Christian Alexander Müller gehört nicht erst seit gestern zu den festen Größen im deutschsprachigen Musicalraum und begeistert uns immer wieder in Musicals wie „West Side Story“, „Les Misérables“ oder „Das Phantom der Oper“. Momentan steht er in Nürnberg in „Kiss me, Kate“ auf der Bühne. Wir hatten die Gelegenheit, ihm im Rahmen der Premierenfeier ein paar Fragen zu stellen.

Kulturpoebel: Ihre musikalischen Anfänge gingen mit „Die Zauberflöte“ eher in die klassische Richtung. Wie und warum sind Sie dann doch beim Musical gelandet?

Christian Alexander Müller: Eigentlich durch Zufall. Ich habe, wie erwähnt, damals mit 11 Jahren in „Die Zauberflöte“ angefangen und von da an regelrecht alles verschlungen, was das Theater Chemnitz an Oper und Operette zu bieten hatte. Anschließend habe ich angefangen, Gesangsunterricht an der Musikschule zu nehmen und habe dann bei einem Wettbewerb mitgemacht, bei dem man auch ein modernes Stück singen sollte. Da war dann die Frage, ob es ein modernes klassisches Stück oder etwas aus dem Musical-Bereich werden sollte. Und da habe ich dann meinen ersten Musical-Song interpretiert, was mir sehr viel Freude bereitet hat.

Kulturpoebel: Welcher Song war das damals?

Christian Alexander Müller: Das war „Stars“ aus Les Misérables.

Kulturpoebel: Sie haben am Anfang Ihrer Karriere mit Zoser oder Javert Rollen gespielt, in denen man einen Anfang 20-Jährigen nicht unbedingt sehen würde. Wie kam es zu diesen Engagements und wie haben Sie es geschafft, sich in diese Rollen einzufinden?

Ich war vom Optischen her noch nie der junge Liebhaber, sondern hatte schon immer ein Theatergesicht.

Christian Alexander Müller: Vorab muss man dazu sagen, dass ich damals im Ensemble der jeweiligen Stücke war und ich diese Rollen, neben jüngeren Rollen, erstmal nur gecovert habe. Ich war vom Optischen her noch nie der junge Liebhaber, sondern hatte schon immer ein Theatergesicht, bei dem sowohl alte, als auch junge Rollen machbar waren, weswegen ich da gleich am Anfang meiner Karriere eine Nische gefunden hatte, die mir ermöglichte, sowohl „Alt“ als auch „Jung“ parallel zu spielen. Und das war insbesondere bei „Les Misérables“ in Berlin der Fall, wodurch ich wiederum zu dem Engagement bei „Aida“ kam.

Und das Hineinfinden in diese Rollen ist dann auch nicht so ein großes Problem, weil die Themen bzw. Problematik der Figuren vor allen in Stücken wie „Les Misérables“ oder „Aida“ nicht wirklich an ein Alter gebunden sind. Ich denke, es wäre viel schwieriger, wenn eine 20-jährige Darstellerin die Rolle der „Diana“ in „next to normal“ spielen würde, da man für diese Rolle schon eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen muss.

Kulturpoebel: Vor allem bei den Fans ist Ihr Name immer noch mit dem Titel „Jüngstes Phantom der Oper“ verbunden und tatsächlich war die Erstbesetzung der Titelrolle in der Essener Produktion Ihr Durchbruch. Was hat Ihnen dieser „Titel“ damals bedeutet und wie denken Sie heute darüber?

Christian Alexander Müller: Ich war ja am Anfang der Produktion in Essen im Ensemble und habe die Rolle des Phantoms nur gecovert. Da wir zu dieser Zeit alle drei Monate eine neue Besetzung für das Phantom hatten, war es vor allem sehr anstrengend und ich hatte dann das große Glück, dass mich die richtigen Leute in einer Vorstellung als Phantom gesehen hatten und mich für die nächste Erstbesetzung ausgewählt haben. Und dann geht es eigentlich erstmal nur darum, diese Rolle achtmal in der Woche zu spielen und da hat man einfach nicht den gedanklichen Raum, großartig über irgendwelche Titel nachzudenken. Ich habe mich natürlich riesig gefreut, aber in erster Linie ist es eine immense Verantwortung und ein enormer Druck, den diese Rolle gegenüber dem großen Ensemble, dem Orchester und den Zuschauern mitbringt. Und das war damals meine Hauptsorge, dem gerecht zu werden und die Erwartungen zu erfüllen.

