Unser Musical des Monats April ist „Pippin“. Warum es diesen Titel verdient, lest ihr hier!

Ein perfektes Musical für sich zu finden, ist in etwa so schwierig, wie sich zu verlieben. Man informiert sich im Vorfeld, hört die Musik, lernt das Stück kennen und hat schon ein Gefühl dafür, ob es klappen könnte oder nicht. Und dann sitzt man im Theater und merkt plötzlich, dass sich hier mehr als nur eine gute Freundschaft anbahnt. Dieses Erlebnis hatte ich bisher nicht oft und es wäre schrecklich, wenn ich bei jedem Musical, das mir gefällt, so empfinden würde – Schließlich ist auch wahre Liebe etwas, das man nicht oft findet. Meine momentane Liebe gebührt der Broadway-Tour von „Pippin“, die momentan in Amsterdam im Koninklijk Theater Carré gastiert.

Stephen SchwartzDas Musical stammt aus der Feder von Stephen Schwartz, der das Stück bereits während seiner Studienzeit Ende der 1960er-Jahre komponiert hat. Nach dem Erfolg von „Godspell“, das nur ein Jahr zuvor Premiere am Broadway feierte, wurde „Pippin“ am 23. Oktober 1972 im Imperial Theatre in New York uraufgeführt. Dort lief es fast 5 Jahre erfolgreich, bevor es am 12. Juni 1977 nach fast 2.000 Vorstellungen geschlossen wurde. Bob Fosse war damals Choreograph und Regisseur und heimste für seine Arbeit zwei Tony-Awards ein. Insgesamt gewann diese Produktion von „Pippin“ fünf Tony-Awards und war für insgesamt neun nominiert:

  • Bester Hauptdarsteller: Ben Vereen als Leading Player
  • Beste Regie: Bob Fosse
  • Beste Choreographie: Bob Fosse
  • Bestes Bühnenbild: Tony Walton
  • Bestes Lichtdesign: Jules Fisher

Am 25. April 2013 feierte die Revival-Produktion im Music Box Theatre in New York Premiere, welche nach der Dernière am 4. Januar 2015 auf Tournee geschickt wurde und nun in Amsterdam zu sehen ist. Diese Produktion wurde wiederum für zehn Tony-Awards nominiert und mit vier ausgezeichnet:

  • Beste Revival-Produktion
  • Beste Hauptdarstellerin: Pattina Miller als Leading Player
  • Beste Nebendarstellerin: Andrea Martin als Berthe
  • Beste Regie: Diane Paulus
© Joan Marcus
© Joan Marcus

Für „Pippin“ war vor allem aufgrund von „Wicked“ immer schon ein gewisses Grundinteresse vorhanden und gerade die Revival-Produktion 2013 hat es mir sehr angetan. Allerdings ist New York doch noch ein sehr weit entferntes und kostspieliges Ziel, um mal eben schnell für ein Musical rüberzufliegen und festzustellen, ob es die große Liebe sein könnte. Als ich dann hörte, dass die Tour nach Amsterdam kommt, war die Entscheidung schnell gefallen, einen Wochenendtrip zu unternehmen. Denn extra für ein Musical in die niederländische Hauptstadt zu fliegen, die nur eine Flugstunde entfernt liegt, ist natürlich eine ganz andere Hausnummer als New York. Da Amsterdam auch schon länger auf meiner Reiseliste ganz weit oben thronte, bestand auch nicht die Gefahr, als komplett verrückt abgestempelt zu werden, wenn jemand mitbekommt, dass die ursprüngliche Reiseplanung nur aufgrund von „Pippin“ entstanden ist. Zum Glück hat sich diese Stadt definitiv auch ohne Musical als Wochenendtrip gelohnt.

„We´ve got magic to do“

Das Musical handelt vom Königssohn Pippin, der nach dem Sinn des Lebens sucht. Erzählt wird die Geschichte von einer Truppe Zirkusleuten während der Chef, der sogenannte Leading Player, das Publikum durch das Geschehen führt. Es ist sozusagen ein Stück im Stück, in dem jeder Zirkusakrobat eine Rolle übernimmt und man oft das Gefühl bekommt, dass nur Pippin nicht weiß, wo das Drehbuch am Ende landet. Passend zu dem ganzen Zirkusthema ist das Bühnenbild ein großes Zirkuszelt und vor allem Hula-Hoop-Reifen, Gymnastikbälle und andere Accessoires aus der Welt der Akrobaten kommen hier bevorzugt zum Einsatz.

