechen“

 

„Next to normal“, Dortmund Cast: „Wie konnte mir das entfall`n?“

 

„Next to normal“, Dortmund Cast: „Ein Licht in der Nacht“

 

Leider spielt das Orchester in Dortmund unter der Leitung von Kai Tietje nicht immer so kraftvoll, wie es dieses Rock-Musical erfordert. Daher verlieren manche Songs sehr an Ausdruck und klingen teilweise etwas beliebig. Im Zusammenspiel mit einem meinem Geschmack nach zu leisen Ton, wird so die Chance vertan, das komplette Potential des Scores auszuschöpfen. Ein Rock-Musical muss einfach eine gewisse Lautstärke erreichen, um die volle Wirkung zu entfalten. Ein kleiner Wermutstropfen eines ansonsten perfekten Theater-Abends.

Was von Anfang an positiv auffiel: Die deutsche Übersetzung von Titus Hoffmann, die in der Fürther Inszenierung teilweise noch sehr holprig klang, wurde überarbeitet, was den deutschen Texten sehr gut getan hat, da sie in den geänderten Passagen viel stärker den Aussagegehalt des englischen Originals treffen und nun natürlicher klingen.

© Björn Hickmann / Stage Picture
© Björn Hickmann / Stage Picture

Effektiver Minimalismus

Die Bühne in Dortmund, welche sich auf Höhe des Orchestergrabens befindet und den Zuschauer somit noch näher an das Geschehen rückt, ist auf den ersten Blick sehr einfach, aber zweckdienlich ausgestattet und zeigt erst im Verlauf der Handlung, was in ihr steckt. So schieben sich immer neue Räume in den Mittelpunkt des Hauses, wodurch die dynamische Handlung auch von der Szenerie passend gespiegelt wird. Ansonsten verzichten Bühnenbildner Timo Dentler und Okarina Peter auf jeglichen unnötigen Schnick-Schnack und konzentrieren sich in ihrem Farbdesign auf eher kalte Töne, was das Haus der Goodmans sehr steril wirken lässt. Die perfekte szenische Umsetzung und Visualisierung eines Hauses also, das nicht gerade von zwischenmenschlicher Wärme seiner Bewohner geprägt ist. Diana`s rote Bekleidung wirkt in diesem grauen Umfeld auffällig, was ihre exponierte Stellung in Handlung und Familie sehr gut verdeutlicht. Generell wirken die Kostüme von Susanne Hubrich äußerst hochwertig, modern und stilvoller, als man es beispielsweise von der Fürther Inszenierung gewohnt ist.

„Next to normal“ ist ein intimes Musical, das große Bühnenbildner oder auffällige Kostüme nicht braucht und auch in Dortmund überzeugt die Ausstattung gerade durch ihren Minimalismus und die Zurückhaltung, wodurch der Fokus noch stärker auf das Spiel der Darsteller gelegt werden kann. Und diese agieren allesamt auf allerhöchstem Niveau.

Hakvoort und Fowler glänzen

Bei nur sechs Darstellern steht und fällt jede Inszenierung mit ihrer Besetzung und das Theater Dortmund bewies hier mal wieder sehr viel Geschick.

Maya Hakvoort als Diana Goodman © Björn Hickmann / Stage Picture
Maya Hakvoort als Diana Goodman © Björn Hickmann / Stage Picture

Maya Hakvoort ist DER Star dieser Produktion und ein absoluter Glücksgriff für die Produzenten. Diana kann wohl als eine der anspruchsvollsten Rollen des Musical-Genres bezeichnet werden und Hakvoort schafft es, diesem Charakter in jeder Sekunde gerecht zu werden. Im einen Moment ist man ganz vereinnahmt von ihrer frischen und lustigen Art und lacht über ihre frechen Kommentare – ehe man dann im nächsten von ihrer Verzweiflung gepackt wird und mit ihr die schrecklichen Stadien dieser Krankheit durchlebt, was Hakvoort zu jeder Zeit glaubhaft und intensiv transportiert. Dabei ist es vor allem die Erschöpfung und Hilflosigkeit, die sie sehr nuanciert zum Ausdruck bringt. Das berührt und hat in mir mehr als einmal eine innere Beklemmung sowie starkes Mitgefühl ausgelöst. Eine wirklich starke Charakter-Darstellung, die jener von Tony-Award-Gewinnerin und Ur-Diana Alice Ripley in nichts nachsteht!

Rob Fowler als Dan Goodman © Björn Hickmann / Stage Picture
Rob Fowler als Dan Goodman © Björn Hickmann / Stage Picture

Als Dan konnte Rob Fowler verpflichtet werden, der in den letzten Jahren die Rolle des Frank`n`Furter in der „Rocky Horror Show“ geprägt hat. Sein Dan ist ein Getriebener, der immer Angst vor der nächsten Panik-Attacke seiner Frau und letztlich auch vor seinen eigenen Gefühlen hat – denn eigentlich geht es ihm gar nicht so viel besser als seiner Frau – was er in seinem Solo „Wohin soll das führ`n“ auch treffend beschreibt: „Schleichender nur ist mein Suizid!“ Fowler überzeugt besonders in den ruhigen Momenten, wo er mit seiner gefühlvollen Stimme punkten kann – so bleibt sein „Licht in der Nacht“ nachhaltig im Gedächtnis . Im Zusammenspiel mit seinem Bühnensohn Johannes Huth schafft er einen der intensivsten Momente des Abends: Beim Reprise von „Kein Mensch“ hält Gabe seinen Vater fest umklammert, Dan versucht sich aus der Umarmung zu lösen, was ihm aber nicht gelingt – so ist er schließlich gezwungen, seinen Sohn und mit ihm sein eigenes Leid zu erkennen.

