Die „Elisabeth“-Tour 2015/2016 wurde gerade in Hamburg beendet, als der Veranstalter über die Facebook-Seite bereits verkündete, sich schon auf die nächste Tournee zu freuen. Nun ist „Elisabeth“ mein absoluter All-Time-Favorite unter den Musicals und doch hielt sich meine Begeisterung in Grenzen. Jedenfalls, wenn alles so bleibt, wie es war. Denn eigentlich wünsche ich mir schon seit Langem eine neue Inszenierung des Stückes.

Die eigentliche Glaubens-Frage unter „Elisabeth“-Fans ist nichtmal, welcher Tod oder welche Hauptdarstellerin am besten ist, sondern, welche Inszenierung einem mehr zusagt: Jene Harry Kupfer-Interpretation der Vereinigten Bühnen Wien oder (oh weh) die Stage Entertainment-Version, die erst in Scheveningen und später in Essen und Stuttgart gezeigt wurde.

Hierbei ist es häufig wie mit SPIEGEL- und Stern-Lesern. Die einen fühlen sich unfassbar intellektuell, während die andere Fraktion sich einfach an dem Mehr an Unterhaltung erfreut. Ich bin mit „Elisabeth“ aufgewachsen und habe schon sehr jung im Essener Colosseum Theater gesessen und nicht zuletzt durch die fantastischen Melodien von Sylvester Levay und die intelligenten Texte von Michael Kunze meine Leidenschaft für das Musiktheater entdeckt. Ich traue es mich ja fast gar nicht zu sagen, aber auch nach (ungelogen) hunderten DVD-Abenden mit der Wiener-Revival-Aufnahme von 2005 und mehreren Besuchen der letzten Tournee bin ich auch heute noch ein glühender Anhänger der Stage-Version.

Und bevor jetzt die Tomaten fliegen: Die Harry-Kupfer-Inszenierung gefällt mir. Ich finde sie stimmig, ja sicherlich auch intelligent und tiefgründig. Aber leider – das wurde mir in Frankfurt mal wieder bewusst – teilweise auch optisch unschön, kalt und mittlerweile in die Jahre gekommen.

Dies soll nun kein Plädoyer dafür werden, die alte Stage-Version wiederzubeleben. Ich muss lediglich gestehen, dass mich die VBW-Version nicht mehr reizt und ich mir eine neue Inszenierung wünschen würde, die in gewissen Punkten in Richtung der Essener und Stuttgarter Aufführungsserie geht. Und mal ehrlich: Nach fast 25 Jahren darf man auch mal neue Schritte wagen.

Genug vom immer Gleichen

Elisabeth in Wien (2012) © VBW / Brinkhoff / Mögenburg
Elisabeth in Wien (2012) © VBW / Brinkhoff / Mögenburg

Die Tour von 2015/2016 ist eine abgespeckte Version der Wiener Ur-Inszenierung von Regisseur Harry Kupfer. Bei den ständigen Spielortwechseln ist man von der Ausstattung her immer sehr eingeschränkt und gerade „Elisabeth“ ist ein Stück, das stark über die Musik geht und den Fokus stärker auf die Charaktere und ihre Entwicklung legt. Hinzu kommt, dass „Elisabeth“ – wie hieß es damals in Stuttgart so schön – die wahre Geschichte der Sissi erzählt. Denn die tragische Kaiserin von Österreich/ Ungarn wurde durch die Marischka-Filme in einer Art und Weise verkitscht, welche die arme Elisabeth posthum sicherlich sprachlos machen würde. Der Ansatz von Harry Kupfer war nun, mit all dem Kitsch in der Ausstattung zu brechen und überall im Stück zeithistorische Anspielungen oder Symbole für den Zerfall der Habsburger-Monarchie unterzubringen.

