Rasmus (Chefredakteur von Kulturpoebel.de) und ich sind in fast allen Bereichen einer Meinung, nur bei „Elisabeth“ scheiden sich die Geister und vor allem beim Lesen seines Plädoyers für eine neue Inszenierung (lest seine Meinung hier) bin ich in vielen Punkten nicht seiner Ansicht. Ebenso wie bei ihm gehört „Elisabeth“ zu meinen Lieblings-Musicals, jedoch liebe ich die Inszenierung von Harry Kupfer.

Stillstand bedeutet Rückschritt. Dieses Sprichwort passt in alle möglichen Lebensbereiche und vor allem im Theaterbereich wäre es sicherlich der Todesstoß, wenn man sich nicht immer wieder von verschiedenen Perspektiven an Stücke heranwagen würde. Vor allem Klassiker werden immer wieder neu interpretiert und sind von Produktion zu Produktion und vor allem von Stadttheater zu Stadttheater unterschiedlich. Ich muss im Vorfeld klarstellen, dass ich es gut und wichtig finde, dass man alte Stücke entstaubt und wieder etwas Neues ausprobiert. Jedoch geht es in Rasmus‘ Plädoyer nicht darum, einem Stück eine neue Inszenierung zu geben, sondern man trauert einer alten hinterher, die anscheinend gegen das Original durchgefallen ist. Und daher wäre es weder Stillstand, noch Fortschritt, sondern schlichtweg ein Schritt zurück.

Unnötige Ausschmückungen

„Elisabeth“ gehört nicht nur zu den erfolgreichsten Stücken, die wir im deutschsprachigen Raum zu bieten haben, es ist auch eines der stärksten. Es funktioniert seit nunmehr fast 25 Jahren ohne, dass es groß verändert worden ist und ich habe auch nie gesehen, warum es eine große Veränderung erfahren sollte. Das Stück lebt von der grandiosen, gefühlvollen Musik von Michael Kunze und Sylvester Levay sowie Darstellern, die es schaffen, diesen Rollen schauspielerisch gerecht zu werden. Selbst in Rasmus‘ Plädoyer wird darauf eingegangen, dass der Fokus bei „Elisabeth“ auf den Charakteren liegt.

© Juliane Bischoff
© Juliane Bischoff

Was interessiert mich eine atemberaubende Kulisse oder ein schönes Kostüm, wenn mich die Elisabeth-Darstellerin bei „Ich gehör nur mir“ oder „Nichts, nichts, gar nichts“ so sehr in ihren Bann zieht, dass ich sowieso alles um sie herum vergesse. Wieso sollte ich mich für einen aufgebahrten toten Rudolf bei der „Totenklage“ interessieren, wenn eine Mutter verzweifelt und herzzerreißend nach ihrem toten Sohn ruft? Natürlich frage auch ich mich bei einigen Szenen, ob diese nicht anders hätten gelöst werden können, vor allem das Feldbett bei „Die Schatten werden länger“ ist wirklich nicht schön, aber spätestens wenn der Tod darauf sitzt und die ersten Töne dieses starken Duetts erklingen, ist es mir schlichtweg egal, ob er sitzt, steht oder das Lied im Handstand singt.

Auch verstehe ich nicht, warum man der Rolle des Rudolf mehr Raum geben sollte um die Handlung dann noch mehr zu verkomplizieren. Noch dazu, weil es nicht mal belegte Fakten gibt, sondern immer nur Spekulationen rund um seine Person und seinen Selbstmord. Außerdem haben wir doch genug damit zu tun, mit Elisabeths komplizierter Gefühlswelt klar zu kommen. Wenn ich mich dann auch noch mit den Problemen von ihrem Sohn auseinandersetzen will, schau ich mir „Rudolf – Affaire Mayerling“ an. Da kann ich mich drei Stunden voll und ganz auf Sissis Sohn konzentrieren.