„Next to normal“, Dortmund Cast: „Ich bin da“

 

Johannes Huth ist die Rolle des Gabe wie auf den Leib geschrieben, vom Typ her passt er genau in das Rollenprofil des fast 18-jährigen Sohnes, der genau den Wunschvorstellungen seiner Mutter entspricht. Man versteht zu jedem Zeitpunkt, warum die Mutter in den frechen, aber irgendwie charmanten Sohn so vernarrt ist und Huth schafft es, das Manipulative seines Charakters sehr klar herauszuarbeiten. Gesanglich überzeugte er vor allem in den ruhigeren Momenten (Großartig sein „Komm mit mir“), während seine Stimme in den hohen Tönen von „Ich bin da“ leider etwas dünn klang – Hier hätte aber auch ein Aufdrehen des Mikrofons schon viel bewirken können.

Das junge Paar Nathalie (Eve Rades) und Henry (Dustin Smailes) © Björn Hickmann / Stage Picture
Das junge Paar Nathalie (Eve Rades) und Henry (Dustin Smailes) © Björn Hickmann / Stage Picture

Das junge Paar Nathalie und Henry wird von Eve Rades und Dustin Smailes verkörpert. Beide harmonieren sehr gut miteinander und geben ein süßes Paar ab, obgleich Rades` Nathalie Rollen-gegeben nicht gerade die unkomplizierteste Freundin für Henry ist und sehr unter der Krankheit ihrer Mutter leidet. Die nach außen getragene Gleichgültigkeit und schnippige Art, hinter der aber viele verletzte Gefühle und Zorn liegen, wird in Liedern wie „Superboy und seine Schwester aus Glas“ sowie dem starken Mutter-Tochter-Duett „Fast normal“ aufgebrochen. Dies sind auch die Szenen, in denen Rades ihre stärksten Momente hat und sehr bewegt.

Die Ärzte Dr. Fine/Dr. Madden spielt Jörg Neubauer wie so häufig von Grund auf sympathisch und stimmlich sicher, obgleich ich mir bei der Rolle des Arztes Dr. Madden nie sicher bin, ob ich ihn überhaupt sympathisch finden darf. Einerseits ist er nach dem Suizid-Versuch von Diana glaubhaft betrübt, andererseits drängt er sie zu immer weiteren EKTs, was Diana aber letztlich auch nicht weiterhilft und sie somit zum Spielball der Medizin macht. Ein Charakter jedenfalls, der einen nachdenklich stimmt und dabei hilft, die Rolle der Ärzte bei einer solchen Erkrankung kritisch zu thematisieren.

Schluss mit Vorurteilen!

„Next to normal“ ist die ultimative Antwort auf all jene Vorurteile der Musical-Skeptiker, die immer noch in ihrem 1930er Jahre-Bild festhängen und davon überzeugt sind, dass Musicals gar nicht anspruchsvoll und dramatisch sein können. Liebe Skeptiker oder getarnte Opern-Kritiker: Sie können es, sie sind es, schaut euch „Next to normal“ an und akzeptiert es endlich!

Das Theater Dortmund hat mit dieser Stückauswahl sehr viel Mut bewiesen, da das Opernhaus sehr groß für ein solch intimes Stück ist. Dieser runden Inszenierung samt ihren grandiosen Darstellern bleibt zu wünschen, dass sich das Publikum nicht von dem ungewöhnlichen Thema „Bipolare Störung“ abschrecken lässt und zahlreich ins Theater strömt.
Denn „Next to normal“ bringt einen zum Weinen und Lachen gleichzeitig. Und erschafft in all der Dramatik trotzdem eine große Portion Hoffnung. Denn am Ende der Nacht gibt es ein Licht. Was für die Goodmans zum Motto wird, ist keine bahnbrechend-neue Erkenntnis – und dennoch eine Botschaft, die einen glücklich stimmt und beim Verlassen des Theaters das Leben ein bisschen mehr genießen lässt.

Wie Diana so treffend erkennt:

And you find some way to survive
And you find out you don’t have to be happy at all,
To be happy you’re alive.

„Light“

Next To Normal - Deutsche Originalaufnahme Live (Fast Normal)

Price: EUR 19,99

4.6 von 5 Sternen (13 customer reviews)

15 used & new available from EUR 13,00

Broadway-Premiere: 15.04.2009 (Booth Theatre)
Premiere Dortmund: 05.03.2016 (Opernhaus)
Buch und Texte: Brian Yorkey
Musik: Tom Kitt
Musikalische Leitung: Kai Tietje
Regie: Stefan Huber
Choreografie: Danny Costello
Bühne: Timo Dentler, Okarina Peter
Kostüme: Susanne Hubrich
Besetzung: Maya Hakvoort (Diana), Rob Fowler (Dan), Eve Rades (Nathalie), Johannes Huth (Gabe), Dustin Smailes (Henry), Jörg Neubauer (Dr. Fine/ Dr. Madden)

Vorstellungen im Theater Dortmund: 05.03.2016 bis 11.06.2016
Tickets gibt es hier.

Beitragsbild: © Björn Hickmann / Stage Picture
Die Rechte an den Audiodateien liegen beim Theater Dortmund. Die Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung.

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.