Es ist auf jeden Fall ein Teil von mir und ich finde es schön, dass es den Leuten anscheinend immer noch etwas bedeutet. Aber es ist eben nur ein Teil und ich streife bestimmt nicht durch die Lande und gebe damit an. Es war eine ganz tolle Zeit für mich und eine große Chance.

Kulturpoebel: Wir haben Sie schon lange nicht mehr in Long-Runs gesehen, sondern vermehrt bzw. ausschließlich in kleineren und Stadttheater-Produktionen. Ist das eine bewusste Entscheidung?

Ich genieße die Abwechslung, die ich dadurch habe, dass ich an den Stadttheatern spiele.

Christian Alexander Müller: Das kann ich so gar nicht sagen. Es ist zum einen so, dass es für mich in den Long-Run-Produktionen, die gerade laufen, keine Rollen gibt und daher hat es sich nicht ergeben und zum anderen vermisse ich es auch nicht. Es ist natürlich toll, wenn man eine Hauptrolle in einem Long-Run hat, da man als Darsteller auch dementsprechend wahrgenommen wird, weil man jeden Abend die Chance hat, vor einem sehr großen Publikum zu spielen. Aber ich persönlich vermisse es gar nicht und ich genieße die Abwechslung, die ich dadurch habe, dass ich an den Stadttheatern spiele.

Und ein weiterer wichtiger Punkt für mich ist, dass ich ein Privatleben habe. Es ist auch nicht viel, aber ein bisschen mehr. Bei Long-Runs wartet man den ganzen Tag nur darauf, dass die Vorstellung endlich losgeht und wenn diese rum ist, geht es am nächsten Tag wieder von vorne los. Und das ist auf ein Jahr lang gesehen schon sehr anstrengend.

Kulturpoebel: Sie spielen hier in Nürnberg in „Kiss me, Kate“ (siehe unsere Review unter diesem Link: http://kulturpoebel.de/2016/02/kiss-me-kate-einfach-wunderbar-wunderbar-nuernberg/) die Rolle des Fred Graham. Was hat Sie an dieser Rolle bzw. der Produktion besonders gereizt?

Ich bin nun Mitte 30 und das ist im Musical-Bereich ein Alter, in dem man umdenken muss, weil man für viele Rollen einfach zu alt ist.

Christian Alexander Müller: Das Haus in Nürnberg hat mich zum einen sehr gereizt. Ich kenne viele Kollegen, die hier schon gespielt haben und habe auch viel über die vorherigen Produktionen gelesen. Und da war mein Interesse von Anfang an schon sehr groß und als dann die Einladung kam, für die Rolle vorzusingen, habe ich diese natürlich gerne angenommen. Außerdem kommt die Rolle gerade zu einem richtigen Zeitpunkt. Ich bin nun Mitte 30 und das ist im Musical-Bereich ein Alter, in dem man umdenken muss, weil man für viele Rollen einfach zu alt ist. Von daher kam die Rolle genau richtig und ich habe mich dann sehr gefreut, dass es zu dieser Zusammenarbeit gekommen ist. Und es ist eine fantastische Rolle, an der man ganz viel arbeiten und lernen kann und ich bin daher sicher, dass es nicht die letzte Produktion ist, in der ich diese Rolle spielen werde. Und solange körperlich und gesanglich alles funktioniert, kann ich mir gut vorstellen, mit dieser Rolle alt zu werden.

Christian Alexander Müller und Sophie Berner in der Nürnberger Produktion von "Kiss me, Kate" © Jutta Missbach
Christian Alexander Müller und Sophie Berner in der Nürnberger Produktion von „Kiss me, Kate“ © Jutta Missbach

Kulturpoebel: Es fällt auf, dass Sie oft unterschiedliche Rollen in den gleichen Musicals wie zum Beispiel „Les Misérables“, „Aida“ oder „Evita“ gespielt haben. Erlebt man Stücke anders, bzw. nimmt man andere Aspekte an den Musicals wahr, wenn man sie aus verschiedenen Rollen heraus betrachtet?