Elisabeth-Logo, Essen (2001)
Elisabeth-Logo, Essen (2001)

Das ist ja schön und gut, aber selbst ich verstehe noch lange nicht alle versteckten Symbole und frage mich bei dem ein oder anderen Bühnenbild auch heute noch, was mir jetzt genau gesagt werden soll? Und wenn selbst ich in manchen Szenen noch unschlüssig zurückbleibe, obwohl ich sie schon mehrmals gesehen habe, will ich die Interpretationsversuche von Tante Erna und Onkel Helmut gar nicht erst hören. Ich bin ein absoluter Fan davon, nicht jedes Detail mundgerecht zu servieren und für Dummis zu erklären, aber bei der Harry Kupfer-Version ist mir manches dann doch zu „intellektuell“.

Zumal viele der Bühnenbilder auch verglichen mit der Stage-Version nicht unbedingt schön anzuschauen sind. Ehrlich gesagt gibt es nur eine Szene, in der ich die Harry Kupfer-Inszenierung vom Bühnenbild her gelungener finde: „Am Deck der sinkenden Welt/ Alle Fragen sind gestellt (Reprise)“ wirkte auf mich in Wien noch eindrucksvoller.

Ansonsten vermisse ich einfach Elisabeths Terrasse auf Korfu, den imposanten Tanzsaal, in dem der Tod zum letzten Tanz auffordert oder die Krönungs-Zeremonie während „Kitsch“.

Schön ist nicht gleich kitschig

Elisabeth-Logo Stuttgart (2005)
Elisabeth-Logo Stuttgart (2005)

Nun geben sogar die Kupfer-Fans zu, dass das Stage-Bühnenbild „schöner“ war (im Umkehrschluss würde ich persönlich dem Wiener Bühnenbild auch einen gewissen Hang zur Hässlichkeit „vorwerfen“), nur um im gleichen Atemzug zu behaupten, dass aber gerade das schönere Bühnenbild das Musical wieder verkitsche und damit Kunzes Haupt-Intention mit Füßen trete. An dieser Stelle muss ich dann immer laut lachen, weil schön ja nicht gleich kitschig bedeutet und vieles, was kitschig daher kommt, eher unschön ist. Mir jedenfalls ist schleierhaft, wie dieses Musical überhaupt kitschig rüberkommen kann. Also alleine schon von der Thematik her. Ja, es gab in Stuttgart mehr Requisiten und ja, diese sahen auch allesamt sehr schön aus. Und trotzdem war „Elisabeth“ ein sehr düsteres Stück. In manchen Momenten sogar noch düsterer als in Wien, wenn man alleine an den aufgebahrten Kronprinz Rudolf während der Totenklage denkt.

Vielleicht war die Stage-Version nicht mit ähnlich vielen Symbolen versehen, aber die Ausstattung war realistischer. Wenn etwas im Kaffeehaus spielt, dann ist auch ein Kaffeehaus und kein Auto-Scooter zu sehen. Und wenn etwas auf Korfu spielt, dann ist auch eine griechische Terrasse nachempfunden samt schönem Ausblick. Das kann man nun kitschig finden, allerdings weiß ich dann nicht, wie ich „Kitsch“ zukünftig definieren soll. Mir hat es jedenfalls geholfen, mich noch stärker in die Situationen und auch die Charaktere einzufühlen.

Mehr Intellekt, weniger Gefühl

Das Problem, wenn man etwas mit zu viel Intellekt überlädt, ist nämlich, dass das Gefühl leidet. Und diesen Eindruck habe ich mittlerweile in vielen Szenen der Kupfer-Inszenierung, wo ich noch viel zu sehr damit beschäftigt bin, den Sinn der „Wenn ich tanzen will“-Kutsche oder des „Die Schatten werden länger“- Feldbettes zu verstehen.

Und letztlich ist „Elisabeth“ für mich ein Musical, das voller Emotionen steckt und diese wurden mir in der Stage-Version nunmal stärker vermittelt.

