Die Rockoper von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice gehört zu den wenigen Stücken, die dank ihrer authentischen Rock-Musik immer wieder in konzertanten Aufführungen funktionieren. Somit lag mein Hauptaugenmerk bei der momentanen Tour-Produktion im Deutschen Theater München darauf, ob man  wirklich mehr Aufwand als nötig in dieses Musical stecken muss.

Dass ich mit Musicals von Andrew Lloyd Webber – vorsichtig ausgedrückt – nicht viel anfangen kann, ist ein offenes Geheimnis. Umso mehr überrascht es mich immer wieder, wie sehr mich seine Rockoper „Jesus Christ Superstar“ in den Bann zieht und mir ein wenig den Glauben an Andrew Lloyd Webber und seine Musicals zurückgibt. Und doch war ich bis zum bitteren Ende skeptisch, ob ich die Tour-Produktion vom Londoner West End, die momentan im Deutschen Theater München gastiert, überhaupt sehen möchte. Zwei Dinge haben mich im Vorfeld unfassbar gestört und ich muss leider sagen, dass diese auch der Hauptgrund sind, warum ich mit der Produktion etwas unglücklich war… vorsichtig ausgedrückt.

Das Rock-Musical mit der Musik von Andrew Lloyd Webber und den Texten von Tim Rice, das am 12. Oktober 1971 in New York uraufgeführt wurde, erzählt die letzten 7 Tage im Leben von Jesus. Die Handlung legt hierbei einen Fokus auf Judas` und Jesus‘ Beziehung zu Maria Magdalena.

Wie rockende Aushilfs-Ministranten

© Pamela Raith
© Pamela Raith

Das eine Problem, das ich hatte, waren die Kostüme. Ich habe die Produktion bisher immer nur konzertant gesehen. Und alleine bei den Bildern von einem in weißer Kutte gekleideten Jesus mit langen Locken und den sogenannten „Jesuslatschen“, kam mir das ganze Stück einfach albern vor. Nachdem ich die Produktion nun gesehen habe, hat sich mein Verdacht leider bestätigt. Diese typische Kirchenaufmachung passt einfach nicht zu dieser grandiosen Rockmusik, die Andrew Lloyd Webber in den 70er Jahren komponiert hat. Da das Stück in den meisten Fällen konzertant aufgeführt oder mit modernen Kostümen ausgestattet wird, stehe ich mit dieser Ansicht wohl auch nicht ganz alleine da.

Natürlich haben einem die Kostüme ungemein erleichtert, in die Handlung zu finden. Wenn man sich nicht im Vorfeld mit der Musik und dem Stück auseinandersetzt, kann es bei konzertanten Aufführungen zeitweise sicherlich schwer fallen, dem Geschehen zu folgen – vor allem wenn dann auch noch alles auf Englisch ist. Da es sich hierbei um eine große Tournee handelt, die möglichst viele Zuschauer ins Theater locken muss, ist es auch irgendwie verständlich, dass die sichere Schiene gefahren wird und die Leute einen Jesus zu sehen bekommen, den sie sich vorstellen und bei dem sie nicht allzu viel mitdenken müssen. Jedoch sehe ich meinen Jesus lieber in Chucks, anstatt barfuß.

Das Bühnenbild war einfach gehalten und hat doch die nötige Wirkung erzielt. Über dem Bühnengeschehen hing eine überdimensionale Dornenkrone, die auch nur da hing, damit sie eben da hing und hin und wieder habe ich das ein oder andere Requisit vermisst, wie zum Beispiel einen Tisch beim letzten Abendmahl. Jedoch kommt das Stück sehr gut ohne viel Schnick-Schnack aus und die Bühnenkonstruktion, bestehend aus einer U-förmigen Brücke, die einmal die Bühne umrandet, war eine gute Lösung, um der Handlung mehr Raum zu geben. Vor allem die Priester standen meist oben und blickten auf das normale Volk und Jesus` Taten herab.

