Vorsicht: Ab hier beginnt die Satirezone! Wir schreiben Tagebuch für die PR-Füchse und Wortakrobaten unserer Zeit. Denn nicht alles, was in Pressemeldungen steht, muss auch stimmen.

Liebes Tagebuch,

ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Weinen, weil ich seit vier Jahren das mache, was ich mache und lachen, weil mir die Presse das auch noch abnimmt.

Erst musste ich selbst dem letzten Mopo-Häschen verklickern, dass ein Musical über einen Boxer gar keine hirnrissige Idee ist und sowohl künstlerisch als auch kommerziell funktioniert (HAHA), nur um dann eine riesige Kampagne für „Liebe stirbt nie“ aus dem Boden zu stampfen und überall erklären zu müssen, dass eine Geschichte, die soweit von Goethe entfernt ist, wie sonst nur GZSZ oder die Lindenstraße, genau das Richtige für Hamburg ist. Die Fortsetzung vom „Phantom der Oper“… also bitte, wir sind doch nicht bei „Harry Potter“! (Weißt du noch, wie sehr ich mich damals aufgeregt habe? Hier meine Gedanken: http://kulturpoebel.de/2015/07/phantom-der-oper-teil-2-liebe-stirbt-nie-der-supra-mega-erfolg-ab-oktober-2015-in-hamburg/)

Da dachte ich nun, es kann mich in meinem Berufsleben nichts mehr herausfordern, als ein geflopptes Webber-Stück, das jeglicher inhaltlicher Substanz entbehrt und dann kommt doch tatsächlich „Hinterm Horizont“ um die Ecke und soll nun für kurze Zeit im Hamburger Operettenhaus gespielt werden.

© Stage Entertainment
© Stage Entertainment

Bitte versteh mich nicht falsch, liebes Tagebuch, ich möchte nicht, dass du den Eindruck bekommst, ich sei ein elender Nörgler, dem man es nicht Recht machen kann. Ich habe dem Stück wirklich eine Chance gegeben. Ich habe mir die CD gekauft und muss gestehen, dass ich sehr, sehr begeistert von dem Soundtrack war. Und dass ich voller Vorfreude ins Theater am Potsdamer Platz spaziert bin.

Ich muss – unter uns gesprochen – aber auch zugeben, dass selbst „Ich will Spaß“ damals in Essen mehr Anspruch, Niveau und erzählerische Klasse hatte, als alles, was dann auf dieser Bühne passiert ist. Meine Lieblings-Szene: Da wird die schwangere Jessy von der Stasi misshandelt und es kam wirklich mal so etwas wie Dramatik auf. Nur damit Udo dann auf seinem riesigen Hut aus dem Schnürboden geschwebt kommt und singt: „Wenn du durchhängst, mehr geht nicht als wir zwei. Dann sag ich bleib mal cool.“Zu seiner misshandelten!!! großen Liebe sagt er ernsthaft: Bleib mal cool??? Ich musste da ehrlich gesagt laut loslachen im Theater, wofür ich mich aber immer noch etwas schäme.

Jedenfalls steht diese Szene meiner Meinung nach symptomatisch für ein Musical, dessen Handlung (DDR, Unrechtsstaat, deutsche Teilung, Mauerfall) zu sehr verlindenbergt wurde und mehr wie eine bessere Tribute-Show auf Holy Udo anmutet – mit flachen Witzen, viel zu vielen Klischees und fraghaften Regie-Einfällen. Aber gut, es gibt viele Leute, denen das Musical gefällt. Und privatwirtschaftliche Produktionsfirmen sollen ja schließlich nicht das spielen, was ihren Mitarbeitern gerade gut gefällt, sondern das, was beim breiten Publikum ankommt.

Leider sind wir da aber nun beim nächsten Problem, was mich als PR-Manager dummerweise direkt betrifft. Denn wir haben vor ca. vier Monaten aller Welt verkündet, dass das Theater am Potsdamer Platz geschlossen wird, weil „Hinterm Horizont“ nicht mehr genug Gewinn abwirft (siehe die News unter diesem Link: http://kulturpoebel.de/2016/01/news-aus-fuer-theater-am-potsdamer-platz/).

Berliner Stage Theater am Potsdamer Platz © Eventpress/Radke
Berliner Stage Theater am Potsdamer Platz © Eventpress/Radke

Hier wird doch selbst der letzte BWL-Ersti skeptisch: Da wirft eine Produktion nicht genug Gewinn ab, weswegen sogar ein ganzes Theater geschlossen wird. Und statt diese Produktion einzustampfen, wandert sie nun fröhlich weiter nach Hamburg? Aus welchem Grund? Damit wir das Operettenhaus auch in einem halben Jahr dicht machen können?

