Nachdem bereits letztes Jahr im Februar das Musical „Gefährliche Liebschaften“ in München uraufgeführt wurde und ich aufgrund anfänglichen Zögerns keine Karten mehr bekommen hatte, war ich froh, dass ich in der neuen Spielzeit noch einmal die Chance bekam, das Stück zu sehen.

Dass sich das Gärtnerplatztheater München an eine Musical-Uraufführung wagt, ist schon ein guter Grund, sich auf den Weg ins Cuvilliés-Theater, eine der Ausweichspielstätten des momentan aufgrund von Renovierung geschlossenen Gärtnerplatztheaters, zu machen. Auch die Besetzung und der Erfolg beim Deutschen Musical Theater Preis 2015 sprechen erstmal sehr für das Musical mit der Musik von Marc Schubring und den Texten von Wolfgang Adenberg.

Das Musical hat beim Deutschen Musical Theater Preis 2015 fünffach abgeräumt als „Bestes Musical“, „Beste Komposition“, „Bestes Kostümbild“, „Beste Musikalische Gestaltung“ und Julia Klotz hat den Preis als „Beste Darstellerin“ gewonnen. Ich bin mir noch nicht sicher, wie aussagekräftig diese Preise sind, immerhin befinden wir uns in Deutschland noch lange nicht auf dem Niveau von New York oder London, wo jedes Jahr eine Vielzahl neuer Musicals aus dem Boden sprießen und nur die Allerbesten überleben. In Deutschland kommt eine Musical-Uraufführung doch eher selten vor, weswegen „Gefährliche Liebschaften“ doch ein wenig außer Konkurrenz lief. Nichtsdestotrotz ist es schön, dass sich auch mal jemand anderes als Stage Entertainment oder Spotlight an neue Musicals ranwagt und ich hoffe daher sehr, dass wir uns in Deutschland auf einem guten Weg befinden und auch solche Preise in den nächsten Jahren mehr an Bedeutung gewinnen.

„50 Shades of Grey“ des 18. Jahrhunderts

© Thomas Dashuber
© Thomas Dashuber

Das Musical basiert auf dem berühmten Roman von Choderlos de Laclos aus dem Jahr 1782 und löste damals mit der Veröffentlichung einen Skandal aus, womit der Stoff auch heute noch ein guter Garant für erfolgreiche Filme und Theaterstücke ist. Es handelt von der Marquise de Merteuil und dem Vicomte de Valmont, die zusammen aus Zeitvertreib Intrigen spinnen, um die Damen der Pariser Gesellschaft zu demütigen. Allen voran dient der Vicomte de Valmont hierbei als Verführer. Als der ehemalige Liebhaber der Marquise de Merteuil die jungfräuliche Cécile de Volanges heiraten will, möchte die Marquise de Merteuil, dass der Vicomte de Valmont diese verführt und sie somit ihre Rache bekommt. Der Vicomte de Valmont hat jedoch Madame de Tourvel als nächstes Opfer auserwählt und hat wenig Interesse an der viel zu einfachen Verführung einer unerfahrenen Jungfrau. Erst als sich sein eigenes Vorhaben als schwieriger als gedacht erweist und die Marquise de Merteuil mit ihm eine Wette abschließt und sich selbst als Preis für seine gelungene Verführung auslobt, beginnt ein intrigantes Spiel.

So sehr ich es befürworte, dass sich ein Theater an neue Stücke und Uraufführungen wagt, umso enttäuschter muss ich gestehen, dass mich „Gefährliche Liebschaften“ nicht begeistern konnte. Das große Manko für mich persönlich war leider die Musik und die ist nunmal essentiell wichtig, wenn ein Musical gefallen soll. Die Musik plätschert fast drei Stunden schwerfällig vor sich hin, ohne dass sich ein wirklicher Ohrwurm hervortut, oder man das Gefühl hat, man würde mal einen neuen Impuls, oder vielleicht sogar mal eine Pause von der Musik bekommen. Das Stück ist fast komplett durchkomponiert und ich hatte zum ersten Mal während eines Musicals das Bedürfnis, endlich einen gesprochenen Dialog zwischen den Charakteren statt wieder eine neue Melodie aus dem Orchestergraben zu hören, in der dann wieder eine gefühlte Ewigkeit dramatisch um den heißen Brei gesungen wird. Leider kam mir dadurch der Abend ewig lang vor und ich habe mich des Öfteren ungewollt aus der Handlung ausgeklinkt.