Genauso wie die Handlung. Denke man nur an den zweiten Akt in Essen oder Stuttgart, in dem „Elisabeth“ zeitweise zu einem regelrechten Verschwörungs-Musical wurde und die Geschichte rund um Kronprinz Rudolf samt seinem Verrat viel intensiver – ja überhaupt einmal – dargestellt wurde. Das war packend und spannend zugleich und hat dem Musical einen ganz eigenen, politischen Spirit verliehen. Diese Szene nach „Die Schatten werden länger“ fehlt mir wirklich am meisten, da sie für mich eine der stärksten im ganzen Musical war und den Selbstmord Rudolfs eigentlich erst erklärte.

Das unsägliche Ende

Olegg Vynnyk und Maike Boerdam in der Stuttgarter Version von Elisabeth (2005) © Stage Entertainment
Olegg Vynnyk und Maike Boerdam in der Stuttgarter Version von Elisabeth (2005) © Stage Entertainment

Und ein ganz wichtiger Punkt, warum ich mir eine neue Version wünsche, ist alleine schon das Ende! In Essen/Stuttgart küssen sich der Tod und Elisabeth, die Kaiserin stirbt und der Tod nimmt sie, die Frau die er liebt, mit zu sich. In sein Reich, in seine Heimat.
Bei Harry Kupfer küssen die beiden sich auch. Aber was macht der Tod, nachdem Elisabeth`s Körper erschlafft? Er lässt sie liegen bzw. übergibt sie seinen Totentänzern. Also bitte. Ich bin mir sicher, dahinter steckt auch wieder eine Message und es gab schon viele Erklärungen, die ich mir anhören durfte. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Ich finde sie hirnrissig. Da kämpft der Tod das ganze Musical über um Elisabeths Liebe, nur um sie am Ende liegen zu lassen? Finde ich nicht schön. Das Ende der Stage-Version gefällt mir (und übrigens auch Autor Michael Kunze) deutlich besser.

Somit ist es eben nicht nur das Bühnenbild, das mich an der Kupfer-Inszenierung stört, sondern auch der Verzicht auf manche Szenen (wobei sich auch hier die ewige Huhn-Ei-Frage stellt) und das unsägliche Ende. Nun kann man wieder die Intelligenz-Keule schwingen und konstatieren, diese Erklärungen seien für Dummies, aber mal ehrlich: Welcher Deutsche weiß genau über die Hintergründe der Mayerling-Affäre Bescheid, bzw. weiß, dass es eine solche überhaupt gab?

Bitte wieder als Long-Run!

Was ich hiermit sagen möchte, ist, fernab, dass es sich wie ein Loblied auf Essen und Stuttgart liest, dass ich die Kupfer-Inszenierung Leid bin. Ich erkenne sie als beeindruckend und intelligent an, aber sie darf auch nicht den Anspruch erheben, für alle Zeiten das einzig Wahre und der Weisheit letzter Schluss zu sein. Stattdessen sollte das Stück wieder neu gedacht, mit einem anderen Bühnen- und Kostümbild ausgestattet und vielleicht die ein oder andere Szene ergänzt werden. Wie weit das in Richtung der Stage-Version geht, ist erstmal zweitrangig. Aber kombiniere man etwas von dieser und etwas von jener Version, würde – da bin ich mir sicher – etwas Fantastisches entstehen. Und etwas Neues, das vielleicht sogar wieder das Potential für einen Long-Run besäße.

„Elisabeth“ war schließlich das erfolgreichste Musical, das je im Colosseum spielte und im Apollo-Theater lief das Stück auch nicht so schlecht. Wenn sich die Stage Entertainment also nicht an neue Stoffe wagt und lieber auf Altbewährtes setzt, dann doch bitte auch mal auf etwas Altbewährtes mit Qualität. Wie „Elisabeth“- in einer neuen Inszenierung mit großem Orchester (okay, jetzt muss ich selbst lachen) und schönem (nicht kitschigem!) Bühnenbild, in der vielleicht sogar Platz für den Song „Zwischen Traum und Wirklichkeit“ ist.

Ein weiterer Tour-Aufguss mit dem ewig Selbem fände ich jedenfalls äußerst unspannend. Und schließlich darf man ja auch noch träumen. Zwischen Sehnsucht und Wahrheit…