Auch kommunikativ machen wir uns da ein bisschen unglaubwürdig, weil wir bei „Hinterm Horizont“ nun seit fünf Jahren vom großen Berlin-Musical sprechen und den Fokus weg von dem Godfather of Likörelle ganz auf die Stadt Berlin und ihre Geschichte legen.

Davon abgesehen, dass Hamburg jetzt nicht unbedingt so weit von Berlin entfernt liegt und jeder Hanseat, der „Hinterm Horizont“ hätte sehen wollen, dies längst getan hat: Wie bitte soll ich aus einem Berlin-Musical nun ein Hamburg-Musical machen?

Liebes Tagebuch, diese Skepsis und Unzufriedenheit kämpft sich bei mir in letzter Zeit sehr häufig ans Tageslicht. Aber scheinbar besitze ich immer noch ein funktionierendes Immunsystem gegen jegliche Moral und mein Gewissen, denn wie so häufig gelang es mir, den Schalter umzulegen und mich zu fragen, was ein guter, kritikloser PR-Manager nun tun würde.

© Stage Entertainment
© Stage Entertainment

Und schon kamen mir die Ideen und ich erinnerte mich an die Philosophie aller großen Wirtschaftsunternehmen: Niemand ist ehrlich außer deine Mutter. Transparent ist nur die Frischhaltefolie. Und Lügen sind nur Lügen, wenn sie jemand durchschaut.

Und heraus kam die PM meines Lebens. Dass „Hinterm Horizont“ in Berlin zu wenig Gewinne abgeworfen hat, ließ ich mal schön unter den Tisch fallen. Und was lustig ist: Keine Zeitung hat danach gefragt. Die haben nicht in einem Satz die Verbindung zur Schließung des Berliner Theaters hergestellt. Soviel zur kritischen Presse. Yay!

Und wenn man außerdem nicht einfach aus einem Berlin-Musical ein Hamburg-Musical machen kann, dann machen wir doch einfach ein Lindenberg-Musical daraus und geben ihm einen bescheuerten Namen wie „Udo-lical“ oder noch besser: „Lindi-cal“. Weil Udo Lindenberg gehört ja auch irgendwie zu Hamburg, weil… weil… ja warum denn eigentlich? Ich meine, geboren wurde er in Westfalen. Aber, schließlich wohnt er ja in Hamburg!!! Damit ist ja wohl klar, warum das Berlin-Musical so gut nach Hamburg passt. Weil sein Komponist da wohnt!

Außerdem hat er ja sogar über die Reeperbahn gesungen und irgendwie spielt ja auch die letzte Szene im Hamburger Atlantic Hotel. Das müssen wir da natürlich alles reinbringen. Dann lassen wir Udo noch so etwas sagen, wie „Der Kiez, die Alster und meine Lieder gehören zusammen.“ Stimmt zwar nicht, aber hört sich gut an und ich meine: Er wohnt in Hamburg, die letzte Szene spielt dort, wo er wohnt und er hat sogar mal ein Lied über die Reeperbahn geschrieben. Na klar, gehört das Musical nach Hamburg! Den Bogen soll mir erstmal jemand nachmachen!

Und all die Musical-Fans, die sich sehnsüchtiger neue Stücke wünschen, als Schalke die deutsche Meisterschaft, führen wir auch noch ein bisschen vor, indem wir einfach schreiben „Udo Lindenberg Musical kommt endlich nach Hamburg !“. Endlich. Haha! Aber die ganzen Nerds sollen sich mal nicht beschweren. Wir produzieren doch schon lange keine Stücke mehr für Musical-Fans. Welcher Musical-Produzent macht das schon?

Einen kleinen Scherz habe ich mir dann aber noch erlaubt. Ich glaube, ich habe das auch ein Stück weit als Strafe für meine anfänglichen Gewissensbisse getan. Im ersten Satz habe ich nämlich von einem Gesamtkunstwerk gesprochen. Also in Bezug auf „Hinterm Horizont“. Da soll mal noch jemand sagen, ich hätte keinen Humor.

Was soll ich sagen, es war ein gelungener Tag! Wiedermal ein schwarzer Tag für die Vielfalt in Musical-Deutschland, aber eine neue Herausforderung, die ich mit Bravour gemeistert habe!

Die PM kannst du in voller Pracht hier nachlesen, liebes Tagebuch: http://www.stage-entertainment.de/musicals-shows/24691.html

 

Beitragsbild: © Kulturpoebel.de / Lennart Schaffert

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.