Die Waage hält sich

Die Musik macht natürlich einen erheblich großen Teil des Gesamtbilds von einem Musical aus, jedoch waren die restlichen Faktoren so überzeugend, dass ich fast sagen möchte, dass sich die Waage ein wenig ausgeglichen hat. Allen voran die Spielstätte: Ich war vorher noch nie im Cuvilliés-Theater gewesen und war vom ersten Moment an begeistert, welch Theaterschmuckstück sich in der Münchener Residenz versteckt. In diesem Theater fühlt man sich sofort und ohne Probleme in die Rokoko-Zeit versetzt, in der auch das Musical spielt. Auch die Kostüme sind einfach nur ein Traum und lassen zumindest für eine kurze Zeit über die Musik hinwegsehen. Vor allem, dass man Kostüme aus dem 18. Jahrhundert zu sehen bekommt, ohne dass man hier und da die ein oder andere künstlerische Modernisierung hinzugefügt hat, wie zuletzt beispielsweise in „Mozart!“, hat mich wirklich gefreut.

© Thomas Dashuber
© Thomas Dashuber

Die Bühne war im Gegensatz hierzu einfach und fast modern gehalten, wodurch es einen starken und spannenden Kontrast zu den ausladenden historischen Kostümen gab. Vor allem im zweiten Akt gab es viele schöne Einfälle wie Schneefall oder fallende Briefe, welche auf die Korrespondenz zwischen den beiden Hauptcharakteren hinweisen sollten. Diese waren einfach nur schön anzusehen und versprühten die nötige Theatermagie, die ich so sehr liebe. Über dem Bühnenbild ragte ein großer Spiegel, der je nach Ausrichtung eine andere Perspektive auf die Bühne preisgegeben hat. Oft hat man den Dirigenten und das Publikum im Spiegel gesehen, manchmal auch die Bühne aus der Vogelperspektive. Keine schlechte Idee, die hin und wieder interessant zu beobachten war, jedoch gab es auch oft Szenen, in denen ich den Sinn des Spiegels nicht ganz verstanden habe.

© Thomas Dashuber
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Duo Infernale

Auch die Cast ist mit Anna Montanaro, Armin Kahl, Julia Klotz und Carin Filipĉić in den Hauptrollen absolut großartig und lässt gesanglich sowie darstellerisch keine Wünsche offen. Allen voran Anna Montanaro und Armin Kahl als die beiden Hauptintriganten spielen ihre Rollen mit viel Boshaftigkeit und zugleich Charme, was sie zu einem unschlagbaren Team auf der Bühne macht. Da sich die Handlung hauptsächlich um diese beiden Charaktere dreht, ist es wichtig, diese Rollen mit starken Darstellern zu besetzen, was hier definitiv gelungen ist.

Das restliche Ensemble war ebenfalls hervorragend besetzt und hat auch eine dementsprechende Spielfreude an den Tag gelegt, jedoch kamen mir die Bewegungen hin und wieder etwas hölzern vor, als würde nicht nur ich mich bei der Musik langweilen. Zudem waren mir die Charaktere und ihre Handlungen und Reaktionen oft zu überzeichnet und zu dramatisch, weswegen ich – wie schon bei der Musik – oft das Gefühl hatte, eher in einer Oper, als in einem Musical zu sitzen.

© Thomas Dashuber
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Trotz dieser doch vielen Pluspunkte kommt mir einfach immer wieder der große Faktor „Musik“ in die Quere. Ein Musical kann noch so gut inszeniert und besetzt sein – es hilft einfach nichts, wenn einem die Musik nicht zusagt. Alles in allem könnte es sich hier allerdings wahrlich um ein Musical-Juwel handeln, denn viele zeigten sich bereits bei der letzten Aufführungsserie begeistert von der Partitur, woran man nochmals sieht, dass Musik einfach Geschmackssache ist.

Uraufführung: 22.02.2015 (Cuvilliés-Theater, München; Veranstalter: Gärtnerplatztheater)
Besuchte Vorstellung: 17.05.2016 (Cuvilliés-Theater, München; Veranstalter: Gärtnerplatztheater)
Musik: Marc Schubring
Text: Wolfgang Adenberg
Regie: Josef E. Köpplinger
Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz
Choreographie & Co-Regie: Adam Cooper
Bühne: Rainer Sinell
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Licht: Michael Heidinger / Josef E. Köpplinger
Video: Raphael Kurig / Thomas Mahnecke
Dramaturgie: Michael Alexander Rinz
Besetzung: Anna Montanaro (Marquise de Merteuil), Armin Kahl (Vicomte de Valmont), Julia Klotz (Madame de Tourvel), Anja Haeseli (Cécile de Volanges), Florian Peters (Chévalier de Danceny), Gisela Ehrensperger (Madame de Rosemonde), Carin Filipĉić (Madame de Volanges)

Gefährliche Liebschaften - Das Musical

Price: EUR 20,99

5.0 von 5 Sternen (8 customer reviews)

9 used & new available from EUR 16,99

Beitragsbild: © Thomas Dashuber

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.