Das Musical „Rent“ von Jonathan Larson ruft in mir so viele Emotionen hervor, wie kein zweites Musical. Angefangen bei der Hintergrundstory bis hin zur eigentlichen Handlung und Thematik des Stückes, welche so authentisch dargestellt wird, dass man einfach nicht anders kann, als voll und ganz mit den Charakteren zu fühlen.

„Rent“ basiert auf der Oper „La Bohème“ von Puccini und verlagert die Handlung der Oper ins New York der 1990er. Es handelt von einer Gruppe befreundeter Künstler, deren Hauptproblem zunächst das immer fehlende Geld für die Miete im East Village ist. Nach und nach zeigt sich jedoch die eigentliche Dramatik des Stückes. Das Leben und vor allem Überleben mit der Krankheit Aids. Auch die Themen Homosexualität und Drogen spielen eine wichtige Rolle und werden von der Clique widergespiegelt. Als Erzähler fungiert hierbei vor allem Mark, ein Filmemacher, der sich im Laufe des Musicals dazu entschließt, einen Film über seine Freunde zu drehen und deren Schicksale festzuhalten. Sein Mitbewohner Roger, ein Musiker, leidet an Aids und verliebt sich in die ebenfalls an Aids erkrankte und drogenabhängige Stripperin Mimi. Hinzu kommt Collins, der sich in den Transvestiten Angel verliebt und Mark`s Ex-Freundin Maureen, die ihn für die Anwältin Joanne verlassen hat.

The American Dream

„Rent“ ist für mich das typische moderne Broadway-Stück und verkörpert den klassischen amerikanischen Traum, wie er eben nur bei den Amis passieren kann. Anfangs noch das kleine Off-Broadway-Stück, hat es sich schnell zum Publikumserfolg gemausert und zog nach 3 Monaten Laufzeit in das Nederlander Theatre am Broadway um. Die Premiere fand dann am 29. April 1996 statt. Neben den Tony-Awards für „Bestes Musical“, „Bestes Buch“, „Beste Originalmusik“ und „Bester Nebendarsteller“ (Wilson Jermaine Heredia als Angel), hat „Rent“ noch den Pulitzer-Preis für das beste Drama abgeräumt. Eine Ehre, die nur ganz selten einem Musical zuteil wird. Das gleiche Phänomen erlebt gerade „Hamilton“ am Broadway und es ist unfassbar schade, dass solche wirklichen Erfolgsgeschichten à la „vom Tellerwäscher zum Millionär“ weiterhin scheinbar nur in Amerika stattfinden können.

Das Musical lief 12 Jahre ununterbrochen und war nach seiner letzten Performance am 7. September 2008 auf Platz 8 der Shows mit der längsten Broadway-Laufzeit aller Zeiten. Erst Anfang diesen Jahres wurde es von „Wicked“ aus der Top Ten gekickt und steht momentan auf Platz 11. Im Jahr 2005 kam die Filmversion, produziert von Robert De Niro und Chris Columbus, der auch Regie führte, in die Kinos. Statt auf Hollywood-Stars zu setzen, die keinen geraden Ton herausbekommen, wurde glücklicherweise ein Großteil der Broadway-Premieren-Cast verpflichtet, deren Mitglieder heute teilweise wahre Broadway-Stars geworden sind. Allen voran natürlich Idina Menzel („Wicked“) als Maureen, die mit „Rent“ ihr Debüt an der 42. Straße feierte und damals auch für ihren ersten Tony-Award nominiert wurde. Außerdem wurde die finale Show am Broadway aufgezeichnet und als Live-DVD veröffentlicht. Vor allem der Live-Mitschnitt hat einen besonderen Platz in meinem DVD-Regal, da ich das Stück sehr, sehr gerne wieder am Broadway sehen möchte, wo es in meinen Augen einfach hingehört. Live habe ich das Stück auch schon in Deutschland gesehen und fand es, trotz der doch gewöhnungsbedürftigen deutschen Übersetzung von Wolfgang Adenberg, fantastisch. Jedoch fehlt einfach der Faktor New York, der für mich irgendwie dazu gehört.

Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter

Was ich an „Rent“ besonders schätze, ist die Authentizität des Stückes und der Charaktere. Hier wurde nichts verkitscht oder beschönigt, geschweige denn, dass man eine dramatische Wende eingebaut hätte, damit das Publikum auch unbedingt weinend aus dem Theatersaal geht. Jonathan Larson hat ein Musical über sein Leben als Künstler in New York mit ungewisser Zukunft geschrieben. Auch er hat Freunde an die Krankheit Aids verloren und Selbsthilfegruppen besucht. „Rent“ greift viele Aspekte seines Lebens auf, daher ist es auch keine heuchlerische Botschaft, wenn das Musical das Leben als Geschenk feiert und dem Publikum vermitteln will, dass man selbst mit einer schweren Krankheit oder in einer aussichtslosen Situation, niemals aufgeben sollte und den Moment genießen muss, solange er greifbar ist. Der dramatische Hintergrund des Stückes ist die Tatsache, dass Jonathan Larson den Erfolg seines Musicals, in dem offensichtlich so viel von ihm selbst steckt, nicht mehr erleben konnte, da er am Morgen der ersten Off-Broadway-Preview überraschend an einer Aortendissektion verstarb. Hierdurch wird die Botschaft des Musicals nochmal mehr auf unfassbar traurige Art und Weise verdeutlicht.