Die Handlung wird untermalt von sehr viel Tanz und akrobatischen Einlagen. Vor allem bei den komplexen Tanzszenen, die den eindeutigen Stempel von Bob Fosse tragen, wird den Darstellern einiges abverlangt. Die Choreographien erinnern stark an „Chicago“, jedoch empfand ich diese bei „Pippin“ als sehr viel interessanter und atemberaubender. Da ich „Chicago“ eher mit Bob Fosse in Verbindung bringe, als „Pippin“, war ich hierüber doch sehr erstaunt. Auch die vielen akrobatischen Szenen und Jahrmarkt-Zaubereien waren fantastisch und machen „Pippin“ zu einem einzigartigen Stück. Hier wurde die Zauberei nicht neu erfunden und man hat die Tricks alle schonmal in einem Zirkus oder einer Show gesehen – Und doch war ich begeistert, wie eine Fünfjährige und wollte unbedingt wissen, wie der Trick funktioniert.

Ein ganz, ganz wichtiger Punkt dafür, dass ich mich in dieses Stück so verliebt habe, bzw. mir von Vornherein klar war, dass es gute Chancen für eine glückliche Beziehung gibt, war die Musik. Die Komposition von Stephen Schwartz hatte es mir bereits angetan, als ich die CD zum ersten Mal gehört habe. Vor allem „Magic to do“, „Morning Glow“ und „Corner of the Sky“ gingen mir tagelang nicht mehr aus dem Ohr. Jedoch hätte es mich auch sehr gewundert, wenn es anders gewesen wäre, da Stephen Schwartz bei mir einfach einen Stein im Brett hat.

Geschichte über das Erwachsenwerden, spielerisch erzählt

„Pippin“ hat mir unheimlich viel zum Nachdenken auf den Nachhauseweg mitgegeben und im ganzen Stück sind kleine Botschaften und vor allem Lebensweisheiten versteckt, die man oft nicht sofort erkennt und doch beim genauen Betrachten in der einen oder anderen Weise schon einmal selbst im Leben erfahren hat. Die Hauptbotschaft des Musicals ist, dass es für jeden Menschen eine Art Drehbuch gibt, wir jedoch nicht zwingend daran gebunden sind, sondern selbst entscheiden können, was wir vom Leben erwarten und welchen Weg wir einschlagen wollen. Die Garantie, dass wir am Ende glücklich werden, gibt es nicht, jedoch sollte wir darauf achten, den Moment zu nutzen und wenn es doch mal schiefgeht, versuchen weiter zu machen. Denn weiter geht es immer irgendwie.

© Joan Marcus
© Joan Marcus

„Pippin“ ist hauptsächlich die klassische Geschichte des Erwachsenwerdens und die Menschen, die dir dabei zur Seite stehen und dich einen Teil deines Weges begleiten. Wahrscheinlich hat mich das Stück deshalb so begeistert, weil ich mich selbst ein wenig in Pippin wiedergefunden habe. Vor allem die Szene mit seiner Großmutter Berthe, die ihm zeigt, dass er den Moment leben muss und für ihn immer einen Zufluchtsort darstellt, wenn die Welt ihm dann doch mal zu viel wird, hat mich stark an meine eigenen Großeltern erinnert, weswegen „No time at all“ für mich ein besonders emotionaler Moment war.