Overacting at its best

Der zweite Punkt meiner Skepsis war der Hauptdarsteller und hier muss ich einfach den verrückten Fan raushängen lassen, der ich tief im Inneren einfach bin. Denn ich hatte bisher immer Drew Sarich in der Rolle des Jesus und dieser kann mir auch zwei Stunden das Telefonbuch vorsingen und ich würde ihn für seine Darbietung feiern. Glenn Carter hatte daher gleich von Anfang an einen unfassbar schlechten Stand. Und wie bei den Kostümen wurde ich keines Besseren belehrt.

© Pamela Raith
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Glenn Carter hat die Rolle des Jesus schon am West End und am Broadway verkörpert und ist auch auf der DVD-Aufnahme aus dem Jahr 2000 zu sehen. Er hat daher definitiv bewiesen, dass er die Rolle beherrscht und es gibt bestimmt viele, die ihn als Jesus mögen. Ich mochte ihn einfach nicht. Seine Stimme ist mir in vielen Momenten viel zu schwach und hinterlässt nicht den gewohnten Wow-Effekt. Die Songs waren sauber gesungen und die Töne wurden auch getroffen, aber ich fand, dass da noch viel Luft nach oben war. Am meisten gestört hat mich jedoch sein Schauspiel, das mir einfach „too much“ war. Bei „Gethsemane“ musste ich mich regelrecht zusammenreißen, um nicht laut loszulachen und an diesem Lied ist für gewöhnlich überhaupt nichts Komisches. Aber das ewige Armwedeln und Augenaufreißen um jenen Tönen eine Dramatik zu geben, denen er eigentlich mit seiner Stimme Ausdruck verleihen sollte, haben das Ganze in meinen Augen einfach nur ins Lächerliche gezogen.

© Pamela Raith
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Als Judas hatten wir Tim Oxbrow, der vor allem in der Anfangsnummer „Heaven on their minds“ gezeigt hat, dass man es hier doch mit Darstellern vom West End zu tun hat und diese ihr Handwerk absolut beherrschen. Jedoch hatte ich bei ihm dauernd das Gefühl, dass er nicht 100 Prozent gibt und da noch mehr rauszuholen ist, wenn er denn nur wollte. Jedoch klangen seine Nummern selbst mit 70 Prozent Leistung phänomenal. Auch die restlichen Darsteller rund um Rebekah Lowings als Maria Magdalena und Andy Barke als Simon haben allesamt begeistert und mir trotz allem gezeigt, warum ich dieses Stück so liebe: Wegen diesen wunderbaren Rock-Hymnen von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice.

Von daher bin ich froh, dass ich dem Stück trotz allem eine Chance gegeben habe und nun sicher weiß, dass ich mich von bodenlangen Kutten und Glenn Carter lieber fern halte, jedoch Schlimmeres kommen muss um mir ein Stück wie „Jesus Christ Superstar“ zu versauen. Des Weiteren hat es mir die Wartezeit auf andere tolle Produktionen, wie „Next to Normal“ und „Tanz der Vampire“ im Deutschen Theater etwas verkürzt.

Uraufführung: 12.10.1971, Mark Hellinger Theater, New York
Besuchte Vorstellung: 20.04.2016, Deutsches Theater München
Musik: Andrew Lloyd Webber
Buch & Liedtexte: Tim Rice
Inszenierung: Bob Tomson
Bühne und Kostüme: Paul Farnsworth
Choreographie: Carole Todd
Besetzung: Glenn Carter (Jesus), Tim Oxbrow (Judas), Rebekah Lowings (Maria Magdalena), Andy Barke (Simon Zelotes), Steve Fortune (Kaiphas), Tom Gilling (König Herodes), Christopher Jacobsen (Pontius Pilatus)

Informationen und Tickets zu dieser und weiteren Produktionen findet ihr hier.

Beitragsbild: © Pamela Raith

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
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Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.