Larson`s tragischer Tod hat dem Erfolg des Stückes wohl wahrlich keinen Abbruch getan, da die Gesellschaft traurige Geschichten liebt und dadurch leider häufig erst wirkliches Interesse zeigt. Das Musical wäre jedoch sicherlich auch ohne dramatische Vorgeschichte ausgekommen und ein großer Faktor für den Erfolg ist wohl die unverwechselbare Rockmusik.

Musikalischer Befreiungsschlag

„Rent“ kommt mir fast wie ein musikalischer Befreiungsschlag für den Broadway vor. Bedenkt man, dass im Musicalbereich doch häufig bewusst oder aus Angst vor Neuem auf Musik zurückgegriffen wird, die allem, was gerade Mainstream ist, ein paar Jahrzehnte hinterher ist und „Rent“ das erste Musical war, das sich an moderne Indie-Rock-Musik traute. Rock-Musicals (z.B „Hair“) und Rock-Opern (z.B. „Jesus Christ Superstar“) gab es natürlich schon vorher, aber „Rent“ unterschied sich musikalisch deutlich von allem Bisherigen und war neu und frisch, wodurch vor allem wieder das junge Publikum ins Theater gezogen wurde. Hier muss ich wieder auf die Parallele zu „Hamilton“ verweisen, da man sich auch hier an eine für das Musical-Genre neue Musikrichtung gewagt und zum ersten Mal Rap- und RnB-Musik an den Broadway gebracht hat. Auch hier wird wieder eine unglaubliche Erfolgsgeschichte geschrieben, wie „Rent“ es 20 Jahre früher vorgemacht hat.

„Rent“ ist nicht nur ein modernes Musical über Liebe, Freundschaft und Akzeptanz. Es ist ein Musical, dass das Leben und noch viel wichtiger, die Menschen feiert, die trotz schweren Schicksalsschlägen und Lebensumständen jeden Morgen wieder aufstehen und den Tag in Angriff nehmen. Jene, die sich nach einem kurzen Schockmoment wieder aufraffen und den Alltag in die Hand nehmen und versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Es muss sich hierbei auch gar nicht um eine tödlich verlaufende Krankheit handeln, auch eine Behinderung, ein Unfall, vielleicht sogar eine Schuld, die einen nicht mehr loslässt, reichen aus, um in ein tiefes Loch zu fallen. Es gibt so viel, womit Menschen und auch ihr Umfeld im Leben klar kommen müssen. Genau diese Menschen, die jeden Tag aufs Neue meistern, egal welche Steine ihnen das Schicksal in den Weg legt, sind die eigentlichen Helden in unserer Gesellschaft und eine Inspiration für uns alle. Und deswegen liebe ich „Rent“. Weil es mich jedes Mal wieder daran erinnert, dankbar zu sein und viele Dinge lieber sofort in Angriff zu nehmen, als erst morgen. No day but today!

Rent - Filmed Live On Broadway [DVD]

Price: EUR 2,84

4.8 von 5 Sternen (19 customer reviews)

17 used & new available from EUR 2,84

Verpasst keine News mehr aus den Musical-Metropolen dieser Welt und liket unsere Facebook-Seite für das volle KULTURPOEBEL.de-Erlebnis.

Premiere am Broadway: 29. April 1996 (Nederlander Theatre)
Broadway-Dernière: 07. September 2008
Vorstellungen am Broadway insgesamt: 5.123
Musik, Texte, Buch: Jonathan Larson
Regie (Broadway): Michael Greif
Regie (Film 2005): Chris Columbus
Original Broadway-Cast: Anthony Rapp (Mark Cohen), Adam Pascal (Roger Davis), Daphne Rubin-Vega (Mimi Márquez), Jesse L- Martin (Tom Collins), Wilson Jermaine Heredia (Angel), Idina Menzel (Maureen Johnson), Fredi Walker (Joanne Jefferson), Taye Diggs (Benjamin Coffin III)
Cast-Aufnahme: OBC 1996 und Film-Cast 2005 (beides verfügbar auf Spotify)
Verfilmungen: Hollywood 2005, Live Mitschnitt Final-Broadway-Performance 2008

Beitragsbild: © Joan Marcus