The Players

Am Meisten gefallen hat mir die Rolle des „Leading Player“. Er bzw. sie führt das Publikum durch den Abend und sorgt dafür, dass das Drehbuch nach dem sich seine Zirkustruppe richtet auch eingehalten wird. Der Leading Player ist fast noch häufiger auf der Bühne als die Titelfigur selbst und ist daher eher die Hauptrolle in dem Stück, nur dass man zu ihr nicht die gleiche Beziehung wie zu Pippin aufbaut. Die Rolle war in der Uraufführung noch männlich besetzt und ist seit der Revival-Produktion in weiblicher Hand. In dieser Kategorie hat „Pippin“ beide Male den Tony-Award für den besten Hauptdarsteller bzw. Hauptdarstellerin gewonnen und ist somit die einzige Rolle im Musical-Bereich, die bisher mit beiden Geschlechtern gewonnen hat. Unser Leading Player wurde gespielt von Aléna Watters. Als sie auf die Bühne kam und den ersten Ton sang, war mir gleich klar, dass sie mir gesanglich ein Highlight nach dem nächsten liefern wird. Dass sie nur Understudy für die Rolle ist, verstört mich fast ein bisschen, da ich sie in allen Aspekten so unfassbar phänomenal fand, dass ich mir nicht erklären kann, wie das jemand besser machen soll.

Pippin wurde an diesem Abend von Brian Flores gespielt und dieser war ein bisschen mein Sorgenkind, da ich gesanglich von ihm etwas enttäuscht war. Ich war mir nicht sicher, ob er sich mit Absicht gesanglich zurückhielt, weil er die Lieder wirklich nicht packt oder ob es einen anderen Grund gab. Vor allem von „Corner of the Sky“ hatte ich mir im Vorfeld so viel versprochen und ich war dann doch etwas ernüchtert, dass es mich nicht so gepackt hat, wie erwartet. Jedoch hat er alles sauber gesungen und vor allem im zweiten Akt hat er gezeigt, was er tänzerisch so alles drauf hat, daher jammere ich hier auf ganz, ganz hohem Niveau.

Auch die restliche Cast mit Sabrina Harper als Fastrade, John Rubinstein als Charles (Original-Pippin in der Uraufführung), Bradley Benjamin als Catherine und Adrienne Barbeau als Berthe waren herausragend und haben mir einen unvergesslichen Abend beschert. Dabei muss ich immer wieder betonen, dass es bei „Pippin“ über das Singen, Tanzen und Schauspielern eines Standard-Musicaldarstellers hinausgeht und ich immer noch restlos begeistert von den schnellen Choreographien und der Bühnenmagie dieses Stückes bin.

Auch das holländische Publikum lässt sich ganz anders mitreißen als das deutsche. Bei einer Szene, in der mitgesungen werden sollte, wurde sogar, ich wage es gar nicht auszusprechen, wirklich mitgesungen. Zwar nicht lautstark und voller Inbrunst, aber es wurde mitgesungen und auch bei Applaus und Standing Ovations lässt sich das niederländische Publikum nicht zweimal bitten, was den Abend auch noch ein wenig schöner gemacht hat. Auch dass wir vom Platzanweiser kurz vor Beginn der Show die Info bekommen haben, dass wir gerne noch schnell auf die noch freien Plätze aufrücken dürfen, ist für mich ein großer Pluspunkt und Anreiz, mir mal wieder eine Show in Amsterdam anzusehen. Da das Koninklijk Theater Carré nun öfter unter dem Programm „Broadway aan de Amstel“ Broadway-Stücke nach Amsterdam holen will, wird es wohl auch nicht mein letzter Besuch gewesen sein.

Premierendatum: 25. April 2013, Music Box Theatre, New York
Besuchte Vorstellung: 02. April 2016, Koninklijk Theater Carré, Amsterdam
Musik & Lyrics: Stephen Schwartz
Buch: Roger O. Hirson
Regie: Diane Paulus
Choreographie: Chet Walker
Besetzung: Aléna Watters (Leading Player), Brian Flores (Pippin), Sabrina Harper (Fastrade), John Rubinstein (Charles), Bradley Benjamin (Catherine), Adrienne Barbeau (Berthe)
Cast-Aufnahme: Cast Album Revival-Produktion 2013 (auch verfügbar auf Spotify)

Beitragsbild: ©Joan Marcus

TEILEN
Vorheriger ArtikelNews: Lea Salonga in „Fun Home“!
Nächster ArtikelNews: Matthias Stockinger, Oedo Kuipers, Uwe Kröger und Kevin Tarte in „Ludwig²“!
Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.