Damit meine ich, dass ich diese Dinge sowieso nur als unnötige Ausschmückungen empfinde und schon des Öfteren gemerkt habe, dass man sich bei vielen guten Stücken häufig lieber auf Weniger konzentrieren sollte. Inwiefern das Ganze dann in die kitschige Richtung abdriftet, muss jeder für sich selbst entscheiden, da es dafür keinen Indikator gibt. Aber es gibt bestimmt einen Grund, warum so viele Leute die Stage Entertainment-Produktion als verkitscht ansehen.

Das noch unsäglichere Ende

© Juliane Bischoff
© Juliane Bischoff

Auch das so verhasste Ende, weil der Tod seine Elisabeth nicht von der Bühne trägt, sondern „lieblos“ liegen lässt, hängt mir langsam zum Halse raus. Dieses „Ich trage sie von der Bühne und alles wird gut“ ist doch absoluter Blödsinn. Die Frau ist tot und der Tod ist nun mal der Tod. Und jeder, der bei dieser Szene ein wenig genauer aufpasst, merkt, dass er sie nicht einfach liegen lässt, sondern es ihm das Herz zerreißt, dass er sie nun endgültig gehen lassen muss und er nur hilflos daneben stehen kann. Dass sie nämlich im Tode nicht vereint sind, wird ja schon im Prolog klar gemacht. Noch dazu hatte ich bei dem Ende in Stuttgart und Essen immer eher das Gefühl, dass ein Raubtier seine Beute wegträgt, die er nach langer Jagd endlich erlegt hat. Also viel Leidenschaft oder Liebe war da nicht dabei. Und wo genau trägt er sie denn hin? Im Endeffekt bringt er sie doch auch nur ins Jenseits, wo er nicht bei ihr bleiben kann, also ist es das gleiche Ende, nur dass ich bei der Kupfer-Inszenierung viel mehr sehe, welcher Schmerz mit diesem Ziehenlassen verbunden ist. Das Stück hat kein Happy End und dieser verzweifelte Versuch, dem Ganzen ein wenig Leichtigkeit und Pseudo-Romantik zu geben, ist genau der Grund, warum Musicals in Deutschland einen so seichten Ruf haben.

Immer wieder was Neues zu entdecken

Eines der interessantesten Aspekte des Musicals ist für mich, dass das Leben der österreichischen Kaiserin von ihrem Mörder im Jenseits erzählt wird. Bedeutet, dass wir uns die ganze Zeit im Reich der Toten aufhalten und es daher Sinn macht, dass alles ein wenig düsterer gehalten ist. Auch die vielen, oft versteckten Hinweise auf den Zerfall der Habsburger-Monarchie finde ich fantastisch. Natürlich sind dies Aspekte, über die ein Normalbesucher niemals nachdenken, oder die ihm beim ersten Sehen auffallen würden. Selbst ich habe erst nach einer Weile begriffen, dass diese „Brücke“ eine Feile darstellen soll mit der Luigi Lucheni einst Elisabeth erstach. Doch genau das ist der Grund, warum ich auch bei jeder Tour wieder in das Stück renne: Ich entdecke immer wieder etwas Neues. Ich finde „Elisabeth“ einfach intelligent gemacht. Es wird fast nie langweilig und ich schalte bei den ersten Tönen eben nicht ab, sondern kann mich voll und ganz auf dieses Musical konzentrieren. Dadurch hebt sich „Elisabeth“ noch mehr von dem ganzen Gute-Laune-Einheitsbrei ab, den wir sowieso schon zu Genüge in unseren Theatern haben.

