„Hair“ spaltet im Münchner Circus Krone zwar das Publikum, gefiel aber der Autorin (und ihren „Hair“-erfahrenen Eltern) ausgesprochen gut.

Ich wollte „Hair“ immer sehr gerne mögen, ich habe das passende Haar und kann mich generell mit allem identifizieren, was Uschi Obermaier sich einst auf die Fahne schrieb. Doch es war stets schwierig, gegen die Liebe meiner Mutter zu diesem Musical anzukommen. Bei unserer Queen-Leidenschaft können wir uns duellieren, daher schleppe ich sie regelmäßig in die verschiedenen „We Will Rock You“-Städte und wir heulen bei den Songs um die Wette, weil Freddie nicht mehr lebt. Bei „Hair“ musste ich aber immer noch meinen persönlichen Zugang finden. Und so war das Weihnachtsgeschenk 2015 schnell klar – eine der beiden Vorstellungen am zweiten Aprilwochenende im Münchner Circus Krone.

Der Circus Krone ist ein legendärer Veranstaltungsort, hier sah ich Kabarettisten, Indie-Bands und große Stars wie P!nk, man ist hautnah dabei. „Hair“ war mein Musical-Erstling unter dem Zeltdach. Meine Mutter – und auch mein Vater, den dürfen wir hier nicht vergessen, er musste sich auch einst für den Bund die langen Locken abschneiden – hat „Hair“ in den verschiedensten Fassungen gesehen, das erste Mal 1982 irgendwo in der Oberpfalz. Ob das Bühnenbild damals auch schon aus viel buntem Licht und einem Gerüst bestand? Achselzucken.

„Agnes, we’ve seen the nude scene, can we go now?”

__Hair-Sterr-Logo--00-Letztlich stört das Licht schnell nicht mehr, man taucht völlig ein in eine chaotische Welt ab. Die Darsteller befinden sich bereits eine viertel Stunde vor Vorstellungsbeginn im Publikum, klauen Popcorn, entdecken einen Junggesellinnenabschied, über den sie sich sehr freuen, und versuchen, anwesende Dunkelhäutige zu finden, deren Anzahl weniger erfreulich für sie ist (sie haben es auf zwei „One of us!“ geschafft).

Die Begrüßung stammt von Nadine Kühn, bereits mit 15 in der Musicalkomödie „Wie jedes Jahr Ibiza“ zu sehen. Die Blondine übernimmt den Part der schwangeren Jeanie und übersetzt wann immer es passt, was einigen dem Englischen nicht so mächtigen Zuschauern bestimmt Freude bereitet hat – Dem Rest machen die englischen Konter Freude. Da das Ensemble des „Hair“-Films um einiges größer war, greift man auf das schauspielerische Geschick der Cast zurück – und auf Travestie. So wird zum Beispiel ein Touristenpärchen von zwei männlichen Darstellern gegeben.

Plötzlich hinter mir Publikumsgeflüster, wie wahnsinnig obszön die Gesten alle seien – mir dämmert, ich fand bislang keinen Zugang, weil ich meine Eltern mit diesem Stück verbunden habe und die Scham in mir brodelt. Wenngleich: Die freie Liebe ist hier natürlich Programm und ebenso offen ist der Umgang mit Homosexualität. Doch es dauert bis zum zweiten Akt, dass auch zwei Frauen miteinander nach Hause gehen, darunter die zauberhafte Chrissy (Elizabeht Wyld, schon zu sehen als Thea in „Spring Awakening“ und Dorothy in „Der Zauberer von Oz“).

Und speziell ein Song wie „Sodomy“ ist heute noch so wichtig wie damals mit seinen Masturbationsthemen – und spielt ebenfalls gegen das Klischee der sex-drive-losen Frau an. Vergleichsweise zahm ist da die berühmt-berüchtige Nacktszene zum Ende des ersten Akts. Das sind lediglich schön ausgeleuchtete Silhouetten. Warum so zahm? (Danke!)