Christian Alexander Müller: Sicher, es sind ja schließlich andere Rollen und natürlich bringt jeder Charakter seine eigene Geschichte und Handlungsstrang mit. Hauptgrund für die verschiedenen Rollen ist, dass es mir einfach sehr viel Spaß macht, verschiedene Rollen zu spielen. Im Stadttheater-Bereich gibt es viele Stücke, die Dauerbrenner sind bzw. ein sicherer Erfolg für die Theater bedeuten und wenn man in genau diese Stücke gut reinpasst, kann man sehr viel an Stadttheatern arbeiten. Bestes Beispiel ist „Les Misérables“, in dem ich alle wichtigen Rollen in einer Zeitspanne von 16 Jahren gespielt. Da habe ich mit den jungen Rollen angefangen und mich zu Valjean hochgearbeitet. Und mehr geht da eigentlich auch nicht mehr. Außer vielleicht noch die Rolle des Thénardier, den ich aber vorerst lieber noch anderen überlasse.

Kulturpoebel: Gibt es ein Musical oder eine Rolle, die Sie noch gerne spielen möchten?

Christian Alexander Müller: Da gibt es noch einiges, was ich spielen möchte. Allerdings ist die Frage schwierig zu beantworten, weil einem dann genau in diesem Moment keine Rolle einfällt. Ich denke, von den Rollen her habe ich alles gespielt, was ich spielen wollte. Aber es gibt viele Stücke, die leider sehr selten gespielt werden und bei denen man hofft, dass die Theater etwas mutiger werden. Dass sie sich beispielsweise mehr an Sondheim ranwagen würden um nur ein Beispiel zu nennen.

Kulturpoebel: Sie führten Regie für ein Musical-Projekt, unterrichten und geben auch viele Konzerte. Finden Sie es wichtig, wenn nicht gar notwendig, sich neben dem eigentlichen „auf der Bühne stehen“ noch ein zweites Standbein aufzubauen?

Mit der Zeit braucht man einfach neue Perspektiven, da irgendwann die Rollen, die man spielt, ähnlich sind und die Herausforderung, diese Rollen zu spielen, dann nicht mehr so wahnsinnig groß ist.

Christian Alexander Müller: Ich würde es gar nicht als zweites Standbein bezeichnen, sondern eher, dass es zum Beruf dazugehört. Ich suche immer eine Vielfältigkeit und für mich wäre es sterbens-langweilig, achtmal in der Woche das Gleiche zu spielen oder zu machen. Mit der Zeit braucht man einfach neue Perspektiven, da irgendwann die Rollen, die man spielt, ähnlich sind und die Herausforderung, diese Rollen zu spielen, dann nicht mehr so wahnsinnig groß ist. Daher sind das alles Dinge, die ich gerne mache und die ich nicht tue, weil ich sonst nichts zu tun habe. Das Unterrichten bereitet mir beispielsweise fast so viel Freude, wie selbst auf der Bühne zu stehen und ich mache das nun auch schon seit 12 Jahren. Regie für Musicals zu führen ist etwas, was ich in Zukunft eigentlich gerne noch mehr machen würde, da es, wie ich finde, kaum wirklich gute Musical-Regisseure gibt, die wissen, was es heißt, in einem Musical zu spielen und die Rolle richtig zu vermitteln, daher fühle ich mich dort auch sehr gut aufgehoben.

Kulturpoebel: Was sind Ihre nächsten Projekte neben „Kiss me, Kate“ in Nürnberg?

Christian Alexander Müller: Da kann ich momentan leider noch gar nichts verraten. Bis Ende Juni bin ich sowieso erstmal hier in Nürnberg beschäftigt. Alles andere entwickelt sich gerade erst.

Wer Christian Alexander Müller in der Rolle des Fred Graham im Cole-Porter-Klassiker „Kiss me, Kate“ in Nürnberg erleben möchte, hat hierzu noch Gelegenheit bis zum 16. Juni 2016.
Tickets gibt es unter diesem Link.

Interviewkonzeption: Emma, Rasmus
Interviewdurchführung: Emma