© VBW/Brinkhoff/Mögenburg
© VBW/Brinkhoff/Mögenburg

Natürlich könnte man „Elisabeth“ in mancher Hinsicht „hübscher“ gestalten und es gibt ein paar Szenen, mit denen ich nicht so ganz einverstanden bin und die ich unmöglich schön reden kann oder will. Vor allem bei der „Hass“-Szene kommt es grundsätzlich zu einer Reaktion im Publikum und zu einer anschließenden Diskussion nach jeder Vorstellung. Aber ich denke, dass das Kreativteam auch nie wollte, dass alles im Musical gefällt. Vielleicht hatte man in mancher Hinsicht auch Mut zur Hässlichkeit. Und hat nicht jedes Kult-Stück eine Szene, die polarisiert und die im Gedächtnis bleiben soll, egal ob im negativen oder positiven Sinne? Was würde passieren, wenn man bei „Hair“ die Nacktszene streicht oder aus dem Ensemble der „Rocky Horror Show“ normale Außerirdische ohne den Faible für Strapsen machen würde? Unsere Bühnen wären verdammt langweilig. Und „Elisabeth“ provoziert nun mal nicht mit nackter Haut, sondern mit Politik und Geschichte. Etwas, das im Theater schon seit Jahrhunderten gemacht, aber im Musical-Bereich leider oft nicht erwartet wird.

Wirtschaftlicher Aspekt

Die Frage ist auch, warum sollte sich Stage Entertainment oder irgendein anderer Veranstalter nochmal an diesem Musical „vergreifen“? Warum sollte ich etwas als Long-Run produzieren, das seit Jahren erfolgreich durch den deutschsprachigen Raum tourt? Ein normaler Theaterbesucher erkennt den Unterschied zwischen Tour-Produktion und Long-Run nicht, daher wird man sich immer für das Günstigere und Nähere entscheiden und hier wird die Tournee grundsätzlich gewinnen. Vor allem, da sich diese Produktion inzwischen einen Namen gemacht hat und die Allgemeinheit weiß, dass es sich hierbei nicht um eine zweitklassige Amateur-Aufführung, sondern um das eigentliche Original handelt.

Zum Thema, dass man das Stück endlich mal wieder als Long-Run auf die Bühne bringen sollte, fällt mir nur die Produktion im Raimund-Theater ein, die von 2012 bis 2014 in Wien lief. Natürlich war es wieder die Kupfer-Inszenierung und in Wien wird man auch nie eine andere zu sehen bekommen. Auch Ausstattung und Cast waren sehr identisch mit der Tour, weswegen das Argument wohl nicht zählt, weil Rasmus im Grunde eine neue Inszenierung fordert. Dennoch möchte ich der Ordnung halber erwähnen, dass die Möglichkeit da war, das Stück als Long-Run zu sehen.

© Juliane Bischoff
© Juliane Bischoff

Ganz gleich, ob Kupfer-Inszenierung, Stage-Version oder etwas komplett Neues, ich würde dem Stück lieber mal wieder eine Pause wünschen. Das Stück tourt gefühlt nur noch und ich habe Angst, dass es ein zweites „Tanz der Vampire“ wird, das ich irgendwann nicht mehr sehen kann, weil ich so übersättigt bin. Ich habe die letzte Tour nur in München gesehen und es war wie immer grandios. Vor allem Roberta Valentini hat sich zu meiner neuen Lieblings-Elisabeth gemausert und gezeigt, dass man öfter jemand Neuem die Chance geben sollte. Jedoch habe auch ich mitbekommen, dass die Produktion von Station zu Station schlechter wurde. Erst durch Fehlbesetzungen und dann aufgrund der Auswahl ungeeigneter Spielstätten in Berlin und Hamburg, wodurch einfach die Qualität gelitten hat. Die Inszenierung an sich muss in meinen Augen nicht geändert werden, nur muss vielleicht wieder ein Unternehmen her, das sich wieder mehr Mühe bei der Produktion macht. Etwas komplett Neues wäre natürlich interessant. Ich denke dabei an die Revival-Produktion von „Tanz der Vampire“ (2009) in Wien. Ich hätte nie gedacht, dass es möglich ist, das Stück noch besser zu machen und nun kann ich mir die deutsche Produktion nur noch mit Wehmut ansehen. Daher begrüße ich immer etwas Neues. Aber mit diesem alten Kitsch (ja, ich habe es gesagt!) kann ich definitiv nichts anfangen.

Beitragsbild: © VBW