Mama gefällt’s trotzdem

In der Pause werden nicht die Unterschiede zwischen der vergangenen Gärtnerplatzproduktion (unsere Eindrücke findet ihr hier) und dieser hier diskutiert, sondern die mit dem Film von 1979. Sheila (Jessica J. Dyer, bekannt aus „Going One, Laughing Twice“) ist keine Tochter aus gutem Hause, sondern knallharte Feministin und singt für Berger (Brett Travis, der selbst privat in einer riesigen WG wohnt) „Easy To Be Hard“, was an diesem Abend leider ohne emotionale Backstory wenig rührt. Dafür sehr emotional: Das Finale von „Let The Sunshine In“. Hier profitiert man nicht nur von der Akustik im Zirkus, sondern auch der Stimme von Shannon Dionne (unter anderem „Rent“- und „Hairspray“-Erfahrung). Ebenfalls hervorzuheben ist Jackie Ngyuens (wie sollte es auch anders sein: war bereits Kim in „Miss Saigon“) Darstellung der Angela, die nicht nur stets bezaubernd lächelt, sondern ein grandioses „Black Boys“ schmettert.

Doch zurück zum Finale: Claude (Zweitbesetzung Nate Huntley, oder auch: Lumière aus „The Beauty and the Beast“) stirbt in Vietnam und keiner kriegt’s mit. „Warum sind jetzt alle so ernst?“, tönt es hinter mir. Und warum sind die Leute so schrecklich ignorant? Mit dem Abschluss kriegt mich „Hair“. An der Damentoilette überhöre ich zwei Rollkrägen, sie würden dieses Stück nicht weiterempfehlen, mehr den Film. Und das ist der Punkt: Im Film habe ich keine herausstehenden Soulstimmen direkt vor mir, nicht den Geruch der Darsteller in meiner Mitte. Auch war die Veranstaltung kurzweiliger und unterhaltsamer als jeder DVD-Abend. Und mal ehrlich, Feministen-Sheila ist Gold wert. Das denken sicher auch einige der Blumenhaarbänder in der Menge. Oder waren die reichlich dekorierten Menschen in der Pause nicht doch Schauspieler, wieder ins Publikum gemischt? Sensationell. Mütter haben immer Recht.

Broadway-Premiere: 29.04.1968 Biltmore Theatre, New York (Broadway)
Deutschlandpremiere: 24.10.1968, Theater in der Briennerstraße, München (heutiges Volkstheater)

Europa Tournee der Frank Serr Showservice International Broadway Musical Company New York

Besuchte Vorstellung: 08.04.2016, Circus Krone, München
Buch und Texte: Gerome Ragni und James Rado
Musik: Galt MacDermot
Musikalische Leitung: Pete Lee, Frank van Wanrooij
Regie: Andrew Carn
Choreografie: Michael Burnie
Besetzungen: Brett Travis (Berger), Nate Huntley (Claude), Jessica Joy Dyer (Sheila), Michael Moore (Woof), Nadine Kühn (Jeannie), Elizabeth Wyld (Crissy), Shannon Dionne (Dionne)

Weitere Informationen zur Tournee und den Spielterminen:
http://www.showservice-international.de/de/produktionen/musicalhair/

Beitragsbild: © Frank Serr Showservice

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Simone Bauer
„She wanted Mary Poppins and I took her to King Lear“ – (The Wombats)

Lieblings-Musical(s): „Hairspray“, „Grease“, „Elisabeth“ (in der Takarazuka-Revue-Variante)
Lieblings-Komponist: Benny Andersson und Björn Ulvaeus
Lieblings-Texter: Nao Takagi (für ihre Rede in „Last Dracul Jokyoku“)
Musical-Fan seit: „Cats“ (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Wenn unzählige begabte TänzerInnen völlig synchron in atemberaubenden Kostümen eine beeindruckende Choreographie tanzen - da schlägt mein Joachim-Llambi-Herz höher!