Der Pöbel wird kreativ! Wenn es den großen Musical-Produzenten des Landes nicht mehr gelingt, neue Stücke zu entwickeln und stattdessen immer das Gleiche von Nord nach Süd und West nach Ost rotiert wird (Gähn!), sehen wir es als unseren journalistischen Auftrag, neue Impulse für das Land zu setzen. Und ganz ehrlich: Wenn ein Boxer anfängt zu singen, Fußballer tanzen und sogar ein Udo Lindenberg-Musical erfolgreich sein kann, dann ist doch wirklich alles möglich. Hier unsere (nicht ganz so ernst gemeinten) Vorschläge für mehr Musical-Vielfalt in Deutschland.

Vol. 1: „Mallotze“ – das Musical

Wenn ein Musical über des Deutschen Lieblingssport so unfassbar erfolgreich in Hamburg laufen kann (jedenfalls laut Stage Entertainment Pressemeldungen, die – wie wir aus sicherer Quelle wissen – immer stimmen!), warum gibt es dann nicht endlich auch ein Musical über des Deutschen liebstes Bundesland. Richtig, wir sprechen von Mallotze. Dort, wo südländisches Flair auf den Kegelclub aus Köln Porz, Niveau auf Nivea und Tapas auf Schweinshaxe treffen, ereignen sich jeden Tag dramatische Geschichten voller Spannung, Anspruch und der gewissen Portion intellektuellem Witz. Wir denken hier inhaltlich an eine Mischung aus „Game of Thrones“, „Breaking Bad“ und „GZSZ“. Etwas zum Lachen, etwas zum Weinen, etwas zum Nachdenken. Kurzum: etwas für Hirn und Herz. Oder noch besser: Für Leber und Milz, zwischen die laut wissenschaftlichen Studien immer ein Pils passt.

Eine Insel, zwei Herzen, zehn nackte Frisösen!

Die Handlung ist jetzt schon Pulitzer-Preis-verdächtig und wurde in Zusammenarbeit mit den größten Literaten der RTL-Formate „Mitten im Leben“ und „Richterin Barbara Salesch“ entwickelt: Der Pferdeclub Berlin-Hellersdorf (hätte auch ein Kegelverein sein können, aber wir müssen ja „Das rote Pferd“ irgendwie unterbekommen) fliegt nach Palma de Mallotze.

© Kulturpoebel.de
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Dort möchte der 21-jähige Azubi Kevin der großen Liebe seines Lebens Määndy in der romantischen Atmosphäre des Bierkönigs einen Heiratsantrag machen. Hierfür hat er extra schon das Liebeslied „Geh mal Bier holen, du wirst schon wieder hässlich“ eingeübt, das – soviel sei schonmal vorweg genommen – das Finale des ersten Akts bilden und ein Reprise im zweiten erleben wird. Leider stammt Kevin aus armen Verhältnissen, während Määndys Eltern, die genauso wie Kevins Eltern mit in die Sonne Mallotzes fliegen, (wehe es fragt jetzt jemand, warum. Darauf antworten wir nur ganz erwachsen: Warum ist die Banane krumm?!!!) die erfolgreichste Wurstbude Berlin-Hellerdorfs besitzen und sich einen anderen Schwiegersohn wünschen. Konflikt Nummer eins! Hier kommt dann auch Jeremy-Pascal ins Spiel, der schon länger ein Auge auf Määndy geworfen hat und die mallorquinische Bier-Bildungsreise dazu nutzen möchte, das Herz der Wurstbuden-Erbin zu erobern, während sich Kevins und Määndys Eltern ununterbrochen bekriegen. Konflikt Nummer zwei!
Und dann ist da ja auch noch das schwule Pärchen Herbert und Detlef, die einfach dafür da sind, Klischees zu bestätigen und für billige Lacher zu sorgen.
Am Ende kann Kevin die Eltern Määndys natürlich von sich überzeugen und alle haben sich lieb und stimmen das Finale des zweiten Aktes „Livin‘ la Vida Loca“ an.

Diese wunderbar intelligente Geschichte wird untermalt von der musikalischen Genialität Ralph Siegels und der textlichen Finesse Mickie Krauses, während die Partitur natürlich die besten Ballermann-Hits von 1980 bis 2016 umfasst. Damit ist das Stück ein Musical für alle Generationen und natürlich für die ganze Familie.

Disney war gestern!

Prädestiniert als Spielort für dieses Meisterwerk des Musiktheaters ist natürlich die Hamburger Reeperbahn und nachdem ja „Rocky“ und „Das Wunder von Bern“ schon vollkommen erfolgreich eine männliche Zielgruppe für das Genre Musical erschließen konnten (okay, jetzt muss ich selbst lachen), spricht „Mallotze“ natürlich Junggesellenabschiede aller Altersklassen an (da fällt mir ein, Jeremy-Pascal könnte von Beruf Stripper sein und für die Ladys ein „You can leave your hat on“-Solo im zweiten Akt performen).

Außerdem führen wir die Preiskategorie „Coco Jamboo“ ein und verteilen in den ersten Reihen Bier-Helme und „Nichts reimt sich auf Otze“-T-Shirts. Kostet natürlich alles extra.

Auf das Orchester verzichten wir indes komplett, dementieren dass wir dies aus Kostengründen tun und argumentieren, dass ein Orchestergraben viel zu gefährlich für alkoholisierte Gäste und Darsteller sei.

Die Regie übernimmt Jürgen D. aus F., der zwar keine Theater-, dafür aber ganz viel Mallotze-Erfahrung hat, schließlich wollen wir das Ganze ja authentisch halten. Als Co-Produzenten agieren Dieter Bohlen und Heino. Die rühren in der Praxis zwar keinen Finger und kassieren nur Geld dafür, dass ihre Namen auf dem Plakat stehen, aber schließlich wurde Ähnliches mit Stallone und den Klitschkos bei „Rocky“ auch schon vorgegaukelt.

„Mallotze“, das Musical könnte sowas wie „Der König der Löwen“ für Erwachsene werden. Eine Story, die das Beste aus „Mamma Mia“, „Ich war noch niemals in New York“ und „Zwei bei Kallwass“ vereint, eine kaufkräftige Zielgruppe anspricht und sogar Potential für den internationalen Markt besitzt. Tony Award, wir kommen!

Beitragsbild: © Kulturpoebel.de

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.