Darauf hat Musical-Deutschland sehnsüchtig hingefiebert: Seit dem 24. April 2016 treiben die Vampire wieder ihr Unwesen in ihrer Lieblings-Heimat, dem Theater des Westens in Berlin. Die erste Station für die Stage Entertainment-Tour, die sehr viel Licht, aber auch ein wenig Schatten offenbart und qualitativ nicht ganz an Vorgänger-Produktionen anknüpfen kann.

Um das von Anfang an klarzustellen: „Tanz der Vampire“ ist eines der größten Meisterwerke der deutschsprachigen Musical-Geschichte und Komponist Jim Steinman und Autor/Texter Michael Kunze haben sich mit ihren fesselnden Melodien und tiefsinnigen Texten wohl für alle Zeiten ein musikalisches Denkmal gesetzt. Ihre Vorlage ist einfach schon von Natur aus so stark, dass sie von keiner Inszenierung dieser Welt zerstört werden kann (lassen wir die damalige Broadway-Version einmal ausgeklammert, die mit dem Original aber nicht mehr viel zu tun hatte).

Daher funktioniert „Tanz der Vampire“ auch in der neuen Stage Entertainment Tour-Version vortrefflich, obgleich sie im Vergleich zu vorangehenden Inszenierungen leider etwas schwächer abschneidet. Grund hierfür sind keine neuen Erscheinungen, sondern bereits bekannte Probleme, die bei aktuellen Long-Runs immer wieder Raum für Kritik bieten.

Ein Musical für die Ewigkeit

„Tanz der Vampire“ hat sich in Deutschland und Österreich seit seiner Welturaufführung im Wiener Raimund Theater am 04. Oktober 1997 zu DEM Kult-Stück schlechthin entwickelt und ist eines der wenigen Musicals, das schon an allen derzeitigen Stage-Standorten (teilweise doppelt und bezüglich Berlin sogar dreifach) gezeigt wurde.

© Stage Entertainment
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Grund für die Unsterblichkeit der charmanten Blutsauger ist neben dem für das Musical-Genre sehr modern und frisch-anmutende Rock-Bombast à la Jim Steinman und den intelligenten Texten von Michael Kunze wohl vor allem die Film-Vorlage von Roman Polanski, die mit herrlich-witzigen, unbeholfenen und damit sympathischen Charakteren sowie der gewissen Prise Grusel aufwartet und wie geschaffen für die „Vermusicalung“ wirkt. Dabei sei aber auch erwähnt, dass Michael Kunze nicht nur das richtige Händchen für die Komik des Buches bewies, sondern dem Stück auch den richtigen Tiefgang verpasste, der dem Film noch fehlte. Ein „Tanz der Vampire“ ohne die „Unstillbare Gier“ ist heute absolut undenkbar.

Auch wenn 2013 der Abschied der Vampire aus Deutschland in einer großen PR-Kampagne zelebriert wurde und eine Wiederaufnahme drei Jahre später nicht unbedingt für die Musical-Vielfalt in Deutschland spricht, so ist die Entscheidung, den Grafen samt seiner Sarah auf Tour zu schicken, dennoch absolut begrüßenswert. Irgendwie haben sie gefehlt, die Vampire. Und irgendwie gibt es gemessen an der musikalischen Qualität auch momentan kein besseres Musical in Long-Run-Deutschland.

Eine Mauer aus Furcht und Schweigen

© Stage Entertainment
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Die Handlung ist allseits bekannt und schnell erzählt: Der trottelige Wissenschaftler Professor Abronsius macht sich samt seinem naiven und etwas verängstigten Assistenten Alfred auf nach Transsilvanien, um die Existenz von Vampiren zu beweisen. Dort treffen sie auf etwas einfältige Dorfbewohner rund um den Wirt Chagall, seine Ehefrau Rebecca und besonders Tochter Sarah, in die sich der junge Alfred Hals über Kopf verliebt.
Anfangs rennen die Wissenschaftler noch gegen eine Mauer aus Furcht und Schweigen an, die aber spätestens mit dem Verschwinden Sarahs und dem Tod Chagalls, der blutleer im Wald aufgefunden wird, merkliche Risse bekommt. Als der Wirt dann von den Toten aufersteht und von dem Professor und Alfred bei frischer Tat ertappt wird, sehen sich die beiden in ihrer These bestätigt und werden von Chagall zu dem Schloss des Grafen von Krolock geführt, wo sich auch Sarah aufhält, die dem Ruf des Grafen und der Verlockung der Freiheit gefolgt ist.Und so begeben sich die beiden in die Gastfreundschaft der Vampire, um die Wirtstochter zu retten und den Untoten das Handwerk zu legen, was – soviel sei verraten – nur bedingt gelingt.

Durchwachsene Besetzung

© Stage Entertainment
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Die Besetzung des Grafen von Krolock ist unter Fans ein kleiner Staatsakt und für Darsteller die Champions League unter den Rollen. Im Laufe der Tour werden die Fans gleich mehrere Grafen bewundern können. Für Berlin wurden Mark Seibert (bis Anfang Juli) sowie Jan Ammann (12.07. bis Anfang Oktober 2016) verpflichtet. Thomas Borchert wird vom 05. Oktober bis zum 19. November im Deutschen Theater München auf der Bühne stehen, sein Nachfolger wird noch bekannt gegeben. Während Ammann und Borchert schon Krolock-Erfahrung vorweisen können, sorgte das Engagement von Mark Seibert im Vorfeld für reichlich Diskussionen. Umso schöner, dass er seine Kritiker Lügen straft und einen wirklich beeindruckenden Grafen gibt. Stimmlich kann er vor allen in den ruhigen Passagen überzeugen und intoniert seine Lieder sehr gefühlvoll, was vor allem die „Unstillbare Gier“ zu einem Highlight der Show macht. Außerdem ist er in voller Vampir-Maske eine äußerst imposante Erscheinung, dazu noch charmant und verführerisch. In der besuchten Vorstellung lag ihm so sicher nicht nur Sarah zu Füßen. Eine Idealbesetzung für den Grafen, wenn auch stimmlich etwas ungewohnt.

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Ein weiteres Plus der Produktion ist der Professor Abronsius von Victor Petersen. Es ist immer wieder erstaunlich, wenn so junge Darsteller – wie in diesem Fall ein frischer Absolvent der Theaterakademie August Everding in München – für einen alten Tattergreis gecastet werden. Nicht selten sorgt auch das für Kopfschütteln in so machen Foren. Sehr viel erstaunlicher ist aber, wenn man sieht, wie überzeugend, glaubhaft und witzig ein junger Darsteller einen solchen Charakter verkörpert. Dies ist bei Petersen in jeder Sekunde der Fall. Er kostet die Rolle bis zum letzten Satz voll und ganz aus, ist herrlich komisch und singt den Professor mit solcher Bravour, wie man ihn erst selten gehört hat. Bei seinem hohen Ton in „Wahrheit“ erntet er zurecht Szenenapplaus. Sehr beeindruckend!

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Leider fallen Tom van der Ven als Alfred und Veronica Appeddu als Sarah im Vergleich zu Seibert und Petersen etwas ab. Schauspielerisch solide, fehlt es beiden stimmlich teilweise an Kraft, wodurch ihre Intonation etwas gebremst wirkt. Hinzu kommt, dass beide zwar verständlich, aber doch mit einem starken Akzent sprechen und ihre Texte noch nicht ganz so rund klingen. Immerhin sind beide absolut typgerecht besetzt und geben ein schönes Paar ab. Trotzdem bleibt die Frage, wieso es bei den vielen Musical-Ausbildungsstätten in Deutschland und Österreich niemanden gibt, der die Rolle akzentfrei hätte spielen können.

Die Nebenrollen sind wunderbar besetzt. Nicolas Tenerani gibt einen tollen und stimmlich starken Chagall mit dem richtigen humoristischen Timing, während Merel Zeeman mit ihrer kraftvollen Interpretation von „Tot zu sein ist komisch“ für eines der Highlights im ersten Akt sorgt. Milan van Waardenburg gibt einen herrlich Klischee-schwulen Herbert und Yvonne Köstler kann mit ihrer warmen, gefühlvollen Stimme überzeugen. Tatsächlich fand ich sogar Paolo Bianca als Koukol sehr amüsant, womit ich nicht gerechnet hatte, da ich diese Rolle immer am entbehrlichsten finde.

Das restliche Ensemble ist passend und stark besetzt, wobei lediglich die Nightmare-Soli stimmlich etwas überfordert und dünn klangen. Dies trifft vor allem auf Kirill Zolygin zu, was umso erstaunlicher ist, da dieser noch eine Zweitbesetzung des Grafen von Krolock inne hat. Hoffen wir, dass er nur einen schlechten Tag hatte.

Orchester oder Band?

Das Bühnenbild ist für eine Tour-Produktion sehr beeindruckend. Hier können wenige Einsparungen im Vergleich zur letzten Berliner Produktion erkannt werden. Die Grabwand senkt sich weiterhin aus dem Schnürboden nach unten, das Wirtshaus dreht und wendet sich und das Schloss ist immer noch sehr detailreich verziert. Die Ausstattung ist somit im Vergleich zu anderen Tour-Produktionen immer noch sehr, sehr aufwendig und setzt was die vielen Szenenwechsel und Opulenz betrifft neue Maßstäbe.

© Stage Entertainment
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Dies trifft leider so gar nicht auf das „Orchester“ unter der musikalischen Leitung von Robert Emery zu. Dass die Orchestergräben in den Stage-Theatern immer kleiner werden, ist kein neues Phänomen. Dass die Partitur von Jim Steinman, die bei der Welturaufführung in Wien noch von 28 Musikern gespielt wurde, nun von lediglich noch zehn Musikern zum Besten gegeben wird, macht schon etwas sprachlos. Ich bin weit davon entfernt, ein absolutes Gehör zu besitzen und bin auch definitiv kein Musikwissenschaftler, aber selbst mir fällt auf, dass hier ganz viel Software im Spiel ist, die der Partitur alles andere als gut tut. Sicherlich ist die Stage Entertainment auch nur ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das vollkommen zurecht nach Einsparungspotential sucht. Jedenfalls bis zu jenem Grad, in dem es einem Stück noch gut tut. Und 10 Mann samt Software tut der Musik von „Tanz der Vampire“ definitiv alles andere als gut und lässt diese so kraftvollen Kompositionen wie ein unnatürlich und stumpf klingender Schatten ihrer selbst wirken. Leider wird das aber keinem Erstbesucher auffallen, sondern nur jenen, die „Tanz der Vampire“ an vorherigen Standorten – vielleicht sogar in Wien mit dem besten Musical-Orchester der Welt – gesehen haben und wissen, wie sich diese Musik anhören kann, wenn ihr Potential voll ausgeschöpft wird. Somit bleibt das Orchester mal wieder der große Wehrmutstropfen bei einer Stage Entertainment-Produktion. Schade!

Bei all den Einsparungen am Produkt selbst, bleibt darüber hinaus ein fader Beigeschmack, wenn der Musical-Besuch dafür immer teurer wird. Diese Erfahrung mussten wir leider auch am Merchandising-Stand machen, wo die „Tanz der Vampire“-Tasse mittlerweile 12 Euro und der Bildband samt Stage-Programm ganze 19 Euro kostet. Das entbehrt wirklich jeglichen Vergleichen zu anderen Musical-Produzenten, zumal in dem Bildband nichtmal Fotos der aktuellen Cast, sondern immer noch von jener aus Oberhausen/Stuttgart zu finden sind.

Zu hohe Preise, durchwachsene Besetzung, viel zu kleines Orchester – es sind tatsächlich die bekannten Probleme mit denen auch „Tanz der Vampire“ zu kämpfen hat. Ansonsten muss man der Stage Entertainment aber zugute halten, dass sie das Bühnenbild nicht nochmals zusammengeschrumpft hat und damit eine insgesamt doch sehr solide Inszenierung auf Tour schickt. „Tanz der Vampire“ ist einfach gut gemachtes Musical-Entertainment mit Herz und Verstand und seien wir mal ehrlich: Es ist einfach schön, dass die Blutsauger wieder unter uns weilen.

Tanz der Vampire - Das Musical - Gesamtaufnahme Live (inkl. Poster) - Doppel CD

Price: EUR 19,99

4.4 von 5 Sternen (61 customer reviews)

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Welt-Premiere: 04.10.1997 (Raimund-Theater Wien)
Premiere Berlin: 24.04.2016 (Theater des Westens)
Besuchte Vorstellung: 28.04.2016
Buch/Lyrics: Michael Kunze
Musik: Jim Steinman
Arrangement and Musical Supervisor: Michael Reed
Musikalische Leitung: Robert Emery
Regie: Roman Polanski
Associate Director:
Cornelius Baltus
Choreographie: Dennis Callahan
Associate Choreographer: Vanni Viscusi
Bühne und Videoprojektionen: William Dudley
Kostüme, Haar- und Make-Up-Design: Sue Blane
Sounddesign: Thomas Strebel
Lichtdesign: Hugh Vanstone
Besetzung: Mark Seibert, Jan Ammann (Graf von Krolock), Victor Petersen (Professor Abronsius), Tom van der Ven (Alfred), Veronica Appeddu (Sarah), Merel Zeeman (Magda), Milan van Waardenburg (Herbert), Nicolas Tenerani (Chagall), Yvonne Köstler (Rebecca), Paolo Bianca (Koukol)

Vorstellungen im Theater des Westens Berlin: 24.04.2016 bis 25.09.2016
Vorstellungen im Deutschen Theater, München: 05.10.2016 bis 15.01.2017

Tickets gibt es hier.

Beitragsbild: © Stage Entertainment

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.